Mobbing in SF&F

Weil ich mich konstant spoilern lasse, habe ich die Mobbing-Szene mit Galadriel als Kind mitbekommen. Die ist auf eine Weise schlimmer als die mit Spock aus der Kelvin-Timeline, obwohl Galadriel sich besser wehren konnte.

„Ihr kennt mich unter den Namen Galadriel, aber einst wurde ich Nerwen genannt, was so viel heißt wie ‚Mannmädchen‘ in Eurer Sprache oder ‚He-Girl‘, wenn es ein Superheldenname sein soll.“ – „Ja, Kinder können echt grausam sein!“ – „Was für Kinder? Das war meine Mutter!“ – „Ich finde alleine raus.“

Ich verstehe, dass Mobbing Mitgefühl mit dem Opfer erzeugen soll, und bin auch dabei, das grundsätzlich zu kritisieren, aber hier beißt es sich derbe mit dem Weltenbau. Und ohne Weltenbau haber ich keine Immersion. Und ohne Immersion ist das einfach eine Geschichte über Mobbing, und dafür brauche ich kein Geld fürs Kino auszugeben. Oder Amazon Prime.

Bei Spock ist es anscheinend so, dass ihn vulkanische Kinder in der Schule mobbten, weil er Halbvulkanier ist. Dass Vulkanier auf ihre Art extrem arschig sein können, will ich nicht bestreiten, aber wo wäre hier die Logik? Wenn man Spock schikaniert, hört er ja auch nicht auf, Halbvulkanier zu sein. Und außerdem ist Hass eine Emotion. Müssten die Kinder nicht erstmal zum Nachsitzen, um zu üben, ihre Emotionen zu steuern? Ja, dass soll erklären, warum Spock zur Sternenflotte ging, aber die Erklärung ist halt Mist. Die Macher konnten mit Vulkaniern nichts anfangen, und sie daher als Rassisten dargestellt, und ihren Planeten zerstört.

Bei die Ringe der Macht und Galadriel ist es so, dass es Elbenkinder sind – die Ohrform ist dieselbe, aber ihr Blut ist rot – Elbenkinder in den todlosen Landen Valinors, wo es keinerlei Sorgen und Nöte gibt. Also: GAR KEINE! Später wird es einigen zu langweilig, aber zu dem Zeitpunkt vertreibt sich Galadriel die Zeit, indem sie Origami erfindet. Warum es Papier gibt, weiß der Gilb. Elben leben ewig und haben ein eidetisches Gedächtnis. Was sollen sie aufschreiben? Aber gut, für Origami. Ein Papierboot/-schwan. Schwan-Schiff-Metaphern sind weit verbreitet bei Tolkien. Aber die anderen Kinder neiden ihr den Erfolg und versenken das Papierschiff.

Jetzt ist ausgerechnet der Elbenstamm, zu dem Galadriel gehört, berühmt für seine Handwerkskunst, und eine neue Handwerkskunst wie Origami sollte doch eher Freude auslösen. Und auch, wenn die todlosen Lande nicht direkt vor allen Widrigkeiten des Lebens schützen, und erwachsene Elben nicht immun gegen schlechte Gefühle und Grausamkeit sind, Neid im eigentlichen Sinne war ihnen fremd. Aber natürlich will man eine Szene zeigen, wie sie sich kloppt. Und Finrod, der ihr in einem Anfall von Vorwissen sagt, dass er nicht immer bei ihr sein wird (ihre Eltern leben übrigens). Außerdem Sachen über Licht und welches das richtige ist.

Diese Vorahnung hatte Finrod im Gespräch mit ihr tatsächlich, aber viel später, als sie gerade frisch in Celeborn verliebt war (seit mindestens zwei Jahrzehnten). Sie fragt ihn, ob er nicht auch mal heiraten wolle (wobei, haben Galadriel und Celeborn überhaupt geheiratet? Oder leben die Jahrtausende lang in wilder Ehe???), und er erwidert, dass ihm gerade das Vorwissen überkommt, dass auch er eines Tages einen Eid schwören werde (das hat er im Unterschied zur Amazon-Version nämlich noch nicht getan), und dass er dann frei sein müsse von Verpflichtungen für Frau und Kinder, und dass von seinem Reiche nach seinem Tode nicht viel für einen Erben übrig bliebe (wobei die beiden noch weitere Brüder hatten, aber Keks), wenn er sich auf den Weg ins Dunkle mache. (Nicht, weil er schwören wird zu sterben, aber der Eid bindet ihn. Wie sich zeigen wird so stark, dass er eher die eiserne Kette zerbrach, mit der er in Saurons Verlies angekettet war, als seinen Eid.)

Galadriels Antwort ist nicht überliefert, ich plädiere für: „Sag doch einfach: ‚Hör auf zu Nerwen, Du klingst schon wie Mutter!'“ Wegen Wortspiel! Übrigens wird sie bei Amazon schon als Kind Galadriel genannt. Also definitiv VOR Celeborn.

Mein Punkt hier ist, dass die hier ganz klar die „starke Frauen“-Story erzählen wollen, tatsächlich mit einer Frau, die in mehrfacher Hinsicht stark ist, aber dann den Hintergrund UND wesentliche Faktoren wie Familienstand und politische Freiheit ändert, um nicht die „starke Frauen“-Story zu erzählen, die der Chara mit Leichtigkeit vorgibt, sondern eine, die mehr auf Mainstream gebürstet ist.

Beispiele:

  • Elben haben generell Vorahnungen, die auch ziemlich zuverlässig sind; selbst, wenn Galadriel die einzige ist, die Sauron verfolgen will, weil sie Dinge „gesehen“ hat, würde man das als ihre Vorahnung betrachten und nicht einfach abtun. So wirkt Galadriel einfach schlauer.
  • die einzige Erklärung, warum das nicht passiert, liefert Gil-Galad, welche aber auch nur semi-sinnvoll ist: irgendwas mit Appeasement. Zu einem Zeitpunkt, wo man vom Bösen fast nichts mitkriegt. Merkt ihr selber.
  • wenn es so wäre – was in solchen Niemand-glaubt-Dir-Geschichten ja oft so ist – dass Gil-Galad irgendwelche finsteren Hintergedanken hätte, ihr nicht zu glauben, wäre das ein starker Bruch der Lore, aber damit würde er von „dumm“ auf „böse“ wechseln.
  • Starke Frauen haben keine (männlichen) Partner. Ergo darf Galadriel keinen haben.
  • „Rache“ gilt als männlich, also muss Galadriel auf einem Rachefeldzug sein. Anstatt einfach nicht zu wollen, dass Sauron eine Orkarmee aufstellt oder so.
  • Vom ganzen Mann/Frau-Gedöne abgesehen gelten Filmschaffenden Probleme immer als relevanter, wenn sie persönlicher sind – natürlich könnte man auch argumentieren, dass so viele unter Sauron litten, dass Finrod jetzt vllt. nicht der Fokus ist, aber hey!
  • Man kann natürlich auch nicht einfach Galadriel eine Überlebendenschuld zuschreiben. Weil: eine FRAU, die fast ihre ganze männliche Verwandtschaft überlebt? Und eine Cousine, die an häuslicher Gewalt starb (das Opfer sollte eigentlich ihr Sohn sein)? Das ist hat ja nichts mit Glück oder Schuldgefühlen zu tun, sondern Galadriel ist so bad ass!
  • Der ganze „Nerwen“-Hintergrund könnte so eine hässliches-Entlein-Story werden, was möglicherweise der Grund ist, warum man ihn weglässt (aber so viel Gier nach Originalität traue ich denen nicht zu), aber was wäre, wenn Nerwen einfach nicht glaubt, irgendwann einen Mann zu finden, der eine starke Frau liebt – aber: Tadaa, Celeborn liebt sie, wie sie ist! Nein, natürlich nicht – das würde eine Frau zu abhängig vom male gaze machen.
  • Buchgaladriel und ihr männlicher Anhang haben in den Büchern – und ja, es ist nicht ganz eindeutig, auf welcher Zeitschiene, aber Amazon ist das eh egal – Elben um sich geschart, die Grauelben und also keine Noldor waren, und demnach Gil-Galad wenig Gehorsam schulden. Der ganze Anfang mit „in den Westen gehen“ wäre einfach gegenstandlos. Aber man hätte eine unabhängige Frau, die dann dafür nicht gegen Gil-Galads Patriarchat antreten müsste. Dann lieber eine abhängige Frau, die einfach random ins Meer springt.

Man hätte Galadriel auch einfach gegen den Seedrachen kämpfen lassen können. Aber nein.

Ich hoffe doch sehr, dass man merkt, dass ich weder gegen Geschichten über starke Frauen bin, noch hier einfach mehr Vorlagentreue fordere, wie so ein Tolkien-Fanboy-Troll. Galadriel könnte noch viel stärker, und interessanter, UND tatsächlich origineller sein, wenn man sich mehr an die Vorlage hielte, aber moderner Feminismus/modernes Filmen tut sich schwer, starke Frauen ohne schwache Männer darzustellen.

Oder ohne Mobbing, und wenn es von Kindern ausgeht. Nebenbei, liebe Kinder, wenn ihr Mobbingopfer seid, ist körperliche Gewalt keine gute Reaktion. Die anderen bilden genau deshalb einen Mob, damit Du als Individuum so keine Chance mit körperlicher Gewalt hast.

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