11 Gründe, warum nicht, 9-11

Herr der Ringe, Ringe der Macht, Amazon, und das hier.

Außerdem hier und hier.

9. Die wollen die Geschichte zwar inhaltlich stark erweitern, aber zeitlich straffen. Weil “If you are true to the exact letter of the law, you are going to be telling a story in which your human characters are dying off every season because you’re jumping 200 years in time, and then you’re not meeting really big, important canon characters until season four. Look, there might be some fans who want us to do a documentary of Middle-earth, but we’re going to tell one story that unites all these things.” Heult doch! Erstens, das wäre die künstlerische Herausforderung, diese Zeitsprünge zu erzählen. Meinetwegen lasst die Hobbits irgendwelche alte Ruinen finden und einen Elb, der gerade nichts anderes zu tun hat als zu erzählen, was das für Ruinen sind. Zweitens, das ist doch genau das Problem gewesen: die Numenorer waren langlebige Menschen, die nach ein paar erfüllten Jahrhunderten sich zum Sterben hinlegten, friedlich und lebenssatt. Aber irgendwann wurden sie trotzdem neidisch auf die unsterblichen Elben… Und drittens, Ihr habt unsterbliche Elben, langlebige Numenorer und Zwerge, Durin wird (angeblich oder tatsächlich) wiedergeboren, und Orks könnten auch länger leben, wenn sie nicht dauernd Kriege führten. Ein hundertjähriger Zeitsprung wäre eigentlich kein Problem, wenn man maskenbilderisch die eine Hälfte der Besetzung graue Haare verpassen muss und irgendwer sagt: „Hundãrt Jahrë spätar.“ Wenn Ihr unbedingt „ganz normale“ Menschen einführen wollt, habt Ihr Euch diese Suppe selbst eingebrockt.

10. „Alle Kritiker sind Rassisten“-Klischee. Oder: man suche sich bei Kritikern die extremste Position und verallgemeinere sie zum Strohmann. “Obviously there was going to be push and backlash,” says Tolkien scholar Mariana Rios Maldonado, who is not affiliated with The Rings of Power, “but the question is from whom? Who are these people that feel so threatened or disgusted by the idea that an elf is Black or Latino or Asian?” Kommt nicht von jemanden aus dem Produktionsteam, ja, aber wird als zitierbar aufgefasst. Gute Frage, wer fühlt sich von schwarzen/latino/asiatische Elben bedroht oder angeekelt? Kaum jemand. Irgendwer bestimmt, die meisten kritisieren den offensichtlichen Bruch in Tolkiens Weltenbau, der weitgehend auf nordeuropäischen Sagen und Mythen basiert. Wenn jemand eine Fantasyreihe basierend auf chinesischer Kultur entwickelt, und in der Verfilmung ist die Hauptperson plötzlich ein Euro-Kanadier, finden Fans das auch nicht so toll, ohne, dass man von „Ekel“ oder so spräche. Und, wie gesagt, ich halte es für möglich, dergleichen zu ändern, wenn man sich Gedanken macht. Weiterhin, mal angenommen, alle Elben in einem Fantasy-Setting wären schwarz oder Latinos, alle Zwerge Araber oder Chinesen, alle Orks sind grün (aber die Giftgrünen und die Olivgrünen sind Erzfeinde!!!), alle Halblinge Südeuropäer und alle Menschen Nordeuropäer. Würde das nicht die Idee darstellen, dass nur Leute nordeuropäischer Abstammung normale Menschen seien? Weiterhin, haben schwarze Zwerge und Elben dieselben gegenseitigen rassistischen Vorurteile wie weiße Zwerge und Elben? Ich habe das starke Gefühl, dass die falsche Ohrenform wichtiger ist als die gleiche Hautfarbe. Und dann noch: “It felt only natural to us that an adaptation of Tolkien’s work would reflect what the world actually looks like,” says Lindsey Weber, executive producer of the series. “Tolkien is for everyone. His stories are about his fictional races doing their best work when they leave the isolation of their own cultures and come together.” Letzteres stimmt schon, aber Humanoide, die auf dem Breitengrad von Mitteleuropa leben, tendieren zu weniger Melanin als die am Äquator (den es eigentlich noch nicht gibt im 2. Zeitalter), was man an den recht vielen Neandertalern mit dem Gen für rote Haare sieht. Aber es ist ja Fantasy, da muss man sich nicht an sowas halten. Was den ersten Teil der Aussage widerlegt: Tolkiens Welt sieht nicht aus wie unsere. Sie sieht noch nicht einmal aus wie unsere Welt zur Zeit, als er sie erfand. Und wenn wir schon dabei sind, ist Arondir nicht ein Name, der wie andere Elbennamen klingt? Warum klingt er nicht chinesischer? Oder so: Ar’Rondhir. Weniger eine andere Kultur, sondern dieselbe Kultur mit anderer Hautfarbe, weil…? Faulheit.

11. Die Ringe der Macht Superfans. Einfach… das. Hierzu. Hat sich irgendwer gefreut, dass Avatar, the last Airbender, im Film „diverser“ wurde? Ja, endlich Menschen, die europäisch aussehen. In einer recht uneuropäischen Fantasywelt, die ich nie so recht genießen konnte, weil die Figuren alle nicht europäisch genug aussahen, um mich mit ihnen zu identifizieren… Von allen möglichen Youtubern, die sich mit HdR-Themen befassen, und die gerne auch eher gehypt sein dürfen, weil das ganz offensichtlich Werbung sein soll, nehmen die die, die sich über mehr Diversität und den möglichweise zu bestehenden Bechdel-Test freuen. Also nicht: „Hey, ein schwarzer Elb? Cool! Was ist wohl seine Geschichte, wo lebt er, was sind seine Ziele und Absichten?“, sondern eher: „Ich wollte schon immer einen schwarzen Elben sehen, egal wie.“ Oder: „Hey, Galadriel, endlich Actiongirl!“, statt: „Hmm, ist das wohl die Szene, wo sie das Malmeis überwindet?“ Was eine Rückblende wäre, weil das zu Beginn des ERSTEN Zeitalter war, aber ok.

Von allen möglichen Sachen, die man als Verkaufsargument nutzen könnte, sind es nicht Dinge, die im ursprünglichen Material schon vorkommen (Neid, Angst vor dem Tod, etc.), oder die, für die man Fernsehen braucht, wie Kostüme, Kulissen, Musik oder SFX, sondern die Elemente und Personen, die man neu dazu erfindet. Was mich zu der Frage führt:

„Wenn das ursprüngliche Material keine Diversität hat, warum mögt ihr es überhaupt? Oder, wenn Ihr noch andere Dinge als Diversität mögt, welche wären das? Oder, wenn Ihr Tolkien gar nicht mögt, welchen Grund hättet Ihr, Euch auf die Verfilmung zu freuen, außer dem, dass die gar nicht für Tolkienfans gedacht wäre?“ Ja, ist mehr als eine Frage, gehört aber zusammen.

Die eine Sache, auf die sich die Influenzer-Gefährten freuen und ich auch, ist tatsächlich Sauron. Charmanter Fürst der Finsternis, den man ja so gern auf die richtige Seite holen will, wäre schon im Rahmen dessen, was Tolkien erzählt. Aber dass er sich verliebt? Komische Speku, denn, falls ja, in wen denn? Und „jeder Schurke ist der Held seiner eigenen Geschichte“ hat für mich ungute Tlou II-Vibes. Was jetzt alleine nicht dagegen spricht, Saurons Sichtweise zu erzählen, aber mit dem Konzept gab’s halt schlechte Erfahrungen.

Und eigentlich stelle ich mir Numenorer indianisch vor. Bei Aragorn wird nichts von einem Bart gesagt, und er wird aus Frodos Sicht beschrieben, dem ein Bart bestimmt als ungewöhnlich aufgefallen wäre. Wie im Bakshi-Film. Und nicht bei der Jacksontrilogie. Ich bin also nicht ganz der Hardcore-Tolkien-Purist, und trotzdem verspüre ich keine Vorfreude.

Aber ansonsten hatte L.N.Muhr wohl leider recht: „Ringe der Macht“ ist nicht für langjährige Tolkien-Fans gemacht, oder Fans der Filme oder von ähnlicher Fantasy allgemein, oder für „mich“.

Gemacht ist er einerseits für Amazon und andererseits für Leute, die sich nur für solche Filme, Serien oder sonstige erzählende Kunstwerke interessieren, die genau ihre politischen Ansichten und identitäre Gruppe repräsentieren, aber keine Lust, Zeit, Geduld oder Talent haben, sich genau solche Dinge selbst auszudenken.

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