Maxwell, das Opfer

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Es gibt keinen Feminismus im Falschen

„I adore you, Adorno!“ Aber der Spruch ist falsch. Oder, ganz viele „Feminismen“ gibt es nicht, weil sie im falschen Irgendwas sind. Im nichtzutreffenden Weltbild. Im nichtzutreffenden Menschenbild. In der nichtzutreffenden Selbstdarstellung. Im Falschen halt.

Eine Kolumne von Samira El Ouassil

Hm-m.

Gishlaine Maxwells Verteidigerin wollte die Sexualstraftäterin als Opfer inszenieren

Na, wer hätte das gedacht? Der Vorwurf kommt von derselben Person, die Amber Heard als Opfer inszenierte. Zugegebenermaßen in erster Linie als Opfer der öffentlichen Meinung, aber nunja.

sie spielte mit dem Klischee des unselbstständigen Weibchens. Doch selbstverständlich können auch Frauen schlechte Menschen sein.

No Shit, Sherlock? – No Shit, Mycroft! Ok, liebe Kinder, glaubt Ihr immer noch, dass solche Vorurteile nur von Männern verbreitet werden? Ich irgendwie nicht.

Unter anderem wegen »Menschenhandel mit Minderjährigen zu Missbrauchszwecken« wurde Ghislaine Maxwell, die ehemalige Geschäftspartnerin und Freundin des Sexualstraftäters Jeffrey Epstein,

Und Komplizin. Das Wort, um das es hier geht, lautet „Komplizin“. Er ist Sexualstraftäter (der aus Gründen nicht verurteilt wurde), und sie ist dann eine Sexualstraftäterin, wie in der Einleitung steht. „Geschäftspartnerin und Freundin“ klingt viel zu nett.

am Dienstag zu einer Haftstrafe von 20 Jahren Gefängnis verurteilt.

Es ist vllt. etwas zu philosophisch, ob jemand, der Vergewaltigungen nicht nur ermöglicht, sondern  freiwillig anwesend ist, wenn jemand vergewaltigt wird, eigentlich „nur“ Beihilfe leistet, oder selbst Vergewaltiger(w) ist. Aber ich sehe ein, dass man das Urteil auf das beschränkt, was ohne Philosophie bewiesen werden kann.

»Seit Eva beschuldigt wurde, Adam mit einem Apfel in Versuchung geführt zu haben, werden Frauen für die Taten von Männern verantwortlich gemacht«, hatte Maxwells Anwältin Bobbi Sternheim bei ihrer Eröffnungsrede im Dezember letzten Jahres gesagt.

Ja, Frau Sternheim, wir alle kennen die Geschichten, wie Eva Braun Hitler aufgehetzt hat. Genau DIE ist schuld. Daher musste bei Hitler auch alles braun sein. Und weil er aus der Gegend von Braunau kam. Und braune Haare hatte. Und braune Augen. Nur sein Schäferhund war irgendwie blond. Ansonsten ist er eigentlich nur ein megalomanischer Superschurke aus einem Comic mit einfachen Farbschemata. Diese Eva hat sich Hitler einfach nur ausgedacht!!!!

Sie nannte Maxwell einen »Sündenbock« und ergänzte: »Sie ist nicht Jeffrey Epstein und sie ist nicht wie Jeffrey Epstein«.

Wenn Epstein sie als die „treibende Kraft“ oder dergleichen darstellen würde, könnte man das Sündenbock-Argument gelten lassen. Aber wer sonst hätte jetzt ein Interesse, Epstein auf diese Weise in Schutz zu nehmen?

Diese Aussage war Teil der Strategie, Maxwells Verantwortung von den Taten Epsteins abzugrenzen.

Ach, Quatsch, das geht noch einen Schritt weiter: Maxwell sei nicht nur nicht für Epsteins Taten verantwortlich, sondern Epstein wäre außerdem für Maxwells taten verantwortlich. So ein Pech, dass man ihn nicht mehr bestrafen kann…

Sie sollte vor allem aber deutlich machen: Maxwell ist kein heterosexueller Mann.

Ohhhhhhhhhhh….. Offenbar denken manche Menschen, dass das als Verteidigung, Entschuldigung, Ausrede, Rechtfertigung und/oder Beweis für alle Fragen der Glaubwürdigkeit und des Leumunds ausreichend ist.

Zur Entlastung ihrer Mandantin entschied sich die Verteidigung, mit dem Geschlecht zu argumentieren, die Täterin zu viktimisieren, sie als Opfer ihrer Umstände zu definieren, eben weil sie eine Frau ist und Epstein ein mächtiger Mann war.

Fairerweise muss man sagen, dass es wohl auch SONST keine Argumente gab. Aber, wenn jemand wie eine Klischee-Feministin argumentiert, aber anscheinend denkt, sie käme damit durch, was sagt uns das über ihre Selbstwahrnehmung?

Hier muss man hellhörig werden, denn es werden feministische Argumente so stark instrumentalisiert, dass sie sich ins Gegenteil verkehren – und dazu beitragen, sexistische Strukturen nicht nur zu reproduzieren, sondern zu verfestigen.

Hier muss man hellhörig werden? Hier erst? Wer den tatsächlich ziemlich harten Shitstorm gegen Amber Heard auf „gute alte Misogyne“, „ökonomischen Bewusstsein“, dass man mit „der Abwertung von Frauen, insbesondere auf konservativen Seiten, statistisch immer mehr Interaktion erzeugt“ und „Bots“ zurückführt, kann mir nicht erzählen, dass erst das die rote Linie sei. Aber ja, mit genau solchen Aktionen schießen sich Feministinnen regelmäßig in die Kniee.

Das Eröffnungsplädoyer der Anwältin Sternheim arbeitete mit der Prämisse, dass Frauen gar nicht in der Lage seien, kriminell und kalt zu handeln.

Selbstverständlich können auch Schwarze rassistisch sein. Selbstverständlich können auch Frauen sexistisch sein. Antisemitistische Juden sind tatsächlich eine merkwürdige Erscheinung, aber davon mal ganz ab: das ist dieselbe Denke, die seit Jahren am Feminismus kritisiert wird.

Es ist frustrierend, dass man diese Banalität betonen muss:

#Notallman, anyone? Wenn ich betonen muss, dass nicht „jeder“ Mann, sondern tatsächlich nur eine Minderheit böse ist, was schert mich das bisschen Frust?

Selbstverständlich können auch Frauen Arschlöcher sein.

Wie Amber Heard, zum Beispiel? Ich frage deshalb, weil die doch vor diesen misogynen, ökonomisch denkenden Bots geschützt werden musste. Und nicht etwa vor weiblichen Missbrauchsopfern, die eine sehr gerechtfertigte WUT auf sie haben… (Mobbing ist trotzdem scheiße)

Frustrierend ist das auch, weil gleichzeitig eine lange Tradition der Dämonisierung von Frauen existiert. In den patriarchalen Logiken mussten sie über Jahrtausende als Piñatas gesellschaftlicher Dysfunktionalitäten herhalten,…

Ich kürze das mal ab, ja? Hat ihr irgendwer den Vorwurf gemacht, sie habe Epstein angestiftet? Dass Epstein ihr „Opfer“ war? Genausogut könnte man bei Bill Cosby argumentieren, dass seine Verurteilung nicht auf tatsächliche, bewiesene Verbrechen seinerseits zurückzuführen wäre, sondern eigentlich nur aus der belegten „Tradition“ stammt, Afroamerikaner zu Unrecht der Vergewaltigung zu bezichtigen und dann direkt zu lynchen.

Dieses Grundrauschen zuungunsten der Frau darf aber nicht Misshandlungen übertönen, die von Frauen begangen werden.

Achwas? Passiert aber ziemlich oft. „Niemand wird Dir glauben.“

Bei wirklicher Gleichberechtigung ist natürlich anzuerkennen, dass Männer wie Frauen verantwortungslos und boshaft sein können.

Bei „wirklichlicher“ Gleichberechtigung würde man das gar nicht so formulieren. Genausowenig, wie man schrübe „Rechtshänder und Linkshänder können gleichermaßen verantwortungslos und böse sein.“

Sexistisch wird es, wenn behauptet oder unterstellt wird, dass das Frausein Ursache von Bösartigkeit und Kriminalität sei.

Hmm, evt. ist Frausein aber eine Möglichkeit, allzu harter Strafe zu entgehen? Hier zum Glück nicht. Der Punkt ist hier, dass die Verteidigerin im Grunde sagt: „Meine Mandantin wird nur so hart angegangen, weil sie eine Frau ist.“ Bei schwarzen Mandanten mag das Argument „nur, weil er schwarz ist“, tatsächlich sachlich richtig sein (Afroamerikaner werden dem Vernehmen nach überproportional hart bestraft), aber diplomatisch gesehen eher ungeschickt, weil man das Gericht gegen sich aufbringt, wenn man es indirekt rassistisch nennt. Hier ist das „nur weil sie…“-Schiene schon sachlich falsch (Frauen werden dem Vernehmen nacht unterpropertional hart verurteilt), aber dafür trotzdem nicht diplomatisch geschickt, wenn man das Urteil betrachtet.

Die von Maxwells Verteidigung insinuierte Idee, dass die Fehler der Mandantin nur erfolgten, weil sie von einem Mann dazu verführt wurde, verkindlicht die Frau, beraubt sie jeder Souveränität

Och?

und ist damit zutiefst antifeministisch. Es gibt keinen Feminismus im Falschen.

Frauen, die „wegen des Patriarchats“ nicht Zimmerleute werden? Frauen, die Männer brauchen, um ihren GPG abzubauen (aka, ihre Gehaltsverhandlungen führen)? Frauen, die welche Probleme auch immer haben haben? Keine Souveränität, aka „frauenfeindliche Strukturen“ sind das Hauptnarrativ in allen aktuellen Feminismen.

Auf ähnliche Weise argumentierte auch eine einstige Silicon-Valley-Ikone: das Tech-»Fräuleinwunder« Elizabeth Holmes … erklärte … sich zur emotionalen Geisel des Mannes hinter ihr, des Unternehmers Ramesh »Sunny« Balwani.

Ich erkenne da ein Muster.

Man kann anerkennen, dass Menschen auch immer Produkt ihrer Umstände sind, vielleicht internalisierte Misogynie auch Teil des Problems ist – und dass sie dennoch als Täter:innen auch Strukturen zu ihrem Vorteil nutzen können.

„Täterinnen“ ohne „:“. Bei internalisierter Misogynie kann es sich nur um weibliche Täter handeln, weil männliche Täter höchstens Misandrie internalisieren können. Ist hier aber nicht das Problem, da nicht etwa „Strukturen“ genutzt werden, sondern feministische Narrative. Oder meinetwegen sind diese Narrative gleichzeitig auch „Strukturen“, aber wenn nicht nur zwei Frauen, sondern große Teile aller Feministinnen damit arbeiten: Keks.

Maxwell versucht aus einem korrumpierten #MeToo-Klischee – die Frau, die von einem Mann ausgebeutet und unterdrückt wird – Kapital zu schlagen

Oh, nein! Wie konnte das nur passieren? Und es nicht einmal so etwas plattes wie „Falschanschuldigung“! Es ist nicht direkt die Schuld von #metoo, wenn dergleichen Missbrauch damit getrieben wird. Aber wenn es ständig heißt, diese Art von Instrumentalisierung wäre ja völlig abwegig, und nur böse Maskus kämen auf diese absurde Idee, ein Frau würde dergleichen auch nur in Erwägung ziehen – dann war das wohl ein „Irrtum“.

während sie dabei selbst die schwächsten Mitglieder ihres eigenen Geschlechts ausbeutete.

Ohh, die wird jetzt bestimmt nur deshalb gehasst, weil sie ein Verräterschwein ist. Hätte sie mal lieber Männer geschlagen.

Laut Anklage war es Maxwells Aufgabe, das Vertrauen der Mädchen zu gewinnen, um sie gefügig zu machen

Denn ein weitverbreitetes sexistisches Vorurteil lautet ja, dass Frauen vertrauenswürdiger sind. Es ist nicht meine Schuld, dass Mädchen und junge Frauen so etwas denken…

Manchmal sah sie bei den Vergewaltigungen zu, »um das Kind mit ihrer Anwesenheit zu beruhigen«, so die Anklageschrift.

Ja, genau. „Beruhigen“. Selbst wenn gerade ein kleines Mädchen zur Sexsklavin gemacht wird, ist die Frau, die das ermöglicht, zu irgendetwas gut. Weil Frauen immer irgendwie gut sind. Denn Frauen sind: GUT! Dass Frauen sich an so etwas aufgeilen könnten, wäre ja absurd. Das kann nur diese misogyne Voreingenommenheit der Anklage gewesen sein, anders ist diese Formulierung einfach nicht erklärlich.

Man kann auch festhalten, dass sie sowohl Opfer als auch Täterin ist, da sie selbst von ihrem Vater … körperlich und emotional misshandelt wurde,

Und? Es gibt vermutlich eine Menge Täterinnen und sonstige Täter, die auf diese Weise auch Opfer waren oder immer noch sind. Bei Epstein würde das auch niemanden interessieren oder als Entschuldigung gelten. Und was Maxwell betrifft: sie war nicht das Opfer der Kinder. Sie war nicht das Opfer von Epstein. Inwieweit kann es dann relevant sein, wessen Opfer sie sonst vllt. war?

Und in diesem Fall gibt es selbstverständlich kein Aber: Sie war und ist Opfer.

Es gibt dafür ein „egal“.

Zur Täterin wurde sie ab dem Punkt, ab dem sie ihren Reichtum, ihre Privilegien und ihr soziales Kapital in Form ihrer glamourösen Kontakte verwendete, um Gewalt gegen andere auszuüben.

Was genau sie verwendete, ist eigentlich auch ziemlich egal. Eine Hilfsarbeiterin, die sich einem Mädchenhändlerring andient, wäre ja auch nicht besser. Aber ja, weil sie finanziell wohl eher nicht auf Epstein angewiesen war, wäre es ihr eher zuzumuten gewesen, keinen Mädchenhändlerring zu betreiben.

Es geht bei Maxwell auch um die Macht ihrer sozialen Überlegenheit – beziehungsweise um die Ohnmacht verschleppter Mädchen, die gezielt aus prekären Verhältnissen angeworben wurden.

Das ist trivial. Irgendeine Form von Machtgefälle muss es geben, um solche Verbrechen zu ermöglichen. Das spricht nicht gegen Machtgefälle als solche – manche benutzen ihre Macht ja auch, um Mädchen aus prekären Verhältnissen zu helfen.

Eine sexistischere Aufrechterhaltung eines misogynen Systems kann man sich kaum ausmalen.

Also, wenn die Opfer männlich gewesen wären, wäre das nicht misogyn und daher nicht so schlimm?

Sie sagte den Frauen, die dort von den Auswirkungen der Vergewaltigungen auf ihr Leben berichteten:

Wenn ein männlicher Vergewaltiger nach dem Urteil überhaupt noch die Klappe aufmacht, würde jeder  – einschließlich Ouassil – das gegen ihn auslegen. Aber HEY!

»Der Schmerz, den Sie erfahren haben, tut mir leid« und weiter: »Ich fühle tief mit allen Opfern in diesem Fall «

Wenn man Amber Heard plötzlich ganz nett und sympathisch findet…

Nun wird sie gegen das Urteil in Berufung gehen.

Na, sowas. Statt in Männertränen lieber in Krokodilstränen baden. Ist auch besser für die Haut. Ich bin ja so begeistert.

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