Gerichtsprozesse sollten generell verboten werden

Weil: Standard.

Außerdem: Vorurteile.

Der hohe Preis für Amber Heard und zahllose andere Frauen

Welcher wäre?

Die Welt konnte in den Gerichtssaal sehen und die Laienrichter:innen auf die Meinung der Welt – es ist kaum vorstellbar, dass das keinen Einfluss auf das Urteil hatte

Ganz allgemein gesagt: dieser sehr öffentliche Prozess wäre mWn in Deutschland nicht zulässig. Und Tiktok-Parodien auf Amber Heard finde ich auch schlimm. Jetzt ist aber die Gretchenfrage – wenn man als Außenstehender alle Zeugenaussagen, Beweise und Indizien tatsächlich kennt, weil da quasi nichts hinter verschlossenen Türen stattfand, käme man ohne Twitter-Hashtags, Tiktok-Filmchen und diverse einschlägige Memes auf eine grundsätzlich andere Einschätzung, was Heard vs. Depp betrifft, als die Jury? Wenn nein, war der Einfluss nicht zu groß. Falls doch: warum? Welche Zeugenaussage ist meinetwegen nicht ausreichend berücksichtigt worden? Oder welches Beweisstück war möglicherweise überbewertet? Da kommt allerdings nichts:

Es war der meistbeachtete Fall seit Harvey Weinstein, der im Zuge der #MeToo-Enthüllungen vor Gericht stand.

Wurden die Frauen, die Weinstein anklagten, schon schuldig gesprochen? Nein? Ach, dann könnte es ja sein, dass das US-Justiz-System gar nicht geschlechtsbasiert ist.

Johnny Depp hat den Prozess gewonnen – obwohl beide wegen Verleumdung schuldig gesprochen wurden.

Jaaa, es war ja auch ein Verfahren wegen Verleumdung. Nicht wegen Körperverletzung. Und die Jury sah nicht nur, dass das nicht nur seinem Ruf, sondern auch seiner Karriere geschadet hat, sondern auch, dass das ihrerseits Absicht war. (Technisch gesehen war nicht Depp selbst, sondern ein Anwalt von ihm schuldig, aber nungut.)

Das ist ein Urteil, das Opfern von Gewalt die Rute ins Fenster stellt – und deshalb weitreichende Folgen haben wird.

Das ist eine Aussage, der man sich nur dann anschließt, wenn man sie für ein Opfer von Gewalt hält. Wenn die Geschworenen tatsächlich zu der Ansicht gekommen wären, dass Heards Vorwürfe zuträfen, wäre das Urteil vermutlich ein anderes. Ich habe mich versucht, schlau zu machen – „diffamation“ ist nicht ganz deckungsgleich mit „Verleumdung“ oder „üble Nachrede“. „Verleumdung“ sind ehrabschneidende Aussagen wider besseren Wissen, „üble Nachrede“ solche, die man nicht beweisen kann. Ersteres ist vor Gericht schwieriger zu beweisen, weil jemand, der tatsächlich, wenn auch fälschlicherweise, glaubt, was er erzählt, nur „üble Nachrede“ begangen hat. Im vorliegenden Falle ist die Unterscheidung egal, weil unterstellt werden kann, dass Heard um die Wahrheit oder Unwahrheit ihrer Aussagen weiß. Nebenbei sind nach dt. Recht ehrenrührige Behauptungen, die man bspw. im Rahmen einer Anzeige bei der Polizei macht, nur strafbar, wenn sie  tatsächlich gelogen sind. Soweit ich das richtig verstehe, ich bin kein Jurist.

Es festigt die ohnehin schon bei so vielen Frauen große Sorge darüber, was alles schiefgehen, kann wenn sie öffentlich über Gewalterfahrungen sprechen.

Diese Aussage könnte man evt. auch dann akzeptieren, wenn man Heard zwar für kein Gewaltopfer hält, aber die Sorge hat, für Frauen, die „öffentlich über Gewalterfahrungen sprechen“, könnte etwas schief gehen. Schief gehen Dinge, über die man höchstens teilweise Kontrolle hat. Amber Heard macht Fehler, wie:

  • keinerlei Beweise und nur semi-glaubwürdige Zeugen für ihre Behauptungen haben (ok, das ist wohl häufiger so), Pro-Tipp: Streitigkeiten mit dem gewalttätigen Partner auf Band aufnehmen
  • über eine Spende lügen, die in einem vorigen Prozess als Indiz gewertet wurde, dass es ihr nicht ums Geld ginge: Lügen ist ein Fehler, doppelt, wenn unter Eid, und dreifach bei einer Sache, die den eigenen Leumund stützt
  • selbst Gewalt und Psychoterror gegen den vorgeblichen Täter eingesetzt zu haben ist taktisch auch nicht schlau, weil man sich so einen schlimmeren Feind macht als „nötig“
  • Sprüche wie „ich habe Dich nicht geboxt, sondern geschlagen“, sind ein Fehler, spätestens, wenn die aufgenommen werden
  • „Niemand wird Dir glauben“ war theoretisch nicht sooo falsch, praktisch aber dann doch die Unwahrheit

Ich sage mal so: die aufaddierten Fehler und Versagen, die zu Heard juristischer Niederlage führten, sind leicht zu vermeiden, wenn man wirklich das Opfer ist. Ansonsten: öffentlich über eigene Gewalterfahrungen reden, anstatt zur Polizei zu gehen, ist mMn tatsächlich nicht richtig. Außer, man macht ein Podcast darüber. Als Täterin, jedenfalls. Wo war ich?

Dass Depp den Verleumdungsprozess gegen Heard gewonnen hat, ist ein herber Rückschlag für alles, was #MeToo angeblich ins Rollen gebracht hat.

Wenn #metoo davon beeinflusst werden kann, dass eine (1) Frau von einem (1) Mann in einem Verleumdungsprozess verliert, dann hat #metoo ja ziemlich wenig auf dem Kasten.

Denn in dem Prozess ging es längst nicht mehr um die Einzelpersonen Depp und Heard.

Ähh, doch? Abgesehen davon, dass jeder Fall, der vor Gericht kommt, getrennt von allen anderen betrachtet werden muss, und man daher nicht über die Gesamtheit urteilt, was ja Gruppenschuld wäre (geht es bei #metoo um Gruppenschuld?), was wäre die Konsequenz? Dass ein Verfahren nicht so ausgeht, wie es Sachlage – Beweise, Zeugenaussagen, Gutachten und dergleichen – halt ergibt, sondern so, wie man sich das politisch wünscht? Hier wäre übrigens die Stelle, wo man – wenn man den Eindruck vermeiden will, man wolle politisch passende Urteile gefällt sehen – Sachargumente bringen sollte, wieso man das Urteil für entweder einen Justizirrtum hielte oder für einen Fall von Bestechung und/oder Erpressung der Jury.

Es ging darum, ob Heard mit ihrem Artikel in der „Washington Post“ von 2018 Depp verleumdet hat – obwohl sie nie seinen Namen genannt hat.

Das hatten wir schon: Es wurde in vielen Zeitungen darüber berichtet, dass er recht lukrative und populäre Rollen wegen Vorwürfen verloren hätte, er habe seine Frau geschlagen. Die einzige bekannte Quelle dieser Vorwürfe – und es wäre plausibel anzunehmen, andere Quellen würden sich freiwillig melden, sofern Heards Team die nicht aktiv suchten – ist Amber Heard. Dieser Artikel ist möglicherweise nicht die einzige Stelle, wo sie dergleichen Behauptungen verbreitete, aber jedenfalls die prominenteste.

Es waren schreckliche und brutale Details, die in diesem fürchterlichen Prozess zutage traten. Von Nachrichten mit Gewaltfantasien, Flaschen als Wurfgeschoßen und als Vergewaltigungsutensil.

Wer den Prozess nicht verfolgt hat, weiß nicht, was davon wem vorgeworfen wird, oder? Es wird übrigens hierbei nicht behauptet, dass beide gewaltätig gewesen wären…

Trotzdem vertraten Depps Anwälte den 58-jährigen Schauspieler kühn mit der Position vor der Jury, Heards Aussagen über Gewalt in ihrer Ehe seien „kategorisch und nachweislich falsch“.

Wieso „trotzdem“? Nur, weil Details „schrecklich und brutal“ sind, sind sie nicht unbedingt wahrer oder jedenfalls schwieriger widerlegbarer. Gerade, wenn man nicht sagt, man habe mal blaue Flecken überschminkt, sondern frische Verletzungen und eine evt. gebrochene Nase…

Dass die Laienrichter:innen nun angesichts dieser Schilderungen ihrer Ehe dieser Darstellung folgen, ist nicht nachvollziehbar und wohl auch vielen anderen Faktoren geschuldet.

Es ist nachvollziehbar. Depps Anwälte haben mehr Beweise und Zeugen für ihre Version der Dinge beigebracht. Das ist für mich zumindest deutlich überzeugender als die Idee, dass Tiktok-Videos einen sicheren Sieg vor Gericht in eine Niederlage verwandeln können.

So wurde die 36-jährige Schauspielerin in sozialen Medien etwa schnell als durchtriebene Lügnerin dargestellt.

Wie wurde das gemacht? Weil jemand sagte: „AH lügt!“? Nein, weil Behauptungen, die sie machte, anhand von Fotos, anderen Behauptungen und was nicht alles als falsch belegt wurden. Und nicht nur eine Sache wie die Marke von der Schminke, die sie angeblich mal vor ein paar jahren benutzt hatte, obwohl es diese Marke genau nicht gab, sondern mehr so Vergleichsfotos wie „Rihanna als Opfer, die wochenlang alle Auftritte absagte“ und „AH, die angeblich genau dieselben Schläge einstecken musste.“ BTW: Promis werden häufiger photographiert und gefilmt.

Dass es ihr nur darum gehe, seine Karriere zu zerstören. Im Laufe des Prozesses wurde es noch schlimmer.

Dafür, dass es ihr angeblich nicht darum ging, gab es aber eine menge Gerüchte, die jahrelang genau das verursachten. Aber der Vorwurf ist eigentlich der, dass es ihr nicht nur darum ging, sondern auch darum, in körperlich zu misshandeln und psychisch fertig zu machen.

Das Absurde an dem Prozess war somit auch, dass die Welt in diesen Prozesssaal hineinsehen konnte, aber auch die Laienrichter:innen die Meinung der Welt über diesen Fall sehen konnten. Und diese Meinung ist offenbar noch immer eine hochgradig sexistische und stellt an Männer und Frauen völlig andere Erwartungen.

Auch als Laienrichter ist man Teil der Welt und der Gesellschaft. Klar wäre es besser, wenn man den ganzen Rummel vermieden hätte. Aber dass diese Geschworenen ein völlig anderes Bild von der Sachlage gebildet hätten, bezweifle ich. Außerdem ist hier nicht die Kritik, dass die Jury ein möglicherweise von der öffentlichen Meinung mitgeformtes Urteil fällte, das vllt. auch irgendwo sexistisch sein könnte, sondern, dass es nicht den richtigen Sexismus beinhaltete. Frauen als Täter, Männer als Opfer, und zwar als Gewaltopfer, das ist das Klischee, was von die Standard kritisiert wird.

Es ist kaum vorstellbar, dass das auf das Urteil keinen Einfluss hatte.

Dies ist die letzte Gelegenheit, Gründe oder Argument für ein anderes Urteil zu liefern. Inwiefern ist Depp unglaubwürdig? Welche Aussage Heards glaubt Hausbichler ihr? Nichts.

Es ist im Grunde alles derart klassisch, dass man kaum glauben will, dass sich das gerade im Jahr 2022 abspielt.

Sie will es wohl wirklich nicht glauben, ja.

Eine jüngere, weniger berühmte Frau legt sich – wenn erst auch nur indirekt – mit einem prominenteren, älteren und lange Zeit deutlich erfolgreicheren Mann an.

Nun, ihm zufolge hat sie sich erst direkt mit ihm angelegt. Der – meinetwegen auch nur versuchte – Rufmord kam später. Und er hat Zeugen, sie nicht.

Sie kommt nicht nur mit ihrer Darstellung der Geschehnisse nicht durch – das kann bei einem Prozess nun mal passieren.

Gaaaanz allgemein: ja. Aber dass sie mit ihrer Darstellung nicht „durchkam“, ist kein „Pech“ oder Beleg eine korrupten Justiz.

Aber nein, das reicht nicht, sie wird auch noch öffentlich durch den Dreck gezogen.

Angenommen, ein Mann hätte das gemacht, was Amber Heard vorgeworfen wird – würde irgendeine Feministin ihm diesen Shitstorm nicht einfach gönnen? Was jetzt nicht heißt, dass er „gerecht“ wäre oder so, aber vom Prinzip her.

Sie muss am Ende voraussichtlich gut acht Millionen Dollar zahlen – und zahllose andere Frauen zahlen ebenso einen hohen Preis.

Ja, warum beschwert sich eigentlich niemand bei Amber Hears für diesen Bärendienst? Es ist aber definitiv kein klassisches Narrativ, was hier abgezogen wird. Das klassische Narrativ geht entweder so: Jüngere Frau will was von reichem und berühmten Mann (eines von beiden war’s vermutlich auch, wurde aber wenig hochgekocht), Frau zockt ihn mit ihren Reizen ab (kann sein, war aber im Gesamtpaket wirklich nur am Rande), Frau lässt sich mit viel Geld scheiden (ok, DER Vorwurf kam häufig vor, von wegen 7 Mio. spenden, war aber nicht der Hauptvorwurf), Frau ist fremd gegangen (hörte ich gar nichts von). Oder so: nette junge Frau verliebt sich in Hollywood-Star, der aber ein Problem mit Alkohol, Koks und dergleichen hat (was tatsächlich thematisiert wird), aus Frust über das eigene Versagen schlägt er sie (hatte sie eigentlich eine Theorie, warum er sie schlug?), behauptet aber, er hätte das nicht getan. Oder, sie habe es verdient. ODER, er habe sie nicht geschlagt, sondern nur ein bisschen gehauen. (Ok, das Muster kam vor, aber bei ihr halt.)

Beide Narrative wurden so nicht abgespielt. Männer, die sich gegen häusliche Gewalt verteidigen, indem sie sagen, sie selbst wären die Opfer, sind eine Ausnahme, und kein Narrativ, und vermutlich gibt es eine Menge mehr, die sich so verteidigen müssten, als die, die das auch tun. Die Hausfrau, die ihren Ehemann nach dessen Sauftour mit dem Nudelholz erwartet, weil er die Haushaltskasse für Alkohol verschwendet, ist tatsächlich ein Narrativ, aber eines, das wirklich schlecht mit der „Golddiggerin“ kompatibel ist. Jetzt ist die Erkenntnis, dass Amber Heard und Johnny Depp echte Menschen sind und keine wandelnde Klischees vllt. nicht so verblüffend, aber die Erkenntnis, dass der Prozess keine Narrative bediente, weder seitens der Jury noch der Öffentlichkeit, ist entweder nicht zur Standard durchgedrungen, oder wird dort geflissentlich ignoriert.

Wenn Jury und Öffentlichkeit an Geschlechterklischees geglaubt hätten, hätten sie insbesondere nicht geglaubt, dass die Frau der Gewalttäter und der Mann das Opfer sein könnte, und damit auch Heard die Verleumderin und Depp der Verleumdete.

Feministische Journalisten beklagen also das Aussterben sexistischer Klischees.

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