Eigentlich ja

Er hier.

„Das ist eine ganz existenzielle Persönlichkeitsfrage“

Ach? Persönlich halte ich das für ein Beleg, dass das das Geschlecht entweder tatsächlich angeboren ist, oder aber, dass gesellschaftlich kontruierte Zuschreibungen genauso existenziell sein können wie die Biologie. Aber gut.

Der Großteil der Menschen sei nicht transfeindlich, glaubt der Queerbeauftragte. Ein Gespräch über Identitäten und mögliche Gefahren im neuen Selbstbestimmungsgesetz

Das glaube ich tatsächlich auch nicht, obwohl es transfeindliche Menschen sicher gibt, und nicht zu knapp. Aber nicht alles, was als „transfeindlich“ gilt, hat sich dieses Etikett auch verdient.

Die Ampel-Regierung hat sich gesellschaftspolitisch viel vorgenommen: Das Werbungsverbot für Schwangerschaftsabbrüche ist weg, ein neues Selbstbestimmungsgesetz soll die Rechte von trans Menschen stärken.

Das mit dem „Werbeverbot“ war eigentlich auch dämlich. Die reine Info, dass man Abtreibungen durchführt, ist ebensowenig Werbung für Abtreibungen wie die Information, dass man Prostatauntersuchungen macht, Untersuchungen der Prostata bewirbt. Wobei letztere tatsächlich mehr Menschen nützen. Außerdem Transrechte. Wenn schon Sonderrechte, dann nicht sonder Rechte.

Wer seinen Geschlechtseintrag und Vornamen ändern muss, braucht dafür keine Gutachten und Atteste mehr. Warum das ein nötiger Schritt ist – und Frauen- nicht gegen trans Rechte ausgespielt werden sollen

Was sind Frauenrechte? Was sind trans Rechte? Gibt es auch cis Rechte? Sind Leerzeichen irgendwie der menschlichen Willkür ausgesetzt? Wie immer der Hinweis: es sollte eigentlich kein Problem sein zu leben, wie man will, aber die eigene Freiheit endet, wo die der anderen beginnt. Was ziemlich wischi-waschi ist, aber Keks! Phraser auf Betäubung stellen!

ZEIT ONLINE: Herr Lehmann, sind Sie eigentlich genervt von der Debatte ums Selbstbestimmungsgesetz?

Wenn ja, wäre es ja gerade mal richtig arschig, ihn ausgerechnet dazu zu interviewen.

Sven Lehmann: … Ich wundere mich nur sehr darüber, dass ein Gesetz, das eine so kleine Gruppe betrifft, in Teilen der Gesellschaft so hohe Wellen schlägt.

Ist das jetzt kluges Dummstellen (Ironie), oder dummes Dummstellen? Die ganze „Menschen mit Penis wollen Frauen in Umkleiden und Waschräumen vergewaltigen“-Argumente sind einerseits überzogen, andererseits die logische Konsequenz der „Menschen mit Penis wollen generell Frauen vergewaltigen“-Narrative.

ZEIT ONLINE: Woher kommt diese Desinformation?

Lehmann: Ganz grundsätzlich gibt es überall auf der Welt Auseinandersetzungen darüber, wie liberal Gesellschaften sein sollen.

Das war nicht die Frage.

Ich erkläre mir das so: Die Gesellschaft basiert auf der Annahme, dass es nur zwei Geschlechter gibt und dass das, was bei der Geburt festgelegt wird, ein ganzes Leben lang bleibt.

Das biologische Geschlecht wird eigentlich schon bei der Zeugung festgelegt. Aber ja, „die“ Gesellschaft sieht keine Namen für intersexuelle Kinder vor, keine Trachten oder Frisuren für Intersexuelle, keine Übergangsfeste für Leute, die ihren Geschlechtseintrag ändern. Nebenbei, müssten Frauen als das unterdrückte Geschlecht nicht generell lieber Männer sein? Die vermutbare Reaktion wäre, dass vor allem Männer dagegen wären, und vor allem Frauen dafür. Hmm…?

Menschen, die nicht in dieses Schema passen, verunsichern diese Annahme.

Tatsächlich das auch, aber das Argument trifft so mehr auf Inter- als auf Transsexuelle zu.

Es ist zwar nur eine kleine Gruppe, aber diese Gruppe leidet seit über 40 Jahren darunter, dass sie nicht würdevoll und selbstbestimmt leben kann.

Aber vor 41 Jahren war alles noch supi? Mathe macht SPASSSSS!

ZEIT ONLINE: Apropos Menschenwürde und das Recht auf Selbstbestimmung. Auf Twitter habe ich vor ein paar Tagen den Eintrag einer Frau gesehen, die schrieb, dass sie sich wünschen würde, nicht regelmäßig nachweisen zu müssen, dass ihr Kind behindert ist, um Sozialleistungen zu bekommen. Was sagen Sie dieser Frau?

Das würde mich auch interessieren? Kann eine Behinderung einfach verschwinden? Wie oft muss man nachweisen, dass das nachweislich behinderte Kind immer noch behindert ist? So ein bisschen Kontext wäre zwar schön, um die Frage zu verstehen, aber Sven Lehmann durchschaut das natürlich sofort, ohne rückzufragen:

Lehmann: Ich sage ihr, dass ich sie verstehe. Aber man sollte das eine Leid nicht gegen das andere ausspielen.

DAS hilft ihr aber nicht weiter. Warum muss eine Behinderung – im Unterschied zu einer Krankheit – regelmäßig nachgewiesen werden? Arrgs!

Transgeschlechtliche Menschen leiden, weil sie tagtäglich Gefahr laufen, angegriffen zu werden, einfach weil sie die Person sind, die sie sind.

Im Unterschied zu Behinderten jetzt? Aber gut, transgeschlechtliche Menschen haben es in der Hinsicht nicht leicht, aber davor schützt sie das Selbstbestimmungsgeschlecht so wenig, wie Behindertentoiletten Behinderte beschützen. (Soll jetzt kein Argument pro Gewalt sein, aber die Antwort passt nicht ganz zur Frage.)

ZEIT ONLINE: Ist das nicht der Kern von Politik: Leiden gegeneinander abzuwägen? Sie müssen doch zugeben, dass Politik begrenzte Kapazitäten hat bei den Themen, um die sie sich kümmern kann.

Was ist das denn für eine Frage? Gibt es zu wenig Abgeordnete in D.? Aber, wenn man schon dabei ist, was ist mit dem Wechselmodell? Man kann jedes neue Gesetz nehmen, ein anderes Gesetz  aus der Warteschlange daneben stellen und nach Prioritäten fragen.

ZEIT ONLINE: Wie wichtig ist es eigentlich wirklich, ob im Personalausweis ein weiblicher oder ein männlicher Name steht?

Lehmann: Die Frage der Identität ist eine sehr wichtige für viele Menschen. Wie sie sich identifizieren, wie sie angesprochen werden, welchen Vornamen sie haben.

Das ist tatsächlich mal eine gescheite Frage, die aber auch tatsächlich gescheit beantwortet wurde.

Es geht hier nicht nur um den Personalausweis. Dort steht die Geschlechtsangabe noch nicht mal drin. Es geht hier auch um Krankenversicherungskarte, EC-Karte, Führerschein, Arbeitszeugnisse. Überall, wo sie sich ausweisen müssen, bekommen trans Menschen Probleme, müssen sich outen und erklären, mit der Gefahr der Diskriminierung.

Transmenschen. Aber ja, das Argument verstehe ich, und es ist wirklich liberal: wenn man Hildegunde heißen will, soll man hildegunde genannt werden dürfen. Die Gründe, die manche Menschen dagegen haben, sind trotzdem etwas vielschichtiger als „die Gesellschaft“.

ZEIT ONLINE: Auch bislang wurde es kaum jemandem verboten, den Geschlechtseintrag zu ändern. 99 Prozent der Begutachtungen wurden positiv beschieden.

Lehmann: Was noch mehr dafür spricht, dass diese Verfahren unnötig sind. Das hat etwa auch der deutsche Psychotherapeutentag bestätigt.

Und DAS ist naiv. Bei aller Sympathie, das Gegenargument ist doch, dass das Selbstbestimmungsgesetz nicht nur oder in erster Linie von Transmenschen genutzt wird, sondern von übelgesinnten Cismännern. Solche hätten nach der alten Regelung kein Interesse daran, weil eine Geschlechtsangleichende OP vorgeschrieben war, und wären weiterhin beim Gutachten vermutlich aufgeflogen. Nebenbei halte ich es auch bei einer 99%-Quote für angemessen, dass man einen solchen Eingriff nicht unbegleitet vornimmt. Die neue Regelung kommt außer Transsexuellen und übelgesinnten Cismännern allerdings auch Transvestiten zugute, also Menschen, die mit ihrem anatomischen Geschlecht ganz zufrieden sind, aber gerne in der Rolle (Kleidung, Name, Frisur) des jeweils anderen leben wollen. Was ja auch legitim ist, aber wie gesagt, das Narrativ halt über Menschen mit Penis.

ZEIT ONLINE: Einerseits. Andererseits: Niemand wurde daran gehindert, als derjenige zu leben, der er sein wollte.

Lehmann: Da bin ich nicht sicher. Denn die Hürden waren und sind sehr hoch. Ich denke, dass es viele Menschen gibt, die sich lieber versteckt haben, als diese Begutachtung über sich ergehen zu lassen.

Denken heißt nicht wissen. Aber gut, es ist nicht seine Schuld, wenn es keine Statistiken…

Lehmann: Die Zahlen steigen ja insgesamt schon. 2020 hatten wir knapp 2.700 Änderungen des Geschlechtseintrages. Das waren vor zehn Jahren noch weniger. Es liegt also offenbar nicht am geplanten Selbstbestimmungsgesetz, wenn die Zahlen steigen,

Vielleicht waren diese Gutachten früher auch einfach nur „härter“? Aber merken wir uns diese Zahl für die Zukunft.

sondern daran, dass in einem offeneren gesellschaftlichen Klima mehr trans Menschen sich trauen und weniger Angst vor einem Coming-out haben.

Kann ja sein. Dennoch haben auch die meisten TERFs nicht Angst vor Transfrauen als Kategorie, sondern vor Menschen mit Penis. Als Kategorie.

ZEIT ONLINE: War nicht eigentlich mal das Ziel, Geschlecht als Kategorie zu überwinden?

Jetzt nicht mehr!

Lehmann: Das Bundesverfassungsgericht hat dem Gesetzgeber in seinem Urteil 2017 offen gelassen, die staatliche Erfassung von Geschlecht im Personenstand ganz abzuschaffen. Damals hat die große Koalition sich dagegen entschieden.

Und weil die große Koalition auch noch nach ihrer Abwahl Deutschland regiert, kann man daran leider, leider nichts mehr ändern. Schade, aber alternativlos.

Das Problem sind männliche Privilegien, unterschiedlich verteilte Ressourcen, die mit dem Geschlecht verknüpft werden.

Wenn diese Privilegien gesetzlich fixiert wären, könnte man diese Gesetze doch einfach ändern. Wenn nicht, ändert das Selbstbestimmungsgesetz daran auch nichts. Aber bei so einer Denke muss man sich nicht wundern, warum Transfrauen nicht geglaubt wird, die freiwillig ihre sogenannten Privilegien aufgeben.

Dass Frauen weniger verdienen, häufiger von häuslicher Gewalt betroffen sind.

Ja, genau. DAS wird sich ändern, nicht? Nicht.

Für mich ist nicht das Problem, dass Menschen sich mit einem bestimmten Geschlecht identifizieren. Wir müssen Rollenzuschreibungen überwinden. Und ich glaube, dass transgeschlechtliche Menschen da einen wesentlichen Beitrag leisten.

Das erklärt trotzdem nicht, warum man alle amtlichen Verweise auf Geschlechter nicht einfach abschafft. Wegen Frauensport? Frauenschutzräumen? Frauenirgendwas?

Weil ihre Existenz Geschlechtervorstellungen hinterfragt.

Wenn jemand sagt: „Ich bin meiner männlichen Anatomie zum Trotz eine Frau, und das sieht man daran, dass ich einen femininen Vornamen habe UND außerdem Kleider trage.“, dann nutzt der oder die ja tatsächlich gesellschaftlich definierte Geschlechtervorstellungen. Und die sind nicht sooo universal. In einem Land, wo Männernamen auf -a enden und Frauennamen auf -i, und wo Hosen und Röcke keine geschlechtsspezifischen Kleidungsstücke sind, würde man vllt. gar nicht merken, dass dieser jemand als Frau wahrgenommen werden will. Und Indien hat tatsächlich eine Tradition für ein drittes Geschlecht.

Deshalb verstehe ich auch nicht, warum manche sogenannten Feministinnen trans Menschen so angreifen. Das passt für mich nicht zusammen.

Ich finde es auch schlimm, dass Transmenschen angegriffen werden, aber wenn Transfrauen für Cismänner gehalten werden, ist das nicht so überraschend bei Feministinnen.

ZEIT ONLINE: Manche trans Menschen wünschen sich, genau diese Rollenzuschreibungen zu leben.

Danke, Zeit!

Lehmann: Das ist dann auch Teil ihrer Selbstbestimmung. Vielleicht hören wir überhaupt mal damit auf, Menschen zu sagen, wie sie sich zu fühlen und wie sie zu leben haben.

Außer Feministinnen, Feministinnen sollten sich nur so verhalten, wie ich, der Mann namens Lehmann, das für gut und richtig halte!

ZEIT ONLINE: Verstehen Sie die Ängste von Frauen, die sich sorgen, dass Männer dieses Gesetz missbrauchen werden

Offensichtlich nicht.

Lehmann: Welche Vorteile haben denn Männer in dieser Gesellschaft von einem weiblichen Geschlechtseintrag?

Ganz offensichtlich nicht.

Nehmen wir das Beispiel Gewalt.

Genau! Wenn es genug Männerhäuser gäbe, wäre die Frage, ob sich Cismänner als Transfrauen ausgeben müssten, um häuslicher Gewalt zu entfliehen, obsolet. Das meint der doch, oder?

Männer nutzen leider viele Möglichkeiten, gewalttätig gegenüber Frauen zu sein. Dafür brauchen sie nicht das Selbstbestimmungsgesetz. Das bringt ihnen gar keine Vorteile.

Oder nicht. Aber ja, weil Männer sowieso in Frauenschutzräume eindringen können, sind Frauenschutzräume effektiv nutzlos. Warum diese nicht gleich abschaffen? Spart doch Geld.

Es gibt bei öffentlichen WCs und Umkleiden ja auch keine Ausweiskontrollen.

Das ist nur das halbe Argument. Ein männlicher Spanner, der auf die Damentoilette geht, wird vermutlich unmittelbar aufgefordert zu gehen. Wenn er dem nicht Folge leistet, hat man relativ schnell den Betreiber des WCs und/oder die Polizei dabei. Wenn der Spanner allerdings einen Frauennamen im Perso hat, hat er sozusagen einen „Rechtsanspruch“. Und dann wird es recht schwierig.

ZEIT ONLINE: Aber können Sie garantieren, dass es keine Lücke gibt, dass kein Mann irgendwie von diesem Gesetz profitieren kann?

Lehmann: Welche Vorteile hat es denn, in unserer Gesellschaft eine Frau zu sein?

Exhibitionismus ist aber bspw. nur bei Männern strafbar. Ist damit eine Person mit Penis und Hoden gemeint oder eine Person mit männlichem Vornamen? Falls der Spanner auf der Damentoilette sich zusätzlich entblößt…

Rein theoretisch macht es für Männer, die nicht trans sind, gar keinen Sinn, männliche Privilegien aufzugeben.

Rein theoretisch, ja. Bzw., wenn diese sogenannten Privilegien verbrieftes Recht sind. Praktisch, nunja…

Es gibt inzwischen weltweit zwölf Länder mit einem Selbstbestimmungsgesetz. In Argentinien seit über zehn Jahren. Diese schweren Missbrauchsfälle gibt es dort nicht.

Funfact: seit über 28 Jahren ist da auch die Wehrpflicht abgeschafft. Aber ja, je weniger juristische Vorteile Frauen haben, desto weniger lohnt es sich für Cismänner, sich als Transfrauen auszugeben.

Frauenhäuser sind Gewaltschutzräume und manche sind bereits offen für trans Frauen.

Jaaaa, Moment mal! Was ist mit Transmännern? Wohin gehen die denn? Die Männerschutzräume sind ja schon voll. 34 Plätze. Vier-Und-Dreißig!

Auch nach dem Selbstbestimmungsgesetz entscheiden die Mitarbeiterinnen vor Ort, wer aufgenommen wird und wer nicht.

Geil! Endlich Willkür! Wofür ist so ein Geschlechteintrag dann gut?

Auch mit einem weiblichen Geschlechtseintrag bekomme ich da nicht automatisch einen Platz.

Dann sieht das für gewaltbetroffene Transmänner erst recht schlecht aus.

Und wenn doch Gewalt ausgeübt wird, gibt es das Strafrecht.

Ja, genau! Wieso überhaupt Frauen- oder Männerhäuser? Wenn Gewalt ausgeübt wird, gibt es das Strafrecht!

ZEIT ONLINE: Das leider nicht mehr so richtig hilft, wenn man schon vergewaltigt wurde.

Lehmann: Deshalb braucht es mehr Schutzräume

Ja, dann baut doch bitte mehr davon. „Ich trinke jetzt ein Bier aus dem Kühlschrank.“ – „Es ist 10.00.“ – „Warmes Bier ist gut gegen Erkältungen!“ – „Das Bier ist aber kalt!“ – „Ja, und? Ich bin ja auch nicht erkältet.“

Aber was hat das jetzt wieder mit trans Personen zu tun?

Sofern Transpersonen nicht durch magische Umstände gegen Gewalt in Beziehungen geschützt sind, kommt es bestimmt vor, dass Transmenschen solche Schutzräume aufsuchen müssen. D’oh!

ZEIT ONLINE: Ich denke mir mal zwei Szenarien aus: Ein Mann ist nach einer Scheidung im Sorgerechtsstreit mit seiner Frau und lässt seinen Personenstand zu „weiblich“ ändern, weil er so auf einen Vorteil vor Gericht hofft.

Jaaaa, warum sollte ein Elternteil auch einem anderen bevorzugt werden? Wechselmodell funktioniert doch. Also als Standardfall in Ländern, die das eingeführt haben. Also in Kentucky.

Oder ein Mann, der sich als Mann fühlt und als Mann geboren wurde, ist in einem Ortsverband bei den Grünen und möchte für ein Amt kandidieren, aber das ist wegen einer Quotenregelung nur als Frau möglich.

Na, sowas. Nebenbei, das wird tatsächlich bei vielen Feministinnen die Hauptsorge sein…

Klingt absurd, aber die absurdesten Dinge passieren.

*Sing: Seltsames ist hier geschehen, seltsamer wär‘ es kaum, träfen Du und ich uns nachts im Henkersbaum.

Lehmann: Ja, das sind sehr absurde Beispiele. Im ersten Fall würde weiterhin ein Familiengericht entscheiden, bei wem das Kind bleibt.

Ja, aber wenn das Wechselmodell beantragt wäre? Warum sollte die eine Mutter der anderen Mutter bevorzugt werden?

Durch einen Wechsel des Geschlechtseintrages bekommt man doch nicht automatisch ein Umgangsrecht.

Nun, manchmal hat man schon den Eindruck, eine Person bekäme nur deshalb kein Umgangsrecht, weil sie  irgendwas männliches heißt…

Im zweiten Fall: Auch hier bekommt die Person doch nicht automatisch den Platz, nur weil sie dann einen weiblichen Geschlechtseintrag hat.

Automatisch nicht, aber wenn die Person eine Mehrheit in der Partei hat und nur die Quotenregelung zwischen ihr und ihrer Wahl steht? Außerdem, welchen Sinn hätte eine Quotenregelung noch, wenn Grüne sowieso nur Frauen wählen wollen oder können?

Es gab den Fall einer Person, die einmal auf einer Grünen-Versammlung gesagt hat, sie sei eine Frau, obwohl es so nicht war. Sie wurde von der Versammlung nicht gewählt.

Mal abgesehen davon – was ist mit Firmen, denen mit Strafen gedroht werden soll, wenn sie keine Frauenquote im Vorstand einführen? Die würden im Zweifel auch die Transfrau nehmen.

Lehmann: Frauenquote heißt ja nicht, dass jede Frau genommen werden muss.

Frauenquote heißt, dass man keine Cismänner wählen darf, weil unterstellt wird, dass man das sonst täte. Wenn man das nicht täte, braucht es diese Vorschrift nicht, wenn die Vorschrift aber doch nötig ist, wird sie so umgangen.

Ich bin total sicher, dass wenn eine Person nicht dauerhaft und ernsthaft als Frau lebt, sie auch keinen Job bekommt, der über eine Quotenregelung vergeben wird.

Das ist in mehrfacher Hinsicht Kappes.

  1. Eine Cisfrau müsste ja auch nicht „dauerhaft und ernsthaft“ als Frau leben, um den Quotenplatz zu kriegen
  2. Es gibt kein Gesetz, keine Vorschrift, DIN oder sonstige Regelung, wie man „als Frau“ lebt
  3. Es wird unterstellt, dass kaum jemand außer dem jeweiligen Cismann den Wunsch haben könnte, solche Quoten zu umgehen

Naiv eben.

Außerdem, fragen Sie mal trans Frauen nach ihren Erlebnissen auf dem Arbeitsmarkt. Viele verlieren nach einem Coming-out ihren Job.

Ein Cismann, der sich als Transfrau ausgibt, um eine Quote zu erfüllen, macht das in Rücksprache mit dem Arbeitgeber. Ansonsten gibt es keinen Zwang, sich zu outen. Man lässt sich einen neuen Perso ausfüllen und lebt so, wie man will. Wenn Cisfrauen Hosen und Herrenhemden tragen dürfen, dürfen Transfrauen das ja wohl auch.

ZEIT ONLINE: Das Selbstbestimmungsgesetz soll auch ein Offenbarungsverbot enthalten. … Sehen Sie da Möglichkeiten, wie das ausgenutzt werden könnte?

Bitte zum Mitschreiben. Wir fragen für einen Freund in.. eine Freundin, genau.

Lehmann: Das Offenbarungsverbot heißt ja erst einmal, dass man nicht böswillig und mutwillig jemanden mit dem falschen Geschlecht und falschen Namen ansprechen darf. Im Gesetzgebungsverfahren werden wir uns selbstverständlich anschauen, wie es bei Menschen ist, die in der Vergangenheit Straftaten begangen haben.

Dergleichen kann man sicher genauer regeln, aber wie will man z.B. verhindern, dass jemand iosen alten Perso behält und als verloren angibt? Einen gewissen Vorteil, zwei echte Persos zu haben mit unterschiedlichen Namen gibt es sicher.

ZEIT ONLINE: Wie bekommen Sie das hin?

Lehmann: Das wird Teil des Gesetzgebungsprozesses sein.

ZEIT ONLINE: Sie haben also noch keine Idee.

Dialoge wie aus einer Sitcom.

Übrigens hat auch das jetzige Transsexuellengesetz ein Offenbarungsverbot. Darin heißt es, dass der alte Name nicht ausgeforscht werden darf, es sei denn, dass besondere Gründe des öffentlichen Interesses dies erfordern oder ein rechtliches Interesse glaubhaft gemacht wird.

Jaaa-haaa. Aber damals musste man sich u.a. einer OP unterziehen, was etwas viel Aufwand ist, um ein neues Leben anzufangen. Demnächst bekommt man einfach einen neuen Pass.

ZEIT ONLINE: Verstehen Sie, dass Frauen wegen des Selbstbestimmungsgesetzes sauer sind? Weil sie sagen: Jetzt wird mir mein Frausein weggenommen?

Lehmann: Niemand nimmt doch irgendjemandem etwas weg.

Bis auf den Quotenplatz.

ZEIT ONLINE: Manche cis Frauen haben das Gefühl, auf einmal in einem Pool zu sein mit denjenigen, die männliche Privilegien genossen haben.

Lehmann: Zu sagen, dass trans Personen privilegiert sind, da habe ich ein Störgefühl.

Cisfrauen aber schon. Frauenquote, allgemeine Wehrpflicht, Mitleidsbonus…

Trans Frauen nehmen ja ihre Privilegien nicht mit in ihr Leben als Frau. Nehmen Sie Georgine Kellermann als Beispiel.

Najaaa, welche Privilegien überhaupt? Aber gut, nehmen wir mal an, G. Kellermanns härteste berufliche Konkurrenz hieße Tanja Tellermann. Genauso kompetent, erfahren und sonstwie qualifiziert. Man entschied sich seinerzeit nur deshalb gegen Tellermann, weil bei ihr die „Gefahr“ bestand, dass sie schwanger werden könnte. Nun, diese Gefahr besteht bei Georgine Kellermann nicht. D.h., Kellermann wird Tellermann diesbezüglich weiterhin vorgezogen.

Der Hass, der ihr entgegenschlägt, das tut sich doch niemand freiwillig an.

Ok, je weniger Hass, desto größer die Gefahr, dass das jemand ausnutzt? Hmmm. Irgendwie haben die TERFs da eine gewisse Logik.

Georgine Kellermann ist Studioleiterin beim WDR.

Lehmann: Wie gesagt: Viele trans Menschen verlieren nach einem Coming-out ihren Job. Ich freue mich daher, dass Georgine Kellermann weiterhin Studioleiterin bleiben konnte.

Ja, Kellermann ist in den Medien und der Politik gut vernetzt. NaTÜRlich behält sie ihren Job.

Feministisch ist es doch, männliche Privilegien zu kritisieren, sich dafür einzusetzen, dass Frauen solidarisch miteinander sind.

Nuuun, wenn Frauen bspw. Frauenquoten und Frauenhäuser und Frauen-WCs als weibliche Privilegien wahrnehmen – vllt. wollen die einfach nicht teilen?

ZEIT ONLINE: Gibt es denn in Ihren Augen uterus-spezifische Diskriminierung? Also Probleme, die in der Gesellschaft nur Leute haben, die einen Uterus haben?

Lehmann: Das müssen Sie erläutern.

Boing. Ich interessiere mich auch nicht für Fußball, aber weiß trotzdem, dass der Ball rund ist und das Spiel 90 Minuten dauert. Und jemand, der sich auch nur den Anschein gibt, ein Feminist zu sein, sollte doch so ein paar Ursachen für sexistische Diskriminierung kennen.

ZEIT ONLINE: Ungewollte Schwangerschaften. Oder: Jobs, die man nicht bekommt, weil man schwanger werden könnte.

Lehmann: Selbstverständlich.

Ungewollte Schwangerschaften an sich sind keine Diskriminierung. Die Diskriminierung, dass man keine Leute einstellt, von denen man vermutet, sie könnten schwanger werden – unfreiwillig oder mit Absicht – ist aber ein reales Ding. Insofern ein Argument, lieber eine Transfrau einzustellen, wenn man schon sowieso so denkt.

Das ist frauenspezifische Diskriminierung in Gesellschaft und Arbeitswelt.

Das ist uterusspezifische Diskriminierung. Also kein Problem von Transfrauen.

ZEIT ONLINE: Finden Sie denn, dass Krankenkassen die geschlechtsangleichenden Operationen und die Medikamente für trans Personen bezahlen sollten?

Lehmann: ... Das ist ein Zustand, der einheitlich geregelt gehört.

Ok, da hat er wohl nicht unrecht.

ZEIT ONLINE: Um noch mal Leid gegeneinander auszuspielen: Es wurden in den vergangenen Jahren verschiedene gynäkologische Kassenleistungen gestrichen. Der Ultraschall gehört etwa nicht mehr zur Standard-Vorsorgeuntersuchung.

Ok. Bzw. nicht ok, aber das ist jetzt wieder so: „Wie könnt Ihr Geld für Unweltschutz ausgeben, wenn doch nicht genug Kindergärtenplätze vorhanden sind?“ Oder umgekehrt. Wie man’s macht…

ZEIT ONLINE: Verstehen Sie, dass Frauen in Wartezimmern von Gynäkologen ihr Leid gegen das Leid von trans Personen ausspielen?

Lehmann: Nein. Ich verstehe aber die Wut und die Unzufriedenheit damit, wenn solche Leistungen abgebaut werden.

Na, immerhin.

Vor allem finde ich es gut, dass da mal kritische Fragen gestellt werden. Auch dämliche, aber das Leben ist kein Wunschkonzert.

Ein Gedanke zu “Eigentlich ja

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