Geschlechtertauschprobe

Heute bei der Standard. Was wären wir nur ohne sie?

Rücktritt von Anne Spiegel: Was, wäre es ein Mann gewesen?

Dann würden alle sagen, dass Männer nicht als Familienministerin geeignet seien? Auch, wenn der Fehler als Umweltminister stattfand? Keine Ahnung.

Die zurückgetretene deutsche Ministerin sagte, die Entscheidung zwischen Verantwortung als Mutter und Politikerin war schwer. Ist das schlecht?

Bei allem Sarkasmus: natürlich sind wichtige, verantwortungsvolle Berufe hart. Natürlich macht man sich solche Gedanken. Natürlich kommt irgendwann im Leben die Frage, ob man sich nicht mal besser für etwas anderes entschieden hätte. Das ist weder gut noch schlecht, sondern normal.

Und, wenn ja: Nur für Frauen?

Dito.

Wenn Frauen in der Spitzenpolitik und in Machtpositionen etwas falsch machen, kann man diesem Gedankenexperiment nur schwer widerstehen: Was wäre, wenn es ein Mann gewesen wäre?

Genaulf dasscharping? Bzw., Frau Spiegel hat immerhin den Rückhalt bei Feministinnen, ein Mann hätte den nicht.

Andere sind derweil von sich überzeugt, dass für sie nur die Fakten zählen – das, was war – und sicher nicht, ob da eine Frau oder ein Mann was vermurkst hat.

Das einzige Argument, was ich im Prinzip nachvollziehe, ist, dass das Umweltministerium in RLP nicht für den Wiederaufbau zuständig ist, aber da bei solch einer massiven Katastrophe sicherlich auch Expertisen von Umweltämtern nötig waren, halte ich einen Urlaub so kurz danach für falsch.

Das ist löblich, aber schlichtweg nicht möglich. Männer in Machtpositionen sind seit Menschengedenken eine Selbstverständlichkeit und Frauen in ebendiesen noch ziemlich neu.

Stimmt so auch nicht. Aber selbst wenn – von einem Mann in der Situation hätte man erwartet, dass er bleibt, während Frau und Kinder in den Urlaub fahren. Oder die Ukraine verlassen. Und wenn jetzt Feministen sagen: „Nein, wir würden das nicht erwarten.“; schön für Euch. Dass Ihr das sagt.

Ihre Fehler oder auch ihre Leistungen völlig losgelöst von dieser Tatsache zu bewerten, das geht gar nicht.

Ich bin der Ansicht, dass auch ein Mann nach der Aktion hätte zurücktreten müssen, weil vier Wochen Urlaub in DER Situation einfach zu viel sind. Bzw., im Vergleich zu Laschet, der einmal an einer Stelle gelacht hat und damit massive Stimmverluste erzielte, bin ich zusätzlich der Ansicht, dass Opposition und öffentliche Meinung einen solchen Rücktritt durchgesetzt hätten, selbst wenn ich persönlich hier anderer Ansicht wäre.

Im Sommer 2021 kam es in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen zu einer Flutkatastrophe, die 134 Menschen das Leben kostete. Anne Spiegel leitete damals das Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Energie und Mobilität Rheinland-Pfalz

Die älteren von uns erinnern sich noch.

und fuhr nur zehn Tage nach der Katastrophe mit ihrer Familie für vier Wochen nach Frankreich, wie nun rauskam.

Es hat Wochen gedauert, auch nur den Müll zu entsorgen. Was schon ein bisschen in ihre Zuständigkeit gehörte.

Unterbrochen wurde der Urlaub nur von ein paar beruflichen Terminen, wobei sie erst behauptete, sie hätte sich auch zu den Kabinettssitzungen zugeschaltet, in ihrer persönlichen Erklärung von Sonntagabend aber Gegenteiliges sagte.

Ein Flutopfer war etwas verschnupft wegen dem Sachbearbeiter bei der Versicherung, der ein paar Monate später im Urlaub war.

Wir könnten nun noch zusätzlich das Gedankenexperiment anstellen, wie der Umgang nicht nur eines männlichen, sondern eines männlichen österreichischen Politikers mit einem Fall wie diesem wohl wäre.

Da Spiegel in ihrem Urlaub keine harten Drogen genommen hat, keine Umfragen gefälscht hat und nicht versuchte, die BILD an die Russen zu verticken, oder wenn doch, sich dabei schlauerweise zumindest nicht filmen ließ, wäre sie sowas wie der einäugige König.

Anne Spiegel trat am Tag nach ihrer Erklärung und öffentlichen Entschuldigung zurück.

Tja.

Ob der Druck, zurückzutreten, auch bei einem männlichen Politiker so groß würde, dass er gehen muss?

Scheuer nicht, Scharping schon. Liegt vllt. auch an der Partei und nicht am Geschlecht.

Schwer zu sagen, denn das hängt von vielen Aspekten ab, etwa, ob gerade Wahlen anstehen. Dann gäbe es wohl auch für Politiker ein Risiko.

Sie ist Politiker. Und der fragliche Fehler hat vor Wahlen stattgefunden.

Kaum Risiko gibt es allerdings für sie, wenn sie sagen würden, was die 41-jährige Politikerin in ihrem Statement sagte:

Sie ist nicht wegen des Statements zurückgetreten, sondern wegen ihres Fehlers.

„…zwischen meiner Verantwortung als Ministerin und der Verantwortung als Mutter mit vier Kindern, die noch klein sind und die nicht gut durch diese Corona-Pandemie gekommen sind…“

Weil Mütter nicht ersetzbar sind, Minister schon?

Spiegels Mann hatte 2019 einen Schlaganfall und sollte Stress vermeiden

…sonst hätte er sich um die Kinder kümmern können, schon klar. Nur gibt es Kurorte mit Kinderbetreuung. Und wenn irgendwer jetzt sagt, dass das für soi keine Option wäre, weil das Geld kostet –  Frau Spiegel hat ein Einkommen, das ihrer Verantwortung gerecht wird.

Sie wollte so ihre Entscheidung für den Urlaub erklären – aber nicht entschuldigen. „Es war zu viel. Das hat uns als Familie über die Grenze gebracht“, sagte Spiegel.

Sie ist kein kleines Kind mehr, und sie hatte auch keinen Schlaganfall.

Bei der Wahrnehmung dieser Sätze tun sich Krater auf

Ich wollte kein Minister sein. Und ich bin Singel.

Über Anne Spiegel hieß es angesichts dieses Satzes zuhauf sinngemäß, da hätte sie sich halt überlegen müssen, ob sie dieses Amt ausüben kann.

Will. Ob sie es ausüben will.

Warum sind diese Sätze, die Spiegel sagte, für eine Politikerin vernichtend und für Politiker nicht?

Diese Sätze an sich sind weder für einen männlichen Politiker noch eine Politikerin „vernichtend“. Einen männlichen Politiker hätte man aber schon nach drei Wochen Urlaub gesagt, dass er gerne in Frankreich bleiben könne, wenn es ihm da so gut gefällt.

Weil sie allein durch ihr Politikerinnendasein dafür steht, als Frau in die Sphäre der Macht, oder einfach nur in die Berufswelt „einzudringen“.

Über Baerbock hört man derzeit nichts (schlechtes). Eventuell, weil die sich grundsätzlich anders verhält, wenn in ihrer Zuständigkeit (Außenpolitik) Mehrarbeit ansteht? Nur so als Theorie.

„Machthungrig“, dieser Begriff fällt in der „FAZ“ schon gut eine Stunde nach Spiegels Rücktritt.

Nein, das hatte nur was mit der Quote zu tun.

Wenn es ihrer Familie bei all den beruflichen Ambitionen – warum auch immer – nicht gutgeht, dann hat sie ihre Familie im Stich gelassen.

Das behauptet weder die FAZ noch, soweit ich das mitbekomme, sonstwer.

Umso erstaunlicher, dass Spiegel offen sagte, dass ihre Kinder nicht gut durch die Pandemie gekommen seien.

Nein, überhaupt nicht erstaunlich. Es ist Pandemie, es ist nachvollziehbar, dass Kinder darunter leiden, die Idee, dass nur ihre Mutter helfen kann und deshalb ihr Ministerium und Bundesland alleine lassen, soll offenbar Mitgefühl und Verständnis auslösen. Statt „ich brauchte Urlaub“ ist das Främing „meine Familie brauchte Urlaub UND mich“.

Wenn es Kindern nicht gutgeht, sind allein die Mütter schuld – ist auch noch immer so.

Ok, irgendwer wird so denken, aber wenn nicht allein die Mütter schuld sind, dann können im Umkehrschluss auch andere etwas daran ändern. Oder, ganz was verrücktes, wenn Spiegel selbst so denkt, dann hätte sie ja schon Sommer ’21 zurücktreten können.

Ein Politiker hingegen würde wahrscheinlich als heldenhaft dastehen, wenn er seinen wichtigen Posten zurückstellt, um sich um seine kranke Frau und die Kinder zu kümmern.

Nein. Weil es kein militärischer Posten ist UND weil nicht Krieg ist UND weil die Preußen bekanntlich nicht so schnell schießen, würde man ihn nicht direkt wegen Desertation an die Wand stellen. Und wegen der erforderlichen Gesetzesänderung. Aber einschlägige Reaktionen seit Anbeginn der historischen Aufzeichnungen legen nahe, dass dergleichen bei einem Mann deutlich weniger gut ankommt als jetzt bei Frau Spiegel.

Spiegels Erklärung wirft auch abseits von dem Gedankenexperiment wichtige Fragen auf: Was bedeutet Verantwortung? Was erwarten wir von Politiker:innen?

Keine Ahnung – waren Spiegels Kinder darauf angewiesen, dass sie sie vier Wochen lang persönlich betreut? Ist Spiegel tatsächlich die bestmögliche Betreuerin für ein Schlaganfallopfer?

Dieses Ringen, das offene Aussprechen, dass es für ihre Familie nicht mehr ging, oder auch die klare Andeutung, dass sie zu viel übernommen hatte – das erzeugt den Impuls: So jemand kann halt nicht in der Politik sein.

Jein. Sie hätte deligieren müssen. Und es ist deutlich leichter, eine Pflegekraft zu finden, die sich mit Schlaganfallpatienten auskennt, oder ein nettes Kindermädchen(m/w/d), als eine Ministervertretung.

Ist die allglatte Fassade, die hohlen Sätze, das geschickte Umschiffen – ist das, was wir bei schwerwiegenden Verfehlungen von Politiker:innen so oft hören, wirklich besser?

Nein. Aber, wie gesagt: das Statement ist nicht das Hauptproblem.

Ebenso sollte es endlich ein Ende haben, sich zwischen der Verantwortung dem Job gegenüber und dem privaten Umfeld entscheiden zu müssen.

Ehrlich gesagt, dergleichen wird immer wieder vorkommen. Aber Spiegel hat sich ja nicht zwischen beiden entschieden, sondern wollte beides zugleich, UND vier Wochen Urlaub!

Wir brauche keine alleinigen Anführer, die 365 Tage im Jahr da sind.

Wenn dieser Urlaub nicht keine zwei Wochen nach dem Unglück angetreten worden wäre, also mitten in der heißen Phase der Problembeseitigung, wäre das auch noch etwas anders. „Wir“ brauchen Leute, die da sind, wenn Probleme auftreten. Wenn das nur 36 Tage im Jahr sind, können sie den Rest gerne in Frankreich verbringen.

Wir brauchen Kooperation, Zusammenarbeit und Unterstützung für alle, die sich kümmern müssen und auch kümmern wollen.

Wenn das ohne Frau Spiegel geht, ist ihr Rücktritt ja nicht so schlimm.

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