Einerseits – Andrerseits

Im Großen und Ganzen stimmt das hier tatsächlich:

  • der Shitstorm gegen das Kinderbuch war sehr gering, was Umfang und vermutlich auch Härte betraf
  • nichts ist verboten worden
  • niemand hat explizit gefordert, etwas zu verbieten
  • dass die ARD keine Winnetou-Filme im Programm hat, weil das ZDF die hat, ist ein Detail, was die BILD irgendwie vergessen hat zu recherchieren
  • und das wurde sehr hochgepuscht, auch von Leuten, die gerne mehr Klicks hätten (ähh: klickt hier mal bitte)

Und der Hauptpunkt ist natürlich, dass ein Verlag auch das Recht hat, auf bestimmte Produkte zu verzichten. In Worten: VERZICHTEN.

Der Punkt, warum Fragen wie: „Ist Winnetou (die Bücher von Karl May und zugehörigen Filme) dann nicht auch rassistisch?“ bzw.: „Sollte man die deshalb aus dem Programm nehmen?“ funktionieren, ist folgender: die Kritik ist derartig grundlegend, dass ihr nicht anders begegnet werden kann.

Aus folgenden Gründen: wenn das eine, konkrete Buch derartig abwertend über Indianer schreibt, dass man mit ihnen keine Sympathie haben will, oder umgekehrt sie so über den grünen Klee lobt, dass man mit ihnen keine Sympathie haben kann, oder vllt. nicht so in die Extreme verstiegen ist, aber zu sehr, um kindgerecht zu sein, wegen Kinderbuch, dann ist die mutmaßliche Intention des Autoren egal, aber er könnte das Buch eventuell umschreiben. Vllt. nicht sollen oder müssen, aber die Möglichkeit existiert.

Das ist ein genereller Unterschied zwischen Kritik und Gegnerschaft. Ein Theaterkritiker kritisiert nicht die Existenz von Theatern, sondern nur die konkreten Aufführungen. Ein „Atomkraftkritiker“ ist aber typischerweise ein Atomkraftgegner, weil er generell keine Atomkraftwerke will, denn alles, was ihn an ihnen stört, kann man nur ändern, wenn man sie alle abschafft.

Der eine Kritikpunkt – die Kolonialzeit sei derartig verharmlost worden, dass das für die Opfer eine erneute Diskriminierung darstellt – wäre etwas, was man evt. noch geändert bekäme – ob die Grausamkeiten jener Zeit grundsätzlich kindgerecht sein können, weiß ich nicht, aber man könnte es versuchen. Der andere Kritikpunkt, dass Europäer eine Geschichte über Nicht-Europäer und deren Kultur schreiben, kann nur behoben werden, wenn man es als Europäer lässt. Also komplett lässt.

Und da sind wir bei Karl May – wenn man das zweite Argument gelten lässt, wäre es doppelmoralig, es nur selektiv gelten zu lassen. Dieses Argument träfe so nicht nur auf das Buch zum Kinderfilm zu, sondern auch auf die Vor-Vorlage.

Der noch allgemeinere Grund, warum das immer hochkocht, ist der, dass Leute sich ungern bevormunden lassen, und am allerwenigsten in moralischen Fragen.

Mal von der anektdotischen Evidenz: ich persönlich finde nicht, dass es unmoralisch ist, einen blonden Elrond oder eine bartlose Zwergin in einer Tolkienverfilmung zu bringen, es gefällt mir nur halt nicht. Ähh, ich meine natürlich, dass das ganz eindeutig die künstlerisch falsche Entscheidung ist. Meine gekränkten Gefühle, weil mein jahrzehntelanges Fantum so ignoriert wird, rechtfertigen nicht, die Macher als moralisch schlechte Menschen zu bezeichnen. (Außerdem, um fair zu bleiben, es ist auch deren finanzielles Risiko. Viertel Milliarde!)

Ich will auch niemanden bevormunden, die Serie nicht zu sehen; wenn jemand sie toll findet, soll soe die schauen.

Bei der Kritik, dass Weiße, die über bspw. Apatschen schreiben, kulturelle Aneignung betreiben, geht es aber genau darum, dass das als unmoralisch bzw. ethisch falsch dargestellt wird. Also böse.

Man mache mal das Gedankenexperiment und ersetze in dieser Diskussion „rassistisch“ durch „böse“:

„Das Buch ist böse, auch wenn es ungewollt böse ist, oder die guten Absichten es erst böse machten.“

Erstens ist so klar, warum auf solche Kritik: „Dann lies es doch einfach nicht!“ keine weiterführende Erwiderung ist, oder? Aber zweitens wird auch klar, warum viele darauf so abweisend reagieren – wenn das eine Buch aus denundden Gründen böse ist, ist es jedes andere, auf das diese Gründe zutreffen, auch böse. Ergo sind alle Menschen böse, die dieses Buch mögen. Und die, die nicht böse sind, reagieren beleidigt, weil sie nicht böse sind, und die anderen, weil man sie ertappt hat.

2 Gedanken zu “Einerseits – Andrerseits

  1. Du verkennst hier das rein zur Ablenkung wirkende Framing von Leuten, die nicht checken, was Fakten sind.

    Wenn unsere Hupfdohle nicht gesagt hat, dass ihr die deutschen Wähler egal sind, sondern explizit, dass ihr *ihre* Wähler egal sind, macht es das Problem nämlich _schlimmer_.

    Analog, wenn ein Verlag nicht wegen einem großen Shitstorm, sondern wegen fünf Bekloppten ein Buch aus dem Programm nimmt, macht das auch das kritisierte Problem nur heftiger.

    Inhaltlich sind mir Kinderbücher halt genauso egal wie Winnetou oder nicht-grüne irische Kobolde, oder was Tolkien halt sonst so wirklich geschrieben hat. Ich sehe aber sehr wohl das echte Problem. Und das ist größer als der Kampf der Jedi-Ritter gegen die Muggels. Oder so, halt.

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    1. Ich lese (höre; ist in meinem Alter entspannter; meine Arme werden zu kurz) gerade #9 der Court Gentry – Reihe von Mark Greaney. Der hat eine vollautomatische Glock 18. Das behebt sehr realistisch bis zu 19 Vampire, Trolle, Zwerge, Elfen, Stormtrooper, Klingonen, Borg, Kaylons oder Nazis, auf einer halben Seite. Sowas mag ich.

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