Sex und Stress

Ferndiagnose

Es ist möglich, den ganzen Artikel per Gratisprobeabo zu lesen, aber um der Transparenz willen befasse ich mich mit dem allgemein lesbaren Teil. Und weil ich eventuell vergesse, das zu kündigen, wenn ich es jetzt abschließe…

Auch andere Männer haben Stress im Bett

Und „Stress“ ist hier kein Euphemismus für „Action“, sondern es ist tatsächlich „Arbeit“ gemeint. Also mehr wie im Beruf als im Hobby. Je nachdem, wen man fragt, beginnt der Stress eigentlich auch schon vorher, aber dann ist der Titel nicht mehr so kurz und knackig.

Ein Freund beichtete mir neulich, dass ihn Sex ganz schön stresst.

Eventuell ist das nur ein Tippfehler, und es soll „berichtete“ heißen, aber wenn nicht, ist „beichten“ ein besonders meinungsstarkes Främing. Gebeichtet werden nämlich Sünden, und gegen wen hätte sich ein Mann versündigt, der eher nicht so sexuell aktiv ist? Gott findet, dass er erstmal heiraten sollte, also ist das eine Sünde gegen die Journalistin? Gegen die Frauenheit allgemein? Gegen wen?

Bei meiner Recherche habe ich herausgefunden, dass es vielen Männern so geht.

Wenn man drüber nachdenkt, ist es logisch, dass Frauen das eher selten mitkriegen. Die Männer, die Sex kriegen, wenn auch nur stressigen, wären ja blöd, sich zu beschweren, und sich so die Chancen auf weniger stressigen Sex zu verbauen. Analog dazu beschweren sich die Leute bei Tönnies ja auch nicht.

Stefan traf also diese Frau. An irgendeinem Abend, … und dann. Glaubt man zu wissen, was kommt. Oder?

Bei der Überschrift ist doch klar, dass das die Stelle ist, wo der Stress losgeht. Oder?

„Es war eine Vollkatastrophe“, sagt Stefan.

Genau.

„Sie fand’s richtig scheiße. Dass ich nicht vögeln wollte. Hat sich gar nicht mehr eingekriegt.“

Dass sie sich gar nicht einkriegt, ist natürlich charakterlich suboptimal, aber wenn sie nicht mit Stefan abgezogen wäre, hätte sie später eventuell eine geeignetere Begleitung gefunden. Insofern will ich ihr keinen Vorwurf machen.

Es ist ein anderer Abend, … als Stefan mir erzählt, das sei ihm schon öfter begegnet: So eine ungläubig-empört-verstörte Reaktion darauf, dass er, als heterosexueller Mann, ihr nicht sofort und nachdrücklich an die Wäsche wollte.

Gleichberechtigung: wenn Männer oft Frauen begegnen, die ihnen nicht direkt an die Wäsche gehen, ist es nur fair, wenn das auch mal umgekehrt so ist. Aber außer ungläubig-empört-verstört gibt es noch das Synonym „beleidigt“.

Oft habe er dann einfach „performt“.

Harry und Sally.

Er habe sich viele Techniken antrainiert, um zu überspielen, dass er im Grunde nicht so der „Sportficker“ ist.

Das klingt jetzt ein bisschen so, als würde jemand, der Sport einfach ätzend findet, sich Techniken antrainiert um zu überspielen, dass er nicht so der „Sportler“ ist, was aber evt. genau dieselben sind wie die, die die sich antrainieren, denen das tatsächlich Spaß macht. Aber ich vermute, es ist so gemeint, dass die „Sportficker“ Sex mit Frauen als sportliche Herausforderung sehen, die in erster Linie Spaß macht, und Stefan im Unterschied dazu als Anstrengung, die mehr oder weniger schon Spaß macht, aber trotzdem  auch Stress, weil er keine Beschwerden von ihr hören will.

„Eigentlich habe ich da keinen Bock drauf. Aber das zuzugeben ist halt … naja … schwierig.“

Wie im beruflichen Leben.

Zum ersten Mal erzählt mir ein Mann, dass ihn die Geschichte von der unbändigen männlichen Lust belastet, die Mär von den Herren der Schöpfung, die immer wollen, immer können, immer kommen.

Die Geschichte vom übergriffigen Mann, der Frauen ständig belästigt, ist eine Mär? Na, sowas! Aber ja, das ist belastend. Vor allem, wenn Frauen sich mal über männliche Lust beschweren, und mal darüber, dass sie fehlt. Fairerweise sei gesagt, dass das nicht immer dieselben sind. Und dass der Artikel schon von 2014 ist.

Könnte es sein, frage ich mich, dass es nicht nur Stefan so geht?

Naaaaainnnn, Stefan ist eine einmalige Schneeflocke.

Dass mehr Männer darunter leiden, dass sie glauben, ein ganz bestimmtes, penis-fixiertes Sex-Rezept – vorwärmen, reinschieben, Luft anhalten und dann Lichter an, Ofen aus – nachahmen zu müssen?

In der Formulierung ist das Quatsch. Die Frau aus der Einleitungsgeschichte war wohl sehr sauer, genau dieses Rezept nicht verabreicht bekommen zu haben. „Mehr Männer“ glauben es nicht bloß, sie bekommen es von Frauen gesagt. Bzw., #notallwomen und so, aber wenn es genug Frauen gäbe, die mal andere Rezepte ausprobieren wollten, würde Stefan ja nicht darunter leiden, weil er schon rein statistisch ein paar von denen gefunden hätte.

Dass sie im Bett gar nicht machen, worauf sie wirklich Lust haben?

Man mag auch einwenden, dass man bei einem ONS vllt. mit 08/15 anfängt, um nicht in allzulange Diskussionen verwickelt zu werden. Aber wie gesagt, die Frau aus Stefans Geschichte hatte recht konkrete Vorstellungen.

Ich erkundige mich bei Männern in meinem Freundes- und Bekanntenkreis. Kennt ihr das? Den von Stefan beschriebenen Sex-Stress?

Falls ja, was ginge sie das an? Oder woher sollten die Männer wissen, dass Carolin Haentjes ihnen daraus keinen Strick drehen wird? (Es gibt Gründe, dergleichen zu anonymisieren.)

Die Antworten beschränken sich auf peinlich berührte Gesichter, Schulterzucken, Weiß-Nichts.

Frau Haentjes ist hochempathisch und kann sich super in Dritte hineinversetzen…

Ja, doch, es sei schon blöd, immer den ersten Schritt machen zu müssen, immer die Verantwortung zu tragen beim Flirten oder wenn’s zur Sache geht.

… aber diese verblüffende Erkenntnis ist ihr trotzdem neu. Hier in den Kommentaren eine längere Diskussion zwischen Semikolon und mir. Die Idee, dass Flirten und weiteres für Männer Stress sein könnte, ist ihr völlig fremd.

Frustration schwingt mit.

Jaaaaaaa, no Shit, Sherlocka. No Shit.

Aber das mit dem Sex sei doch – wahrscheinlich? – etwas sehr Individuelles.

Privates. Das Wort ist „privates“.

Darüber Details preisgeben – lieber nicht.

Soweit das eine Frau aus dem eigenen Bekanntenkreis betrifft, ist das tatsächlich ein Problem, weil die aus Details eventuell herleiten kann, mit welcher Frau aus dem gemeinsamen Bekanntenkreis es Probleme gab.

Dass man es im Bett nicht so bringt, wie man glaubt zu sollen, das plaudert man nicht so nebenbei aus.

Nein, nicht „wie man glaubt zu sollen“, sondern „wie man es von einer Frau, die sich nicht mehr eingekriegt hat, zum Vorwurf bekommen hat“. Ach, und es besteht die Wahrscheinlichkeit, dass eine andere Frau, mit der man darüber spricht, sich auf die Seite der ersten stellt.

„Ach was, nicht nur den ersten Schritt muss man machen, auch den zweiten und dritten. Als Mann muss man die Kontrolle über die Situation an sich reißen. Sie pflücken und flachlegen. Egal wie feministisch die Frauen sind. Wie soll das gehen, wenn man gleichzeitig die Grenzen der Frauen respektieren will?!”

Oder, die Frauen, die sich als „Feministinnen“ bezeichnen, aber die ersten 3+ Schritte von ihm machen lassen, sind alles Maulheldinnen. Aber ja, DAS ist so ein bisschen der performative Widerspruch.

Danach recherchiert sie online, und ab da kann ich nur die Überschriften erkennen.

Sind die Frauen das Problem?

Bestimmt nicht.

Ein Mann darf nicht versagen

Das ist sexistisch. Aber möglicherweise ironisch gemeint.

Pornos prägen das Bild von Sex

Ja, wenn Frauen weniger Pornos gucken würden, wären sie weniger enttäuscht, wenn der Klempner nur kuscheln will. Oder?

Stecken die Männer in der Krise?

Bestimmt nicht. Die Hauptleidensträgerinnen sind doch die Frauen, deren Abendplanung den Bach runter geht.

Soweit die Worte der heutigen Lesung.

10 Gedanken zu “Sex und Stress

  1. „Noch auf ein Bier zu ihm, den Blick über die nächtlichen Konturen der Stadt gleiten lassen, und dann. Glaubt man zu wissen, was kommt. Oder?“

    Hm, erstmal, wie ist es so weit gekommen, dass sie noch zu ihm auf ein Bier mitgeht? Hat er vorher etwa geflirtet? Hat sie vorher irgendwelche Zeichen gegeben? Warum wurde das vorher nicht thematisiert?

    Zweitens mal wieder typische Bigotterie. Stellt euch die Geschichte mit vertauschten Geschlechtern vor. Mann geht noch auf ein Bier mit und macht einen Aufstand, weil sie keinen Sex haben will.
    #Aufschrei, #meetoo, #rapeculture,…
    Da würde niemand fragen, Frauen seid ihr keine Sportficker?

    Gefällt 1 Person

    1. Für so ganz schlau halte ich Stefans Verhalten zwar auch nicht, aber wenn man das Konzept mit dem ausdrücklichen Einvernehmen ernst nimmt, muss man das akzeptieren.
      Außer natürlich, die Feministen hätten das „Männer wollen immer“-Narrativ zu sehr verinnerlicht…

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  2. „Sie fand’s richtig scheiße. Dass ich nicht vögeln wollte. Hat sich gar nicht mehr eingekriegt.“

    Er wollt’ ihr nicht zu Willen sein,
    Da kriegte sie sich nicht mehr ein:

    (Wollte Monsieur partout nicht vögeln,
    tat ihn Madame zuletzt gar tögeln?)
    (Symbolbild)

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