Das hört nicht auf

Hier

Warum die transfeindliche Debatte einfach nicht verstummt

Weil sich niemand von den jeweils anderen Argumenten überzeugen lässt. Denn wenn, hätte soe das inzwischen getan. Gern geschehen.

Im Namen von Biologie, Feminismus oder Meinungsfreiheit werden im Diskurs um trans* Personen weit verbreitete Ressentiments beschworen.

Ja, in der Tat – woher kommt die Idee, anatomische Männer hätten keinen denkbaren legitimen Grund, als Frau wahrgenommen werden zu wollen, so dass Transfrauen (ohne geschlechtsangleichende OP) zwangsläufig illegitime Gründe haben müssen? Das ist nicht die Schuld von Biologie und Meinungsfreiheit.

 Es ist eine Allianz von Interessengruppen, zu der die Medien ihren Teil beitragen.

Gut, dass ich AntiTERF bin! Nieder mit Interessengruppen! Für die Horde!!!

Es ist kein Zufall, dass sich im postfaktischen Zeitalter Diskussionen um gesellschaftliche Themen irgendwann auf vermeintlich sichere Letztwahrheiten berufen.

Der Limbo ist keine letzte Wahrheit, sondern eine Theorie bei Dante. Oder was meint er da?

Wo verschiedene Interpretationen der Gegenwart konkurrierend aufeinandertreffen, wird schnell der Ruf nach unhintergehbaren Fakten laut, um verschiedenste politische Projekte zu rechtfertigen und im Namen des »common sense« zu etablieren.

„Common sense“ heißt so viel wie „gesunder Menschenverstand“. Das ding ist leider nicht so zuverlässig, wie Menschen gerne behaupten. Aber grundsätzlich stimmt das – Fakten sind wichtiger als Meinungen.

Mechanismen und Akteure der sozialen Netzwerke und mit ihnen konkurrierenden Leitmedien beflügeln beide die Sehnsucht nach gefühlten Wahrheiten.

„Gefühlt“ sagt man eigentlich nur bei Temperaturen. Man kann die Temperatur eindeutig messen. Die gefühlte Temperatur kann sich von der gemessenen Temperatur unterscheiden, weil der Körper nicht die absolute Temperatur fühlt, oder die relative Temperatur zur Eigentemperatur, sondern den Temperaturverlust – was die wichtigere Größe ist – und deshalb ist es bei Bergexpeditionen wichtig, beides zu beachten. Bei anderen physikalischen Größen ist die gemessene Größe allerdings viel wichtiger als die gefühlte.

Eine vermeintliche Letztwahrheit, für deren Durchsetzung sich zurzeit viele Stimmen engagieren möchten, lautet so: »Die Biologie kennt nur zwei Geschlechter.«

Das stimmt natürlich so auch nicht, wie es z.B. die Schleimpilze beweisen. Oder die normalen Pilze. Und natürlich kann eine Spezies mit genau zwei Arten von Gameten mehr als zwei Geschlechter haben: bzw. männliche, weibliche und zwittrige. Oder zwittrige und nicht-zwittrige. Wo war ich?

Dieser Satz über den Kenntnisstand einer wissenschaftlichen Disziplin wurde in den vergangenen Wochen und Monaten breit in den sozialen Medien, dem Feuilleton und akademischen Zirkeln diskutiert

Die Aussage, dass es genau zwei Geschlechter gäbe, sagt ja nichts darüber aus, ob man vom einem zum anderen wechseln kann, darf oder sollte. Die Diskussion ist insofern schon müßig.

er wurde stellenweise zum Schlachtruf.

„Tod unseren Feinden!“ – „Für die Horde!“ – „Santiaaaaagooooooo!“ – „Die Biologie kennt nur zwei Geschlechter!“ Manche Schlachtrufe sind irgendwie nicht so toll wie andere.

Auslöser war der Vortrag einer Biologin zum Thema: erst abgesagt und dann verschoben, vermeintlich »gecancelt«

Naja, er wurde dann auf yt gezeigt. Ob er erfolgreich gecancelt wurde, ist eine Definitionsfrage. Aber wenn dergleichen schon als „gefühlte Wahrheit“ gilt, steckt dahinter schon eine gewisse Abneigung gegen Naturwissenschaften.

Nun läuft die Auseinandersetzung unvermindert weiter und hat zuletzt Verleumdungsklagen, Angriffe und Spendenaktionen nach sich gezogen.

WAS? Jetzt bin ich echt erschüttert – Verleumdungsklagen und Angriffe, ok, aber mit den Spendenaktionen wurde eine Rote Linie überschritten, die bisher als demokratischer Konsens der deutschen Nachkriegszeit galt. Ich bin so erschüttert.

Auf Twitter toben Fehden zwischen Anonymen und Klarnamen über die Verfolgung nicht geschlechtskonformer Menschen im Nationalsozialismus oder die Fortpflanzung von Fischen.

Wenn man weiß, dass Nemos Vater seine Trauer als Witwer eigentlich damit verarbeiten sollte, dass er sein Geschlecht ändert, ist die Geschichte als ewiges Cisparent noch viel trauriger. Aber ja, normalerweise hören Diskussionen auf, sobald Hitler erreicht wurde. Was sagt das über diese Diskussion aus?

Beweise werden gesammelt für die Schuld der jeweils anderen, die Debatte mit »Desinformation« eskaliert zu haben.

„Beweise“ – sind das etwas diese „Fakten“, die Gefühle ersetzen sollen? Pah! Als ob irgendwas Gefühle ersetzen könnte! Gefühle halten im Winter warm, löschen den Durst und stillen den Hunger. Wobei Wärme, Durst und Hunger natürlich auch nur Gefühle sind.

Die Leitmedien sind Nutznießer dieser Dynamiken und laden Expert*innen ein, um die »neutralen Fakten« von Biologie oder Geschlecht darzustellen.

Manche Frauen fühlen sich halt nicht wohl, bestimmte Räume mit Menschen mit Penis zu teilen. Das Gefühl kann man hinterfragen, aber das Vorhandensein eines Penisses ist empirisch nachweisbar oder widerlegbar.

Die Medien … tragen einiges zur Eskalation bei.

Schon, aber die Eskalation an sich kriegen die Streitparteien auch so hin.

Zur Erinnerung: Im Juni hatte die »Welt« einen Artikel über angebliche »Transgender-Ideologie« und »Indoktrination der Kinder« durch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk veröffentlicht.

Es ist nicht eigentlich mein Streit, aber die pro-Transsexuellen-Seite würde große Teile der Debatte komplett abkürzen, wenn sie konsequent biologisches und soziales Geschlecht trennen würde. Nicht „gewinnen“, wohlgemerkt, aber der ganze „Biologie“-Teil wäre gegenstandslos.

Die vorher weithin unbekannte Biologin Vollbrecht gehörte zu den Autor*innen des Artikels, gemeinsam mit anderen Stimmen, die seit Längerem mit transfeindlichen Positionen auftreten.

Das stimmt wohl – der Biologie-Vortrag ist wissenschaftlich aber nicht zu beanstanden gewesen. Die taktisch richtige, aufgeklärte und generell nicht wissenschaftsfeindliche Einstellung wäre gewesen, den auf sich beruhen zu lassen. Schonmal vom Streisand-Effekt gehört?

Der Artikel war eine Kollaboration verschiedener Interessengruppen: sogenannter Radikalfeministinnen, die seit Jahren gegen Transgeschlechtlichkeit agitieren im Namen eines biologischen Feminismus; rechtskonservativer Akteure, die ebenfalls seit Langem gegen Personen und Themen der Gender und Queer Studies vorgehen. Rechtskonservative und radikalfeministische Stimmen trafen sich im Artikel in unverstellter Transfeindlichkeit, formuliert als AfD-hafte Polemik gegen einen »indoktrinierenden Staatsfunk«.

Die AfD ist ja nur neidisch, dass sie keinen eigenen Staatsfunk hat. Aber ja, Feminismus ist nicht so progressiv, wie behauptet, insbesondere vertritt er häufig das Rollenmuster, wonach Frauen von Männern geholfen wird.

Wegen dieses aktivistischen Hintergrunds kritisierte eine Studierendengruppe den geplanten Biologie-Vortrag

Das hatte ich schon so verstanden. Aber man kann einen wissenschaftlichen Vortrag nicht dafür kritisieren, dass der Vortragende eine politische Meinung hat.

Proteste und Gegenproteste wurden angemeldet, und die ausrichtende Humboldt-Universität sagte den Vortrag ab, um ihn später als medienwirksame Soloveranstaltung nachzuholen.

Und diese Uni nennt sich Layla! Süße, kleine freche Layla! Nach Layla Streusand.

Aus der Aktivistin gegen »Transgender-Ideologie« wurde die »Vertreterin der Biologie« – eine Rahmung, die fast alle Medien kontextlos übernahmen und bis heute weiterführen.

Tja, das war dann wohl ein Knieschuss – was lernen wir daraus? Niemanden canceln.

Die Causa Vollbrecht hat wenig mit der Person oder Expertise einer Biologie-Doktorandin und Aktivistin zu tun.

Das stimmt, ist aber auch egal – es geht ja gar nicht um Biologie, sondern um Soziologie. Soziales Geschlecht, nicht biologisches, schon vergessen?

Vielmehr ist diese unsägliche Debatte Symptom eines radikalen Diskurses, in dem sich Antigenderismus, Transphobie, Geschlechtskonservatismus und der Mainstream wunderbar die Hände reichen.

Tja, ich fände es toll, wenn ich vorknapp 30 Jahren einfach per Selbsterklärung um Musterung und Zivildienst gekommen wäre. Momentan ist das nicht das Thema, es kann aber wieder kommen. Und dann geht das nicht, weil IHR so schlecht argumentieren könnt.

An der Wucht der Aufmerksamkeit lässt sich ablesen, wie verbreitet Ressentiments gegen trans* Personen sind und wie einfach – ein wenig Wissenschaftssimulation, ein Zensurvorwurf – sich eine breite Öffentlichkeit dafür mobilisieren lässt.

Sorry, aber wenn man gegen diesen Vortrag einfach nicht protestiert hätte, wäre das ganze einfach nicht möglich gewesen. Beschweren Sie sich bitte auch bei den Aktivisten und -tinnen.

Das ist der zweite wichtige Punkt: Die Debatte über »nur zwei Geschlechter« ist einer Diskussion vorgeschoben, die im Kern die Existenzberechtigung von trans* Personen und nichtbinären Menschen verhandelt

„Existenzberechtigung“? Ein paar Nummern kleiner geht es wohl nicht, wa? Wird unterstell, man wolle die alle ermorden? Das ist nämlich das, was die Konsequenz wäre.

Diese »Diskussion« ist menschenverachtend: Es gibt keine Transdebatte.

Ja, dann ist doch gut. Was bin ich denn dann stattdessen lesend?

Niemand kann trans* Personen das Recht auf Existenz absprechen

Können vllt. schon, dürfen nicht. Da das aber praktisch niemand tut – wen schert’s?

Ein Teil unserer Gesellschaft will über die Lebensentscheidungen von Menschen nach einem rigiden biologischen Modell urteilen, und er möchte diese Doktrin ohne Kritik und medial unterstützt aussprechen dürfen.

Einige bestimmt. Einige sagen bloß: „Wir wollen hier keine Menschen mit Penis.“ Dass das typischerweise von Frauen kommt, ist nicht meine Schuld. Die ganze Debatte ließe sich auch dann lösen, wenn man einfach jede Geschlechtertrennung abschaffte. Keine getrennten Waschräume, Umkleiden und Sportwettbewerbe mehr.

Die Anerkennung des neuen Geschlechts hing bis 2011 an menschenverachtenden Kriterien: erzwungene Fortpflanzungsunfähigkeit, operative und hormonelle Maßnahmen, Erfüllung der »Rollenmuster« des Zielgeschlechts.

Speziell den Teil mit der Fortpflanzungsfähigkeit sehe ich als Argument ein. Ist zwar nicht ganz dasselbe wie zur Nazizeit, aber ich verstehe das Argument. Das mit den Rollenmustern ist aber etwas, was doch generell abgeschafft werden soll, oder?

Der transfeindliche Diskurs um »nur zwei Geschlechter« ist von überraschender Ausdauer, denn er bringt verschiedene Akteure zusammen und appelliert an weit verbreitete Ressentiments.

Ja, sowas. Als Maskulist könnte ich mich einfach popkornkauenderweise zurücklehnen. Warum gegen Quoten sein, wenn ich einfach jede Quote erfüllen kann, die ich will?

Lange wurde die Bedrohung durch eine »Gender-Diktatur« am sogenannten Genderstern spürbar gemacht (der nach wie vor freiwillig genutzt werden kann).

Und außerdem explizit Intersexuelle mitmeinen soll. Was, wenn ich mich einfach zum intersexuellem Individuum erkläre?

»Falsche Frauen« bevölkern angeblich Toiletten, Frauenhäuser und Quotenplätze der Grünen

Die Quotenplätze in DAX-Unternehmen wären eher das Problem – jede Klage wegen Nicht-Erfüllung wäre zum Scheitern verurteilt, und das ist die einzige Verurteilung, die es da jemals geben wird.

Auch im Namen eines Feminismus: Vereinigungen wie Women’s Declaration International (WDI) vertreten den sogenannten Radikalfeminismus, dem zufolge trans* Frauen Symptome des Patriarchats seien, »Weiblichkeit kolonisieren« würden und somit Ausdruck der männlichen Gewaltherrschaft über Frauen seien.

Ja, dass Männer in Frauenkleidern so schlimm wie Blackfacing seien, habe ich auch schon gehört. Mein Popkorn ist alle.

Wenn sich Rechtspopulist*innen, Twitter-Trolle und feministische Splittergruppen verbinden

Ihr habt vergessen, Trolle zu gendern! Es gibt natürlich auch weibliche Trolle, auch wenn man als Mensch den Unterschied nicht immes sofort sieht!

wird deutlich, dass es in dieser unsäglichen und andauernden Kampagne nirgendwo um biologische Forschung oder die Person einer jungen Doktorandin und Aktivistin geht.

Wenn viele verschiedene Menschen dieselbe oder jedenfalls ähnliche Positionen einnehmen, kann das ja nur eine Erklärung haben: diese Menschen haben andere Ziele, und die Position ist falsch.

Diese Allianzen werden das kommende Self-ID-Gesetz wahrscheinlich nicht verhindern.

Ein Glück!

Ein so simples wie rigides System von »nur zwei Geschlechtern« auf die Unterschiedlichkeit von Menschen und Beziehungen aufzusetzen, bedeutet großen Aufwand.

Es macht aber auch vieles leichter.

…um die Funktion des unzureichenden Systems »Zweigeschlechtlichkeit« zu gewährleisten – das auch cis-Personen starre und problematische Rollen aufnötigt

Tja – schleppt Eure Möbel doch selber!

2 Gedanken zu “Das hört nicht auf

  1. Es ist eigentlich ganz einfach: solange auf jedes Argument, das nicht gefällt, reflexartig mit dem Ad-Hominem-Argument „Transphobie“ geantwortet wird, verstärkt sich in der Öffentlichkeit ein bestimmter Eindruck.

    Steter Tropfen höhlt den Stein.

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