Ist Sophie Passmann wirklich kein alter, weißer Mann

Doch.

Auch, wenn ich das früher anders sah.

Ist sie. Sie kann als White-male-passing durchgehen, deshalb auch der Name „Passmann“. Das wäre ein wichtiger Hinweis gewesen.

Außerdem hier.

Sophie Passmann ist Autorin, Influencerin und neu auch Schauspielerin. Ein Gespräch darüber, wer wir als Frauen sein müssen.

Ok, DAS ist doch wieder typisch! Nur alte weiße Männer sagen, wie Frauen sein müssen. Wenn Passmann sagt, wie Frauen sein müssen, ist sie automatisch ein alter weißer Mann.

Drei Bücher hat sie geschrieben, die mit dem Grimme-Preis prämierte Sendung «Männerwelten» und mehrere Popkultur-Podcasts moderiert.

Typische Männerjobs halt.

Und nun ist die 28-Jährige auch Schauspielerin. Spielt in der Amazon-Prime-Serie «Damaged Goods» die Hauptrolle, während sie als Journalistin für das Feuilleton der «Zeit» mal über Gucci, mal über die Ikonen des Selbstmarketings, die Kardashians, schreibt.

Wie so ein alter, weißer Mann, Alter. Genau wie ein alter, weißer Mann.

Ich will mit ihr über diesen sehr gegenwärtigen Job reden. Über die Vermischung von Influencerin und Schreiberin. Und darüber, wer wir Frauen sein müssen für Instagram.

Wie „für Instagramm“? Für IMMER! Es kann doch nicht sein, dass Frauen für Insta irgendwie anders sein dürften als für Facebook, Twitter oder gar das Richtige Leben! Ich spüre diese ungeheure Wut, die jetzt alle auf Passmann haben.

Eine Begegnung in Sophie Passmans Stammbar Freundschaft in Berlin-Mitte, wo wir eine Flasche Riesling trinken und auf einen grossen roten Kugelschreiber schauen, der über der Bar hängt.

Freundschaft! Nicht etwa Freundinnenschaft. Und rote = kommunistische Kugelschreiber, wobei zumindest der Kommunismus von einem alten, weißen Mann erfunden wurde. Und Riesling halt. DER Riesling, nicht DIE Riesling.

annabelle: Es ist Donnerstag. Sophie Passmann, hast du die aktuelle Folge «The Kardashians» schon gesehen?
Sophie Passmann: Nein.

A-HA. Hat die was gegen Frauen? Oder Armenier? Oder armenienstämmige US-Bürgerinnen? Das ist sexistisch UND migrantenfeindlich! Am Ende ist die wohl auch noch gegen Cher! Und Anita Sarkeesian! (Fun Fact: die letzeren beiden haben praktisch denselben Familiennamen.)

Ich hatte irgendwie abgespeichert, dass …

Wenn es ihr wirklich wichtig wäre, dann hätte sie das richtig abgespeichert.

Aber wenn ich später zuhause bin, wird es das Erste sein, was ich mache.

Jetzt ist es auch egal.

«She’s a boss. She’s a babe. And she works really hard», sagt eine Redaktorin der «Sports Illustrated» über Kim in der Serie. Ist Arbeit auch für dich identitätsstiftend?
Nein, in dem Sinn brauche ich Arbeit nicht.

Wenn man bereits als alter, weißer Mann identifiziert wurde, ist das Thema „Identität“ doch eh‘ durch.

Aber ich mag dieses «She works really hard» – um jetzt in diesem seltsamen Anglizismen-Sprech zu bleiben –, bezogen auf die Extra Mile, die man gehen kann. Die ich gehe.

Wie so ein weißer, alter Manager. Anglizismen-Sprech und Überstunden. Klassiker.

Und ich geniesse es, den Ruf zu haben, immer pünktlich zu sein. Gerade weil ich mittlerweile an einem Punkt bin, an dem ich es mir erlauben könnte, es nicht zu sein.

Und ein Machtmensch ist sie auch! Kein Wunder, wenn sie auf Twitter trendet. Yäy!

 Nun bist du selbst Teil einer Serie – «Damaged Goods» –, in der du eine Podcasterin spielst. Ist es angenehm, sich selbst zusehen zu können?
Nicht wirklich. Also ich tue es nur, wenn ich muss.

So ein Rumgeopfere! „Ich tue es, weil ich es MUSS!“ Fürs höhere Wohl und so. Wie weiß, wie alt und wie männlich kann ein Mensch noch werden? Wenigstens muss niemand mehr Heterosex haben, wenn soe nicht will.

Wenn ich sie bin, fallen die Eitelkeiten von mir ab. Denn wenn mir etwas nicht gefällt, denke ich: Das wurde so entschieden, dass die das so anzieht.

Und männliche Rollenbilder schreiben vor, was Männer anziehen. Deshalb müssen Männer nicht auf diese Weise eitel sein. Sophie Passmann als Nola ist wie ein Mann. Nur als Frau.

 Da man, besonders als junge Frau, um eine Marke zu sein, am besten viele Follower haben sollte, die man auf Instagram primär durch sogenannte glamour labour bekommt. Ein Begriff, den die Soziologin Elizabeth Wissinger geprägt hat: Frauen machen sich im Internet … zu Produkten des öffentlichen Konsums.

Das klingt so, als wäre das kapitalistisch, ist aber weiterhin das nachhaltige Wirken der Hirnwellenstrahler, mit denen Frauen auf Linie gebracht werden. Glamour Labour. Insta. Konsum. qapla‘

Eines Tages tritt bei reichweitenstarken Frauen womöglich der Effekt ein, dass sie das, was sie eigentlich gearbeitet haben, gar nicht mehr unbedingt machen müssen, weil es reicht, ihre Weiblichkeit ästhetisch darzustellen.

Drei Textzeilen um zu sagen, dass Frauen weniger arbeiten müssen, wenn sie gut aussehen. Bisschen sexistisch gedacht, oder?

Den Begriff glamour labour finde ich einerseits grossartig, andererseits: Ist das nicht einfach Marketing?

Achwas.

Ein Plattenleger, der besonders gutes Marketing macht, muss doch auch nicht weniger Platten legen, um seine Rechnungen zu bezahlen.

Also, die Kardashians können ihre Rechnungen hauptsächlich damit bezahlen, dass sie im Fernsehen sind. Vllt. macht der Plattenleger ja was falsch? Oder sein Dekoltee ist an der falschen Stellen?

Und ich muss auch nicht aufhören, Bücher zu schreiben, nur weil ich zwischendurch mal ein süsses Foto hochlade.

Eines? Ja, das ist vllt. der Unterschied zu den Ureinwohnern von Cardashia Prime.

Aber im Bezug auf unglamourous labour kann ich nun outsourcen.

Das ist der AWM-Code für: „Ich habe jetzt eine Putzfrau“, fyi.

Und ich glaube auch, dass man glamour labour nicht machen muss. Es gibt doch ganz viele junge Autorinnen, die das überhaupt nicht machen.

HA. Natürlich gibt es ganz wenige junge Autorinnen. Das Patriarchat erlaubt nur einen gewissen Prozentsatz aus Alibigründen. Aber natürlich muss Passmann suggerieren, dass das „ganz viele“ seien, um das Gaslighting zu fördern.

Helene Hegemann fällt mir gerade ein.

Anekdotische Evidenz.

…die durch einen Skandal bekannt wurde. Sie hatte Teile aus ihrem Debüt- Roman «Axolotl Roadkill» beim Blogger Airen entlehnt, ohne das kenntlich zu machen.

Ja, es gibt keine Cancel-Culture. Offensichtlicherweise.

Auch wenn du mich schon vorher, über Twitter, auf dem Schirm hattest, würde ich sagen, dass auch meine Karriere mit einem Skandal anfing. Mein erstes Buch «Alte weisse Männer» wurde wochenlang – ähnlich wie «Axolotl Roadkill» – im Feuilleton diskutiert.

Das sind doch Interviews. Das ist nicht dasselbe wie abschreiben. Aber hey, natürlich interessieren sich die alten, weißen Männer im Feuilleton nicht für irgendetwas anderes als alte, weiße Männer. Ist doch klar, warum das diskutiert wird. (Wobei – Axolotls leben normalerweise ihr ganzes Leben im Wasser. Wieso können die als Roadkill enden? Muss man wohl lesen…)

Mir wurde von einer Seite vorgeworfen, dass ich berechnend, zynisch und antifeministisch sei.

Aka: weiß, alt und männlich. Weiterführende Diskussion auch hier.

Wenn man mit Social Media arbeitet, lässt man dann zu einem gewissen Grad den Algorithmus die Regie über die eigene Karriere übernehmen?
Wie gesagt: Ich empfinde glamour labour nicht als etwas, das ich machen muss. Im Gegenteil – es ist etwas, auf das ich Lust habe.

Diese Hirnwellenstrahler lassen das denken. Aber schon die Tatsache, dass sie eine solche Karriere überhaupt führt, belegt, dass sie sich den Regeln des Patriarchats komplett unterworfen hat, und jeder, der das gut findet, das Patriarchat, den Kapitalismus und die Umweltzerstörung und generell alles unterstützt, was schlecht ist.

Von Twitter habe ich mich aus psychohygienischen Gründen etwas zurückgezogen.

Ich glaube, dass „etwas“ kann sie inzwischen streichen.

Die Irrelevanz des deutschsprachigen Twitters hat mich einfach zunehmend aufgeregt.

Das ist beim derzeitigen Shitstorm sicher ein Trost.

Und natürlich kann sich niemand von der Architektur der sozialen Netzwerke freimachen. Ich bin also nicht gefeit vor der Konditionierung durch die Serotoninausschüttung bei vielen Likes.

Wie Buddha sagte: „Du bist der Architekt!“ Aber es sieht danach aus, dass das Serotonin die Tage weniger wird, und die Konditionierung überwunden. Also, diese Konditionierung zumindest.

Ich bekomme tatsächlich mehr positives Feedback zu meinen Büchern und Feuilletontexten als zu einem Outfit-Post.

Im Unterschied zu den Kardashians? Entweder, ihre Bücher und Texte sind toller als die von den Kardashians, oder… ach, schon gut.

 Ich habe diesen Aspekt meines Lebens lang nicht öffentlich gemacht, weil ich dachte, das passt nicht.

Was passt nicht?
Ästhetik und Oberflächlichkeit zu Intellektualität.

Ich kenne (mindestens) eine Frau, der gesagt wurde: „Du siehst gut aus – Du kannst doch nicht so schlau sein!“ Dies mal nur so zur Effektivität der Gehirnwellenstrahlung. Aber ja, natürlich schließt das eine das andere nicht aus. *seufz

Ich habe dann aber irgendwann gemerkt, dass es im Prinzip nur ein Weiterspinnen eines sexistischen Klischees ist:

Kein Weiterspinnen. Es IST ein Klischee, und es ist sexistisch.

Nämlich alles, was Schönheit ist, ist Weiblichkeit, und alles, was weiblich ist, kann nicht intellektuell sein.

Nein, das Klischee ist: schöne Frauen brauchen nicht schlau zu sein, um Erflog zu haben. Bzw.: Männer mögen lieber nicht so schlaue Frauen, deshalb sollten Frauen ihre Schönheit unter Beweis stellen und sich notfalls dumm stellen.

Du meinst, wenn eine junge Frau als intellektuell wahrgenommen werden möchte, sollte sie möglichst kein Makeup benutzen?

Wenn sie intellektuell ist und das auch zeigen kann, ist es egal, wie sie aussieht. Bzw., wenn sie intellektuell ist, ist es egal, wie sie wahrgenommen wird. Schönheit liegt im Auge des Betrachters, Intelligenz nicht.

Ich bin nur geringfügig jünger als Helene Hegemann, aber der geringe Unterschied hat insofern gereicht, als dass ich sie damals noch in meinem Elternhaus als Gast in der «Harald-Schmidt-Show» gesehen habe und dachte: Boah, wie cool, wie abgehangen und unbeeindruckt ist die denn? So muss man das machen.

Harald Schmidt ist ein besonders weißer alter Mann. Aber natürlich gibt es nur Helene Hegemann als Vorbild. Weil: Frauenunterdrückung.

Heute habe ich erkannt: Ich bin so gar nicht. Ich habe da etwas imitiert, von dem ich dachte, dass ich es zeigen müsste, um ernst genommen zu werden.

Und wenn man schon irgendwen imitiert, dann vllt. nicht unbedingt eine Plagiatorin. Aber nun, da sie das überwunden hat, ist sie im vollen Alten-Weiße-Männer-Modus.

 ich habe wirklich schlechte Laune, wenn ich aus dem Haus gehe und mein Pony nicht sitzt. Und natürlich hat das was mit dem Patriarchat zu tun.

Latürnich hat es das.

Wir könnten hier jetzt diese Schleife machen, in der wir uns gegenseitig beweisen, dass wir die gleichen Bücher lesen, aber es würde alles nichts an diesem einen Punkt ändern: Ich bin eitel.

Wie ein Mann. Eitel und mensplaining. Weil: jemanden etwas erklären, was diese Person schon weiß, ist mensplaining. Auch, wenn das von einer Person mit femininen Vornamen kommt, die Idee, dass das Geschlecht ein Hindernis wäre, wäre ja sexistisch und antifeministisch.

Da es meinen Eindruck verstärken würde, dass sich der medial stattfindende Frauentypus optisch in Richtung male-gaze-bedienender Normschönheit angleicht.

Ach, was. Das ist einfach nur Einbildung. Diese Hirnwellenstrahler erzeugen manchmal so völlig wirre Ideen. Da darf man nichts drauf geben. Die Gedanken sind Frei! Alufolie, die reißt, ist weggeworfenes Geld.

Was du sagst, erinnert mich an die Kommentarspalte unter dem sogenannten Glow-up-Foto von Sängerin Adele nach ihrer Scheidung. … Tenor: Ich bin voll enttäuscht.

Das könnte eigentlich belegen, dass manchen Leute andere Dinge wichtiger sind als das Äußere. Aber Masku-Monster Passmann främt das natürlich als frauenfeindlich. Gutes Mäd– ähh, Guter MANN!

Als ich diese Kommentare sah, habe ich bemerkt, dass ich in meiner Karriere eigentlich immer viel Beinfreiheit haben werde, denn mein Körper ist mein Unique Selling Point.

Die Beine sind auch „frei“, und nicht nur die Gedanken. Aber natürlich ist ihr Körper kein Selling Point. Das wäre ja diskriminierend.

Denn Frauen finden es spannend, Körper wie meinen in den Medien zu sehen, weil sie das eben nur so selten dürfen.

Dürfen sie schon. Aber dann kicken die Hirnwellenstrahlenden rein, und alle sehen die Kardashians. Oder SatC. Aber ja, Passmann zeigt ihren Körper, damit andere Frauen nicht so traurig sind.

Du hast mal gesagt, dass du sanfter geworden bist, was die Beurteilung von Menschen in der Öffentlichkeit angeht, da du selbst viel vernichtende Kritik hast einstecken müssen.

Sie ist so ein guter Mensch. Aber jetzt, wo sie ein AWM ist, schützt sie das rein gar nicht mehr.

Was hat man dir vorgeworfen?
Die Passmann, das ist doch eine neoliberale Bitch, die alles, was sie sagt, nur sagt, um noch mehr XY zu erreichen.

Also, um ihren Körper auch genetisch dem Weißen-Alten-Männer-Typus anzupassen. Karyo-Typ und so. Ich bin einerseits begeistert, was die moderne Technik alles ermöglicht, andererseits ärgere ich mich, dass ich das nicht eher erkannt habe.

«Sophie Passmann, dieses privilegierte Bürgerkind, …» – wo ich sagen würde, das stimmt, aber alles, was dann nach dem Komma kam, da bin ich nicht mehr einig mit dir.

Es gibt bei Twitter das lustige Spiel, wo jemand einen Satz anfängt, und die anderen sollen ihre Smartphones das zu Ende schreiben lassen. Bei meinem kommt: „aber das sind nur die eine Formulierung etwas schie wäre.“ Also auch nicht konsensfähig.

Eine Journalistenkollegin hatte damals getwittert, sie würde sich wünschen, dass Kritik nicht einfach «wegreflext» würde.

Pfff, als ob ein wahrer, alter Mann reflexen würde. Kritik prallt ab wie Schneebälle vom Batmobil.

Alter, jetzt kann ich mich nicht mal mehr verteidigen, ohne dass Menschen sagen, dass ich intellektuell erhaben auf alles eingehe, was man mir vorwirft, egal wie schäbig es ist.

Tja, wie bei einem alten, weißen Mann eben. Außerdem, sie nennt sich selbst „Alter“. Im Maskulinum. Wisster Bescheid.

Andere Bücher schreibende Feministinnen gehen mich gar nicht deswegen an, weil sie wirklich glauben, dass alles, was ich schreibe, das Schlimmste auf der Welt ist, sondern weil sie insgeheim hoffen, dass wer sich als anti-passmann positioniert, eine Passmann-Karriere machen kann.

„Ihr könnt mich ja nur nicht leiden, weil ich ein alter, weißer Mann bin!“ – „Genau, Herr Passmann, ganz genau!“ Feministinnen sind nicht so blöd wie Passmann sie darstellt. Außerdem, immerhin müssen sie  so nicht ihre oberflächliche Ästhetik kultivieren, das ist ja auch ein Vorteil.

Hilft dir der Gedanke, dass es dabei eigentlich nicht um dich als Person geht, sondern um dich als Marke?

Was würde das ändern.

Nach «Alte weisse Männer» habe ich eine Zeit lang versucht, zu beweisen, dass ich überhaupt nicht anfällig bin für all diese Denkfehler, die sie mir vorwarfen, weil: Ich habe Philosophie und Politikwissenschaft studiert

Das wird’s sein. Sie hat studiert. DEShalb können sie so wenige leiden. Außerdem sind Politiker, aber vor allem Philosophen, meist alte weiße Männer. DA hat sie sich angesteckt. Jetzt fügt sich alles zusammen, und Passmann redet sich um Knopf und Magen.

im Gegensatz zu vielen anderen. Meine Kritker:innen sind oft gleichzeitig Fans der Autor:in Hengameh Yaghoobifarah

Aus dem selbsternannten Land der Arier (und Arierinnen) stammend. Aber auf persisch gibt es keine maskulin/feminin-Unterscheidung. Muss das feministische Paradies sein, eigentlich. War da mal wer?

Mit Hengameh habe ich lustigerweise zusammen studiert. In Freiburg. Wir haben die gleichen Seminare belegt. Waren eine Zeit lang sogar befreundet.

Das war der Fehler. „Waren“. Aber nicht nur Gedanken und Beine sind frei, sondern insbesondere Freiburg. Nomina sunt omina.

Ich habe also lang versucht, die Leute zu überzeugen, dass ich die gleichen Bücher gelesen habe, dass ich nur vielleicht auch mal einen Witz über deren Inhalte mache, weil ich eben Comedy-Autorin bin.

Ja, diese ganzen Bibelwitze, Koranwitze, Kapitalwitze und dergleichen mehr beweisen, wie sehr man mit der Materie vertraut ist. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, warum Passmann nicht super beliebt wäre, außer wegen ihres Alten-Weißen-Männertums.

Ich komme ja nicht von Homer, nicht von Cervantes, sondern von Böhmermann und Schmidt!

Letztere sind zwar nicht so alt, aber dafür weißer. Und genauso männlich. Das Argument ist nicht valide.

Ich kann sagen, was ich will, es wird die vorgefertigte Meinung dieser Bubble nicht ändern.

Trotz ihres Namens bestehen Bubbles aus Beton, nicht Seifenschaum.

Es ging so weit, dass ich in einem Interview auf Kritik mit etwas reagiert habe, das sie wohl nicht auseinandernehmen konnten.

Dass Wasser nass ist?

 Da kam dann der Vorwurf: Ach, jetzt plapperst du PoC*-Feminist:innen nach.

DIE haben nämlich nachgewiesen, dass Wasser in 95% aller Fälle als „nass“ gelesen werden kann.

 Nein. Ich plappere meinen Seminar-Leiter 2014 aus Freiburg nach und den Büchern, die sowohl er als auch ich gelesen haben.

Die 2013 von PoC*-Feminist:innen geschrieben wurden!!!! Kulturelle Aneignung! Wahnsinn! VERBRENNT SIE! Nein, nicht die Bücher, die HEXE!!!

Das Schlimmste am Internet sei, dass wir die Repräsentation einer Sache mehr schätzen als die Sache selbst, sagt Jia Tolentino.
Das ist eigentlich schon zu offensichtlich richtig.

Wenn „Ihr“ da so macht, ist das nicht meine Schuld. Diese Hirnwellenstrahlenkanonen habe ich mir nur ausgedacht. Doppelschwör!

Es ist eine Binsenwahrheit wie: Sprache schafft Wirklichkeit.

Ich sage nur „Leberkäse“, und spontan entstehen „Leber“ und „Käse“ in einer Masse, die zuvor frei von beiden Substanzen war.

Was nur dazu führt, dass die bestehenden Strukturen weiter zementiert statt dekonstruiert werden.

Dieser sehr erhellende Einblick in die geheimen Machenschaften alter, weißer Männer belegt wie praktisch nichts anderes, dass Passmann dazugehören muss.

Plakatives Beispiel: Wenn Redaktionen im Namen des Antirassismus eine Schwarze Frau zum vermeintlichen Sprachrohr von rassistischen Erfahrungen in Deutschland machen,

False Balance oder mangelnde Abstimmung?

führt das dazu, dass wieder nur ein Standard reproduziert wird: Wer spricht am lautesten, am funkiesten in ein Interview-Mikrofon hinein?

Aber, aber wenn man zwei verschiedene schwarze Personen mit evt. unterschiedlichen Ansichten als „Sprachrohr“ präsentieren würden, dann wäre das doch auch „false balance“. Tja, wie man’s macht…

Ohne dabei irgendetwas gegen Rassismus getan zu haben.

Sprache! Macht! Wirklichkeit!

Aber warum bringt das nichts? Einen abstrakten Missstand in einem Interview aufzuführen, der nur durch Gefühle und Erfahrungen belegt ist?

Alte weiße Männerdenke – Gefühle und Erfahrungen statt Forschung und Wissenschaft. Passmann halt. Hat ganz vergessen, wo sie herkommt.

Durch #MeToo beispielsweise hat sich einiges verändert…
… aber #MeToo ist doch auf einer ganz anderen Landkarte. Die Repräsentanz, auf die Jia Tolentino abzielt, meint, dass eine Einzelperson als Angehörige einer identitätspolitischen Gruppe etwas darstellt, für das sie ungefragt die ganze Identitätsgruppe in Mithaft nimmt, weil sie sagt: So sind wir.

Eigentlich geht die Mithaft einen Schritt weiter: sie nimmt die jeweilige Außengruppe in Mithaft und sagt: „So seid Ihr!“ Wobei das natürlich relativ leicht durch die Medien entkräftet werden könnte. Aber man braucht bei Talkshows halt Gegenstimmen.

Der Erfolg von diesen Interview-Reihen und Büchern hat damit zu tun, dass Journalist:innen an irgendeinem Punkt entschieden haben, dass Erfahrungen gleichwertig sind mit Fakten.

Ja, nachdem sie einen Interviewband herausgegeben hat, fällt ihr das auch auf. Hurra für intellektuelle Weiterentwicklung!

Der Hashtag #MeToo aber war eine aktivistische Aktion, die etwas angeprangert hat. Menschen, denen etwas passiert ist, sprachen darüber, was ihnen passiert ist.

Stimmt so auch nur halb – die Aktivistinnen wollten ihre Erfahrungen ja schon als allgemeingültig verstanden wissen. Aber immerhin wurde bei denen nicht einfach eine beliebige Frau als Repräsentantin ausgesucht. Nagut, Amber Heard hatte irgendeine Funktion, aber das ist ja zum Glück vorbei.

Dafür – und das ist leider ein grosses, anerzogenes Frauenproblem – muss man aber auch wissen, was einen interessiert. Mädchen wird oft nicht beigebracht, dass es sich für sie lohnt, Interessen zu haben, weil Interessen immer mit Eigenheiten und Eigeninitiative zu tun haben, die kulturell gesehen nicht mit Weiblichkeit assoziiert werden.

Ich weiß nicht, wer mir beigebracht hat, Interessen zu haben. Ich kenne Mädchen, die eher nicht mit Weiblichkeit assoziierte Interessen haben. Aber ja, bestimmt ist das anerzogen. Von Vätern. Mütter machen einfach zu wenig Erziehungsarbeit.

Eine 13-Jährige, die verinnerlicht hat, normschön sein zu müssen, um geliebt zu werden, muss natürlich viel Zeit an Orten verbringen, die ihr dabei helfen, eine Normschönheit herzustellen. Und – zack! – schon hat sie neben Schule, Essen, Schlafen keine Zeit mehr für andere Hobbies.
Natürlich sind wir alle Opfer der patriarchalen Umstände, aber diese intellektuelle Schleife hilft keiner 13-Jährigen dabei, weniger zu leiden.

Wohingegen Jungs vermittelt wird, dass sie gar nichts tun können, um geliebt zu werden, und deshalb haben die so viel Zeit für Dinge, die ihnen Spaß machen. Was für eine Grütze.

Ästhetik wird immer ein Aspekt von Weiblichkeit sein und hoffentlich ein Feld, das auch von immer mehr Jungen erschlossen wird.

Genau, liebe Jungs, Herr Passmann findet Euch hässlich! Strengt Euch mehr an, um auch von Passmann geliebt zu werden.

Die meisten Frauen um mich herum haben keine Hobbies.

Insta-Posten und Aktivismus sind leider nicht als Hobbys anerkannt.

Die meisten Männer schon.

Männer warten auch nicht, dass man ihnen ein Hobby auf dem Silbertablett überreicht.

Die Frauen um mich herum hörten auf, Hobbies zu haben, sobald sie geschlechtsreif wurden. Wir brauchen Vorbilder, die eine coole, selbstbestimmte Form von Weiblichkeit repräsentieren.

Ich glaube, „Sex“ ist auch kein Hobby im eigentlichen Sinne. Aber wenn Ihr Vorbilder braucht, müsst Ihr die Euch selber suchen. Habt Ihr von den alten weißen Männern denn gar nichts gelernt?

Das Traurige ist doch, dass ich mit 22 gedacht habe, dass es nur einen sehr engen Korridor gibt, auf dem ich als intellektuelles Wesen akzeptiert werde.

Und jetzt wird sie gehatet, weil sie als AWM natürlich nicht als intellektuelles Wesen akzeptierbar ist. Schade irgendwie. Aber nunja…

Und wenn man erkennt, dass man bestimmte Dinge nur tut, weil sie im patriarchalen System von einem erwartet werden, soll man nicht versuchen, dieses Verhalten zu ändern?
Tut mir leid, aber jetzt sind wir knietief in Heidegger.

Besser, als würde Heiddeger knietief in einem selber stecken. Man sollte nicht „versuchen“, sein Verhalten zu ändern, man sollte es tun. Oder eben nicht. Es gibt kein Versuchen.

Kein Mensch kann doch wissen, warum er gewisse Dinge möchte! Das können Männer doch auch nicht.

Klar kann ich das. Die meisten Triebe und Instinkte sind evolutionär entwickelt, eine Verhaltensweisen sind anerzogen. Dinge, die im „patriarchalen System“ von mir erwartet werde, kann ich zumeist zumindest als solche identifizieren, auch, wenn ich nicht immer weiß, warum dass Patriarchat dergleichen von mir erwartet. Die Wege des Patriarchates sind unergründlich, Ruhm und Ehre dem ewigen Patriarchat von Ewigkeit zu Ewigkeit. In Ewigkeit. Ah, moment, wo waren wir? Ach ja. Wenn bespielsweise eine Frau erkennt, dass bestimmte Schönheitsideale dem Patriarchat, also Männern, gefallen, hat sie die Wahl, diese trotzdem weiter zu bedienen oder nicht. Wenn sie sie weiterhin bedient, liegt das nicht daran, dass sie nicht erkennt, warum es diese Ideale gibt (nagut, und die Hirnwellenstrahlen manipulieren sie natürlich).

Und wenn ich mir jetzt – wie zu Beginn meiner Karriere – weiterhin verbiete, eitel zu sein, und du das dann einen Systemdurchbruch nennst, ist das schlicht ein Kategoriefehler.

Eitelkeit ist im Grunde auch ein angeborener Instinkt, der der Eigenfellpflege dient.

Wenn ich vorlebe, dass ich bin, wie ich bin, und auf genau dieser Grundlage versuche, ein bisschen besser zu sein als die, die zeitlich vor mir waren, dann ist das die einzige Form von Empowerment, die wirklich funktionieren kann.

Genau, liebe Kinder, und insbesondere liebe Mädchen da draußen! Wenn Tante Sophie es schafft, als alter weißer Mann zu enden, obwohl sie erst 28 ist, und es gar nicht darauf anlegte, dann könnt Ihr das auch! Dann können das alle! Dann können alle alles werden! Empowerment!!!

Soweit die Worte der heutigen Lesung.

Ein Gedanke zu “Ist Sophie Passmann wirklich kein alter, weißer Mann

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