Was denn nun?

Hachja.

Der Trotz des „Bully“ Herbig

„Winnetouch“ war ein Highlight tuntiger Repräsentation – und gleichzeitig ein billiger Lacher. Bully Herbig wittert nun die Comedy-Polizei.

Ja, „Comedy-Polizei“ ist sicher keine ironisch überspitzte Bezeichnung von Kritikern, die über bestimmte Witze nicht nur nicht lachen können, sondern auch wollen, dass das niemand sonst das tut. Gaaanz sicher.

Deutsche Komiker sind vor allem in einem gut: bierernst sein.

Schade, dass die Deutschen mit Humor alle Journalisten werden, was? Ach, neee, das tun sie ja gar nicht…

Michael „Bully“ Herbig wurde bei … „3 nach 9“ gefragt, ob er … „Der Schuh des Manitu“ heute noch mal so drehen würde.

Was genau ist eigentlich mit „so“ gemeint? Aber ok, Talkformate müssen Fragen ja möglichst offen stellen, damit die Diskussion in Gang kommt.

Der „Schuh“ ist ein farbenfroher, blechflacher Wildwest-Klamauk von 2001, in dem Winnetou bairisch redet, einen tuntigen Bruder hat und in dem „die Schoschonen“ statt des Kriegsbeils einen Klappstuhl ausgraben.

Das nennt man „Parodie“. Die Winnetou-Filme und Western allgemein sollen parodiert werden. Kann man doof finden oder unlustig, aber was würde Weissenburger anders machen? Eine Doku über diese Epoche ist jedenfalls keine Parodie.

Deutsche Comedy passt unter der Tür durch, niemand hat je etwas anderes behauptet.

Comedy ist eine Abstraktion und hat daher keine räumliche Ausdehnung, ja. Die Kritik an den Karl-May-Büchern und davon abgeleiteten Filmen ist aber derzeit keine künstlerische.

Nein, den Film würde er so heute nicht noch mal drehen.

Jetzt wäre die Frage, wie er ihn stattdessen drehen würde, was er wegließe, was er hinzufügen würde, bzw. ob „so nicht“ nicht einfach „gar nicht“ wäre, aber nein…

Auf die Nachfrage, warum nicht, sprach Herbig von einer „Comedy-Polizei“, und dass man Leuten schnell „auf die Füße“ trete.

Wenn man das zuende denkt – gibt es wohl auch eine Comedy-Mafia? Comedy-Schwarzmarkt? Comedy-Küchen?

Er beklagte zudem einen Verlust seiner künstlerischen Freiheit. An dieser Stelle hörten bei „3 nach 9“ die kritischen Nachfragen auf und das Genicke fing an.

Hätte er jetzt einfach gesagt, dass Deutsche generell humorlos seien, und es daher vergebliche Liebesmüh sei, deutsche Comedy zu machen, würde Weissenburg ihm wohl zustimmen oder doch Gegenrede bringen? Man weiset nicht.

Einzig Doris Dörrie widersprach. Der Kulturwandel mache Comedy komplizierter, aber keineswegs unfrei.

„Unfrei“ im Sinne, dass es juristische Mittel gäbe, einen solchen Film zu verbieten, oder dass eine illegale Zensur stattfände, wohl nicht, aber inwiefern sind Komplikationen wünschenswert? Oder, aus Herbigs Perspektive: Wozu die Mühe?

Comedy altert selten gut. Drum ist es nichts Neues, dass Comedians eigene Werke kritisieren.

Eine 20 Jahre alte Parodie auf eine 60 Jahre alte Filmserie? Jaaa, das ist hier wohl nicht das Hauptproblem.

Matt Lucas hat sich zum Beispiel mal von seiner Hitshow „Little Britain“ distanziert, konkret vom Blackface und den Transvestiten-Figuren.

Wer immer das sein mag. „Lasst Brian frei!“

Lucas begreift gesellschaftliche Veränderung als etwas, mit der Ko­mi­ke­r*in und Werk umzugehen haben

Und ich begreife Komik als etwas, womit die Gesellschaft umzugehen hat – wer hat jetzt die Definitionsmacht? Die Comedy-Polizei? Comedy-Staatsanwaltschaft? Comedy-Gerichte???

Herbig dagegen verschiebt das Problem zu den anderen, die es wagen, seinen Film nicht mehr bedingungslos zu lieben.

Im Kontext mit der Kritik an Büchern über Apatschen generell sind die vermutlich weniger das Problem, aber das mag mit ein Grund sein, dass Herbig etwas „salzig“ ist. Der Punkt, der hier mal wieder übersehen wird ist der, dass manche Kritiken derartig grundlegend sind, dass man den Film nicht mehr drehen kann, wenn man sie vermeiden will.

„Der Schuh des Manitu“ hatte den Mut, die Karl-May-Reihe zu zerrupfen.

Die Filme vor allem. Aber jedenfalls nicht mit der Intention, diese zu „canceln“ oder jedenfalls verächtlich zu machen. Und das hatte mit Mut ja wenig zu tun; die Sketchreihe gab es ja schon länger im Fernsehen.

Wir wissen, wie weh das den Deutschen tut.

Die Deutschen sind eben alle gleich. Außer Euch, Ihr Helden!

Herbig zermalmte alles, was an „Winnetou“ eine weiße, gutbürgerliche Projektion ist.

Wenn ich auch nicht gerade der Hardcore-May-Nerd bin, wie bei gewissen anderen Büchern, so möchte ich darauf hinweisen, dass May selbst Europäer, die ab und zu mal vorkamen, immer etwas trottelig darstellte. Ein Kapitän, der mit Chinesen Phantasie-Chinesisch spricht, ein englischer Adeliger, den die Welt, die er bereist, kaum interessiert, ein kauziger Westerner, wenn ich mich nicht irre…

Aus dem edlen Wilden und dem weißen Aussteiger, in die sich abenteuerlustige Langweiler wahlweise hineinträumten, machte Herbig zwei Idioten in der Midlifecrisis.

„Aussteiger“ ist jetzt auch nicht richtig. Mays Icherzähler ist ehrlich und aktiv an anderen Völkern und Kulturen interessiert und betrachtet diese nicht als Feinde, also im Unterschied zum damaligen Mainstream, und auch nicht gerade deckungsgleich mit dem heutigen Mainstream. Die beiden sind übrigens kein Liebespaar, zanken sich aber wie ein altes und nicht besonders glückliches Ehepaar. Geht also mehr gegen Heteroas.

Die hehre Männlichkeit unterlief er mit der tuntigen „Winnetouch“-Figur auf der „Puder Rosa Ranch“.

Tante Droll aus den Büchern wurde übrigens von Heinz Erhardt dargestellt. Komponiert kurz vor der Schlacht noch ein Stück fertig, was als eine sehr vorbildliche Nervenstärke betrachtet wird.

Dafür warf ihm „Winnetou“-Darsteller Pierre Brice höchstpersönlich mangelnden Respekt vor. Brice, der nicht verstand, wie wenig respektvoll sein eigenes Oeuvre war.

Aus gegebenen Anlass könnte man Winnetou als National-Populisten zeichnen: „Die Weißen nehmen uns unsere Jobs, unser Land, unsere Frauen, unser Gold und planen, uns umzuvolken!“ Wäre DAS der Respekt, der der taz vorschwebt? Passt jedenfalls besser als in Numenor.

Für mich ist „Winnetouch“ ein Highlight tuntiger Repräsentation der 2000er. Es ist aber natürlich auch wahr, dass queere und indigene Figuren beim „Schuh“ nichts weiter sind als Mittel zum Zweck: einfache Lacher.

Nicht-indigene und Heteroa-Figuren sind aber ebenso Mittel zum selben Zweck. Solche Filme funktionieren eigentlich nur, wenn man über jede der beteiligten Figuren Witze macht. Wenn man aus Gründen über bestimmt Figuren/Gruppen keine Witze machen, kann man über sie keine (guten) Comedys drehen. Das ist das eine. Das andere ist, dass ich nicht den Eindruck habe, der Film sei dazu gedacht (oder geeignet), bspw. Schoschonen abzuwerten, verächtlich zu machen oder sonstwie schlechter darzustellen als andere Gruppen. Ein Eindruck, der entstehen würde, wenn über mindestens eine andere Gruppe keine Witze gemacht wird.

Heute verbitten sich Minderheiten so etwas.

Und?

Und darüber hätte man reden können.

AfD-Politiker verbitten sich Witze über AfD-Politiker. AfD-Wähler sind eine Minderheit. Also sollte man keine Comedys über AfD-Politiker machen? Ja, man wird freiwillig AfD-Politiker, aber die wenig überraschende Tatsache, dass es in jeder Gruppe humorlose Menschen gibt, kann kein Argument sein, keine Witze über sie zu machen. Also nicht nur keine menschenverachtenden Witze, sondern gar keine.

Stattdessen steckte Bully am Ende fest zwischen pflichtschuldiger Distanzierung und trotziger Verteidigung.

Was sonst eigentlich? Was genau wurde von ihm erwartet? Oder, umgekehrt, wie würde sich Weissenberg eine „zeitgemäße“ Winnetou-Parodie vorstellen? Was wäre ein „zeitgemäßer“ Film oder Buch über die Eroberung der USA im 19. Jahrhundert?

Gelernt hat daraus niemand was.

Natürlich nicht.

Humorlos war es dafür allemal.

Da muss dringend die Comedy-Polizei eingreifen. Natürlich geht es nicht um Humor. Die Kritik an Winnetou, Winnetouch und wem auch immer richtet sich eigentlich nicht dagegen, dass der Humor zu flach sei, oder dass positiver Rassismus („Indianer sind viel besser als Du, Stubenhocker!“) vllt. nicht so viel besser ist als negativer, sondern dagegen, dass eine Comedy, in der nicht etwa reale Apatschen und Schoschonen parodiert werden, sondern deutsche Vorurteile und Klischees über sie, nicht präzise die Botschaft vermittelt, die die Kritiker hören wollen.

Normalerweise kriegt man als Kritiker den Spruch gedrückt: „Dann sieh es Dir nicht an.“ Ist ja erstmal richtig – wenn Unterhaltung außer Spaß am Meckern keine Unterhaltung bringt, gibt es vllt. was anderes? (Nein, dHdR:dRdM-Hating ist die beste aller Freizeitbeschäftigungen!)

Aber hier wird ja das Argument sein: „Weil die und die Bücher, Filme und so weiter ja rassistisch/sexistisch/etc. sind, sind sie nicht künstlerisch schlecht, sondern moralisch schlecht. Also reicht es mir nicht, dass ich das nicht sehe, sondern alle anderen müssen mir darin folgen.“

5 Gedanken zu “Was denn nun?

    1. Zumindest müssten schwule Indianer selbstverständlich durch weibliche schwarze Schauspielerinnen dargestellt werden, alles andere wäre Diskriminierung oder kulturelle Aneignung oder sowas Ähnliches.

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      1. Das tut mir natürlich leid und ich entschuldige mich bei allen Betroffenen. Es muss natürlich lauten:

        „Mit fetten Bärten.“

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