Polare Gegensätze stoßen sich ab!

Nein, es geht mal nicht um Geschlechter, sondern um Politik.

Mehr Polarisierung wagen!

Eine Kolumne von Samira El Ouassil

Wohlgemerkt: NICHT bei Geschlechtern!

Die viel beklagte Spaltung der Gesellschaft ist in einer Demokratie eigentlich ganz normal. Vorsicht ist geboten, wenn sie in eine gruppenbezogene Ablehnung umschlägt.

Wenn etwas keine gruppenbezogene Ablehnung ist, dann ist es auch keine Spaltung. Unterschiedliche Meinungen sind nicht notwendigerweise Spaltung. Oder die Einstellung zur Pizza Hawaii ist genauso spalterisch wie Kernkraft.

Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten auf einer Intensivstation. Die Bettensituation ist so angespannt, dass es zu einer Triage kommt, das heißt, Sie müssen entscheiden: Welche der Kranken werden als Erstes behandelt – und wer erst mal nicht?

Das ist eigentlich kein Rätsel: Triage bedeutet, dass man die Patienten in drei Gruppen aufteilt – solche, die wahrscheinlich sowieso sterben, solche, die wahrscheinlich sowieso nicht sterben, und solche, bei denen eine sofortige Behandlung den Unterschied zwischen Leben und Tod macht. Dann konzentriert man sich auf die letzte Gruppe, also die „mittelschlimmen“ Fälle. Klingt in der Theorie recht einfach, aber wegen solcher Fragen arbeite ich auch nicht in der Medizin, sondern im Bauwesen.

Ihnen ist bewusst, dass die nicht behandelten aller Voraussicht nach ohne medizinische Versorgung sterben werden.

Ja – andernfalls würde man ja einfach der Reihe nach „von schlimm nach harmlos“ vorgehen können.

Nach welchen Kriterien würden Sie entscheiden? Wen würden Sie priorisieren? Die Personen mit höheren Überlebenschancen? Jüngere Kranke? Menschen, die mehr Kinder haben? Oder diejenigen, deren politische Einstellung Sie teilen?

Die mit den höchsten Überlebenschancen brauchen vllt. keine Behandlung. Alter ist oft ein Faktor bei der Einschätzung der Überlebenschancen. Kinder und politische Einstellung sollte kein Argument sein. Und ist nebenbei auch nichts, was man bei einem bewusstlosen Patienten so ohne weiteres in Erfahrung bringen kann.

Eine … Studie  … fand heraus, dass die Parteizugehörigkeit des Patienten durchaus eine messbare Rolle bei solch einer Entscheidung spielt.

Ok, aber DAS ist doch der Grund, warum Wahlen geheim sind – damit weder der Staat noch seine Bürger das Individuum für dessen politische Überzeugungen bestrafen kann.

Wobei die Studie zeigt, dass Patienten, die rechten Parteien nahestehen, offenbar stärker benachteiligt werden, und dass eine Priorisierung vor allem gruppenintern erfolgt.

Hmmm. Sollte das heißen, dass Mediziner aus rechten Parteien anständiger sind?

Diese Erhebung ist ein lehrbuchhafter Ausdruck dessen, was in der Soziologie als gruppenbezogene bzw. affektive Polarisierung einer Gemeinschaft beschrieben wird, also die Entwicklung einer sich wie Magnete abstoßenden innergesellschaftlichen Gegensätzlichkeit auf Grundlage von Gruppenzugehörigkeitsgefühlen.

Wenn also Cisfrauen Transfrauen als nicht der eigenen Gruppe zugehörig betrachten, wollen sie diese nicht in ihren Räumen haben? Wer hätte das gedacht.

Abgesehen von der Pandemie konnte man bei vielen Debatten … zumindest rhetorisch eine unversöhnliche Entzweiung wahrnehmen.

Wie gesagt, nicht jede unterschiedliche Meinung ist eine „Spaltung“. Aber manche Meinungen schon. Insbesondere solche, bei denen es keinen Kompromiss gibt. Entweder, man ist bereit, materielle Nachteile – Gasboykott – in Kauf zu nehmen, um Russland von Einnahmen abzuschneiden und so dessen Kriegsausgaben zu drosseln, oder nicht. Also, rein rechnerisch könnte man sich auf einen maximalen Betrag an materiellen Nachteilen einigen, praktisch sind die allermeisten entweder bei „ganz“ oder „gar nicht“.

Und immer wieder, besonders in den letzten Monaten, wird die hehre Idee unseres »sozialen Zusammenhalts« als Lösung gegen diese Uneinigkeit beschworen und angestimmt.

Jaaa, aber meistens ist damit gemeint, dass die auf der anderen Seite des Spaltes einfach rüberkommen sollen.

Annalena Baerbock betonte jüngst beispielsweise, dass sie alles tun werde, um »eine Spaltung der Gesellschaft« zu verhindern, wenn es zu einer weiteren Verknappung russischer Gaslieferungen kommen sollte.

Also, ich verstehe das so, dass Baerbock einerseits klar ist, dass die Gaslieferungsfrage nicht allein von D. entschieden werden kann, sondern auch von Putin, und andererseits, dass ein nennenswerter Teil Putin unterstützen will, um Gasknappheit zu verhindern. Ergo muss sie der pro-Putin-Fraktion was anbieten.

Dieses philanthropische Ideal kann jedoch nicht die soziologische Tatsache verblenden, dass es in einer pluralistischen Gesellschaft zwangsläufig zu Polarisierungen kommt.

Vorbehaltlich der Frage, was Baerbock denn machen will oder kann, um die Spaltung zu verhindern, die Polarisierung als solche will sie ja nicht verhindern. Insofern geht das etwas am Thema vorbei.

Eine liberale Demokratie zeichnet sich zwangsläufig durch Polarisierungen aus.

Zwangsläufig eigentlich nur, wenn es um begrenzte Ressourcen geht. Wenn z.B. russisches Gas nicht so eine wichtige Rolle für die dt. Energieversorgung hätte, dass man darauf auch verzichten könnte, gäbe es in der Frage keine derartige Polarisierung.

Eben weil in ihr die Freiheit herrscht, sich für unterschiedliche Positionen zu entscheiden, braucht es gerade die Form der Demokratie, um widerstreitende Interessen fair und gerecht zu verwalten.

Viele Cisfrauen sagen, dass sie Transfrauen nicht (ohne weiteres) glauben, dass sie Frauen seien. Die begrenzte Ressource hier ist der endliche Raum, der für Frauen freigehalten wird – andernfalls gäbe es  einfach getrennte Umkleiden für Transfrauen und Cisfrauen.

Eine Polarisierung ist also an und für sich nichts Schlechtes. Jetzt kommt jedoch das Aber: Es gibt verschiedene Formen der Polarisierung.

D’oh!

Es lässt sich zwischen der themenbezogenen und der eingangs bereits empirisch wahrgenommenen affektiven bzw. gruppenbezogenen unterscheiden.

Naja, ob man wegen eines bestimmten Themas getrennter Meinung ist oder wegen eines ganzen Parteiprogrammes, ist jetzt mehr ein quantitativer Unterschied als ein qualitativer. Dazwischen gibt es ein ganzes Spektrum an Meinungsverschiedenenheiten: eine große Meinungsverschiedenheit und eine kleinere, eine große und eine mittlere, zwei mittlere und zwei kleinere, eine Meinungsverschiedenheit, die die eine Seite als GROSS, die andere aber als vernachlässigbar betrachtet…

Eine themenbezogene Polarisierung, wie im Falle der demokratischen Pluralität, ist struktureller Teil heterogener Gesellschaften. Eine gruppenbezogene Polarisierung verhindert jedoch politische und gesellschaftliche Aushandlungsprozesse, indem sie geistige Opponenten zum Feind erklärt.

Neben kleinerer Details, die u.a. die Rollen von Staatenbund und Gliedstaaten behandelten, war die Polarisierung der Nord- und Südstaaten im amerikanischen Bürgerkrieg auf nur ein einziges Thema bezogen: Sklaverei oder nicht. Die eskalierende Polarisierung führte unter anderen zum blutigsten Tag der US-Geschichte – niemals zuvor oder danach sind so viele US-Bürger wegen einer einzigen Gelegenheit umgekommen wie durch die Schlacht am Antietam, auch bekannt als Schlacht bei Sharpsburg, mit insgesamt über 3.500 Gefallenen und nochmal 2.000 Verwundeten, die später ihren Wunden erlagen. Also 5.500 Tote insgesamt. Bei der Landung in der Normandie 2.499 Tote, am 11. September 2.624. (Gut, bei einem Bürgerkrieg sind typischerweise alle Toten Mitbürger und nicht nur die Hälfte, deshalb heißt das ja auch so, aber trotzdem.)

Soll heißen, dass auch bei themenbezogener Polarisierung gesellschaftliche Aushandlungsprozesse verhindert werden, indem man die Opponenten erst zum Feind erklärt und dann versucht zu erschießen.

Mittels einer repräsentativen Längsschnittstudie … konnte beispielsweise herausgearbeitet werden , dass eine persönliche Abneigung besteht zwischen den Menschen, welche die Coronamaßnahmen unterstützen, und denen, die dies nicht tun.

Ok, ist jetzt nicht so überraschend. Und hat möglicherweise auch Auswirkungen auf die Triage. (Ehrlich, in Kriegen bringt jede Partei ihre eigenen Sanitäter mit, damit man hinterher mit einem Bauchschuss nicht auf die Gnade derjenigen angewiesen ist, die diesen Bauchschuss überhaupt erst verursachten.)

Diese Animositäten, die auf Gegenseitigkeit beruhen, benennt Faas als die affektive Polarisierung, die sie ist. Und das ist jene, die wir fürchten müssen.

Na, sowas. Aber das ist tatsächlich eine themenbezogene Polarisierung. Querdenker betrachten sich tatsächlich als Querschnitt durch politische Lager. Insofern ist widerlegt auch dieses Beispiel, dass man themen- und gruppenbezogene Polarisierung so scharf in gut bzw. böse trennen könnte.

Egal ob die pandemischen Maßnahmen, der Krieg oder aktuell die Debatten über das Geschlecht sowie den Begriff »woke« (was auch immer damit gemeint ist) – die Meinungen können im Widerstreit sein, aber sie dürfen nicht zu einer Entmenschlichung derer, die sie äußern, führen.

Joah. Und wie will man das verhindern, abgesehen davon, dass man selbst den Gegner nicht entmenschlicht?

Im Gegensatz zur themenbezogenen Polarisierung führt eine gruppenbezogene bzw. affektive zu Herabwertung oder gar zu einer erwünschten Demütigung.

Och, doch? Wenn man sich schon wegen eines Themas an die Gurgel will, will man das wegen eines ganzen Themenbündels ja wohl erst recht.

Im Sinne eines Gewinnenwollens der eigenen Mannschaft werden eine konstruktive Diskussion und gemeinwohlorientierte Politik verhindert.

Wer legt fest, was am Gemeinwohl orientiert ist und was nicht? Ach ja – darum geht es bei diesen Diskussionen doch überhaupt!

In seinem posthum veröffentlichten Werk »Die Kunst, Recht zu behalten« beschreibt der Philosoph Arthur Schopenhauer

Erster Trick: posthum veröffentlichen! Man muss sich nicht mehr mit Kritik und Gegenargumenten herumärgern, wenn man schon tot ist.

diese affektive Polarisierung, ohne den Begriff zu verwenden, als eine Folge menschlicher Egozentrik.

Tja, viele Diskussionen kommen auch deshalb erst zustande, weil die Diskutanten, und nicht notwendigerweise nur die der einen Partei, sich nicht am Gemeinwohl des Staates orientieren, sondern am Gemeinwohl der eigenen Gruppe.

Denn, so setzt er voraus, »wären wir von Grund aus ehrlich, so würden wir bei jeder Debatte bloß darauf ausgehn, die Wahrheit zutage zu fördern, ganz unbekümmert, ob solche unsrer zuerst aufgestellten Meinung oder der des Andern gemäß ausfiele: …«

Also einfach ums Recht behalten. Ist tatsächlich etwas zu kurz gegriffen: wer lieber sich mit Putin einigt als hohe Gaspreise zu bezahlen, hat außer Eitelkeit noch finanzielle Ziele bei der Diskussion. Was vllt. auch nicht gerade ein edleres Motiv ist, aber möglicherweise ein stärkeres.

Marc Angenot: »Ich argumentiere nicht, wenn die Dinge klar sind, sondern wenn die Welt verschwimmt, wenn sich die Bezugspunkte auflösen, wenn die Welt draußen meinen Ideen widersteht und mich widerlegt.«

Das ist nicht der einzige Grund zu argumentieren. Aber wie auch immer, bestimmte Menschen akzeptieren bestimmte Argumente nicht, bzw., sie haben sie bereits zur Kenntnis genommen, aber bewerten andere Argumente als stärker. Zum Beispiel alles, was mit Geld oder sonstwie begrenzen Ressourcen zu tun hat. Insofern haben viele Menschen, hüben wie drüben, eine Meinung gebildet, die sie behalten werden, sofern sich materiell nichts ändert.

Denn ich finde auf jeden Fall die Vorstellung bedrohlich, dass die eigene politische Couleur heimlich mitbestimmen könnte, wen man als überlebenswert erachtet – und auch andersherum, dass mir in diesem Sinne jemand eher keine medizinische Versorgung zukommen lassen würde – vielleicht aufgrund dieser Kolumne.

Das wäre vllt. ein Grund, nicht das eigene Bild gleich daneben zu veröffentlichen. Sorry für meinen Sarkasmus, aber von jemanden, der mit dem eigenen, potentiellen zukünftigem Märtyrertum argumentiert, ist das nicht so gaaanz schlüssig.

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