Selbsterkenntnis wäre der erste Schritt

Aber nunja.

Er mal wieder.

MANN KÖNNTE JA MAL …

Männern gegenüber mansplainen

D’OH!

Es gibt Männer, die genau das machen: Männern wie Frauen ungefragte Vorschläge machen in Bereichen, in denen diese eigentlich selbst Expertise haben (die Definition von Mansplaining schließt das auch nicht aus).

Es gibt vermutlich Männer, die tatsächlich ausschließlich Frauen die Welt auf diese Weise zu erklären versuchen. Aber warum sollten sie sich so beschränken?

Es gibt tatsächlich Männer, die dergleichen nicht „versuchen“, sondern sich auf Bereich der eigenen Expertise beschränken.

Es gibt Frauen, die anderen Frauen die Welt erklären, bspw., wie Rüthen aussieht, selbst wenn die andere Frau dort jahrelang zur Schule ging.

Die allermeisten Männer und Frauen tun nichts dergleichen.

Aber hey, ein relativ interessanter Gedanke.

Der Erklärbär im Manne ist schwer zu bändigen.

Männer sind halt halbe Tiere, woll?

Wenn das schon nicht gelingt, könnte die beliebte Zielgruppe Frauen zumindest auch auf Männer ausgeweitet werden

Was lässt Pickert glauben, dass das nicht so wäre? Er selbst ist nämlich definitiv so, und so eine einmalige Schneeflocke, die nicht von sich auf andere schließen kann, ist er nicht.

Dass Männer Frauen gerne ungefragt Dinge erklären, hat sich ja mittlerweile herumgesprochen.

Dass manche Männer das bei manchen Frauen machen, ist sicher empirisch nachweisbar. Aber über die anekdotische Evidenz heraus ist das einfach nur ein Narrativ.

Seit Jahren ist das Internet voll von Memes, in denen Typen offenbar desinteressierte Frauen volllabern.

Ahhh, I-Net-Memes ersetzen Studien und Statistiken, alles klar! Es gibt auch zig Amber-Heard-Memes. Stimmen die dann wohl auch alle? Ich frage für die recht Heard-freundliche Berichterstattung.

Auf Konferenzen werden Teilnehmerinnen von Männern mit der Aufforderung konfrontiert, sie möchten sich doch bitte mal sachkundig machen und dieses oder jenes Buch lesen – bis sich dann einen peinlichen Moment später herausstellt, dass die angesprochenen Frau das empfohlene Buch selbst verfasst hat.

Wie oft passiert das? Bestimmt mehr als einmal. Wie oft passiert das Männern? Vermutlich ähnlich häufig. Macht Pickert – oder sonstige Feministen – dagegen stark? Nein, warum auch.

Mansplaining ist eine so feste, scheinbar unverrückbare Größe in intergeschlechtlicher Kommunikation, dass man darüber eigentlich nur noch entnervte Metawitze machen möchte.

„Scheinbar“ ist tatsächlich das richtige Wort. Normalerweise wäre jetzt mein Vorwurf, dass Pickert Beschwerden von Frauen unkritisch widergibt, aber da Pickert selbst gerne anderen Leuten erklärt, wie die Welt in Wahrheit ist, schließt er halt von sich auf andere Männer. (Zugegebenermaßen, er wird dazu auch eingeladen, aber gemessen an den Output bei pinkstinks hat die dortige Besetzung einen Pickert-Anteil von über 50%. Wenn sogar bei einer expliziten Anti-Rollenbild-Seite ein Mann das Erklären übernimmt – wieso ist das jetzt ein Vorwurf?)

Aber dafür ist das Thema dann doch schlicht zu ernst. Ich zum Beispiel ertappe mich leider immer noch regelmäßig dabei.

Ein nicht unerheblicher Anteil meines Blogs besteht aus „Ich ertappe Nils Pickert dabei, Sachen falsch zu erklären“-Beiträgen. Danke für diesen reichhaltigen Schatz an Steilvorlagen.

Mansplaining ist in meinem Fall eine Mischung aus dem mir ansozialisierten Eindruck, zu nahezu allen Themen ohne große Vorbereitung halbwegs verständig sprechen zu können,

Wieso „ansozialisiert“? Von wem genau? Sein Vater und seine Lehrerin haben offenbar Schläge als Erziehungsmethode verwendet, was ja nicht gerade für Wertschätzung spricht.

und der nur schwer aus den Knochen zu schüttelnden Überzeugung, Frauen bräuchten in bestimmten Situationen einen Mann, der für sie Dinge regelt und ihnen die Welt herrklärt.

Erstens: „Mensplaining“ würde bedeuten, dass Frauen nicht nur in bestimmten Situationen, sondern in allen einen Mann brauchen, der ihnen die Welt erklärt. Zweitens: Die Lehrerin, die Klassenkeile anordnet? Ok, die brauchte eine ganze Klasse, die für sie etwas „regelt“. Das muss dieser Klassenkampf sein, von der man in der DDR immer so viel hörte. Ok, DIE ist an Pickert „Sozial“isation schuld. Und sein Vater. Beide Geschlechter gleich viel!

Und manchmal fallen mir die Auswirkungen von Mansplaining auf Frauen unangenehm auf. Kürzlich stand ich mit einigen Kolleginnen hinter der Bühne einer gleich stattfindenden Podiumsveranstaltung.

Nils Pickert, der Weiße Ritter! Oder Weißer Retter! Oder Quotenmann. Ganz sicher Quotenmann.

Alle meine Kolleginnen waren Expertinnen auf ihrem Gebiet und beruflich herausragend erfolgreich.

Wohingegen Pickert sich einfach nur gerne reden hört oder schreiben sieht. Sind das wohl wirklich seine Kolleginnen, oder redet er sich das ein, um sich nicht so schlecht zu fühlen?

Sie hatten promoviert, Bestseller geschrieben, Firmen gegründet und NGOs geleitet.

Okeee, und Pickert hat immerhin Bücher geschrieben, ist aber bspw. nicht der Leiter oder Gründer von pinkstinks.

Aber während ich dachte: „Das wird sicher lustig, wann geht’s endlich los“, kämpften meine Kolleginnen alle sichtlich mit ihren eigenen Versionen des Impostor-Syndroms.

Ich habe tatsächlich Zweifel, ob das Impostor-Syndrom tatsächlich „sichtlich“ wäre, weil ein wesentliches Merkmal davon ist, keinerlei Unsicherheiten sichtbar werden zu lassen. Und wenn, ob man das als – mit Verlaub – eher durchschnittlich empathische Person zuverlässig von Lampenfieber unterscheiden könnte. Und vor allem: „alle“? Rein statistisch irgendeine bestimmt, aber alle?

Sie machten sich Sorgen, dass man(n) entdecken könnte, wie sehr sie ihren Erfolg nur glücklichen Umständen zu verdanken hätten. Sie hatten Angst, man könnte sie als Hochstaplerinnen entlarven.

Umgekehrt hat Pickert offenbar keine Sorge, dass man merken könnte, dass er vom Hochstapler-Syndrom keinerlei Ahnung hat außer dem Artikel im Link. Sonst würde er nicht so einen Quatsch schreiben.

Das hat nichts mit Lampenfieber zu tun, sondern mit einer übermächtigen Konstruktion von Wirklichkeit, die ihnen weismacht, sie wären als Frauen hier fehl am Platz.

Offenbar lebt Pickert hier seine Überzeugung aus, zu nahezu allen Themen ohne große Vorbereitung halbwegs verständig sprechen zu können – Nein. Also doch, ich weiß sowohl, was Lampenfieber ist, als auch, wie das Hochstapler-Syndrom ist. Kommt bei beiden Geschlechtern etwa gleich häufig vor, hat demnach wenig bis gar nichts mit Sexismus zu tun, und wer nicht einmal den Wiki-Artikel gelesen hat, hier ein Auszug: „Das Hochstapler-Syndrom wurde ursprünglich als ein Phänomen unter erfolgreichen Frauen angesehen.[4] Eine Reihe von Studien belegt jedoch, dass Männer und Frauen in etwa gleicher Zahl betroffen sind.“ Warum und woher mein Hochstapler-Syndrom kam, könnte ich gerne ausführen, aber es reicht eigentlich festzustellen, dass es Herrn Pickert nicht nur wesensfremd ist, sondern dass er es für seine Sache instrumentalisiert. Wie nett von ihm. „Affirmative Action kann dazu beitragen, dass man den Eindruck gewinnt, dass nicht die eigenen Fähigkeiten der Grund für die Einstellung waren.[8]“ Genau, Pickert, Sie sind ja nur als Alibi-Mann dabei, damit es nicht heißt, nur Frauen wären feministisch.

Mir hingegen vermittelt sie, dass ich mich überall schon irgendwie werde durchsülzen können, weil mir Erfolg und Aufmerksamkeit qua Geschlecht zustehen.

Tja, was soll ich sagen. Offenbar klappt es ja. Wenn man derartig gegen Selbstzweifel immun ist, liegt das aber eher nicht an „die“ Gesellschaft…

Das ist ein ziemlich machtvolles Gefühl, das sich nur schwer abgeben und entlernen lässt. Dafür fühlt es sich zu gut an.

Wenn das die Erklärung wäre, müsste man das Hochstapler-Syndrom ja umso leichter abgeben und entlernen können. Kann man aber nicht. Ergo ist diese küchenpsychologische Erklärung schon deshalb Sülze.

Und deshalb sollten wir Männer uns alle zusammentun und Roger Köppel (Köppel ist Chefredakteur und Verleger des Schweizer Wochenmagazins „Die Weltwoche“) sagen, dass er überbewertet und ahnungslos ist, und ihn nach Kräften mit Widerspruch eindecken.

Von dem habe ich bis dato nie vor Jahren genau einmal gehört. Wegen der Verknüpfung von Presse und Politik. Also ist er vllt. ja gar nicht „über“bewertet.

Tja, damit haben Sie nicht gerechnet.

Tatsächlich nicht, weil das ja genau das ist, was Pickert tut, obwohl er sonst so tut, als täte er es nicht. Leuten semi-gefragt die Meinung sagen.

Der Schweizer Medienunternehmer und Politiker Roger Köppel kommentierte die Debatte um eine Verschärfung des Sexualstrafrechts nämlich jüngst mit den Worten „Jede große Liebe beginnt mit einem Nein der Frau“.

Ok, in DER Formulierung ist das natürlich auch Sülze. „Hallo, sind Sie öfters hier?“ – „Nein.“ Oder: „Hast es weh getan, als Du vom Himmel gefallen bist?“ – „Nein.“ Aber: „Bist Du vergeben?“ – „JA!“ Leute, die sich mit Kommunikation besser auskennen als ich, werden mir natürlich sagen, dass irgendein Gesprächseinstieg besser ist als gar keiner, aber das an der Ja/Nein-Frage festzumachen, ist halt Quatsch.

…es wäre doch nett, wenn wir Männer unser „Mansplaining-Talent“ zur Abwechslung einfach mal auf Männer anwenden.

Wieso zur „Abwechslung“? Was faselt er da?

Wir verknüpfen unsere antrainierte Lust am ungefragten Erklären mit informierter, substanzieller Abscheu über diese Aussage und kombinieren sie mit diesem herablassenden, übergriffigen Ton, den wir sonst nur für Frauen reserviert haben:

Welches „wir“? Es gibt kein „wir“. „Wir“ ist ist eine euphemistische Art, „Ihr“ zu sagen. Oder ein erbärmlicher Versuch, sich an andere ranzuwanzen. Bei jemanden, der sich für die Syndrome anderer Leute nur dann interessiert, wenn diese Leute weiblich sind, hat keinerlei Anspruch auf Solidarität durch Männer.

Wenn schon mansplainen, dann richtig.

Womit er meint: „So, wie ich es für richtig halte.“ Also wie immer.

3 Gedanken zu “Selbsterkenntnis wäre der erste Schritt

  1. „Auf Konferenzen werden Teilnehmerinnen von Männern mit der Aufforderung konfrontiert, sie möchten sich doch bitte mal sachkundig machen und dieses oder jenes Buch lesen –“

    — um auf Nachfragen zu erklären, warum es nicht *ihre* Aufgabe sei, zu belehren und die ganze Care-Arbeit zu leisten. Wie ist eigentlich das Catering auf diesen Gender-Konferenzen? Oder spart man das, um am Ende weniger zum Wischen zu haben?

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  2. Ächz, was ein Haufen…

    Allein das hier:

    Mir hingegen vermittelt sie, dass ich mich überall schon irgendwie werde durchsülzen können, weil mir Erfolg und Aufmerksamkeit qua Geschlecht zustehen.

    So als ob Männer nie an die gläserne Decke stoßen, nicht mehr aufsteigen, obwohl sie wollen, also ganz und gar nicht die Erfahrung machen, dass ihnen das zusteht, anders als Frauen, die dann auf die Quote pochen und das für ihre gutes Recht halten.

    Hier jemand intelligentes zum Thema Mansplaining:

    Zum Männertag ein Leckerbissen: Robert Pfaller zu „Mansplaining“

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