documenta Nachklapp

Mit gletscherartiger Geschwindigkeit wurden die Probleme der documenta doch noch angegangen.

Hurra.

Aber eine Perle in dem Zusammenhang hätte ich fast nicht mitgekriegt:

die hier.

Liebe Besucher*innen

Yäy, Gendern! So wichtig! Wichtiger als sich mit Antisemitismus auseinanderzusetzen.

wir bedauern, dass die historischen Bilder und Zeichnungen, die um das Jahr 1988 entstanden sind…

Haben die mich eben „alt“ genannt? So, das war’s – ich boykottiere!

… für einige Besucher*innen nicht verständlich sind und es daher zu Fehlinterpretationen gekommen ist.

Erstens: Kunst ist kein Ratespiel. Ich darf ein Kunstwerk interpretieren, auch wenn ich das am Ende anders verstehe, als der Künstler das gemeint hat. Das ist dann nicht „falsch“, und ich kriege dann dafür keine schlechte Note. Und die dokumenta ist eine Kunstausstellung, kein VHS-Kurs. Zweitens: die fraglichen Zeichnungen kenne ich nicht, und will mich daher nicht festlegen, wie „antisemitisch“ die tatsächlich sind. (Nicht jeder Kraken bedeutet „das Weltjudentum“, aber ein Mann in Rabbitracht, aber mit Reißzähnen und SS-Runen am Hut – nuuun…. Echsenmenschen?) Drittens: was wäre denn die „richtige“ Interpretation?

In Zukunft werden wir Ihnen zusätzliche Informationen zur Verfügung stellen…

HaHahahaha – wenn Kunst derartig kompliziert ist, dass man die ohne Erklärbär nicht verstehen kann, ist sie entweder zu kompliziert oder das Publikum zu doof. Schon aus sozialdarwinistischen Erwägungen würde ich das von Kunst und Publikum untereinander ausmachen lassen. Hurz!

… die Ihnen helfen sollen…

Nicht „werden“! Sollen! SO – wer das Genie der documenta und der von ihr erwähleten Künstler, Künstlerinnen und kunstschaffenden diversen oder juristischen Personen nicht durch Spontan-Erleuchtung erschauen kann, hat so viel Gnade eigentlich gar nicht verdient!

… die Dokumente und Materialien aufgrund ihres historischen und politischen Kontexts…

Heißt das nicht Kontextes? Egal, ich bin ja nur ein Ingenier, was weiß ich schon? Ich bin unwürdig, ich bin Staub. Gepriesen sei die unkritisierbare documenta von Ewigkeit zu Ewigkeit.

… besser zu verstehen…

Nicht „richtig zu verstehen“, nur besser. Denn das komplette, richtige Verständnis, das ist ja klar, ist dem voll-idiotischen Besucherstrom der documenta fairerweise nicht abzuverlangen. Die documenta ist bestimmt auch sonst total behindertengerecht. Die „Judensau“ an einer Kirche aus der Lutherzeit kriegt eine ausführliche Erklärung, wie das zustandekam, und dass man sich heute davon distanziert, aber vier Jahrhunderte ode vier Jahrzehnte – egal: ein völlig anderer historischer Zusammenhang.

… und zu kontextualisieren.

Dass man Kontext zum kontextualisieren braucht, kommt mir logisch vor. Aber vllt. ist dass der Versuch der documenta, sich in „einfacher Sprache“ zu befleißigen, um mühsam ein besseres Verständnis zu erreichen. Und dazu verzichtet man eben nicht auf Fremdwörter, sondern verwendet sie doppelt. Spätestens dann werden die Deppen schon irgendwie erraten, was gemeint ist. Warum machen die keine Zeichnung???

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Dank sei Gott dem Herrn.

Der Beitrag ist bei der documenta selbst inzwischen wieder verschwunden. Die ganze Art der Kommunikation ist aber Teil des Problems, und nicht einmal der kleinere Teil. Es ist ist tatsächlich nicht so, dass in den vielen, vielen Kunstwerken eines ist, das tatsächlich antisemitische Bildersprache verwendet und evt. als Verharmlosung des Holocaust zu verstehen sein könnte, und man diskutiert, ob man das zum Anlass nimmt, über Antisemitismus zu reden, oder es einfach abhängt. Die documenta ist vom Thema vielmehr genervt, aber nicht genervt genug, um einfach besser darauf zu achten, wen sie einlädt.

5 Gedanken zu “documenta Nachklapp

  1. Ich hab mir eben mal Screenshots angeschaut … mir fehlt da ein ganzer Batzen Fantasie, um da sowas wie einen Rabbi erkennen zu können. Die Melone assoziiere ich zuerst mit Egon Olsen .. aber gut, könnte auch ein Bänker sein, Goldman-Sachs, wenn’s denn schon was jüdisches sein muss.
    Aber ein braun-.gelber Anzug, weißes Hemd, rote Krawatte -> sorry, ein rabbi sieht für mich anders aus. völlig anders. Ein Rabbi hat ein schwarzes Gewand, ne Kippa auf dem Kopf und solche Schläfenlocken (keine Ahnung wie die heißen).

    Oder anders rum formuliert: Ich denke, man muss schon ziemlich sehen WOLLEN, dass das einen Rabbi (und das ganze Werk eine antisemitische Grundaussage) zeigt

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    1. Die Schläfenlocken sehe ich. Und Rabbis tragen schon solche Hüte statt Kippas, nur eben ohne die SS-Runen.
      Wenn das ein regulärer Nazi sein sollte, warum trägt der nicht einfach eine entsprechende Uniform samt Mütze?

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      1. okay, da sind zwei Striche, die kann man als Schläfenlocken interpretieren, hab ich übersehen, Punkt für dich. Rabbis mit Melone gibt’s, Rabis mit Pudelmütze auch, bei den Aschkenasi sind auch schwarze hüte (allerdings mit breiter flacher Krempe) verbreitet .. der Punkt war für mich: es ist nichts typisches. Und der Rest ist einfach nur wirr .. Melone mit SS Rune, brauner Anzug (SS wäre schwarz, SA war braun, aber da passt das weiße Hemd nicht), kann ich mir überhaupt keinen Reim drauf machen. Haben sich die Künstler mal zu dem ganzen Bohei geäußert?

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      2. Anscheinend nicht – oder jedenfalls habe ich davon nichts gelesen.
        Fairerweise muss man ja sagen, dass es schon Fälle gibt, wo etwas in unterschiedlichen Kulturen unterschiedliche Bedeutung hat. Wie Hakenkreuze.
        Wobei das den „Schwarzen Peter“ nicht direkt verschiebt – wenn das meinetwegen ein indonesischer Großgrundbesitzer sein soll, hätte der documenta trotzdem auffallen können, dass man das in D. nicht unbedingt erkennt.

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      3. Das fände ich schon wichtig um das mal bewerten zu können. Und generell fände ich das nicht verkehrt sowas zu klären, bevor man irgendwelche großen Fässer aufmacht. Aber hey, was weiß ich, eventuell sind’s ja tatsächlich stramme Antisemiten da hinten, die bloß zu selten Rabis in freier Wildbahn sehen und deshalb Wissenslücken im Aussehen haben, who knows.

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