Wie Star Trek mal die pro-Choser parodierte

TNG, Staffel 2, Episode 18: Der Planet der Klone

Riker und Pulaski werden betäubt und Zellen entnommen, um neue Klone für die genetisch verarmte K(o)lonie Mariposa zu gewinnen (ein Vorschlag, dem vorher alle ablehnten – Nein heißt nein), und dann unverletzt (minus ein paar Zellen) zurückgebracht. Im Unterschied zum Gegenbeispiel wird gar nicht erst so getan, als wäre das kein Verbrechen, aber es wird auch nicht als Vergewaltigung bezeichnet. Und materiell gesehen: was Troy körperlich und eigentlich auch seelisch durchgemacht hat – erst ein Kind bekommen, auf diese Art, dann eigentlich noch die Sorge, ob sie den Vorgang überlebt (aber hey, Drehbuchautoren! Lassen Diffuses Charakterwissen zu!!!), dann hat sie das Kind bekommen ohne irgendwelche Nach- und Nebenwirkungen (wegen: Magic!), und freut sich, und nennt es nach ihren toten Vater, und DANN löst sich das Kind zu einer kosmischen Energiewolke auf (WTF?!?) – wäre im Richtigen Leben schlimmer als das, was mit Riker und Pulaski passierte. Um etliche Größenordnungen.

Jetzt haben die beiden also Klon-Kinder – nur nicht geschlechtergetauschte – aber wegen der ungeheuren Blasphemie sind die schrecklich empört. Gentechnik ist in der Föderation aus historischen Gründen weitgehend verboten und bei ihren Bürgern teilweise anscheinend auch tabuisiert. Aus rein geschichtenerzählerischen Gründen finde ich es tatsächlich besser, wenn auch eine so tolle Gesellschaft wie die Föderation „wunde Punkte“ hat, aber der Ausdruck nahezu abergläubischen Entsetzens, mit dem die beiden ins Klonlabor beamen, um die Klone zu zerstrahlen, ist ziemlich unangemessen. Zu Satirezwecken hätte Pulaski oder am besten Riker noch sagen müssen: „Mein Bauch gehört MIR!“, aber das wäre etwas zu sehr auf die Nase.

Die Klone sind nebenbei keine mikroskopische Zellhaufen in einem Reagenzglas, sondern bereits ausgewachsen, weil die künstlichen Gebärmütter der Mariposaner offenbar was taugen. Wie gesagt, DAS hätte man Troy auch anbieten sollen. Ausgewachsene, menschliche Klone, die nur gerade nicht bei Bewusstsein sind und noch keine Haare haben. Diese werden also getötet, weil ihre Entstehung nicht legal war. Man kann das mit dem Troy-Fall insofern vergleichen, weil die Genspender nicht bei Bewustsein waren, und sogar zuvor explizit sagten, nicht auf diese Weise zu Nachwuchs kommen zu wollen, aber wenn Troy Fall vom Drehbuch nicht als Vergewaltigung betrachtet wird, dann dieser hier erst recht nicht, und dann bleibt unterm Strich, dass zwei Menschen wegen eines Verbrechen getötet werden, dass andere begangen hatten, bevor die zwei überhaupt auf der Welt waren.

Ein sehr ähnliches Szenario wäre übrigens, wenn jemand Riker auf die herkommliche Methode Genmaterial entnimmt – also mit Hilfe von viel Alkohol und einer Besenkammer – um damit dann Eizellen zu fruchten, und Riker dann auf einer Abteibung (oder halt Abschaltung der künstlichen Gebärmutter) besteht, weil er vergewaltigt wurde (= sexuelle Tätigkeiten an einer drogenbedingt nicht geschäftsfähigen Person). Wäre das ein Szenario, das „wir“ uns von ST wünschen? Bzw. eines, nach dem Riker noch als halbwegs funktionierender Sympathieträger taugt?

Andere Gründe stehen auch nicht im Raum, Riker und Polaski sind beide nicht bereit für Kinder, aber sie hätten sich beide auch nicht um sie kümmern müssen, die körperliche und seelische Belastung ist deutlich geringer als all das, was Troy locker weggesteckt hatte (magischerweise), Erbstreitigkeiten wären eventuell ein Thema, aber eigentlich kein Grund, und insgesamt ist der Vorgang einfach nur als Satire ertragbar: die Pro-Choice-Fraktion will Abtreibungen bis nach der Geburt legalisieren, selbst, wenn es überhaupt kein Problem gibt!!! EinsELF! (Es ist bestimmt nicht so, dass „Das Kind“ unironisch als pro-Pro-Live-Botschaft und „Planet der Klone“ als pro-Pro-Choice-Botschaft“ gedacht sein könnten, denn dafür ist beides zu realitätsfern.)

Ja, es ist bescheuert. Beide Folgen sind bescheuert, weil sie die Situation, die sie zeigen, nicht ernst nehmen. Daraus ergeben sich Botschaften, die hoffentlich nicht wirklich so beabsichtigt waren, aber eigentlich ziemlich übel sind. Das gute daran ist, dass das Pendel hin und her schwang, so dass man je nach politischer Ausrichtung immer mal etwas hatte, was man gut fand, und was man blöd fand, und das ist tatsächlich besser als ein unkontroverser Einheitsbrei. Wenn nicht so gut, wenn man die Sachen ernst nähme. Umgekehrt ist unkontroverser Einheitsbrei besser als Einheitsbrei, der nur bei bestimmten Gruppen nicht kontrovers ist, aber nunja…

Ein Gedanke zu “Wie Star Trek mal die pro-Choser parodierte

  1. Nuja, das ist dann mal eine Folge pro Väterrechte. Respektive, was Hollywood eher versteht, „Urheberrecht“.

    Ich kann mich ehrlich an beide Folgen nicht erinnern – ich wusste nichtmal mehr, wer Pulaski ist.

    Ich hab zu dem Thema allgemein nicht viel zu sagen; wenn sich Frauen gerne Stabmixer in die Muschi stecken lassen und die ihre Kinder nichtmal selber wollen, bin ich der Letzte, der da was irgendwie pro dem Kind argumentiert; ich will es nämlich sicher auch nicht. Die sinnvolle ethische Frage, ob man den Uterus nicht gleich mitpüriert – in 99% der Fälle ist die Frau ja nun nachweislich zu doof, verantwortungsvoll zu Bumsen – steht aber gar nicht zur Diskussion.

    Freilich, das ist gerade ein hochgekochtes Thema, weil im US Supreme Court tatsächlich mal eine Mehrheit von Richtern sitzt, die die Verfassung (nebst Amendmends) inhatlich zu Lesen im Stande sind (im Gegensatz zu dem Kasperletheater in Karlsruhe, zum Beispiel), aber die Argumente sind auf der „Pro-Life“- Seite deutlich tragender als auf der Babys-pürieren-Seite – was nun aber wiederum hauptsächlich daran liegt, dass die außer hysteischem Gekreische _gar keine_ Argumente haben. Freilich sind die Pürier-Befürworter selbst ein gutes Argument für ihre Seite, aber stellenweise sind die schon im über 800sten Schwangerschaftsmonat.

    Typisch für die Linke ist Euthanasie aber nur dann aufgeklärt, links und richtig, wenn das Kind noch nichtmal plärren kann. Wenn es das kann, ist Euthanasie plötzlich total Rechtsnaziböse. Ist wohl ein rein eigennütziges Argument.

    Im Übrigen empfehle ich The Orville, S01E03 und besonders S03E05. Ich frage mich gerade, warum Seth MacFarlane nicht gerade von den LMNOP-Menschen am nächsten virtuellen Baum aufgehängt wird. Schaut das keiner? Ey – das ist wie Star Trek sein sollte!

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