In Duftgewittern

Bei der taz.

Moschusfahne und Maracujaduft

Männer riechen nach Kräutern oder Moos, Frauen nach Blumen. Beauty-Marketing arbeitet mit Stereotypen und reproduziert binäre Geschlechterklischees.

Hagelt HYDRA! Es gibt vermutlich nicht genug Intersexuelle, um für die eigene Parfüme zu erfinden, aber ja, Männer und Frauen…

Wer die Regale einer Drogerie auf der Suche nach Deodorant oder Duschgel durchstreift, wird von Düften und Farben überhäuft. Bei der Entscheidung helfen Erwartungen und Klischees:

O-DER: man sucht sich das aus, was man haben will, weil man den Geruch so mag. Oder-oder: man nimmt das, wovon man weiß, denkt oder hofft, dass es für das bevorzugte Geschlecht am ehesten attraktiv richt. Oder, man wählt nach der Farbe aus – montags zum Beispiel etwas Gelbes.

Weiblich gelesene Personen bewegen sich häufig in Richtung Maracuja, Granatapfel oder Vanille, während männlich gelesene Personen offenbar nach Energy, Active oder Sport duften sollen.

Funfact: „Männershampoo“ aka Antischuppenschampoo hat jetzt keinen Männerkopf mehr drauf, sondern Aloe Vera.

Obwohl letztere Beispiele im Grunde keine Duftrichtungen sind

Da steckt nicht allzuviel Logik hinter.

haben wir beim Gedanken an Kosmetikprodukte „for men“ sofort einen Geruch in der Nase: vermeintlich kernig, meist unerträglich herb.

Wer ist „wir“? Ich nicht. Und damit meine ich nicht, dass ich es erträglich herb finde, sondern dass hier Vorurteile gepflegt werden. Warum sollten Männer auch Düfte verwenden, auf die Frauen nicht ansprechen? (Oder: warum sollte das Patriarchat solche Düfte verkaufen? Funzen die Hirnwellenstrahler nicht mehr?)

In der Damenabteilung überwiegen helle Farben, viel Rosa, Blumen und Tiere

Hengste? Hydras?

bei den Männern dominieren Blau und Schwarz, geometrische Muster sowie Wassertropfen.

Es ist nicht verboten, wenn Frauen blaues Duschzeug kaufen. Oder blaue Einwegrasierer. Oder irgendwas aus der Männerabteilung.

Eine Feuchtigkeitsmaske desselben Unternehmens spricht Frauen mit den Worten „be sweet“ und dem Bild eines Lämmchens mit Blumenschmuck auf dem Kopf an, während die Männern angedachte Version „den Frischekick“ vor dem Bild eines Superhelden verspricht.

Und in Wahrheit riechen und schmecken beide Produkte absolut gleich, und nur die unterschiedlichen Verpackungen suggerieren unseren Unterbewusstseinen Unterschiede? Ach, und das für Frauen kosten pauschal 10 ct mehr. Weil: Frauen!

Man liest, Personen eines Geschlechts würden Personen des anderen Geschlechts bevorzugen, die gänzlich anders als sie selbst riechen – so würde die Natur für einen gut durchmischten Genpool sorgen.

Also kann man so auch plötzlich anfangen, aufs eigene Geschlecht zu stehen, wenn dieses nur ausreichend anders riecht? Hmmm…

Stripteasetänzerinnen bekamen laut einer Studie an ihren fruchtbaren Tagen doppelt so viel Trinkgeld, was den Forschenden zufolge auch an einem Fruchtbarkeit ausstrahlenden Körpergeruch liegen könnte.

a-HA! Bzw., müssten Antibabypillen da nicht entgegenwirken? Alles nur ein fieser Trick des allgegenwärtigen Patriarchats: Stripperinnen sollen zwar bitteschön strippen, aber nicht zu viel Trinkgeld dabei kriegen. Nicht, dass die genug sparen, um irgendwann damit aufzuhören.

Unsere Nase verrät uns also durchaus mehr, als uns bewusst ist – auch, ob wir jemanden „gut riechen können“. Doch die Düfte des Beauty-Marketings sind von unseren natürlichen Körpergerüchen meilenweit entfernt.

Menschen riechen in Wahrheit gar nicht nach Bäumen, Magnolien und Aloe? Ich fühle mich – mal wieder – betrogen und enttäuscht! Ansonsten ja, nach Schweiß riecht man von alleine, dazu muss man nicht noch extra Geld ausgeben. („Aber, Mycroft, etwas mehr Bewegung…“ – „Nein! Das reproduziert Vorurteile!“)

Davon zeugt schon die Tatsache, dass der Schweiß von Frauen aufgrund der schwefelhaltigen Verbindungen häufiger als der von Männern einen zwiebelartigen Geruch hat – Zwiebel statt Mango?

Und Jute statt Plastik! Aber hey, immerhin fällt hier wem auf, dass es empirisch nachweisbare, gar chemisch messbare Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt! Zwiebeln sind nicht sozial konstruiert. Nagut, gezüchtet.

Zwar gibt es auch spezifisch als Unisex-Produkte konzipierte Düfte, Cremes und Lotionen, die verschiedene Geruchssegmente, allerdings weniger dominant vereinen.

Ein Glück für die Non-Binären! Es wäre auch doppelt sinnlos, wenn die aus Geschlechtergründen nicht nur zwischen Blau und Rosa, sondern auch noch zwischen Obst und Gemüse wählen müssten.

Doch abgesehen davon … Frauen werden dabei seit jeher als das zarte, romantische Geschlecht gezeichnet. Sie sollen schön, Männer hingegen attraktiv und stark wirken.

Was genau soll jetzt der Unterschied zwischen schön und attraktiv sein? Diese Unterscheidung ist doch völlig konstruiert. Aber die Parfümpolizei wird schon alle einsperren, die das falsche Produkt kaufen.

ein Neugeborenes hat zwar einen sehr ausgeprägten Geruchssinn, aber noch kaum bevorzugte Düfte.

Was auch daran liegt, dass es diesbezüglich auch nicht viel zur Wahl hat.

Verknüpfen wir einen Duft, oft über Jahre hinweg, mit bestimmten Personen oder mit negativen beziehungsweise positiven Erfahrungen, formt sich so unsere Geruchswahrnehmung.

Schon, aber das wäre ein Problem, wenn alle Männer oder alle Frauen jeweils genau ein Parfüm verwenden würden. Aber bei der Auswahl, allein pro Geschlecht – wen schert’s?

Coca-Cola soll in den USA laut Marketingberichten eine Umsatzsteigerung erzielt haben, indem an Verkaufsorten der Marke der Duft einer in den 1990er Jahren besonders beliebten Sonnencreme verströmt wurde:

Aber nicht den Geschmack der Sonnencreme. Sollte ich mich als Mann demnach mit der Creme einreiben, um erfolgreich bei Frauen zu sein, die in den 90ern jung waren? Natürlich sollte ich das. Wo gibt es diese Cola zu kaufen?

Eine aktuelle Studie aus Schweden kommt jedoch zu dem Ergebnis, dass die Geruchswahrnehmung viel stärker von individuellen Vorlieben als von kultureller Prägung bestimmt ist.

Na, dann. Ok, ist ein interessantes Thema, das man auch ganz ohne Männer-Frauen-etc-Gedöne diskutieren oder erforschen könnte. Aber nein, das wäre ja nicht feministisch. Keine wissenschaftliche Erkenntnis ist ohne Feminismus wichtig oder auch nur sinnvoll.

Und so wird der maracujaduftende Mann weiterhin genauso schräg angeschaut wie die Frau mit Moschusfahne – und auch, wer sich nicht im binären Geschlechterschema wiederfindet, muss gefühlt entscheiden.

Ist das so? Er oder sie wird schräg angeschaut? Ich hätte es logischer gefunden, wenn mann über die beiden die Nase rümpfen würde, aber hey, Logik meets World!

Ein Vorschlag: Wie wäre es, Produkte einfach nach Geruch zu kategorisieren.

Künstliches Aroma #895-#958? Geil.

Solange die Kosmetikabteilung aber noch in Farben und Klischees unterteilt ist, bleibt bloß der Ratschlag: Riecht doch, wie ihr wollt!

Pro-Tipp: die Kosmetikabteilung ist so unterteilt, weil IHR, liebe Käuferinnen und männliche Käufer damit manipuliert werdet. Und Ihr werdet manipuliert, weil Ihr damit ansprechbar seid. Insofern ja, die taz hat RECHT: kontra-klischeehaft kaufen, oder das neutrale Zeug nach Funktion und Nutzen auswählen. Und nach Preis natürlich. Markt regelt! Das Patriarchat mit Marktwirtschaft besiegen! Wuhu!

3 Gedanken zu “In Duftgewittern

  1. Wieviele (pro Geschlecht) teilen denn Düfte in „riecht gut / riecht schlecht“ ein
    — vs —
    Wieviele in „Ah, eine ganz feine Moschusnote, die sich mit dem Zitrusduft jungfräulicher Orangenblüten aus der Algarve mischt als Herznote. Worauf die Kopfnote mit Bergamotte, Thymian und Asphaltregen erst so richtig einstimmt. Getragen von der Basisnote aus Chrysanteme und einem japanischen auf philippinischem Zedernholz gereiften Schimmelpilz ergibt das ganze eine wunderbare Note, die sich durch eine langanhaltende Silage deutlich hervorhebt.“

    Gibt die Parfüm-Polizei darüber Auskunft?

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  2. Ich stelle jetzt die steile These auf, dass die Erwartungshaltung von Männern bei Duschgel/Shampoo einfach eine andere ist, als es bei Frauen der Fall ist.

    Generell nutze ich eher neutrale Shampoos und Duschgele, weil die für meine Haut und Kopfhaut verträglicher sind. Da steht der praktische Gedanke dahinter, dass ich Schuppen vermeiden möchte und meine Haut nicht austrocknet. Der Geruch ist mir dabei herzlich egal.

    Meiner Frau ist der Geruch eines Produkts dagegen wesentlich wichtiger. Weswegen wir auch 5-6 verschiedene Duschgel Sorten immer zuhause rumstehen haben. Das sind für gewöhnlich verschiedenste Obstsorten die darin vermeintlich eingearbeitet wurden.

    Ich nehm von Zeit zu Zeit gerne mal so ein Duschgel meiner Frau her und auch lieber als „typisch männliche“ Duschgel Sorten die nach Eis, Tot, Explosionen und Meteoritenschauer riechen. Das heißt aber nicht, dass ich gezielt diese Produkte kaufen würde… auch wenn die teilweise echt lecker riechen! Trinken sollte man das Zeug ohnehin nicht. Im Zweifelsfall kaufe ich mir den entsprechenden Saft und den kann ich dann sogar trinken! 🙂

    Randbemerkung: Wenn ich in der Öffentlichkeit einen guten Geruch verströmen möchte, dann greif ich eher zum Aftershave. Die Wahl des Duschgels ist da wirklich komplett irrelevant.

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