Merkbefreit beim Spiegel

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Ich persönlich bin bei historischen Stoffen inzwischen eeeetwas vorsichtig geworden, aber eine gewisse Fiktionalisierung ist einerseits unvermeidlich, und andrerseits auch erwartbar. Aber das der Spiegel eine recht weit verbreitete Kritik an dem Film nicht mitbekommen hat, ist schon etwas arm.

Episches Abenteuerkino gilt im Filmzeitalter der Superhelden als erledigt: Wer nicht bei Marvel oder DC unter Vertrag ist, aber trotzdem mit großem Aufwand inszenieren will, kann einpacken:

Oder Star Wars. Oder Dune. Und theoretisch Star Trek und Herr der Ringe und Harry Potter…

Original-Content ohne eingebaute Comic-Fanbasis gilt den Studios als zu riskant und zu teuer.

Ohne Fanbase, nicht notwendigerweise Comic-Fanbase. Aber ja, anstatt sich ein eigenes Fantasy-Universum „frei nach Tolkien“ zu basteln, gibt Amazon eine VIERTEL Milliarde EXTRA aus, um einen „frei nach Tolkien“-Aufkleber draufpacken zu können. Und das ist nicht mal Kino…

 Im Vergleich zu den »Avengers« verfügte US-Regisseurin Gina Prince-Bythewood für ihren Kraftakt »The Woman King« daher auch nur über ein eher schmales Budget von 50 Millionen Dollar.

Wenn es keine SF oder Fantasy sein soll, sondern ein Historienfilm, bräuchte man wenig bis gar keine Spezialeffekte, sondern nur gescheite Kostüme, Masken, Kulissen und Requisiten. Und ja, auch daran scheitert es oft – piktische Kriegsbemalung im mittelalterlichen Schottland – aber das ist jetzt tatsächlich auch die Chance, mal ganz was anderes zu zeigen.

Umso beeindruckender ist, wie viel Wucht ihr Film nun auf der Leinwand entfaltet.

Egal, wieviel Wucht das ist – die 99% Zustimmung bei Rotten Tomatoes sehen sehr danach aus, dass ein Teil des Werbebudgets in Bots gegangen ist. Werbung ist im Produktionsbudget typischerweise nicht angegeben.

Die Sony-Produktion ist ein zunächst altmodisch wirkendes Action-Spektakel vor (weitgehend fiktiver) historischer Kulisse

Wenn man ein komplett fiktives Königreich genommen hätte statt Dahomey, wäre die Kritik eine andere. Oder, wenn man es nicht derartig fiktionalisieren würde. Bei 300 kommt ja zumindest die Eugenik zu Sprache.

sie spricht ein Publikum an, das mangels Nachschub wohl gerne immer wieder zu Klassikern wie »Braveheart« oder »Gladiator« ins Regal greift

Hachja, Gladiator. Und Last Duel, nicht zu vergessen. Diese Filme stellen die Antike oder das Mittelalter nicht gerade als die „gute alte Zeit“ dar, sondern der Kernkonflikt ist die Terrorherrschaft bzw. die rechtsstaatlichen Defizite der jeweiligen Zeit.

»The Woman King« ist eine vortreffliche, letztlich sehr moderne Alternative, denn fast alle Hauptpersonen sind hier weiblich und mit People of Color besetzt.

Es ist „modern“, dass schwarze Frauen dargestellt werden von Frauen, die schwarz sind? Ok, es gab dies Mistrel-Shows, in denen Schwarze übelst von geschminkten Weißen verächtlich gemacht wurden, aber dass das jetzt nicht gemacht wird, gilt plötzlich als „modern“? Was kommt als nächstes – Anna Boleyn dargestellt von einer Weißen?

 Oscar-Gewinnerin Viola Davis  spielt die in zahlreichen Schlachten gehärtete Generalin einer Kriegerinnenmiliz im westafrikanischen Königreich Dahomey.

„Miliz“ trifft es auch nicht ganz; wenn ich das richtig verstanden habe, hatten die ursprünglich einfach unbewaffnete Frauen mit eigenen Standarten aufgestellt, damit das eigene Heer größer wirkte, dann namen die Strafgefangene (erspart zumindest die Hinrichtung), die dafür auch bewaffnet waren, und irgendwann waren das reguläre militärische Einheiten mit Stolz auf ihre Kampferfahrung und Fähigkeiten.

An ihrer Seite hat sie zwei jüngere, aber nicht minder furiose Kameradinnen, dynamisch verkörpert von Sheila Atim und Lashana Lynch.

Ach, dieee. Allerdings hat ja niemand das Casting kritisiert.

Zusammen kämpfen die sogenannten Agojie Anfang des 19. Jahrhunderts gegen einen verfeindeten Stamm

Um Sklaven zu machen, nicht zu vergessen…

aber auch gegen sinistre Europäer, die den Konflikt und die Konkurrenz der Volksgruppen untereinander schüren, um weiterhin billige Sklaven erwerben zu können.

Portugiesen. Wir würden die Verbrechen Dahomeys ja auch nicht dem Oyo-Reich zuschreiben, oder? Aber ja, Dahomey verkauft Sklaven aus Oyo, und Oyo welche aus Dahomey. Ist nicht das schlauste aller Systeme.

Nanisca (Davis) versucht, ihren gemäßigten König (John Boyega) zwischen zahlreichen, packend und mit umwerfender Physis inszenierten Scharmützeln davon zu überzeugen, dass im Palmölhandel, nicht im Sklavenmarkt, die Zukunft liegt.

Anstatt Sklaven zu verkaufen, behält man die einfach selbst und lässt die Palmöl anbauen, um das dann zu verkaufen. Ist tatsächlich schlauer.

Die großen politischen Linien, ebenso wie die Tiefe von Davis’ Figur, kommen leider immer wieder zu kurz

Ohh, neiiiin! Nicht in einem historischen Film, der uns sonst zeigen könnte, dass nicht alles immer schwarz-weiß ist. Und ich meine jetzt nicht die Hautfarben.

weil viel Drehbuchfokus auf der rührenden, aber auch ein wenig zu seifigen Coming-of-Age-Story der jungen Nachwuchsamazone Nawi (Thuso Mbedu) liegt.

Was genau meinen die jetzt mit „seifig“? Aber egal, Liebesgeschichten braucht man nicht. Allerdings, wenn man das politisch sieht, die Schilde aus 300 – das ist kein Sparren (aus der Heraldik), sondern ein Λ für Lakedämon – sind schon bei nationalistischen Gruppierungen gesehen worden. Mal sehen, wer das bei Wappen aus „Woman King“ macht.

Für das afroamerikanische Kino ist »The Woman King« nach »Black Panther« ein weiterer, zwingend massentauglicher Meilenstein, Superheldinnen inklusive.

99% bei Rotten Tomatoes. Bei Kritikern und Zuschauern! Ja, das spricht eine klare Sprache. So gut KANN kein Film sein.

Ein Gedanke zu “Merkbefreit beim Spiegel

  1. „dass im Palmölhandel, nicht im Sklavenmarkt, die Zukunft liegt.“

    Was bekanntlich daran liegt, dass die Europäer zu dieser Zeit die Sklaverei abschafften. Nur noch die ehemaligen (!) Kolonien waren Sklaventreiber.
    Sind die „Portugiesen“ vielleicht eher Brasilianer?

    Irgendwas sagt mir, dass das im Film nicht unterschieden wird.
    Bekanntlich gilt Papst Franziskus in Wokistan auch nicht als Hispanic, sondern als Weißer.

    Gefällt 2 Personen

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