Ringe der Macht woker als gut ist

Jaaa, und ich lasse die ganze Elben-of-Color-Diskussion einfach mal weg (*hust* Elrond ist nicht blond *hust*), sondern hacke auf andere Details herum, die auch zum Thema „Klischees und Vorurteile ersetzen mit anderen Vorurteilen und Klischees“ gehören.

Anfangen möchte ich aber mit einer Stelle, die ich zwar für woke, aber trotzdem gut halte. Wegen Ambiguitätstoleranz und so.

Und zwar die Stellen, wo die Numenorer rassistische Sprüche über Halbrand ablassen und später übelst von ihm vermöbelt werden. Zum Kontext, er ist ein südländischer Flüchtling, der per Seenotrettung nach Numenor kam, dort keine Arbeit kriegt, weil seine Ausbildung (ehemals bester Mitarbeiter des Schmiedegottes) nicht anerkannt wird, er wird quasi „Untermensch“ genannt – man fragt ihn zwar nach seinen Namen, aber der hängt davon ab, wie nah man ihm steht, und so richtig interessiert der auch niemanden – er versucht sich mit Freibier einzuschmeicheln (das nötige Geld hatte er vermutlich per Taschendiebstahl „erworben“), klaut eine Arbeitserlaubnis, vier Mann wollen ihn verprügeln und werden selbst verprügelt, und die Punchline ist: „Nennt mich Halbrand!“ Das ist offenbar sein Name für Leute, die er nicht leiden kann. Sorry, liebe Haladriel-Shipper.

Jedenfalls, wenn man nicht weiß, dass er später der Untergang für Númenor werden wird, kann man das sowohl pro als auch kontra Migration sehen. Wenn man es weiß, hält sich das Mitleid mit ihm sehr in Grenzen…

Nur ist er der einzige weiße Mann – „alt“ eigentlich auch, aber das sieht man den Leuten in Mittelerde nicht immer an – der nicht inkompetent und/oder irgendwie benachteiligt ist.

  1. die (männlichen) Elben, die mit Galadriel nach Norden ziehen, sind nicht annähernd so legolas-like wie Galadriel selbst. Jetzt ist Film-Legolas auch over-powered, aber wenn man schon o-p-Elben haben will, dann sollte es mehr als Galadriel geben. Und Galadriel sollte die mitnehmen, nicht irgendwelche.
  2. diese Elben glauben außerdem nicht mehr an das Böse, aka Sauron, weil sie natürlich nicht nur körperlich normal sind, sondern auch geistig beschränkt. Man sollte außerdem meinen, Galadriel würde ein Dutzend andere Elben finden, die in der Sauronfrage wie sie selbst denken, und die dann mitnehmen, aber nein. Galadriels Brillianz darf nicht durch eine ähnlich kompetente Figur geschmälert werden (noch nicht einmal durch eine andere weibliche Figur…).
  3. Gil-Galad sieht wie ein saturierter römischer Kaiser aus. Es sollte allerdings ein gefährlicher Speerkämpfer und Feldherr sein. Diesen Widerspruch könnte man auflösen, indem man zeigt, dass unter Gil-Galads weicher Schale ein harter Kern steckt, der eigentlich keine Kämpfe und Kriege will – in seiner Kindheit und Jugend gab es genug von beidem – aber wenn es drauf ankommt, ist er ganz vorne mit dabei, und er lässt sich von Celebrimbor einen Mithrilspeer schmieden. Leider ist das nicht vorgesehen, und Gil-Galad ist einfach Galadriels nerviger Vorgesetzter.
  4. Celebrimbor will ein besserer Schmied werden als sein Großvater Feanor. Dazu will er etwas erschaffen, dass genauso kunstfertig ist wie die Silmaril, aber Mittelerde verbessert. Nun kann man so einen Chara „idealistisch, aber naiv“ beschreiben, aber die Geschwindigkeit, mit der Sauron ihn belabert, ist atemberaubend. Das soll vllt. das Narrativ „Weiße Männer sind dumm oder böse“ stärken, aber vermutlich fiel den Machern keine andere Methode ein, Sauron schlau erscheinen zu lassen als Celebrimbor richtig dumm zu machen. Und Legierungen kennt man seit der Bronzezeit. Die in Europa etwa so lange her ist wie Celebrimbor alt sein müsste, aber die haben ja die Zeitlinien komprimiert.
  5. Nebenbei ist auch die Geschwindigkeit, mit der die Ringe hersgestellt werden, atemberaubend. Die Edelsteine lagen schon bereit, als man sich noch nicht über die Anzahl klar war, geschweige denn über die Art der magischen Objekte – Szepter, Krone oder „ein Schwert!“, danke, Galadriel. Die kommt auch auf die Idee, dass es drei Ringe werden sollten, nicht Celebrimbor. Welcher eigentlich derjenige, welche sein sollte, vor allem, weil er drei Silmaril zu toppen hat, die im Himmel, im Meer und im feurigen Erdinneren landeten, weshalb drei Ringe, die jeweils Macht über Luft, Wasser und Feuer haben, ja schon thematisch Sinn ergäben. Keine Ahnung, ob das genau Tolkiens Gedankengang war, aber Tolkiens Gedankengänge interessieren ja sonst auch nicht…
  6. Durin der jüngere wird von seinem alten, weißen Vater ausgebremst. Zum Glück ist seine Frau das genaue Gegenteil.
  7. der Kanzler der Númenorer ist sowieso böse. Aber zum besseren Verständnis ist seine Cousine schwarz. Und wenn jemand HotD-Parallelen zieht: JA.
  8. Elrond hat einen gewissen Underdog-Charme. Gegen Ende verspricht er allerdings Galadriel, nie mehr an ihr zu zweifeln – auch wenn sie gar nicht bewiesen hat, dass Sauron noch lebt. Er hat sie wohl auch vermisst, aber anscheinend sie ihn nicht. Traumschwiegersohn trifft Horrorschwiegermutter.
  9. Und dann MACHT er das auch noch. Also ihr glauben…

Elendil ist evt. das Gegenbeispiel. Sein einer Sohn ist für die Story eine Tochter, und sein anderer ist ein leicht „trotteliger Träumer“ und außerdem „tot“. Aber Elendil hat keinen Grund, das nicht zu glauben. Außerdem ist er hilfsbereit und anständig, aber fällt evt. jetzt vom Glauben ab…

Natoll. Für den „Geschichtenerzähl“-Blickwinkel gibt es eigentlich keinen Grund, warum Gil-Galad nicht interessanter sein darf. Oder warum es, außer den Hexenschwestern (und unabsichtlich Galadriel) keine bösen weiblichen Figuren geben sollte, und die Hexenschwestern sind androgyn… Oder ich verstehe, warum Halbrand als Aragorn-für-Arme eingeführt wird, aber auch, wenn es leider etwas zu offensichtlich war, wer er ist, bleibt da ein gewisser Verdacht übrig, dass damit ein „Gotcha-Moment“ aufgebaut werden sollte. „Ihr mögt den netten jungen weißen Mann? Ihr Faschisten!“ Das hat bei GoT auch nicht funktioniert. Oder es hat so gut funktioniert, dass die ganzen ertappten Faschisten das Serienfinale schlechtgemacht haben. Aber ich sage mal, es hat nicht geklappt.

Morgen werde ich haarfein auseinandernehmen, warum die mit Galadriel einen Bock geschossen haben.  Ein superkompetenter, aber trotzdem sympathischer Chara ist nicht einfach hinzukriegen. Sie ist aber nicht nur nicht so sympathisch, wie sich die Macher das möglicherweise vorstellten, sondern auch nicht einmal so kompetent.

Ein Gedanke zu “Ringe der Macht woker als gut ist

  1. Einen wichtigen Fehler hast du noch vergessen:
    Die Regentin von Numenor sagt, dass die sechs übrigen Palantiri verschollen seien. Das passiert eigentlich erst später. So gab es laut Tolkien jeweils einen Palantir in Minas Anor, Minas Ithil und Osgiliath, die zur Zeit der Serie noch gar nicht gebaut sind (man munkelt, dass das Heerlager der Numenorer in Folge 7 an der Stelle steht, wo später Minas Ithil gebaut wird).

    Elendils zweiter Sohn Anorion wird meiner Erinnerung nach erwähnt. Als Anführer der „Elbenfreunde“, die die alten Traditionen aufrecht erhalten wollen.
    Die Tochter bildet tatsächlich eine Vorlage für einen kommenden, woken Plot:
    Sie ist (nach beharrlicher Bewerbung) bei den Baumeistern aufgenommen worden. Man sieht sie z.B. wie eine irdische Architektur-Studentin Fassaden abzeichnen. Nun, irgendwer hinterläßt ja später einige Prachtbauten in Gondor/Ithilien. Vielleicht wird sie zum Erbauer der Statuen am Rauros, von Minas Arnor usw. und wird dann vom bösen Patriarchat vergessen…

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