Taktisch dummstellen

Bei Web.de

Das Thema ist ein Dauerbrenner. Bei mir jedenfalls.

Die Fantasie kennt keine Grenzen. Doch ausgerechnet in einem Film- und Seriengenre, das wortwörtlich nach ihr benannt wurde, scheint dies aus Sicht vieler Zuschauerinnen und Zuschauer nicht zu gelten.

Erstens: Fantasy heißt zwar so, ist aber ziemlich oft KupferbeiTolkienabsy. Zweitens: wenn Fantasy keine Grenzen kennt, wie kann es in dem Genre überhaupt Probleme geben? Also irgendwelche Konflikte? Kleincousine bekam von mir mit 4 „Die kleine Hexe“ geschenkt. Ich las ihr den Anfang vor, und fragte sie dann, was sie denn an Stelle der kleinen Hexe gemacht hätte. „Ich würde mich, mit meinem Zauberstab, einfach in eine große Hexe verwandeln.“ Ich ärgere mich bis heute, dass ich da nicht selbst drauf gekommen bin.

Mit „Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht“ und dem „Game of Thrones„-Ableger „House of the Dragon“ sind binnen kürzester Zeit zwei epochale Fantasy-Serien herausgekommen.

Ableger sind beide. Aber Ringe der Macht darf viel mehr bei Tolkien abkupfern als jede andere Fantasyserie zuvor…

Beide Produktionen zeigen monumentale Schlachten, intrigante Machtspielchen und (bild-)gewaltige Fabelwesen wie Drachen und Trolle.

Aber bei HotD kommen keine Orks vor. Im eigentlichen Sinne, jedenfalls. Die Drachen in Mittelerde jedenfalls sind von einem gefallenen Gott namens Melkor als Waffe gegen seine Feinde geschaffen worden. Lebende, intelligente Waffen. Die einen eigenen, freien Willen haben. Und die Version 2.0 kann fliegen.

Was sie ebenfalls gemein haben: einen Teil des Publikums, der toxische Kritik an Geschlechterrollen und an der Diversität des Casts äußert.

Kein Mensch ist toxisch. Aber ja, würde man Mulan mit diverser Besetzung drehen? Nein. Und wenn die Hauptperson und mehrere andere Figuren eindeutig übermenschliche Fähigkeiten haben, ist das Fantasy. Ergo gilt das Argument nicht, dass das nach eine „wahren Geschichte“ gedreht wurde.

Es fallen Aussagen, die noch nie – vom 21. Jahrhundert ganz zu schweigen – etwas in unserer Gesellschaft verloren haben.

Einige waren schon ziemlich heftig, ja. Andere waren völlig zivilisiert. Mulan mit einer uigurischen Hauptfigur würde in China einfach nicht veröffentlicht werden. Welche Gesellschaft ist Euch lieber, Chinas oder unsere?

Aber warum darf Fantasy anscheinend für viele Fans des Genres nicht divers sein?

Darf sie ja, aber halt als Teil eines Weltenbaus und nicht als random Casting-Choice. Bei Star Wars beschwerte sich auch niemand über Finn. Wobei manche Hater wohl auch keine gute Erklärung akzeptieren:

Es gebe Menschen, so Toussaint, die „mit einem fliegenden Drachen glücklich“ seien. „Sie sind glücklich mit weißem Haar und violetten Augen, aber ein reicher schwarzer Mann? Das ist inakzeptabel“

Wie gesagt, ich bin mit schwarzen Westerosis glücklich, kein Ding. Dito mit schwarzen Hobbits. Ich wäre mit schwarzen Elben und Zwergen glücklicher, wenn die sich nicht anfühlten, als hätte man einfach ausgewürfelt, welche Rollen schwarz sein sollten. Außerdem, wo sind die ostasiatischen Charas? Südasiatische? Irgendwas ist immer.

In einer fiktiven Mittelalter-Welt, in der es Drachen, Untote, Magie und schneeweiße, gerade Zähne gibt, sind es wohlhabende Schwarze, die schlichtweg zu unrealistisch seien.

Nebenbei, man könnte sich auch einfach völlig neue Ethnien ausdenken. Also meinetwegen welche mit blauer Haut und grünen Haaren, die alle von Menschen chinesischer Abstaqmmung gespielt werden. Ist Fantasy.

Der Cast der Amazon-Prime-Serie „Die Ringe der Macht“ musste aufgrund zahlreicher „rassistischer Anfeindungen“ ebenfalls etwas via Twitter-Post klarstellen:

Jaaa, die Welt ist leider so. Aber nur, weil manche Kritiker rassistische Arschlöcher sind, ist nicht jede Kritik ungerechtfertigt. (Nebenbei geht das tatsächlich einen Schritt zurück, wenn man Fantasyvölker als allzu offensichtlichen Abklatsch realer Völker darstellt, UND dabei Klischees aus dem RL verwendet. Und ich meine nicht Winnetou.)

Zusammen stehe man „in absoluter Solidarität gegen erbarmungslosen Rassismus, Bedrohungen, Belästigungen und Beleidigungen“

Gut, dass das die einzige Kritik ist. Können Elben eigentlich unter Wasser atmen? Ich frage für Nerwen, die einfach mal in den Ozean sprang. Es handelt sich hier um diffuses Charakterwissen, auch wenn sie generell die Vorahnung hätte haben können, dass sie das überlebt, weil diese Vorahnung nicht gezeigt wird.

Wegen der Verpflichtung von nicht-weißen Schauspielern für die Rollen von Elben und Zwergen war die Serie ins Visier von Gegnern einer angeblichen „Wokeness-Diktatur“ geraten.

Und Halblingen! Wenn die Macher erkennen ließen, dass die irgendeinen anderen Grund für schwarze Castmitglieder hätten, als zu zeigen, wie divers sie sind, würde ich das tatsächlich noch verteidigen. Ich habe mittlerweile nicht einmal den Eindruck, dass damit schwarze Neukunden äääh, Fans gewonnen werden sollten; weil die Serie offenbar ein gewisses Vorwissen voraussetzt.

Auch die Tatsache, dass mit Morfydd Clarks Galadriel eine Frau die tatkräftige Hauptfigur verkörpert, stieß einigen sauer auf.

Na, DAS ist ja wohl Quatsch. Kein Fan der Bücher oder Fan der Filme oder genereller Fantasyfan würde sich ernsthaft daran stören, dass eine der bekanntesten Figuren, die im ZZ von Mittelerde lebte, tatsächlich dabei eine Rolle spielt. Ok, einige Idioten finden die Schauspielerin doof, aber die Rolle heißt eigentlich auch „He-Girl„. D’oh.

Das muss man sich auf der Orkzunge zergehen lassen: Da ist eine Geschichte, die von Kameraderie, Zusammenhalt und Liebe handelt.

Ringe der Macht? Gibt’s Spoiler? Nerwen soll nach Valinor abgschoben werden, weil sie so sehr am nerven ist, Numenorer sind rassistisch, Elben ein Stück weit auch, Zwerge „schnell“ beleidigt (ok, 20 Jahre), Hobbits sind sozialdarwinistisch, Orks versklaven alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist… welche Liebe, welcher Zusammenhalt, welche Kameradie???

Eine Geschichte, die die Völker Mittelerdes vereint, um gegen die Mächte des Bösen zu bestehen.

Wenn die die Geschichte nicht HART verändern, wird das etwas anders ablaufen.

Und dann sind es Hautfarbe und Geschlecht der Figuren, wegen derer einige vermeintliche Tolkien-Fans auf die Barrikaden gehen?

Keine geht wegen dem Geschlecht von irgendeiner Figur auf die Barrikaden. Aber natürlich will man die Serie verteidigen, da muss man ein Narrativ aufbauen. Das Gegennarrativ ist, dass die das nur machen, um ihrem Publikum Kritik zu verbieten.

Das Hauptargument dieser lauten Gruppe liegt auf der Hand: Auch in der originalen „Der Herr der Ringe“-Buchreihe von J.R.R. Tolkien (1892-1973) sind die Gefährten zwar Mensch, Zwerg, Elb und Hobbit – aber eben auch weiß und männlich.

Das ist nur das halbe Argument. Wenn die sich einfach schwarze Völker ausgedacht hätten – was bei den Proto-Hobbits ja passiert ist, wenn auch vllt. aus Versehen – wäre das ein legitimer Versuch, die Welt von Mittelerde zu erweitern. Wie bei den Velarions.

Ja, der Brite Tolkien war ein lautstarker Gegner der nationalsozialistischen „Rassenlehre“. Aber auch er war nun mal ein Kind seiner Zeit und würde heutzutage wohl manche Figurenzeichnung anders gestalten.

Das mag so sein oder auch nicht; mein Argument hier ist, dass einfach willkürlich Figuren eingebaut werden, ohne sich die Mühe zu machen, warum sie anders aussehen als ihre Landsleute. Mal anders – wenn man eine Fantasyserie drehen würde, in der schwarze Elfen oder ostasiatische Zwerge vorkämen, oder auch „normal-menschliche“ Fantasyvölker – aber die Protagonisten unter diesen Völkern würden genau NICHT von Schwarzen oder Ostasiaten gespielt, wäre das ok? Ich frage für die hier.

Wer unter Tolkien-Fantum versteht, dass bitte schön alles so sein muss wie zur Zeit der Entstehung des Buches, der begibt sich auch freiwillig auf den geistigen, moralischen und soziologischen Stand der 1950er Jahre zurück.

Das Silmarillion ist tatsächlich älter als die 50er. Aber auch damals gab es keine Elben, Zwerge, Hobbits, Drachen und/oder Zauberer. Soll heißen, es ging damals nicht darum, „die Gesellschaft“ abzubilden, also braucht es das heute auch nicht.

Und auf jenen eines Mannes, der 1892 geboren wurde.

Nach der Logik sollte man bei der nächsten Troja-Verfilmung die heutigen Waffen verwenden. Und die Trojaner türkisch sprechen lassen. Ernsthaft, das ist nicht das Argument.

Bei „House of the Dragon“ ist die Sachlage eine andere. Die Serie basiert auf dem 2018 erschienenen Buch „Feuer und Blut“ von George R.R. Martin.

Man könnte argumentieren, dass es bei Martin nicht um Kameradie, Liebe und Zusammenhalt geht, denn sonst wären die Konflikte in weniger Büchern beendet.

Aber bei Schwarzen in Machtpositionen, die bislang sogar nur als Nebenfiguren aufgetaucht sind, hört der „Spaß“ auf?

Da die anscheinend nur in der Prequel vorkommen, ist das vllt. ein Fall von „Black Guy dies first“.

Wer sich diesbezüglich bei „House of the Dragon“ über mangelnde Treue zur Buchvorlage echauffiert, müsste dies auch bei „Game of Thrones“ und dessen Pendant „Das Lied von Eis und Feuer“ tun.

Dumme Frage – ist die Länge eines Jahres in der Westeroswelt eigentlich klar definiert? Mit den schwankenden Jahreszeiten und so? Wenn nicht, könnte man einfach sagen, bspw. 14 Planetosjahre wären 17 Erdjahre. Mathematische Lösungen sind einfach die besten.

andernfalls wären einige ohnehin schon kaum erträgliche Szenen noch schwerer zu verdauen gewesen.

Ja, GoT-Fans: weil Ihr Euch nicht beschwert habt, weil vergewaltigte Minderjährige immerhin keine Kinder waren, müsst Ihr jetzt jede Änderung klaglos hinnehmen, Ihr erbärmlichen Versager!

Auf traurige Weise ironisch ist, dass sich „Die Ringe der Macht“-Schauspielerin Morfydd Clark in der Realität mit ähnlichen Widerständen herumschlagen muss, wie die Figur Rhaenyra Targaryen (Milly Alcock) in der Fiktion von „House of the Dragon“.

Man will sie umbringen? Dieses Hatertum!

Der einen wird von der versammelten Männerwelt Westeros‘ und Umgebung gesagt, sie könne als Frau niemals den Eisernen Thron besteigen. Der anderen wird kurzerhand die Fähigkeit abgesprochen, als Hauptfigur der teuersten Serie aller Zeiten zu funktionieren

Das erste halte ich tatsächlich für „unhistorisch“; klar gab es Situationen, in der Frauen Königinnen wurden, um ihre Familie an der Macht zu halten. Aber das ist nur das halbe Problem, weil bei GRRM das natürlich eskaliert. ALLES eskaliert bei GRRM. Das letztere ist vorgekommen, ja, aber ganz sicher nicht, weil einer sagt: „Hoi, Galadriel kann nicht von einer Frau dargestellt werden, das muss ein Mann als Drag sein!“ Die haben sich die Kritiken nicht durchgelesen, oder?

zuweilen noch bevor die erste Folge der „Herr der Ringe“-Serie ausgestrahlt wurde.

Dass sie eine Frau ist, konnte man schon im Trailer sehen. Hachja. (idbm sagt, Morfydd Clark sei nur 1,62 groß, Blasphemie!!! Aber beim HdR hat der größte der Hauptschauspieler nicht nur den größten Chara (Baumbart) gespielt, sondern auch den mit der durchschnittlichsten Körpergröße (Gimli), also ok.)

Das alles heißt selbstredend nicht, dass berechtigte Kritik an Figurenzeichnung oder schauspielerischer Leistung verboten ist. Zumindest bei einigen Zuschauerinnen und Zuschauern scheinen jedoch mal mehr, mal weniger latente Überzeugungen in diese Kritik mit einzufließen, die nirgendwo etwas zu suchen haben.

Der Artikel ist drei Tage alt. Die Vorverurteilung der Serie – wie basiert und vorurteilverhaftet sie gewesen sei – ist vorbei, weil sie schon läuft. Man kann die aktuellen, serienbezogenen Kritiken an HotD und RdM lesen und vergleichen. Man kann die Beliebtheitswerte vergleichen. Man kann sogar den Weltenbau der realen Serie betrachten und bewerten. Ja, Weltenbau ist ein ebenso wichtiges Kriterium wie Figurenzeichnung, Kulissen, schauspielerische Leistung, Spezialeffekte, Kostüme, Tempo, Schnitt und/oder Logikfehler. Aber damit wird sich nicht auseinandergesetzt.

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