Wen wundert’s?

Außer die Standard?

Liebäugeln mit der Querfront

Warum es bei Corona-Demos auch eine hohe Zustimmung aus dem feministischen Spektrum gibt

  • Weil sich die Querdenker Querdenker nennen, um zu betonen, dass sie einen Querschnitt quer durch das Parteienspektrum darstellen. Natürlich muss man da auch eher linksgerichtete Leute haben. Schon aus Alibi-Quoten-Gründen.
  • Weiterhin ist Feminismus nicht notwendigerweise links.
  • Drittens sehen sich viele Linke, einschließlich feministischer Linke, als antiautoritär bzw. staatskritisch – welche bessere Gelegenheit, das unter Beweis zu stellen, gäbe es, als einfach staatliche Vorgaben zu kritisieren?
  • „Mein Körper gehört mir!“ ist eingetragenes Markenzeichen von der Feminismus. Natürlich wird der nicht nur aus Satiregründen von den Querdenkerszene verwendet, sondern aus Überzeugung.
  • Verschwörungstheorien gibt es nicht nur rechts.

Während die Coronademos in Wien mit rechtsoffenen bis rechtsextremen Inhalten auffielen, formiert sich eine linke Querfront, die überraschend viel Zuspruch aus dem feministischen Spektrum erhält.

Es gibt sicher viele Feministinnen, die eindeutig pro Impfen, Mundschutz und der meisten anderen Maßnahmen sind, aber da auch nur der härteste Kern daraus eine Mann-Frau-Geschichte macht – hallo erstmal – kann man nicht damit rechnen, dass alle Feministinnen in der Frage einer Meinung wären.

Mitautorin des im Jahre 2021 im Promedia Verlag erschienenen Sammelbands „Herrschaft der Angst. Von der Bedrohung zum Ausnahmezustand“ ist die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz. Die mit dem Wiener Frauenpreis Ausgezeichnete zog im STANDARD eine Parallele zwischen den Corona-Maßnahmen des „Hygienestaats“ Österreich und den sogenannten Nürnberger Rassegesetzen.

Keine Nummer kleiner. NIE! Oh, eine Feministin, die überall finstere Mächte am Werk sieht? Na, das ist ja unerhört! Feminisitinnen erzählen vom GPG, eine üble Verschwörung, die Frauen davon abhält, dasselbe Geld wie Männer zu verdienen, obwohl es kein Gesetz und keine Vorschrift gibt, die sie dazu zwingt, dass Sprache die Wirklichkeit oder jedenfalls das Denken beeinflusst und dazu gedacht ist, Frauen unsichtbar zu machen und zu unterdrücken, und interpretieren generell alles als frauenfeindlich. WAS sollen das anderes sein als Verschwörungstheorien?

Maria Wölflingseder, Redakteurin der kapitalismuskritischen Zeitschrift „Streifzüge“ und ebenfalls Autorin von keinzustand.at, schreibt im genannten Band von einer „kollektiven Amnesie“ der Linken, der angesichts der Gefahren einer sogenannten Pharmaindustrialisierung „jegliches Verständnis für historische Kontinuität“ fehle.

Achja, richtig – richtige Linke sind natürlich auch dann gegen bourgeoise Fabrikanten, wenn die mal etwas produzieren, von dem alle etwas haben (und nicht nur die meisten). Blabla – Hufeisen – bla -nicht gleichsetzen und so – blubb – dass die Querdenkerszene sich nur aus dem rechten Teil des Spektrums rekrutieren sollte, ist mMn tatsächlich abwegig. Ohne mich jetzt auf Prozente festlegen zu wollen.

Sie selbst hatte Ende der 1990er in einem Band zur „Kritik der Esoterik-Bewegung“ noch davor gewarnt, dass Alternativerzählungen wie Spiritualität, Ganzheitlichkeit und Naturnähe zu sinnstiftenden Phänomenen für Linke würden.

Achja, Esoterik ist auch „politikneutral“. Es gibt sicher Linke, die das toll finden, aber kennt Ihr die Jäger des Verlorenen Schatzes oder Captain Amerika? Nazis, die angebliche magische Artefakte, Atlantis oder sontigen Eso-Kram suchten, waren bis in die höchsten Ränge nicht besonders selten.

Die Slogans der selbsternannten feministischen Impfkritikerinnen decken sich teils wörtlich mit den endlosen Artikelserien der einschlägigen Verschwörungsmedien von KenFM über Rubikon bis Compact.

Man braucht keine Genehmigung, um sich selbst „feministisch“ oder „Impfkritiker“ zu nennen. Über die Endung „-in“ wird gem. Selbstbestimmungsgesetz nach Aktenlage befunden. Und, wie gesagt, da das Thema kein Thema bzgl. Sexismus ist, kann man sich damit eigentlich nicht als Feministin disqualifizieren.

Eine beliebte Erzählung, die sich auch auf keinzustand.at findet, erklärt WHO und Bill Gates zu gleichzeitig Profiteuren und Verursachern der Coronapandemie.

Ok, ein Mann ist natürlich Schuld.

Es ist die Ahnung der Vergangenheit, die die aufgezählten Feministinnen von Coronaleugnerinnen trennt: Die Verweise auf vergangene Kämpfe der Frauenbewegung gegen Gentechnik oder die Identifikation mit dem „Natürlichen“ und das Unbehagen gegenüber allem „Künstlichen“

Eigentlich wären funktionierende künstliche Gebärmütter lang fristig das Ende jedweden Sexismusses. Wie bei Star Trek, theoretisch. Ansonsten kenne ich viele Frauen, die erfolgreich in MINT-Fächern sind. Wo man mehr verdient als mit Gender-Studien.

Auf Biegen und Brechen will der Kampf gegen patriarchale Gewalt durch angeeignete Slogans wie „my body, my choice“ mit dem Kampf gegen die vermeintliche Diskriminierung Ungeimpfter verbunden werden.

Apropo Slogans: „Eigentum verpflichtet!“

Progressive Forderungen nach reproduktiven Rechten oder die Kritik patriarchaler Backlashs während der Pandemie, werden so im Sinne der Querfronttaktik verkürzt, aufgeweicht und Rechten nutzbar.

Tja, sowas aber auch. Dass man eine Schwangerschaft und eine Impfung insgesamt nicht gleichsetzen kann, ist die eine Sache, aber dass jemand die Autonomie über den eigenen Körper grundsätzlich nicht dem Staat bzw. dem Gesetzgeber überlassen will, hat nichts mit rechts und links zu tun.

Es herrscht feministischer Konsens darüber, dass Misstrauen gegenüber dem Gesundheitssystem grundsätzlich angebracht ist.

Ist das so? Ja, worüber wundert IHR Euch denn dann?

Dieses Misstrauen ist der strukturellen Missachtung der Verfassung sowie Versehrbarkeit nicht cis-männlicher Körper geschuldet.

Naja, wenn man lieber Männer als Versuchkaninchen verwendet als Frauen, ist das dann die unvermeidliche Konsequenz – Opfer experimenteller Medikamente: Frauen am meisten betroffen. Weil sie am wenigsten profitieren. Döh.

Als Welterklärungsmodelle bieten sie ihren Anhängerinnen einen Zufluchtsort vor der „rational-männlich und künstlichen Medizintechnik“, in dem sie das Gefühl vermitteln, als Frau wahrgenommen und anerkannt zu werden.

Wohingegen Nazis das toll finden, weil sie die Schulmedizin für etwas hielten, was sich die Juden ausgedacht hatten. So hat jeder halt sein – oder hier ihr – Feindbild. Dann lieber die Globulisten. Mit u, nicht mit a.

Jenseits patriarchaler Sphären und ihrer menschenfeindlichen Konsequenzen – darunter Atomkraft, Kriege, Imperialismus und Gentechnologien – räumten die frühen Frauenbewegungen der Selbstfindung und Suche nach einer unbeschädigten „weiblichen Identität“ viel Platz ein.

Funfact: „Rationalität“ ist nicht prinzipiell männlich, genau wie „Emotionalität“ weiblich ist. Dass das so assoziiert wird, liegt daran, dass „emotionale“ Männer wenig Neigung zeigen, in Schützengräben zu verbluten. Wären Männer so rational, wie es das Vorurteil sagt, hätten sie Semmelweis anders behandelt. Wobei feministische Verschwörungstheoretikerinnen mir erzählen werden, dass das nur verhindern sollte, dass die Müttersterblichkeit sank.

Dieser verschwörungstheoretische Sumpf hat feministische Positionen in der Geschichte nie trockengelassen.

Ähhh? Ganz, ganz komische Metapher.

Auch lässt er sich mit keinem einfachen Rechts-Links Schema auflösen.

Na, sowas aber auch.

Die Revitalisierung von Mythologie und Magie […] ist auch eine Reaktion auf männliche Rationalität und Technokratie, auf deren lebensbedrohliche Folgen.

Die durchschnittliche Lebenserwartung von Frauen ist in den letzten 200 Jahren stärker gestiegen als die von Männern. Wenn wir schon über VTs nachdenken: Cui bono? Entweder, es gibt keine Verschwörung, oder, sie ist nicht pro Männer…

Progressiv wäre es dahingegen, einer Pandemie im globalen Ausmaß und den folgenden Krisen kollektive feministische Antworten entgegenzusetzen, die Verletzbarkeit in den Vordergrund rücken und aushandeln.

Männer sind durch Covid verletzbarer als Frauen. Ergo ist es nicht zumutbar, dass Männer gegenüber Frauen zurückstecken. Ende der Verhandlungen.

2 Gedanken zu “Wen wundert’s?

  1. „Dieses Misstrauen ist der strukturellen Missachtung der Verfassung sowie Versehrbarkeit nicht cis-männlicher Körper geschuldet.“
    Das „nicht“ ist in Deutschland zu viel – o.k. , „Standard“ ist ja aus Felix Austria. Siehe die Regelung zur Beschneidung von „cis-(?) männlichen“ (keiner hat die Babies gefragt, ob sie sich nicht doch weiblich fühlen!) und „cis-weiblichen“ Menschen in BGB respektive StGB .

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  2. Ich stelle mir gerade eine Examensprüfung im Fach Mathematik vor. Teilgebiet analytische Geometrie. Eine Aufgabe innerhalb eines mehrdimensionalen Koordinatensystems ist zu lösen. Der Prüfling meint, das mit den vielen Koordinatenachsen sei ihm zu kompliziert. Die x-Achse würde ihm reichen.

    Ich nehme an, dass der Prüfer ihn daraufhin für einen Idioten hält.

    Auch im politisch-gesellschaftlichen Raum gibt es viele Koordinatenachsen, anhand derer sich eine Aussage einordnen lässt:

    – utopisch / realitätsbezogen
    – theorielastig / pragmatisch
    – skeptisch / vertrauensvoll
    – gewalttätig / friedlich
    – renitent / opportunistisch
    – rechthaberisch / harmoniebedürftig
    – etatistisch / individualistisch
    – egalitär / kompetitiv
    – gierig / verzichtsbereit

    und noch einige mehr, und „links / rechts“ muss da gar nicht vorkommen.

    Mein Respekt vor Leuten, die alles auf die Koordinatenachse „links / rechts“ herunterbrechen entspricht dem Respekt des Prüfers für den Prüfling in dem o. a. Beispiel.

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