Endspurt

Da

Gegen jegliche Täter-Opfer-Umkehr.
Volle Solidarität mit allen
Betroffenen!

Woher weiß ich, wer betroffen ist?

»Schuld sind die Gewaltbetroffenen selbst«

Ja, wenn so ein Vater entsorgt ist, ist er bestimmt selber schuld. Vllt. hat er seine Frau vergewaltigt oder seine Kinder geschlagen. Oder umgekehrt.

Wenn über sexualisierte Gewalt gesprochen wird … zeigt sich immer wieder, dass die Verantwortung bei den Betroffenen selbst gesucht und die Schuldfrage von den Tätern zu ihnen verlagert wird.

Wenn jemand jemanden vorwirft, 1.000 € gestohlen zu haben, muss die mutmaßlich bestohlene Person belegen, dass sie die 1.000 € überhaupt hatte. Und der mutmaßliche Dieb kann geltend machen, diese geschenkt bekommen zu haben oder als Zahlung für eine Dienstleistung oder Ware.

Dieser Gedanke zieht sich durch alle Instanzen der Gesellschaft und zeigt sich besonders perfide in Gerichtsverhandlungen von Vergewaltigungsfällen. Richter*innen und Anwält*innen diskutieren plötzlich über die Kleidung, das Verhalten oder die sexuelle Vorgeschichte der Betroffenen.

Ok, dergleichen kommt vllt. häufiger vor, als die ganzen nachweislichen Vergewaltiger, die nicht ins Gefängnis kommen, sondern das Betreuungsrecht erhalten. Aber typischerweise geht es auch um die Frage, ob der Sex in Wahrheit doch einvernehmlich war. Einvernehmlicher Sex kommt nämlich öfter vor, als dass jemand jemanden spontan 1.000 € schenkt.

Auf diese Weise wird sexualisierte Gewalt nicht als strukturelles Problem einer sexistischen und patriarchalen Gesellschaft begriffen, sondern als Konsequenz individueller Fehlentscheidungen gerahmt.

Erstens: wieso muss sexualisierte Gewalt überhaupt „strukturell“ sein? Der Täter ist vllt. einfach der einzige Schuldige. Zweitens: wie IHR das „begreift“, ist für den Prozessausgang irrelevant.

„Nein heißt Nein“ und der Mythos der Falschanschuldigung

Eine weitere antifeministische Strategie ist, einfach anzuzweifeln, dass überhaupt eine Vergewaltigung stattgefunden habe.

Äh, nein, das oben ist die „Strategie“, anzuzweifeln, ob eine Vergewaltigung stattgefunden hat. Was jetzt kommt ist die Strategie, anzuzweifeln, dass überhaupt etwas sexuelles stattgefunden hat.

Seit der Reform des Sexualstrafrechts 2016 gilt in Deutschland die Regel „Nein heißt Nein“.

Und? Soll ich schreiben, dass ich im Folgenden nur über Fälle rede, die im Kontext mit Falschbeschuldigungen zustande kamen?

Der antifeministische Shitstorm auf diese Entscheidung ließ nicht auf sich warten: „Jetzt wird es Falschanschuldigungen geradezu vom Himmel regnen!“

„Vom Himmel regnen“ vllt. nicht. Aber offensichtlich gibt es Falschbeschuldigungen.

Wie sieht die Realität aus?

Ihr habt buchstäblich keine Möglichkeit, das herauszufinden.

Antifeministische Narrative der Sittlichkeit und Verführung

Argumentationen, die dem Tenor „Sie hatte aber einen kurzen Rock an“ folgen, stellen feministische Errungenschaften in Frage.

Jein. Das Argument ist dann ja nicht, dass kurze Röcke Männer in triebhafte Tiere verwandeln, sondern, dass sie tatsächlich auf der Suche nach einvernehmlichen Sex war und auch bekommen hat. Ja, stimmt auch nicht immer. Aber die Errungenschaft ist, dass Frauen nach einvernehmlichen Sex suchen dürfen und weder Frauen und Männer automatisch bestraft werden.

Die „drohende Gefahr einer Welle an Falschbeschuldigungen“ erweist sich als abstruse Vorstellung, wirft man einen Blick auf das Anzeigeverhalten von Betroffenen sexualisierter Gewalt: Nur in einem Bruchteil der Fälle – je nach Studie 5 bis 15 Prozent – kommt es überhaupt zu einer Anzeige.

Das sind dann ja keine Falschbeschuldigungen. Falschbeschuldigungen sind per Definition Anzeigen von Nichtbetroffenen. Dass es die auch nicht regnet, ist ja schön, aber nunja – woran erkennt IHR die?

Aber Achtung, das sind nur die eingegangenen Anzeigen! Denn in gerade einmal in 10 bis 15 Prozent der angezeigten Fälle folgt dann eine Anklage.13

Wenn ich arschig wäre und genauso unsauber argumentieren würde, wie Ihr, liebe AAS, würde ich sagen, dass die anderen 90-95% tatsächlich Falschbeschuldigungen waren, und mangels Beweisen nicht verfolgt wurden.

Und von diesen wenigen Anklagen endet wiederum ein verschwindend geringer Teil in einer Verurteilung.

Oder, ich könnte RICHTIG asi sein…

„Von Hundert Frauen, die vergewaltigt wurden, erlebt nur etwa eine einzige eine Verurteilung“.14

Das sagt nichts darüber aus, wie viele Frauen, die eine Vergewaltigung anzeigen, auch vergewaltigt wurden. Aber ja, nehmen wir mal nicht das schlimmste an…

Die hohe Anzahl an Verfahrenseinstellungen und Freisprüchen werden als vermeintliche Belege dafür herangezogen, dass Falschbeschuldigungen gang und gäbe seien. Kein Verurteilter = keine Sexualstraftat. So funktionieren aber weder das deutsche Rechtsystem noch die Interpretation von Statistiken.

Tja – die Art der Erhebung und das Ergebnis lässt erheblichen Interpretationsspielraum zu. Spontan wäre meine Vermutung, dass Falschbeschuldigungen am ehsten gegen jemanden gemacht werden, den die Frau kennt, aber ich habe original keine Ahnung. Andererseits – wer weiß, wie viele zu Unrecht verurteilt wurden?

Woran scheitert es dann? Zum einen kursieren auch in Ermittlungsbehörden und Gerichtssälen Vergewaltigungsmythen sowie Opfer- und Geschlechterstereotype, wodurch sexualisierte Gewalttaten nicht unbedingt als solche anerkannt werden (siehe oben).

Eine Straftat ist im Gesetz definiert. Ob eine konkrete Handlung stattfand und eine Straftat darstellt, gilt es zu prüfen. Stereotypen gibt’s bestimmt auch, werden hier aber überbewertet.

Zweiten kann nicht in jedem Fall ein Täter identifiziert werden – ohne Angeklagten kein Urteil.

Das ist wohl öfter das Problem. Aber wenn man Bernd/Björn Höcke wegen Vergewaltigung drankriegen will, weiß man ja wenigstens den Nachnamen. Und das Aussehen.

Und drittens ist es für Betroffene schwierig genug, Beweise für die Tat zu liefern. Das ist bei Delikten, bei denen die Betroffenen und Täter*innen häufig alleine waren, nicht überraschend.

Hey, Täter*innen! Gegendert und so! Ich hatte beim Kachelmannprozess nicht den Eindruck, dass zu überspannte Erwartungen an die Beweislage gestellt wurden, aber ja, es ist nicht beliebig einfach.

Wenn Aussage gegen Aussage steht, greift vor Gericht das Prinzip in dubio pro reo

Gaaanz so einfach ist es auch nicht. Man kann schon unterscheiden, wie plausibel und schlüssig jede Aussage ist. Aber ja, die Beweislast liegt bei der Staatsanwaltschaft. Deshalb immer möglichst zeitnah Anzeige erstatten.

Also selbst, wenn das Gericht der betroffenen Person glaubt, kann es die angeklagte Person aufgrund fehlender Beweismittel nicht verurteilen.

Was ist denn DAS für eine Aussage? Wenn die mutmaßlich betroffene Person das Gericht nicht überzeugen kann, glaubt es ihr nicht. Wenn es ihr glaubt, hat es keinen Zweifel mehr und dann gilt in dubio pro reo nicht mehr.

Das Verfahren wird daraufhin eingestellt, oder es kommt zum Freispruch. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass eine Falschaussage vorliegt!

Eine der beiden Parteien wird vermutlich eine Falschaussage gemacht haben, aber dann kann man daraus eben auch keine Statistik über Falschbeschuldigungen aufstellen.

Ganz im Gegenteil zeigen die ersten Bilanzen der Sexualstrafrechtsreform, dass zwar die Anzahl an Anzeigen deutlich gestiegen ist (auch durch die Einführung neuer Straftatbestände), die Zahl der Verurteilungen jedoch kaum.

Inwiefern soll DAS belegen, dass die Zahl der Falschbeschuldigungen nicht gestiegen sei? Also, meinetwegen kann man das auch auf die neuen Straftatbestände zurückführen, aber, echt jetzt?

Schuldverschiebung als antifeministische Strategie

Auch über das Themenfeld sexualisierter Gewalt hinaus ist die Umkehrung von Täter und Opfer ein beliebtes Motiv antifeministischer Behauptungen. So sprechen Antifeminist*innen von einer „Homo- und Translobby“,

Die jetzt eher nicht im Verdacht stehen, Falschbeschuldigungen zu erheben? Aber ja, die große, einheitliche Verschwörungstheorie: Alle Antifeministen sind an allem schuld.

Weil Männer und Frauen eh längst gleichberechtigt seien, würden vermeintliche Gleichstellungsmaßnahmen in Wahrheit Männer benachteiligen.

Also, HIER ist es tatsächlich ein anderes Problem, insofern ist das Quatsch.

1. Wir glauben euch!
Die geringe Anzeigequote zeigt fundamentale Probleme im Umgang mit sexualisierter Gewalt in Deutschland.

Wenn man Probleme mit dem Rechtsstaat hat, muss man den Rechtsstaat abschaffen.

Und mit Blick auf die minimale Chance, auf juristischem Weg Gerechtigkeit zu erfahren, ist es nicht verwunderlich, dass viele Personen die Gewalt nie zur Anzeige bringen.

Ein Narrativ, was von Euch immer wieder bedient wird. Aber wenn die Betroffenen nicht anzeigen, kann ich es leider auch nicht ändern.

Zweifelnde Nachfragen, Relativierungen oder gar Schuldzuweisungen sind absolut fehl am Platz!

Ähh, sondern?

2. Recht vs. Gerechtigkeit

„Nein heißt Nein“ war ein wichtiger Anfang, doch die letzten Jahre haben gezeigt, dass der große feministische Paukenschlag bislang ausgeblieben ist.

Ich habe buchstäblich keine Ahnung, wass die erwarteten. Bei aller unvoreingenommener Bearbeitung von angezeigten Fällen kann die Aufklärungsquote ja nicht höher als die Angezeigenquote sein. Und Dunkelzifferstudien sind halt Studien im Dunkelfeld…

3. „Ja heißt Ja“: mehr feministische Sexualpädagogik

Veränderungen auf rechtlicher Ebene sind wichtig. Sie allein können jedoch den Kern des Problems nicht verändern.

Wie viele Männer werden eigentlich Opfer sexueller oder sexualisierter Gewalt? Ab welchem Alkohol-Level gilt „Ja heißt Ja“ nicht mehr? Bzw., ist das Ja nicht mehr rechtsverbindlich? Können sich eigentlich zwei Menschen gegenseitig vergewaltigen, wenn beide zu besoffen sind? Formaljuristisch gesehen? Fragen, auf die es möglicherweise eine Antwort gibt, aber nicht von AAS.

3 Gedanken zu “Endspurt

  1. „Argumentationen, die dem Tenor „Sie hatte aber einen kurzen Rock an“ folgen, stellen feministische Errungenschaften in Frage.“

    „Zweiten kann nicht in jedem Fall ein Täter identifiziert werden – ohne Angeklagten kein Urteil.

    „Und drittens ist es für Betroffene schwierig genug, Beweise für die Tat zu liefern. Das ist bei Delikten, bei denen die Betroffenen und Täter*innen häufig alleine waren, nicht überraschend.

    Es ist geradezu unredlich, dass in solchen Artikeln niemals ein Zusammenhang gezogen wird. Die Frage nach der Kleidung ist nämlich üblich, um Zeugen zu suchen (immer, wenn es um Straftaten geht).
    Mal ehrlich, wodurch findet man eher Zeugen:
    Haben Sie am Freitag Abend gesehen, wer mit dieser Frau [Foto] weggegangen ist?
    Haben Sie am Freitag Abend gesehen, wer mit der Frau im auffällig pinken Minirock weggegangen ist?

    Gefällt 1 Person

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