Wir mal wieder

„Wir“ brauchen mal wieder was.

Gewalt gegen Frauen im Krieg – Wir brauchen eine feministische Außenpolitik

Meint Samira El Ouassil jetzt „Wir Frauen“?

Frauenkörper werden im Krieg politisch missbraucht – trotzdem beachtet Außenpolitik oft nur Männer.

Männerkörper werden im Krieg natürlich nie missbraucht, sondern gebraucht. Als Kanonenfutter und  männl menschliche Sandsäcke beispielsweise.

Eine feministische Perspektive würde zeigen: Alle Geschlechter leiden im Krieg.

Dankeschön, Frau Oberst Offensichtlich! Melde gehorsamst: dafür brauchte ich keine feministische Perspektive, sondern das präzise ist das Argument, warum Männer an die Front müssen – um das Leiden anderer Geschlechter zu verhindern. Die Freundin, der dunkle Park, die Angreifer – Du hast zufällig ein Maschinengewehr dabei, würdest Du Deine Freundin trotzdem nicht beschützen wollen? Oder, die ganzen Männer beim Bund hatten schon immer eine feministische Perspektive.

Die »New York Times« hat Berichte über Vergewaltigungen und sexuelle Gewalt an ukrainischen Frauen seit Kriegsbeginn zusammengetragen.

Die zynische Antwort: „Achwas, hatten die ganzen Männer bei der Bundeswehr nicht etwa doch Recht?“, die etwas weniger zynische Antwort: „Wie, ist das etwa noch schlimmer, als wenn man seinen Vater, Bruder, Ehemann oder Sohn verliert?“, und die völlig normale Antwort: „Die männlichen Afghanen, die vor den Taliban fliehen wollten und sich vergeblich an startende Flugzeuge klammerten, sollten sich schämen, keine feministische Perspektive zu haben, und immer nur an sich zu denken.“

»Mir wurden Vorfälle von Gruppenvergewaltigungen, Vergewaltigungen vor Kindern und von sexueller Gewalt nach der Tötung von Familienmitgliedern geschildert.«

Besonders letzteres ist der Grund, warum Frauen in Kriegen immer die Hauptopfer sind, laut Frau Clinton. Ernsthaft, so zu tun, als würde nicht-feministische Außenpolitik die Leiden von Frauen ignorieren und sich auf den Schutz von Männer konzentrieren, ist so was von merkbefreit, ich weiß echt nicht, wieso das nicht bei Pinkstinks steht.

Eine Sichtweise, welche die geschlechtsbezogenen Unterschiede bei den Auswirkungen von Konflikten berücksichtigt, wahrnimmt und anerkennt und welche die Konsequenzen, die ein Krieg für alle Geschlechter hat, verhandelt.

Was gibt’s da zu „verhandeln“? Und mit wem vor allem? „Liebe Russen, vergewaltigt doch bitte zur Abwechslung ein paar Männer und erschießt dafür ein paar mehr Kombatantinnen direkt?“ Hey, mein Zynismus erreicht fast Normalniveau.

Frauen sind vom Krieg anders betroffen als Männer. Männer werden zum Kampf gezwungen – manche ziehen auch freiwillig los – und müssen ihre Leben in einem Konfliktraum politisch einsetzen.

Das ist ein toller Euphemismus. Früher ging die Argumentation bei denjenigen Männern, die nicht für Frau und Kind kämpfen, töten und/oder sterben wollten, oder die gar keine Frau und Kinder hatten (weil sie erst 17 waren, bspw.): „Entweder, Du ziehst los, und wirst möglicherweise von den Russen, Amerikanern, Deutschen und/oder Reptilienmenschen erschossen, oder aber, Du wirst ganz sicher von uns erschossen.“

Aber auch die Körper der Frauen werden in Konflikten politisch missbraucht, wenn auch nicht unmittelbar militärisch.

Um mich zu wiederholen: Dies ist ein Sachverhalt, der mir über sehr viele Schienen von sehr unterschiedlichen Leuten, die in großen Teilen eher höchstens semi-feministisch sind oder waren, mitgeteilt wurde, und den ich daher nicht für irgendwie schockierend neu halte.

Instabile Situationen verschärfen bestehende Muster der Diskriminierung von Frauen und Mädchen und setzen sie einem erhöhten Risiko von Gewalt aus, dazu gehören willkürliche Tötungen, Folter oder sexuelle Misshandlung.

Dass dieselben Risiken für Männer in Kriegen zum Ausgleich kleiner würden, halte ich ich für ein Gerücht. Zum Ausgleich lässt die Ukraine Frauen und Kinder ins Ausland fliehen. Das ist also auch ein „diskriminierendes Muster“.

In einer zynischen Kriegslogik verkörpern Frauen auch das verfeindete Land, und wenn sie vergewaltigt werden, zielt diese Gewalt auch darauf ab, die gegnerische Kriegspartei zu schwächen.

Ehrlicherweise wäre ich viel lieber in einer Situation, wo ich sagen würde: „Nein, was? Davon habe ich ja noch nie gehört!“ Aber gut, um das abzukürzen: in all diesen Fragen habe ich mir bereits die „feministische“ Perspektive zu eigen gemacht. Wie können „wir“ daran jetzt was ändern?

Durch fehlenden Zugang zur Gesundheitsversorgung, einschließlich der reproduktiven Gesundheit für Frauen und Mädchen, entsteht ein höheres Risiko für ungeplante Schwangerschaften und Müttersterblichkeit

In der Tat – in früheren Jahrhunderten starben Frauen ungefähr ebensohäufig im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Geburt wie Männer in Zusammenhang mit Kampf und Arbeit. Dass die moderne Medizin die Müttersterblichkeit enorm reduziert hat, verschleiert, dass das auch wieder zurückkippen kann.

Ebenso sind Transfrauen von dem Krieg in besonderer Weise betroffen, wenn ihnen ihr Frausein an der ukrainischen Grenze aberkannt wird, ihnen nicht erlaubt wird zu fliehen und sie dabei noch körperlich degradiert werden.

In einer idealen Welt würde die Wehrfähigkeit nicht vom Geschlecht abhängen. Hachja, wenn die Ukraine doch nur feministischer wäre und auch Frauen zwischen 18 und 60 einziehen würde. Meint sie das?

Das sind alles Aspekte, die eine Außenpolitik berücksichtigen sollte, will sie Politik für alle Menschen sein.

Woran macht sie jetzt fest, dass das nicht berücksichtigt wird? Werden Frauen und Kinder aus der Ukraine nicht eher mit mehr Mitgefühl und Hilfsbereitschaft empfangen als Männer?

Es geht nicht darum, das Leid der Männer in Krieg und Konflikten unsichtbar zu machen, für natürlich zu erachten oder zu relativieren

Es gibt eine Menge Menschen, darunter sehr viele Feministinnen, die es für natürlich halten, dass Männer für Frauen kämpfen. Heforshe und so.

Es geht darum, sichtbar zu machen, dass alle Geschlechter unter den Konsequenzen leiden.

Das ist ganz sicher nicht „unsichtbar“. Das wird auch nicht bestritten. Gibt es irgendeinen Mann, der behauptet, nur Männer würden in Kriegen leiden?

Am letzten Mittwoch … fiel der professionelle Provokateur Friedrich Merz durch ein paar merztypische Aussagen auf.

Dass nur Männer in Kriegen litten?

Merz merzelte herablassend in Richtung der Außenministerin Annalena Baerbock, dass die Ausgaben Investitionen in die Bundeswehr seien – und für nichts anderes.

Ja, 100 Mio. Sondervermögen für die Bundeswehr sind für die Bundeswehr. Klingt jetzt ja nicht so kontrovers.

Er verkündete, dass Baerbock zwar von ihm aus feministische Außenpolitik und auch feministische Entwicklungshilfepolitik machen könne. Aber nicht mit diesem Etat für die Bundeswehr.

Weil die Bundeswehr dafür da ist, unsere Freiheit am Hindukusch zu verteidigen, also die von deutschen Frauen, Männern und Kindern. Das wäre dann, wenn schon, feministische Innenpolitik. (Hey, dann hat das *innen überall ja viel mehr Sinn auf einmal!)

»Und wissen Sie, warum? Weil ich vor einer Woche bei den Müttern von Srebrenica war und die mir beschrieben haben, wie die Spuren dieses Krieges in ihnen drin sind, und gesagt haben: Frau Baerbock, damals wurde nicht gehandelt, Anfang der Neunzigerjahre, als sie, als ihre Töchter, als ihre Freundinnen vergewaltigt worden sind, Vergewaltigung als Kriegswaffe nicht anerkannt war, nicht vom Internationalen Strafgerichtshof verfolgt wurde. Deswegen gehört zu einer Sicherheitspolitik des 21. Jahrhunderts auch eine feministische Sichtweise. Das ist kein Gedöns! Das ist kein Gedöns, sondern das ist auf der Höhe dieser Zeit.«

Und ein Massaker nicht als Völkermord, weil Russland das anders sieht. Dass Baerbock keine Väter von Srebrenica getroffen hat, ist nicht ihre Schuld, sondern es liegt daran, dass die alle erschossen wurden. Von allen möglichen Dingen ausgerechnet Srebrenica als Grund für feministische Außenpolitik, weil ja ein einstelliger Prozentsatz der Opfer nicht männlich war. Leiden von Männern werden nicht relativiert, Nein, Sir, oder unsichtbar gemacht, Nein, Ma’am, oder als natürlich akzeptiert, PAH! Und wenn die Serben keine einzige Frau in ganz Srebrenica auch nur angefasst hätten, es wäre ein Kriegsverbrechen gewesen und eines gegen die Menschlichkeit, wie es im Juristendeutsch heißt. Aber Frauen besonders betroffen!

Baerbock hat recht: Es ist mehr als notwendig bei einer so hohen Summe für die Bundeswehr die Geschlechtergerechtigkeit mitzudenken.

Nicht-feministische Außenpolitik: man schickt Männer in den Krieg, um Frauen und Kinder zu beschützen. Doch-feministische Außenpolitik: um Frauen und Kinder zu schützen, werden Männer in den Krieg geschickt. Sie präsentieren uns, oh Jack, alten Kack in neuem Frack!

Die Gleichberechtigung der Geschlechter hängt mit einer guten Regierungsführung zusammen.

Wenn die Serben die Mütter von Srebrenica also gleichberechtigterweise auch noch erschossen hätten, wäre das ehemalige Jugoslavien demnach stabiler? Ich stelle fest, dass Gewalttaten umso verachtenswerter dargestellt werden, je weniger Männer unter den Opfern sind.

Und es ist nicht die bis heute immer noch weiblich attribuierte Friedfertigkeit, die das bedingt.

Nein, eine generell freiheitlich-demokratische Staatsform ist eben besser.

Das vermeintlich Feminine steht angeblich im Kontrast zu den militärischen Belangen eines Staates, da oft noch eine geschlechtstypische Fürsorglichkeit unterstellt wird, welche die Harmonie sucht, um Kinder und Familien zu schützen.

Der biologische Hintergrund: bei Säugern ist das Überleben der Mutter, nicht des Vaters, unabdingbar für das Überleben kleiner Kinder. Bei den Reptilienmenschen ist das zum Beispiel anders.

Das ist jedoch ein patriarchales Klischee. Frauen erarbeiten Frieden, weil sie die Auswirkungen des Krieges weit über die Kriegsgebiete und weit über das Kriegsende hinaus erfahren.

DAS hingegen ist ein matriachales Klischee. Frauen erarbeiten deshalb Frieden, weil sie am meisten darunter leiden, wenn ihre Väter, Söhne, Ehemänner und so weiter…

Ein als feminin verschriener Pazifismus ist in Wirklichkeit reiner Pragmatismus. Er ist Überlebenswille und rational in seinem Präventionsbestreben.

Ähh, ja? Ist „feministische Außenpolitik“ etwa pazifistisch – wieso braucht Baerbock dann die Bundeswehr? Die Mütter von Srebrenica beklagten ja, dass niemand militärisch eingegrifen hatte. Für Prävention ist es ja leider zu spät, was die Ukraine betrifft, also was wäre jetzt das pragmatische? Waffenlieferungen in die Ukraine, und möglicherweise auch  dortiger Waffeneinsatz? Oder ein derartig hartes Wirtschaftsembargo, dass Russland demnächst pleite ist, was Qatar wiederum nützt, aber einen Tod muss man sterben? Oder halt die dortigen Gastarbeiter, um Ukrainern das Leben zu retten.

Es waren Frauen, die in Afghanistan über fünf Jahre lang vor der Rückkehr der Taliban gewarnt hatten und nicht gehört wurden.

Offenbar ist die afghanische Bevölkerung nicht annähernd so antitaliban wie die ukrainische antirussisch ist. Aber, ich wiederhole mich auch hier: wenn man auf die Afghaninnen gehört hätte, hätte der überhaupt nicht pazifistische Einsatz dort eben länger gedauert. Mit u.a. mehr toten Bundeswehrsoldaten. Soll nicht heißen, dass ich den Taliban das gönne, aber es soll heißen, dass ich nicht erkenne, wieso Ouassil jetzt von „feministisch“ auf „pazifistisch“ kommt.

Wie lange gebraucht wurde, um die Anwendung sexueller Gewalt in Konflikten auch als Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu bewerten, zeigt uns, wie groß und beständig diese, unsere politische Wahrnehmungslücke ist.

Wie lange hat es denn gebraucht? Verbrechen gegen die Mensch(lich)k/heit gibt es als juristischen Begriff erst seit 1945, sie sind ein Oberbegriff u.a. für Kriegsverbrechen, und Vergewaltigung ist ein Kriegsverbrechen, sofern durch Kriegsparteien erfolgt, insofern ist es in Srebrenica nicht das Problem gewesen, dass das irgendwie „erlaubt“ gewesen sei. Und es ist nicht „unsere“ politische Wahrnehmungslücke, bzw., es ist ganz sicher nicht meine. Gesetze und Krieg harmonieren leider selten, insofern will ich da nichts schönreden, aber ob die Blauhelme seinerzeit nun ein Verbrechen nicht verhindert haben (Völkermord) oder zwei (systematische Vergewaltigungen), ist relativ akademisch, es sei denn, man denkt, dass letzteres ein schwereres Verbrechen sei, dass daher mehr Mühe rechtfertigt hätte, es zu verhindern.

und weshalb eine feministische Perspektive eine alle Betroffenen mitdenkende Perspektive ist, also: eine humanistische.

Fürs Protokoll: der ganze Blauhelmeinsatz im ehemaligen Jugoslavien, Blauhelm-und-ähnliche-Einsätze  wie in Afghanistan und die ganze „willst Du, dass Deine Mutter vergewaltigt wird?“-Rhetorik hätte deutlich mehr Überzeugungskraft, wenn das Ergebnis manchmal nicht einfach nur enttäuschend wäre. Im Konkreten stelle ich aber fest, dass die ukrainischen Frauen und Kinder tatsächlich mehr Möglichkeiten gewährt werden, Schutz zu suchen, dass also deren Perspektive „mit“gedacht wird. Wir brauchen also keine „feministische Politik“, weil die Ukrainer sie offenbar schon haben.

2 Gedanken zu “Wir mal wieder

  1. „damals wurde nicht gehandelt, Anfang der Neunzigerjahre, als sie, als ihre Töchter, als ihre Freundinnen vergewaltigt worden sind, Vergewaltigung als Kriegswaffe nicht anerkannt war, nicht vom Internationalen Strafgerichtshof verfolgt wurde. “

    Welchen „internationalen Strafgerichtshof“ sie wohl meinten? Die Völkerrechtlerin Baerbock wird sicherlich wissen, dass der ICC in Den Haag erst 2002 eingerichtet wurde (aufgrund eines Beschlusses von 1998). Gleichzeitig ist in Deutschland das Völkerstrafgesetzbuch inkraftgetreten, welches Vergewaltigung als Verbrechen gegen die Menschlichkeit unter Strafe stellt (§ 7 Absatz 1 Punkt 6) und dies weltweit verfolgbar macht.

    Meiner Erinnerung nach ist dies geschehen, um die Fehler rund um die Jugoslawienkriege und dem Völkermord in Ruanda nicht noch einmal zu wiederholen.

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