Achja, Amber?

Um es vorwegzuschicken:

Ich habe mir zu Heard vs. Depp eine Meinung gebildet, bevor das Urteil da war; insofern gestehe ich anderen dasselbe zu, selbst wenn diese zu einer anderen Meinung kommen als ich. Warum und wieso auch immer jemand eine andere Meinung als ich haben sollte, aber Meinungsfreiheit gilt auch für den Spiegel.

Ich habe auch insbesondere Verständnis, wenn man als Zeitung etwas vorsichtiger ist, Partei zu ergreifen, als ich als Blogger; einerseits ist erst letztens jemand von einem Mob überfallen worden, weil eine RTL-Reportage den irreführenden Eindruck erweckte, er wäre pädophil, und andererseits ging’s im Prozess auch darum, ob ein Zeitungsartikel selbst dann Verleumdung sein kann, wenn der Name der mutmaßlich verleumdeten Person nicht genannt wird.

Aber jetzt beim Spiegel: hier.

Amber Heard über Johnny Depp

»Ich liebe ihn. Ich habe ihn von ganzem Herzen geliebt«

Hachja. Wie rührend. Die Macht der Geschlechtertauschprobe – entwickelt bei der regelmäßigen Spiegel-Kolumnistin Stokowski, und zwar IN einer Spiegel-Kolumne – zerlegt dies: würde man ein Interview mit Weinstein veröffentlichen, nachdem dieser verurteilt wurde? Mit Kevin Spacey? Oder – was weniger kontroverses – mit Will Smith nach der Ohrfeige? Entweder, man interessiert sich tatsächlich mehr für die Situation der Frau, ungeachtet des Sachverhaltes, oder, man glaubt ihr mehr. Sonst käme das nicht zustande. Und ich halte es für extrem ausgeschlossen, dass der Spiegel Weinstein mit „Ich habe sie immer geliebt!“ zitieren würde. In der Überschrift. Immerhin, der Spiegel berichtet über Chris Brown, aber eher neutral.

Nach Ende des Verleumdungsprozess und der medialen Schlammschlacht äußert sich Amber Heard überraschend über ihnen Ex-Mann

Das ist ja völlig ungewöhnlich. DAS muss man natürlich wiedergeben. Schließlich hat Heards Glaubwürdigkeit ja keinerlei Schaden genommen.

 Im US-Fernsehen sagte die Schauspielerin, sie hege keinen Groll gegen Johnny Depp.

Heißt das, sie will doch nicht in Berufung gehen? Weil das danach klingt, dass sie nicht Berufung gehen wolle.

US-Schauspielerin Amber Heard hat offenbar noch immer Gefühle für ihren Ex-Ehemann Johnny Depp.

Ja, aber welche? Liebe kann es ja eigentlich nicht sein. Und eigentlichlich wäre das richtige Adverb „scheinbar“, „angeblich“ oder eventuell „möglicherweise“. „Offenbar“ impliziert, dass man ihr diese Aussage glaubt und sich zu eigen macht. HEY, Parteilichkeit!

»Ich liebe ihn. Ich habe ihn von ganzem Herzen geliebt. Und ich habe mein Bestes gegeben, um eine zutiefst zerrüttete Beziehung zu kitten. Ich konnte es nicht.«

Was genau meint sie, von dem, was sie getan hätte, wäre „Kitt“ gewesen? Und wie erklärt sich ihr Verhalten, nachdem die Beziehung nunmal gescheitert war? Das Interview gibt vllt. Antworten auf diese Fragen, die der Spiegel noch nicht kennt, aber echt jetzt? DAS lassen die so stehen?

»Ich weiß, das ist vielleicht schwer zu verstehen, aber es ist auch ganz einfach zu verstehen. Wenn Sie jemals jemanden geliebt haben, sollte es einfach sein.«

Jaaaaaaaaaaa, aber nein. Bzw., ja, Gefühle sind manchmal widersprüchlich und kompliziert, aber nein, ich glaube IHR das nicht. Also, ich verstehe, was sie meint, bin aber der Ansicht, dass das nicht auf sie selbst zutrifft.

In einem anderen Ausschnitt des Interviews, das vor wenigen Tagen veröffentlicht wurde, sagte Heard, sie mache den Geschworenen des Prozesses keinen Vorwurf.

Ach? Na, das ist doch schön. Aber seht mal, der Spiegel hatte noch einen Artikel über Amber Heard und ihre Sicht der Dinge nach dem Urteil veröffentlicht? Also, wenn das nicht neutral ist. Sagen, was ist und so.

»Ich mache der Jury keine Vorwürfe«

Sechs Wochen lang verfolgte die Welt, wie Amber Heard versuchte, häuslichen Missbrauch und Verleumdung durch ihren Ex-Mann Johnny Depp zu belegen.

Auch hier ist die Formulierung wichtig – „versuchte, zu belegen“ setzt eigentlich voraus, dass die zu belegenden Dinge stattgefunden hätten. Außerdem klingt das so, als wäre die Initiative von ihr ausgegangen. Und dass Depp seine Vorwürfe nicht nur versuchte zu belegen, sondern belegen konnte, wird geflissentlich ignoriert.

Die Schlammschlacht zwischen den Ex-Eheleuten Johnny Depp und Amber Heard endete mit einem weitgehenden Sieg des 58-jährigen Hollywoodstars vor Gericht.

Ok, ich räume ein, dass auch die eher mittelinteressierten Leser wissen, worum es ging. Aber der „Sieg“ bestand nicht einfach nur darin, dass sie ihre Vorwürfe nicht belegen konnte.

Die Jury in dem Verleumdungsprozess, in dem sich die Schauspieler gegenseitig häusliche Gewalt vorwarfen, sprach sich am 2. Juni größtenteils für Depp aus.

Weil ihre Vorwürfe, er habe sie verleumdet, indem er ihr häusliche Gewalt vorwarf, offenbar daran scheiterten, dass man ihm glaubte: sie hätte ihn geschlagen, er sie aber nicht.

Die Moderatorin der »Today«-Show fragte Heard, ob sie den Geschworenen die Schuld an dem für sie unerquicklichen Ausgang des Verfahrens gebe.

??? Mhm. „Unerquicklich“. „Herr Cosby, Sie wurden wegen mehrfacher Vergewaltigung für schuldig gesprochen – machen Sie der Jury irgendwelche Vorwürfe?“

»Nein, ich mache der Jury keine Vorwürfe«, sagte Heard. »Tatsächlich verstehe ich es.«

Sie ist ja so empathisch und verständnisvoll. Und gleichzeitig ein echter Girl-Boss, der das PR-Team feuerte, als es nicht lieferte. Hachja, wenn doch nur alle Menschen wären wie Amber Heard.

Depp sei »eine beliebte Persönlichkeit und die Leute glauben, sie würden ihn kennen. Er ist ein fantastischer Schauspieler«.

Ja, wenn man vor Gericht verliert, liegt das immer daran, dass man nicht so gut schauspielern kann wie die Gegenseite. Beweistonbandaufnahmen und Zeugen sind irrelevant.

Die Moderatorin konfrontierte Heard mit den Fakten: »Es gibt keine höfliche Art, es zu sagen:

Was meint sie wohl mit „Fakten“? Ich bin ja soooo gespaaant.

Die Jury hat sich die Beweise angesehen, die Sie präsentiert haben. Sie haben Ihre Zeugen gehört und sie haben Ihnen nicht geglaubt«, so Guthrie. »Sie dachten, Sie würden lügen.«

Das ist – diesmal nicht vonseiten des Spiegels – wiederum nur die halbe Geschichte. Heards Zeugen waren nicht so glaubwürdig oder überzeugend wie Depps, Depps Beweise waren besser, überzeugender und vor allem deutlich zahlreicher als Heards. Was jetzt nicht ganz so spektakulär ist, weil sie praktisch keine hatte, aber nunja.

»Wie hätten sie nicht zu dieser Schlussfolgerung kommen sollen?«, fragte Heard.

Ja, wie? Was ist das nur für ein Gott, was für eine Gerechtigkeit, die zulassen, dass der zwanglose Zwang des besseren Argumentes siegt? Wie nur? WieSO!?

Wochenlang hätten die Geschworenen »non-stop und unbarmherzig Zeugenaussagen von bezahlten Angestellten« anhören müssen.

Meint sie, dass die Angestellten für ihre Arbeit bezahlt wurden, oder für ihre Zeugenaussage? Wieauchimmer, die Geschworenen mussten sich auch die Tonbandaufnahmen anhören, in der Frau Heard erläutert, sie haben Depp nicht geboxt, sondern gehauen. Den Spruch hätte Chris Brown mal bringen müssen. Fürs Protokoll: Er hat Rihanna geschlagen, und es gibt Fotos, wie sie danach aussah, und DAS wiederum sah nicht so aus, als hätte man es überschminken können.

»Es ist mir egal, was jemand über mich denkt oder wie er bewertet, was in meinen vier Wänden vor sich geht, in meiner Ehe, hinter verschlossenen Türen«, so Heard weiter.

ABER sie nimmt sich das Recht, darüber in einer Zeitung zu schreiben. Hachja.

»Ich finde nicht, dass ein Durchschnittsmensch diese Dinge wissen sollte, deshalb nehme ich es auch nicht persönlich.«

Wenn sie darüber nicht öffentlich gesprochen hat, und zwar auf eine Art und Weise, die eine hinreichend große Menge Menschen erkennen ließ, dass sie über ihre Ehe sprach, hätte man sie nicht verklagt. Das wäre jetzt mal die Stelle für dieses „kritische Einhaken“ oder so.

Aber die Art, wie ihre Position in den sozialen Medien dargestellt worden sei, sei einfach nicht fair gewesen.

Ok, ja: das war Mobbing. Drölfzigtausend Tiktok-Meme und Heard-Parodien und was auch immer ist Mobbing, und daran ändert nichts, wenn man das „Meinungsäußerung“ oder „verdientermaßen“ nennt. Aber nein, ich halte es nicht für plausibel, dass jemand, der wie die Geschworenen die ganze Zeit das Original sieht, sich im Internet die Parodie dazu ansieht und DANN seine Meinung zum Original ändert. Außerdem: nicht so gut schauspielern können wie Johnny Depp ist keine Schande, aber sie hier sah nur zwei Stellen in Heards Darstellung, die sie für echt hielt.

Während des sechs Wochen dauernden Prozesses hatte Depp einen gewaltigen Fan-Vorteil.

Ich war mal mit einer Cousine von mir bei Werder Bermen vs. Irgendwas Brakel. Letzterer hatte Heimvorteil. Spoiler: nach dem 5:0 für Bremen wurde es langweilig.

Heard hatte deutlich weniger Unterstützer und war heftigen Anfeindungen in den sozialen Medien ausgesetzt.

Weinstein hatte auch „deutlich weniger Unterstützer“. Heißt das, dass der Prozess gegen Weinstein auch unfair gewesen wäre? Nein. Schon im Vorfeld des Prozesses kamen Informationen an die Öffentlichkeit, die diese mehr von Depps Sicht als von Heards überzeugten. Was natürlich kein Beweis an sich ist, aber die Kausalität ist: „Infos beeinflussen Öffentlichkeit und Jury.“ Nicht: „Öffentlichkeit beeinflusst Infos und Jury.“

Kurz nach der Urteilsverlesung drückte die Schauspielerin auf Twitter ihre tiefe Enttäuschung aus. Dass die Jury ihr trotz eines »Bergs an Beweisen« größtenteils nicht geglaubt habe, breche ihr Herz.

Der Berg bewies mehr Depps Position. Also, deutlich mehr. Ansonsten habe ich Flashbacks hierzu. Quantität ersetzt nicht Qualität; aber an der Qualität hat es auf Heards Seite auch gehapert. Welcher Beweis pro Heard wurde denn vernachlässigt? Und wenn Heard ein Mann wäre, würde man dieses Interview ganz anders führen, und der Shitstorm wäre SCHLIMMER. Nach Sprüchen wie: „Ich habe dich nur gehauen, Jane, werd‘ verdammt noch mal erwachsen!“ Und gefälschten Fotos. Und bewiesenen Lügen. Und Aufnahmen von den Verletzungen der Gegenseite. Es gibt eine Sache, die Ihr von Stokowski hättet lernen können, eine einzige, und Ihr tut es nicht.

Schlimmer noch, dies sei ein Rückschritt für andere Frauen in ähnlicher Situation, schrieb Heard.

Ich hoffe doch sehr, dass die nächste Frau, die ihren Mann schlägt, direkt wegen Körperverletzung angeklagt wird und nicht erst mal als Feministin in der Washington Post veröffentlicht wird.

Die Schauspielerin plane, das Urteil anzufechten, kündigte ihre Verteidigerin Elaine Bredehoft im US-Fernsehen an.

Kein Groll, woll? Kein Groll.

Am Tag der Urteilsverkündung wurde [Depp] mit Musikern in einem Pub in Newcastle gesichtet, wie britische Medien berichteten.

Gesichtet! Der Wal bläst backbord voraus! Alle Bote ins Wasser! Männer sind Tiere!!! Echte Opfer feiern nicht, dass sie nicht weiter beschuldigt werden, sondern… Ne, doch! Genau DAS tun sie. Dafür werden sie nicht interviewt. Oder wenn, dann wird das nicht beim Spiegel veröffentlicht. Immerhin wird ein Tweet von ihm wiedergegeben:

Die Jury habe ihm sein Leben zurückgegeben, nachdem er sechs Jahre unter falschen Anschuldigungen zu leiden hatte.

Hier mit Konjunktiv I, was die neutrale Wiedergabe von Äußerungen und Annahmen anderer Leute anzeigt. Also korrekt. Dieselbe Korrektheit, die man bei Heard vermissen ließ und mit Parteilichkeit ersetzte. Wie gesagt, wenn man anderer Ansicht ist als „ich“, was den Prozessausgang betrifft, und ehrlicherweise meint, auf Heards Seite sein zu müssen – warum zählt man die Punkte nicht auf, die für sie sprechen? Dass sie „keinen Groll“ hegt, ist nicht gerade plausibel, aber selbst wenn es wahr wäre, wäre es kein Beweis, dass Depp Unrecht hätte.

2 Gedanken zu “Achja, Amber?

  1. Selbst wenn der Missetäter mit „Ich habe sie geliebt!“ in der Überschrift zitiert werden würde, das Titel-Addendum würde anschließend mindestens in Richtung Stalker gehen, oder schlimmer.

    Like

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s