Im Prinzip schon

Unlängst wurde meine Aufmerksamkeit hierauf gelenkt. Was soll ich sagen?

Häusliche Gewalt – Berliner Amtsanwaltschaft blockiert Täterarbeit

Gemeint ist nicht, dass die Amtanwaltschaft die Arbeit von Tätern blockiert, sondern die Arbeit an Tätern. Und wenn einer denkt „Hey, generisches Maskulinum!“, genau. Die Arbeit an Täterinnen und männlichen Tätern wird offenbar gleichermaßen nicht durchgefüht. Allerdings beschwert sich niemand, dass die armen Täterinnen blockiert werden. Mal wieder unsichtbar.

Die Anzeigen wegen häuslicher Gewalt steigen. Den Tätern, Männern wie Frauen, könnte geholfen werden. Seit Jahren gibt es Kurse zur so genannten „Täterarbeit“.

Dass die Anzeigen steigen, ist nicht unbedingt die Folge davon, dass die häusliche Gewalt mehr wird, aber wenn mehr Fälle bekannt werden, kann man theoretisch auch besser reagieren.

Doch in Berlin nutzt die Amtsanwaltschaft diese Präventionsmöglichkeit kaum. Ein Grund: Den Tätern sei die lange Kursdauer nicht zuzumuten.

Prävention oder Strafe? Wenn letzteres, ist doch auch ok. Ehrlich gesagt ist mir aber nicht ganz klar, was  hier genau der Mechanismus ist – wer würde kontrollieren, ob jemand zu diesen Kursen geht? Und wer bezahlt die?

Häusliche Gewalt wird oft verharmlost. Wenn Ehemänner ihre Frauen demütigen, bedrohen, oder schlagen, dann ist das aber alles andere als harmlos.

Wenn Ehefrauen aber ihre Männer schlag, ist das dann harmlos? Die elegante Kurve, wie die plötzlich nur Männer als Täter und nur Frauen als Opfer darstellen, ist ja allerliebst.

Der Gesetzgeber stellt solche Taten unter Strafe.

D’oh. Ja, das tut er. Schön, dass das wem auffällt.

Längst weiß man, Geld- oder Haftstrafen haben wenig abschreckende Wirkung, denn zuhause geht der Terror dann oft weiter. 

Inwieweit geht der Terror zuhause weiter, wenn der oder die Täter oder Täterin oder Täterinnen in Haft ist oder sind? Die Abschreckung, habe ich mal gelernt, resultiert auch weniger aus der Schwere der Strafe allein, sondern auch aus der Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden. Je wahrscheinlicher es ist, dass der Täter erwischt wird, desto besser ist das Opfer geschützt. DAS wiederum hängt aber hauptsächlich daran, ob der Geschlagene Anzeige erstattet.

Trotzdem verhängt die Berliner Amtsanwaltschaft überwiegend Geldstrafen.

Arm aber sexy will vllt. etwas wohlhabend, aber sexy werden, kann das sein? Ok, ich bin flach.

Dabei hätten die Amtsanwälte die Möglichkeit, Tätern und Opfern auf viel effektivere Weise zu helfen.

Könnte sein, dass Amtsanwälte nicht dafür da sind, Tätern oder Opfern zu helfen, sondern Strafverfolgung zu betreiben.

Leon hat seine Freundin geschlagen. Zwei Jahre lang. … Leon kommt aus einer gut situierten Familie: Ärzte, Lehrer, Künstler. … Er ist einer von vielen gewalttätigen Männern, wenige haben den Mut, darüber zu sprechen.

Wenn schon Männer, die schlagen, Angst haben, darüber zu reden, wie geht es wohl denen, die geschlagen werden? Doofe Rollenklischees.

Leon fühlte sich hilflos und ohnmächtig, ausgeliefert.

Wenn sich schon Männer, die schlagen, hilflos und ausgeliefert fühlen, wie fühlen sich erst die, die Opfer werden?

Als Leon merkte, dass auch sein Kind unter den Schlägen gegen die Mutter litt, meldete sich Leon freiwillig beim Antigewalttraining der Volkssolidarität.

Ok, jemand will sein Leben und sein gewalttätiges Verhalten in den Griff kriegen und sucht sich Hilfe. Das ist sicher ein aufbauendes Beispiel, wie man aus dem Loch wieder heraus kommt, belegt jetzt aber nicht den Nutzen von Antigewalttraining, dass angeordnet wird.

Psychologe Gerhard Hafner bringt hier gewalttätigen Männern bei, ihre Aggressionen unter Kontrolle zu bringen. Einige Teilnehmer werden von den Staatsanwaltschaften in die Kurse geschickt, allerdings sind das nur etwa 30 im Jahr, Hafner bedauert das.

Kurse gegen Steuerhinterziehung oder Schwarzfahren gibt es ja auch nicht. Grund ist, dass die meisten Verbrechen nicht aus Versehen oder Überforderung passieren.

„In der Regel sind die Männer ja nicht nur einmal gewalttätig, besonders wenn sie gewiesen worden sind, ist das ein längerer Prozess. Dann können sie natürlich in einer Gruppe sich langsam auch öffnen und sagen, was sie wirklich getan haben, was sich über die Jahre angestaut hat, eskaliert ist und immer schlimmer geworden ist.“

Ich vermute mal, dass die Männer auch nur in einem bestimmten Grad für solche Kurse ausgewählt werden. Die richtig schlimmen Fälle werden für durch sowas wohl eher nicht erreichbar gehalten. Und es ist möglicherweise sinnvoll, solche Gruppen nacht Geschlechtern zu trennen. Aber selbst mit geschlechtergerechter Formulierung wäre ich skeptisch, ob ein „Gewiesener“ und ein „Freiwilliger“ gleichermaßen davon profitieren.

„Männer wissen, sie bekommen durch eine Weisung, ein Schreiben, des Staates dokumentiert, dass dieses, was sie getan haben, eine kriminelle Handlung ist.“

Frauen wissen das nicht? Bzw., Männer wussten das vorher vermutlich auch, sie stellen sich einfach dumm. D’oh.

Doch in den Kursen sind stets Plätze frei. Dabei nimmt die Zahl der angezeigten häuslichen Gewalttaten seit Jahren zu, besonders in Berlin. Am mangelnden Bedarf kann es also nicht liegen.

Am Geld auch nicht. Die Projekte sind öffentlich finanziert, unter anderem von der Justizverwaltung.

Das wird nicht eingeordnet. Wie viele sind denn frei? 5%? 10%? Wie viele Plätze hat man für die Freiwilligen? Wenn Gefängnisse nicht komplett belegt sind, beschwert sich ja auch keiner.

Martin Dubberke hat die Männerarbeit in Berlin mit aufgebaut. Dass der Senat von den leeren Kursen nichts weiß, ist für ihn nicht nachvollziehbar.

Wie sieht es eigentlich bei den Kursen für Frauen aus? Müssen die armen, gewalttätigen Frauen Schlange stehen? Aber gut, fürs Argument gäbe es mehr geeignete Kandidaten als tatsächlich in diesen Kursen landen, aber:

Michael Grunwald, Pressesprecher
„Wie so häufig im Leben steckt der Teufel im Detail, vom Grundsatz her könnte man den einen oder anderen Fall zusätzlich als geeignet erachten, aber im Detail fehlt es dann, weil entweder die Motivation nicht vorhanden ist oder es fehlen die Sprachkenntnisse.“

Geht es darum, jemanden zu so einem Kurs zu schicken, anstatt ihn zu einer Geldstrafe zu verurteilen, oder zu einem Kurs zu schicken, anstatt in einfach nach hause gehen zu lassen?

Mangelnde Motivation der Täter?

Eigentlich die Regel bei Gewalttätern. Einem erfolgreichen Anti-Gewalt-Training – und damit dem Schutz der Frauen – steht dies allerdings nicht entgegen.

Wieso? Ohren zu und durch! Außerdem beachte man, wie sehr hier betont wird, dass Täter = Männer und Frauen = Opfer ist. Wenn man mich bspw. zu einem Fußballtraining schicken würde, wie erfolgreich wäre das wohl?

Martin Dubberke, Berliner Zentrum für Gewaltprävention
„Ach, du armes Hascherl, ja, bist du nicht motiviert? Was sag’ ich denn dann dem Opfer. Das geht nicht.“

Wie dämlich ist denn diese Frage? Entweder ist die Motivation: „Du gehst dahin, oder Du zahlst eine Geldstrafe in einer Höhe, die Du in der Zeit nicht verdienen könntest.“ (Legalerweise, jedenfalls. Upps, Denkfehler.) ODER, man sagt dem Opfer, es solle am besten Schluss machen.

Das zweite Argument der Staatsanwaltschaft: mangelnde Sprachkenntnisse.

Doch an mangelnden Sprachkenntnissen kann es nicht liegen. Denn in Berlin gibt es auch Angebote an fremdsprachigen Einzeltrainings und Kursen.

Das ist rassistisch!

„Wir haben sehr viele türkischstämmige Täter bei uns und die können natürlich zu uns kommen.“

Also, türkeiistisch! Buhhhh!

Vielleicht gibt es noch einen anderen Grund: mangelnde Sensibilität bei der Amtsanwaltschaft?

Wenn Frauen ihre Männer anzeigen, dann ist dies meist das Ende einer langen, schmerzhaften Auseinandersetzung. Dennoch, so die Amtsanwaltschaft, sei die Gewalt in den eigenen vier Wänden schwer zu beweisen. Das Gros der Fälle werde deshalb sowieso eingestellt.

Wenn Männer ihre Frauen anzeigen, ist das aber auch nicht gerade das Ende einer kurzen und schmerzlosen Auseinandersetzung. Aber in Fällen, die eingestellt werden, hätte das Amt doch gar keine Handhabe gegen die Beschuldigten. Also insbesondere keine, diese in einen Antigewaltkurs zu schicken.

Michael Grunwald, Pressesprecher
„Eine Ohrfeige im Affekt, wenn dafür jetzt jemand in Anführungsstrichen dadurch bestraft wird, dass er ein halbes Jahr lang einmal die Woche in einer solchen Gruppe teilnehmen muss, dann könnte man sich schon überlegen, ob sozusagen eine staatliche Reaktion, die über ein halbes Jahr geht, im Verhältnis zu dieser Affekthandlung noch tatsächlich verhältnismäßig ist oder nicht schon wieder ein zu starker Eingriff sein könnte.“

Ok, 25 Stunden oder wie lang das dauert? Ok, wenn das als „zu hart“ betrachtet wird, dann halt ein kürzerer Kurs oder doch eine Geldstrafe.

„Eine Ohrfeige ist Gewalt. Punkt. In dem Moment ist eine Grenze überschritten. Und dann besteht Handlungsbedarf.“

Es scheint mir kein Konsens vorzuliegen, ob so ein Kurs als Strafe bzw. Buße gedacht ist oder als Hilfe. Aber entweder, auch Frauen müssen ggfs. zu so einer Buße oder Strafe verurteilt werden, oder aber, auch Frauen müsste solchermaßen geholfen werden.

Leon hat seine Freundin nicht mehr geschlagen, seit er in den Kurs geht, …
Schade, dass der Sinn der Täterkurse der Berliner Amtsanwaltschaft nicht klar zu sein scheint.

Derselbe Leon wie oben, der freiwillig dahin geht. Dessen familiärer Hintergrund ihn vllt. auch stabilisiert, und der beruflich anscheinend nicht auf der Schiefen Bahn ist. Das spricht ja nicht gegen Täter(nicht“innen“)kurse insgesamt, aber auch nicht gegen das Verhalten der Amtsanwaltschaft.

2 Gedanken zu “Im Prinzip schon

  1. Mir fiel im Artikel das Zitat auf:
    „Bevor ich selbst so getroffen werde, dass …“
    der übliche Hinweis darauf, dass Gewalt in Beziehungen praktisch immer beidseitig ausgeübt wird. Aber wird natürlich nur vom prinzipiell BÖSEN angemerkt, kann daher nur unwichtig oder gar verlogen sein…

    Gefällt 1 Person

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