Nippelgate

Siehe hier.

Ich glaube, das ist eigentlich der Name für diese Aktion hier, wo Janet Jackson und Justin Timberlake irgendwie dem spießige US-Fernsehen eines auswischten. Aber vom Prinzip her.

Lieber Nippel, sei doch nicht so würdelos

Einige Fans der Hochkultur schwitzen dieser Tage ihren Sexismus raus – und klassische Medien finden noch immer nicht die richtigen Worte dafür

Da möchte ich auf Kollegen Nömix verweisen, der den Sexismus und generell einseitige Berichterstattung in dieser Angelegenheit viel gezielter entlarven konnte, indem er das textile Totalversagen eines männlichen Mitarbeitenden der Festspiele dokumentierte. Auf demselben Foto!

Es braucht offensichtlich nicht viel, um Frauen zu zwingen, ihren Twitter-Account zu löschen. Diesmal war die Schauspielerin Mavie Hörbiger wegen eines angeblich „fehlenden BHs“ dazu genötigt.

Das ist technisch gesehen korrekt – bis dato hat man keinen Mann wegen eines fehlenden BHs „gezwungen“, „genötigt“ oder sonstwie bewegt, seinen Twitter-Account zu löschen. Andererseits ist so ein Twitter-Account auch nicht gerade so etwas lebenswichtiges wie der eigene Job oder die eigene Wohnung.

Es mag im Zuge des Todes der Ärztin Lisa-Maria Kellermayr und dessen furchtbarer Hintergründe wie eine Kleinigkeit anmuten.

Oder das eigene Leben. Ja, das ist Online-Mobbing, aber ein gelöschter Twitter-Account ist mehrere Nummern kleiner. Und „erscheint“ nicht bloß so.

Mavie Hörbiger trug vor kurzem bei einer Eröffnungsfeier der Salzburger Festspiele ein schwarzes Shirt – und einige, die offenbar fadisiert durch Twitter scrollten, fanden freilich etwas, worüber sie sich echauffieren konnten.

Dass das Shirt nicht weiß, grün oder blau war, ist wichtig! Wegen Durchsichtigkeit!

Da waren doch tatsächlich Nippel zu sehen – ergo: Die Frau hat keinen BH an, der diese „Provokation“ hätte abflachen können.

Zum Provozieren gehören immer zwei. Einer, der sich provozieren lässt, und einer, der provoziert. Nääh, das ist ein blöder Spruch. Es gibt keine Vorschrift, die das Tragen von BHs unter Blusen bei Presseterminen anordnet, insofern ist das nicht einklagbar. Andererseits war diese „Provokation“ möglicherweise trotzdem weder Versehen noch Gleichgültigkeit, sondern sollte vllt. Aufmerksamkeit generieren?

Wer also wirklich bis jetzt geglaubt hat, unter Anhänger:innen der Hochkultur ist bezüglich tiefer Sprüche und derben Frauenhasses irgendetwas besser, bekommt hier plastisch das Gegenteil präsentiert.

Also, ich habe NIE geglaubt, dass „Anhänger“ und „Anhängerinnen“ der Hochkultur irgendwie mehr für Nippel übrig haben als Anhängerinnen und -hänger der „Flachkultur“. Oder „Tiefkultur“? Was auch immer. Jedenfalls hätte ich die für besonders prüde und verklemmt gehalten. Oh, und das sind die wohl auch! Wieder mal Recht gehabt.

Wir müssen die Salzburger Festspiele vor dem Nippel schützen, so tönt es sinngemäß und wohl sehr nasal.

„Nasal“ ist wohl die nette Umschreibung österreichischer Aussprache? Aber nein, „wir“ müssen gar nichts. Man könnte bei der eigentlichen Aufführung Kostüme dahingehend kritisieren, dass diese (zu) freizügig seien, aber in einem Stück, in der eine Rolle einfach nur sexistischerweise „Buhlschaft“ heißt?

Etwa, dass man mit dem BH-freien Busen den Festspielen ihre „Würde“ nehmen würde, ein „Jedermann, der zum JederGender verkommt“.

Nagut, eine Frau, die Gott UND Teufel spielt? Außerdem, einer von beiden wird sich das Konzept hinter diesen „Nippeln“ ja wohl ausgedacht haben. Privat haben die beiden jedes Geschlecht, das sie haben wollen. Oder gar keines. Oder Gott erschafft drei neue Geschlechter, und der Teufel kümmert sich um die Details.

Mavie Hörbiger … löschte in Reaktion darauf ihren Twitter-Account.

Es ist doch nur Twitter. Nichts existenzielles.

Wie kommt sie dazu, wegen dieses frauenverachtenden Schwachsinns einen ihrer Kommunikationskanäle kappen zu müssen?

Ja, weil es vllt. nur Twitter ist? Sie wird wohl noch genug andere Kommunikationskanäle haben.

Es ist eine Zumutung, die für viele Frauen im Netz alltäglich ist.

Weil Männer nicht gemobbt werden können. Oder jedenfalls nicht erfolgreich. Ihnen fehlen die Enzyme oder so.

Bevor wir aber erneut so tun, als ob nur dort kommunikationsmäßig archaische Verhältnisse herrschen würden, ein Blick auf einen redaktionellen Bericht über diese Sache.

ACH? Medien bauschen jeden Nicht-Vorgang zu einem Skandal auf? Also entweder: „Schauspielerin wird gezwungen, Twitter zu löschen!“ oder „Nippel-Skandal!“? Das liegt daran, dass es so oder so keine Meldung wäre, wenn man die Aufgeregtheit soweit runterschrauben würde, wie es dem Anlass eigentlich entspräche…

Ein Bericht im „Kurier“ über die Löschung von Hörbigers Account und die Gründe dafür verabsäumt genau das, was die Aufgabe eines redaktionellen Berichts zu so etwas wäre: einordnen und beschreiben, was war.

„Irgendwer ist genervt, dass bei Twitter so viele Idioten vorkommen, und löscht den Account.“ Außerdem: „Unser Redakteur hat neulich in der Straßenbahn 10 ct gefunden: ’nen Euro-Groschen!“

Stattdessen normalisiert er den massiv misogynen Ton, indem im Titel etwa „Nippel-Kritik“ steht.

Ich finde, „Austropromis“ klingt wie ein Name für einen Flugsaurier. Ist aber die Rubrik von einem Klatschblatt.

Was soll das sein?

Austro-pro-mis: „Südlich-vorm-Mis“. Der Mis ist ein Fluss in Italien, der bestimmt auch einen lateinischen Namen hat, aber egal.

Kritik daran, dass es Nippel gibt? Nur blöd, dass man daran nichts ändern kann.

Theaterkritik ist keine Kritik daran, dass es Theater gibt. Normalerweise.

Darüber hinaus wird ein Kommentar, demzufolge Frauen nur deshalb keinen BH tragen, um sich dann aufregen zu können, dass Männer ihnen auf den „Busen glotzen“, als „bissig“ bezeichnet. Bissig?

Bissig.

Der User sagt nichts anderes, als dass Frauen ihren Körper so „verpacken“ müssen, dass sie von Männern nicht belästigt werden

Eigentlich sagt er, dass Frauen diese Reaktion erwarten. Was in der Pauschalität natürlich falsch ist. Allerdings – wie gesagt – in der wunderbaren Welt der Aufmerksamkeitsökonomie ist die Vermutung, dass diese Frau diese Reaktion wollte, nicht völlig unplausibel. Die logische Reaktion ist aber dann natürlich eben genau nicht, zu glotzen, sondern die ganze „Provokation“ zu boykottieren.

das ist ein Mindset, das Frauen die Schuld am Gaffen, Verurteilen und letztlich auch an Übergriffen gibt.

Boykottiert den Nippel!!!!

Eines, das den Körper von Frauen als das Grundproblem bewertet, und nicht den Frauenhass.

Buhlschaft ist ein völlig veraltetes Wort! Nennt die Schlampe „Schlampe“!!!

So etwas zu erkennen und benennen und daraus nicht „hitzige Debatten“ zu machen, das wäre die Aufgabe klassischer Medien.

Und die Regenbogenpresse boykottiert erst RECHT!

Sexismus ist weder eine „Debatte“ noch „Kritik“. Es ist Sexismus.

Wenn Männer also keine Sexisten sein wollen, müssen sie also gegen BHs sein? Ich frage, weil große Teile des Feminismusses regelmäßig zwischen sex-positiv und -negativ zu wechseln scheinen.

Ein Gedanke zu “Nippelgate

  1. Wieso wird bei solchen Artikeln ine erklärt, dass, wenn man seinen Twitter-Account *deaktiviert*, dieser für andere als „existiert nicht“ angezeigt wird, man aber eine 30-Tage-Frist hat, die Aufmerksamkeitskuh zu melken, bis der Account samt Follower tatsächlich futsch-futsch ist?

    Zugegeben, in einer Aufmerksamkeitsökonomie erscheinen 30 Tage schnell wie ein ganzes Menschenleben und man vergisst worum es eigentlich ging. Worum ging es eigentlich?

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