Ringe der Macht zu woke?

Ein catchy Titel, für Google zu finden, zum Klicks generieren und Leser zu binden!

Ich bin ein harter Kritiker per Fernanalyse der Ringe der Macht, und bin eigentlich auch nicht gerade Fan von politischen Botschaften in Büchern und Filmen, allerdings ist „Wokigkeit“ hier gar nicht das Problem, als das es im Vorlauf wirkte.

Bzw., „woke“ ist an sich weder schlecht noch gut. Man thematisiert Probleme aus dem richtigen Leben, und das kann spannend sein oder langweilig oder nerven.

Am schlimmsten ist woke aber, wenn man anhand von Geschlecht, Hautfarbe und gelegentlich sexueller Orientierung erkennen kann, wer die bösen, die guten und die nutzlosen Figuren sind. Und wenn jetzt jemand sagt: „Früher gab es so etwas wie die ‚Psycho-Lesbe‘ als Tropos, wie kann das ‚woke‘ gewesen sein?“ Ja, das war zwar nicht woke, aber genauso vorhersagbar. Ist ja schön, wenn man die Klischees und Vorurteile überwindet, aber wenn man einfach nur neue Klischees und Vorurteile in Filme, Bücher und Serien einbaut – was ist dann damit gewonnen?

Aber es gibt tatsächlich viele, viele Kritikpunkte an der Serie, die damit nichts zu tun haben. Ich nehme mal alles über „Abweichungen von der Vorlage“ raus, die woke seien mögen oder nicht, und versuche mal, meinen persönlichen Geschmack im Folgenden sehr zu unterdrücken. Es gibt einmal handwerkliche Kritikpunkte wie „schlechte Dialoge“, „schlechtes Schneiden“, „schlechte Kostüme“, „schlechte Drehbücher“ und dergleichen mehr, und mein Beispiel geht jetzt in Richtung „Drehbuch“. Spoiler voraus!

Der Meteorit, mit dem „Meteroit-Man“ nach Mittelerde kommt, wurde schon in den Trailern gezeigt. Die Protagonisten der späteren Handlungsstränge, und eine Entfamilie, sehen ihn über den Himmel ziehen. Man würde jetzt erwarten, dass da irgendwelche Reaktionen von ihnen in der eigentlichen Serie gezeigt werden, oder dass der Meteor die Klammer wird, die die einzelnen Handlungsstränge verbindet, aber nichts davon. Oder fast nichts.

  1. dass damit angezeigt wird, dass die vier Handlungsebenen – Galadriel und Halbrand, Elrond und Durin, die Südlande sowie die Haarfüße und der eigentliche Meteormann – zugleich beginnen, ist sinnlos, weil zumindest die Geschichte von Elrond und Durin 50+ Jahre vor den anderen spielen könnte, und die Meteormanngeschichte 1.000 Jahre später spielen sollte; außerdem wird die Serie mehrmals kritisiert, Entfernungen, Zeiträume und dergleichen später nicht immer klar darzustellen.
  2. so richtig abergläubisch sind Leute in Mittelerde ja nicht – mit der Ausnahme vllt. von Zahlenmagie – aber warum unternimmt niemand eine Expedition zur Einschlagstelle, um nach seltenen Erzen zu suchen? Und natürlich könnte das auch eine Botschaft der Valar sein, statt Träumen. Galadriel nimmt das zum Anlass, ins Meer zu springen, iirc, und evt. fragte sich Arondir, ob das wohl ein schlechtes Omen… Kühe geben schwarze Milch – bei seiner Freundin in der Küche sitzt ein Ork – der Schicksalsberg bricht aus – Hobbits haben nichts zu frühstücken – dumpf ruft ein Uhu: #twitternwiegrolmori; Sie kennen das. Arondir: „Ich ziehe die Frage zurück.“
  3. der Meteormann kommt nicht mal in Kontakt mit den anderen Erzählebenen, außer, dass er in der Nähe des Vulkanausbruches war, was aber schon quasi Zufall gewesen ist. Also, waszumfrell?

Wenn das diese „Gebrochene Erwartungen“-Taktik ist, warum nur bei sowas?

Nebenbei habe ich den Verdacht, dass die Macher sich für deutlich schlauer halten als sie sind, oder ihr Publikum für dümmer, als es das verdient hat: der Halbrand-Twist: Halbrand ist Sauron. Ok, dass der das ist, finde ich nicht allzu schlimm, aber es war den meisten ziemlich klar, obwohl das anders ist als in den Büchern. Warum war es denen klar?

Erstens, es ist ziemlich erwartbar, dass in einer Herr-der-Ringe-Serie der spätere Herr der Ringe auftauchen wird. Zweitens, sehr wahrscheinlich schon in der ersten Staffel. Drittens, schon aus Copyright-Gründen werden die niemals einen bereits bekannten Chara Sauron sein lassen. Viertens würde es selbst bei Leuten, die ein etwas sonderbares Verständnis von Tolkien haben, merkwürdig sein, wenn die einen der Haarfüße Sauron werden ließen. Aus Gründen, die dann schon doch mit „Wokeness“ zu tun haben, kann Sauron auch nicht Arondir (schwarz), Bronwyn (weiblich) oder Disa (beides) sein.

„Slim Shady“ sollte es nicht sein, wie man im Vorfeld ankündigte, also bleiben eigentlich nur Halbrand, Adar und Meteormann. Und jetzt wären drei gleichermaßen wahrscheinliche, bzw. plausible Kandidaten, wer wohl the real slim Sauron ist, absolut ok, um Spannung zu erzeugen, Fantheorien zu befeuern und Interesse von Tolkienfans, Jacksonfans, Fantasyfans oder Serienfans zu befeuern, aber nein.

Adar wird zu früh von Galadriel als „Nicht-Sauron“ erkannt, also war das Thema durch. Ich könnte mir tatsächlich vorstellen, wie man dieses Problem umgehen könnte, aber hey, ich bin auch kein Drehbuchautor der teuersten Fernsehserie, sondern Ingenieur. Und bei Meteormann hätte man ja seine Verfolger(innen???) eher einführen können, und dann später so etwas sagen können wie: „Wir suchen den, den man Sauron nennt!“, und dann noch später durchblicken lassen, dass die den Meteormann verfolgen, aber ohne erkennen zu lassen, ob sie für oder gegen sind, und man hätte einen gescheiten roten Hering, wie das heißt.

Und außerdem gibt es noch einen „woken“ Grund, warum alle Halbrand für Sauron hielten. Oder jedenfalls die Mehrheit der Kritiker. Nicht sein Interesse fürs Schmieden, nicht einige Anspielungen, die er machte, und auch nicht der Mangel an Alternativen. Nein, ein weißer Mann, der anscheinend nicht schwul ist, aber keinerlei erkennbare Trotteligkeit aufweist? Das kann nur ein Bösewicht sein, wenn’s woke werden soll.

3 Gedanken zu “Ringe der Macht zu woke?

  1. Ich bin mal so naiv und unterstelle den Serienmachern einige intelligente Ideen.

    Halbrand, der weiße Cis-Hetero-Mann ist Sauron. Dieser Sauron hat aber nach Vergebung gesucht. Dieser Sauron wurde nach eigenen Angaben durch die Niederwerfung Melkors befreit. Dieser Sauron wollte die Welt heilen.
    Princess Woke hat ihn aber nicht gelassen.

    Richtig, der Buch-Sauron war rechtschaffen-böse. Er war sich bewusst, dass er böses tat. Auch unter Melkor aus freien Stücken.
    Wir wissen, dass er ein Meister der Lügen ist.

    Gerade das könnte den Serien-Sauron noch interessant machen. War alles eine Lüge oder wollte er wirklich Vergebung?

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    1. Von meinem Vorwissen her denke ich eher nein, er wollte nach Numenor, um dort Einfluss zu gewinnen, nicht Vergebung.
      Von dem, was die Serie erzählt, bin ich etwas hin und her gerissen, aber auch mehr nein. Wobei ich natürlich verstehe, dass das nicht in der ersten Staffel geklärt wird. 🙂
      Vom Metawissen her: wenn Sauron wirklich nur wegen Galadriel wieder böse wird, wäre das ja Galadriels Schuld, und das geht ja mal gar nicht!

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  2. Ich frag mich ja, warum „weicht von der Vorlage ab“ so ein starker trigger ist … scheint eine spezielle Form „kognitiver Dissonanz“ zu sein. Dass damals Peter Jackson (bzw. eigentlich Fran Walsh) Tom Bombadil und einige andere Seitenstänge eliminiert hat, hab ich seinerzeit noch recht gut verkraftet. Ich hatte mein erstes Schlüsselerlebnis in dieser Richtung etwas später, bei „Troja“. Mir wurde schon als ganz jungem Bürschchen der Gustav Schwab mit seinen griechischen Heldengeschichten vorgelesen, später hab ich dann neben dem Schwab auch den Homer, Vergil und die anderen gelesen .. und da haben sich so bestimmte Bilder geformt. Achill zum Beispiel, der „Meister des Schlachtrufs“ bei Homer, ist ein Hühne, nur wenige im grieschischen Heer sind in der Lage seine Rüstung anzulegen (Patroklos und der große Ajax, das wird später wichtig in der Geschichte), keiner seine Waffen, insbesondere seinen Speer nicht. Zu groß, zu schwer. Also stellt man sich da eher einen Arnold S. als einen Brad P. vor…aber gut, man kann nich alles haben. Aber wenn man die ganze Illias inklusive der Vorgeschichten und daran anschließende Stränge kennt, weiß man, das alles endet in einem riesen Gemetzel, alle nippeln ab bis hin zu Agamemnon, der es immerhin noch bis nach Hause schafft, mit einer Kassandra hinten auf dem Beutewagen, die weiß das seine Olle schon das Messer wetzt um ihn im Bade zu meucheln … und keiner glaubt Ihr. Ganz fieser Fluch. Alle anderen hat’s schon davor erwischt, auf dem Feld erschlagen, von der Stadtmauer gesprungen, sich in’s eigene Schwert gestürzt … bis auf drei Ausnahmen. Da ist Odysseus der Listenreiche, der eine Mittelmeerrundfahrt alles und alle inklusive bucht, die sich dann etwas hinzieht, auf der Gegenseite schafft es Aeneas raus, macht ebenfalls ’ne Rundreise und landet schliesslich in Süditalien, wo er mit der eingeborenen Königstochter das nächste Heldengeschlecht gründet … und last but not least Menelaos. Das ist im Prinzip der einzige, der ohne Kratzer aus der Nummer rauskommt, sich seine Beute-Helena über die Schulter wirft und zurück nach Sparta schippert.
    Im Film ist Menelaos das allererste Opfer überhaupt. Ich bin normalerweise nich zimperlich, aber damals hab ich mich recht schnell dazu entschlossen, das Kino zu verlassen und den Abend anderweitig (und weniger blutdrucksteigernd) zu verbringen.

    Nun haben Sie also Galadriel verhunzt. Shit happens. Dass sie Mittelerde in die Nachbarschaft von Wokistan verlegt haben, ist nur noch die Kirsche auf der Torte. Gute Verfilmungen guter Bücher sind selten, gute Prequels/Sequels noch seltener.

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