Warum man nicht mit den eigenen Vorurteilen anfängt

Weil es dann langweilig wäre.

hier

‚Gender-Ideologie‘ ist ein rechter Kampfbegriff, um politische Maßnahmen gegen geschlechtsspezifische Gewalt
abzubauen. Nicht mit uns!

Nein. Gender-Ideologie ist wegen meiner ein Kampfbegriff, aber nicht notwendigerweise „rechts“, und wennschon Kampfbegriff, geht es gegen politische Maßnahmen zur Einführung der Gendersprache und evt. noch das Selbstbestimmungsgesetz. Was beides nichts gegen Gewalt hilft, geschlechtsspezifische oder -unspezifische.

»Gewaltschutz als ‚Gender-Ideologie‘ durch die Hintertür«

Ok, DEN haben die sich ausgedacht. Schlimmer als beim AntiAntisemitismus. Da haben die die gegnerische Argument teilweise einfach falsch verstanden. Dass technisch gesehen die Römer und nicht die Juden Christus gekreuzigt haben, ist sicher richtig, aber die Römer sind inzwischen Christen und die Juden nicht – wieso sollten Christen andere Christen mehr hassen als Juden? Das wäre ja unlogisch. („Aber Mycroft, 30-jähriger Krieg und so?“ – „Ach, sei still!“) Aber hier werden unterschiedliche Argumente zusammengerührt.

Hilfe, der Feminismus schafft die Geschlechter ab! Wohl an keinem anderen Wort arbeiten sich Antifeminist*innen derart verbissen ab wie am „Geschlecht“ – genauer: am Begriff „Gender“.

Ja, aber das hat Gründe, die mit dem Gewaltschutz nichts zu tun haben. Bzw. sehr indirekt. TERFs argumentieren, dass sie keine biologischen Männer in „Frauenschutzräumen“ haben wollen. Also keine anatomischen Männer. Die ganze Frage, wie man sein soziales Geschlecht aka Gender verändern könnte, kann aus deren Sicht direkt abgekürzt werden wie folgt: „Gender interessiert uns nicht, bzw. nicht in dem Kontext. Penis gefälligst draußen lassen.“

Denn für Antifeminist*innen gibt es nur zwei Geschlechter: Frauen und Männer, so will es die Biologie, Ende der Diskussion.

TERFs verstehen sich aber nicht als Antifeminitinnen, sondern als Feministinnen. Die Kritik richtet sich fast ausschließlich gegen Transfrauen, die in Frauenräume eindringen, selbst, wenn sie nicht gewalttätig werden. Und wenn man sich durch Selbstdefinition zur Frau erklären kann, dann ja wohl erst Recht zur Feministin.

Weil in der Istanbul-Konvention der Begriff „soziales Geschlecht“ benutzt wird, behaupten Antifeminist*innen, dass es eigentlich gar nicht um Gewalt gegen Frauen gehe, sondern darum, „Gender-Ideologien“ durch die Hintertür einzuführen.

Warum überhaupt „Geschlecht“ einführen? Wenn Männer Männer und Frauen Frauen verprügeln, ist das ja auch nicht besser. Aber ja, immer diese Hintertür…

Sie nutzen also Queerfeindlichkeit, die in der Bevölkerung oft weit verbreitet ist, um Frauenrechte abzuschaffen. Denn nur dieser Deckmantel macht das eigentliche Ziel leichter akzeptierbar.

Die richtig schwulen- und frauenfeindlichen Männer sind natürlich pro Ehe für alle – warum sollen es die Schwulen und Lesben denn bitte besser haben? Außerdem spielt bei häuslicher Gewalt von gleichgeschlechlichen Paaren der Fairnissgedanke eine Rolle: wenn beide Partner oder -innen dasselbe biologische Geschlecht haben, ist das ein sportlicher Kampf! *Popkrn hol. Ansonsten ist es lächerlich zu denken, dass ein eher frauenunfreundliches Land Queerfeindlichkeit benötigte, um Frauenfeindlichkeit zu tarnen.

Antifeminist*innen in mehreren europäischen Ländern behaupten sogar, dass die Konvention mit nationalen und internationalen Gesetzen kollidiere: Gewalt gegen Frauen sei ja eh schon verboten, da brauche es keine weiteren Maßnahmen.

Ach? Aber Gewalt gegen Männer nicht?

Die Sache mit der Biologie

Das wird Antifeminist*innen nicht gefallen: In der Biologie ist schon lange bekannt, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt.

Männlich, weiblich, asexuell (klont sich), selbstbefruchtende Zwitter, fremdbefruchtende Zwitter, Zwitter, bei denen beides geht, Protogyne und Protoander. Bei Schleimpilzen ist Geschlecht tatsächlich eher ein Spektrum, echte Pilze und manche Einzeller kennen Paarungstypen. Wie war die Frage?

Die Idee, dass es nur zwei Geschlechter und so etwas wie geschlechtstypische Merkmale und Eigenschaften generell gibt, ist also menschengemacht und in diesem Sinne nicht naturgegeben.

Das ist jetzt Geschwurbel – Hosen und Röcke sind menschengemacht, also kann deren Zuordnung zu biologischen Geschlechtern nicht naturgegeben sein. Andererseits ist das Geschlecht eines Menschen auch oder gerade dann erkennbar, wenn er keine Kleidung trägt…

Der Begriff „Gender“ sagt aber noch viel mehr aus. Er berührt erlernte Rollenbilder und Verhaltensweisen und berücksichtigt, wie diese unser aller Leben beeinflussen.

Eigentlich ist das weniger, nicht mehr. Den Radikal-Feministinnen ist es daher egal. Oder jedenfalls nebensächlich. Wie viele Gender gibt es eigentlich im Tierreich?

 Wenn in der Istanbul-Konvention vom sozialen Geschlecht gesprochen wird, geht es vor allem um gesellschaftliche Normen: Wer hat sich aufgrund von geschlechtlichen Zuschreibungen wie zu verhalten?

Und welchem Gender muss man im Zweifel mehr glauben? Ach, nee, dass war nicht die Istanbul-Konvention, dass war der Feminismus. Radikale Feministinnen aus Deine Umgebing wollen nicht, dass Du Dich zur Frau erklärst, weil man DIR dann glauben müsste.

Gesetze sind ein wichtiger Baustein, um geschlechtsspezifische Gewalt zu bekämpfen. Etwas zu verbieten oder zu bestrafen, heißt aber noch lange nicht, dass das Problem an sich kleiner wird.

In D. zumindest nehmen Morde seit Jahren ab (die aktuelle Tötungsrate ist 0,7). Dieses Problem zumindest wird kleiner. Ok, der Frauenanteil an den erfolgreichen Tötungsdelikten liegt inzwischen bei +-50 %, aber hey! Endlich Gleichstellung!

1. Wachsam bleiben

Antifeminist*innen sind in Europa und weltweit sehr gut vernetzt, üben Druck auf politische Entscheidungsprozesse aus und sind an Gesetzgebungen beteiligt.

Ruhm und Ehre der global verstrikten Verschwörung aller patriarchalen Geheimlogen!

2. Den strategischen Einsatz von Queerfeindlichkeit erkennen und widersprechen

Frauenrechte (wie die Istanbul-Konvention) und die Rechte queerer Menschen gegeneinander auszuspielen hat sich zu einer wesentlichen antifeministischen Argumentationsfigur entwickelt.

Nicht Queerrechte insgesamt, Transrechte. Meine Mitmaskulisten und ich sehen gerne zu, wie sich TERFs und Transaktivierende sich epische Schlachten liefern, im I-Net oder im Richtigen Leben. Dass derartig brutale Konflikte von Cismännern ausgetragen werden ist ein Rollenklischee, dass wir gerne ablegen werden.

Der Einsatz gegen menschenfeindliche Gewalt und Diskriminierung geht nur gemeinsam.

„Wir müssen miteinander ringen!“ – „Tun wir doch!“

3. Wissenschaftliche Erkenntnisse und Lebensrealitäten anerkennen

Studien über Geschlecht und Geschlechterverhältnisse haben über Jahrzehnte bewiesen, dass die beschworene „natürliche“ Zweigeschlechtlichkeit nicht existiert.

Dann brauchen wir doch MEHR Toiletten, nicht weniger? Mehr! Oder jeder Toilettenraum besteht aus genau einer Kabine mit Toilette und Waschbecken. Umständlich, aber ok.

Damit antifeministische Falschbehauptungen sich nicht in der Gesellschaft verbreiten und etablieren können, müssen wissenschaftliche Erkenntnisse ernst genommen und die vielfältigen Lebensrealitäten von Menschen anerkannt werden.

Gibt es eigentlich mehr nicht-cis-Menschen als Menschen im Rollstuhl? Wenn nicht, warum sollte man die seltenere Lebensrealität stärker berücksichtigen als die häufigere? Diese Häufigkeit kann man ja wissenschaftlich erfassen, aka „zählen“, und dann dazu passende Forderungen stellen.

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