Die Kraft der Liebe

Schützt Frauen vor Krankheit.

Das kenne ich von meiner Mutter, die, seitdem ich sie kenne, vllt. fünfmal krank war. Wobei Schwangerschaft keine Krankheit ist.

Eigentlich sollte man meinen, dass das Thema Care-Arbeit auserzählt ist.

Mein Vertrauen auf Pinkstinks, davon immer wieder zu erzählen, ist nicht zu erschöpfen.

Frauen kümmern sich mehr als Männer und leisten deutlich häufiger unbezahlte Arbeit im Haushalt und bei der Kinderbetreuung.

Soll das heißen, dass Männer dafür öfters bezahlt werden? Wegen GPG und so.

Frauen sind auch mehrheitlich diejenigen, die mit Mental Load zu kämpfen haben, also mit all den mentalen Belastungen, die es so mit sich bringt, ein Familienleben zu organisieren und am Laufen zu halten.

Weil nur Familienleben „Mental Load“ auslöst. Ist ja klar. NUR Familienleben.

Tatsächlich fangen wir aber gerade erst an zu begreifen, dass diese Sache mit dem Kümmern nicht nur ein Problem von vielen ist, sondern den anderen vorgelagert.

Wer ist schon wieder „wir“? Aber ja, alle anderen Probleme sind dem nachgeordnet. Warjaklar.

Frauen qua Geschlecht zum unbezahlten oder auch unterbezahlten Kümmern zu verpflichten, ist der Treibstoff unserer Gesellschaft.

Also, Frauen habe ich in meiner Zivildienstschule nur abends gesehen. Wir Zivis waren alle männlich und daher verpflichtet, uns zu einem knapp zweistelligen Tagessold (in DM zweistellig) um andere Menschen zu kümmern. (Bzw., dass wir uns um Menschen lieber kümmerten als sie zu erschießen oder uns von ihnen erschießen zu lassen, war schon unsere Entscheidung, und hat sich nicht auf den Sold ausgewirkt. Aber wenn es um Verpflichtungen qua Geschlecht geht – heult leiser!)

Es ist das, was den ganzen Laden zusammenhält.

Exporte?

Und die Drohkulisse eines geschlechtsspezifischen schlechten Gewissens ist die „Motivationshilfe“, mit der Frauen dazu angehalten werden, weiterzumachen.

Wenn Frauen Männern ein schlechtes Gewissen einreden, ist das ja nicht so schlimm, woll? Nebenbei, soweit ich weiß, wird keine Frau in D. gezwungen, Sex zu haben, und wenn doch, ist das erstens strafbar und zweitens ist eine Abtreibung infolgedessen nicht nur straffrei, sondern erlaubt. Keine Frau ist hier gezwungen, Mutter zu werden.

Ihre Pflicht zu tun, abzuliefern, sich in den Dienst von anderen zu stellen.

Totalverweigerung konnte mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft werden.

Damit das einigermaßen reibungslos und möglichst widerspruchsfrei funktioniert, ist es unumgänglich, die Notbremsen zu deaktivieren.

Komische Idee. Damit das Auto schneller fährt, einfach die Bremsschläuche durchschneiden.

Das gilt vor allem für die Notbremse Erkrankung. Andernfalls würden zu viele Frauen in anhaltenden Belastungssituationen die Reißleine ziehen, um das Hamsterrad der Care-Zwangsverpflichtungen zum Stehen zu bringen, damit sie gesund werden können.

Das ist keine Notbremse, sondern ein Grund, anzuhalten. Aber ja, so wie viele Berufstätige schon mal krank zur Arbeit gehen, tun das sicher auch Mütter…

Das geht aber nicht. Es gibt Häuser zu putzen, Familien zu verpflegen und vor allem Kinder zu betreuen. Also werden Mütter nicht krank bzw. haben nicht krank zu sein.

Wie Selbstständige also? Selbst und ständig.

Und wenn sie doch mal krank werden, dann bitteschön nur so, dass sie ihren Verpflichtungen in angemessener Weise noch nachkommen können. 2015 hat der Konzern Procter & Gamble mit Werbung für ihre Marke Wick gezeigt, wie das aussieht:

Sind das die von Gillette? Ich meine, dass sind die von Gillette. Wie schön. Nebenbei, dass es keine Werbung gibt, wo ein Manager mit 90-h-Woche irgendwelche Produkte nimmt, um nicht zusammenzuklappen, liegt nicht daran, dass die meisten Menschen sich diese Produkte nicht leisten können (können schon, ist aber illegal), sondern weil Manager nicht als Sympathieträger taugen, Mütter aber schon. Und IHR wäret die ersten, die sich beschweren würden, wenn das andersrum wäre.

Mütter nehmen sich nicht frei, Mütter nehmen ein Mittel gegen „Schmerzen und Fieber“ und machen dann weiter, weil sie ja schließlich noch gebraucht werden.

Danke, dass Mütter nicht Väter sind, die nicht gebraucht werden. Ach, falsche Werbung.

Dafür hat Wick damals zurecht einen Shitstorm kassiert, was die Verantwortlichen allerdings nur dazu veranlasste, den Werbeslogan auf Eltern nehmen sich nicht frei abzuändern und hinten an den Clip noch in schlafendes Paar ranzuklatschen, damit auch klar ist, dass es sich hier um zwei verantwortliche Personen handelt.

Das ist tatsächlich besser als die „Verbesserung“ von Edeka. Und, nebenbei, „frei nehmen“ und „krank schreiben lassen“ sind nicht ganz beliebig austauschbar. Aber wenn der Spot nur über Väter wäre, was dann?

Das zeigt, wie umfassend wir als Gesellschaft auf unterbezahlten und unterwertschätztes Kümmern angewiesen sind.

Eigentlich nicht. Kinder sind auf ihre Eltern angewiesen. Eltern können ihren Kindern keine Rechnung schicken. Ein Teufelskreis.

Denn zum einen hat die Problematik rund um die #Coronaeltern ja deutlich gemacht, wie unumgänglich Care-Arbeit ist und wie sehr Menschen mit Kindern hängengelassen werden.

Menschen mit Kindern, genau. Nicht nur Frauen mit Kindern. Aber ja, das Thema hatten wir auch schon.

Zum anderen erweist sich ein ums andere Mal, dass wir zwar von Eltern reden, aber Mütter meinen.

Wer aus „Corona-Eltern rechnen ab“ „Fiese, geldgeile Mütter“ macht. Aber ja, die bei Pinkstinks denken immer an Mütter, wenn sie von Eltern lesen. Den Eindruck habe ich auch.

Mütter sind diejenigen, die dafür „Liebe“ verdienen, aber bloß nicht nach Geld fragen sollen – das wäre ja unweiblich und überhaupt nicht mütterlich.

Von wem jetzt genau? Wenn ich im Imbiss essen gehe, kriegt der Imbiss Geld. Wenn ich mein Essen selbst anbaue, kriege ich Geld?

Mütter sind nebenher krank. „Krank bis 14 Uhr„. Mütter sind arbeitend krank, halbieren ihre Pausen und bekommen dafür ihr schlechtes Gewissen verdoppelt.

Also auch das wie Selbstständige? Bis auf die Uhrzeit, natürlich.

„Wie, du machst krank?!“ Krank macht man nicht, krank ist man. Auch hier haben wir es wieder mit einem Notbremsenabschaltvorgang zu tun. „Krank machen“, das soll nach Leistungserschleichung klingen.

Krank machen ist was anderes als Krank sein. Nur, genau denselben Spruch kann man sich auch als Kinderloser vom Arbeitgeber anhören. (Sowohl zu Recht wie zu Unrecht.)

Nach etwas, das überhaupt nicht notwendig ist, aber dazu genutzt wird, sich mal außer der Reihe ein paar schöne Tage zu machen.

Ja, solche Sprüche gibt es. Die Idee, dass nur Mütter die hören, oder dass nur Mütter die zu Unrecht hören, ist aber in erster Linie eitel.

 Diese Bewertung gilt umso mehr für die Pflege und Betreuung eines erkrankten Familienmitglieds. Auch das hat nebenbei stattzufinden und wird kaum oder gar nicht als Arbeit angesehen.

Bei kranken Kindern ist das tatsächlich was anderes als bei kranken Erwachsenen. Aber Väter, die ihre kranken Kinder betreuen wollen oder müssen, haben mit noch weniger Verständnis zu rechnen.

Die Politik bemüht sich zwar in den letzten Jahren darum, die Rahmenbedingungen so zu verbessern, dass sie endlich die Lebensrealität von Frauen, Familien und pflegenden Angehörigen abbildet, aber sie ist großflächig immer noch darauf angewiesen, dass Menschen systemische Probleme individuell lösen.

Wie sonst? Also anders als individuell?

Wenn Mütter sich freinehmen würden, wäre das ganze System gefährdet und diejenigen, die sich auf ihre Kosten mehr Freiheiten herausnehmen, würden sich ganz schön umgucken. Es steht also ein Systemumbau an.

Wenn Mütter generell weniger berufstätig werden, wird mangels Angebot Arbeitskraft generell teurer, was denen zugute kommt, die weiterhin berufstätig sind. Wenn Mütter generell weniger Pflege-, Erziehungs- und sontige -tätigkeiten übernehmen, kommt das den osteuropäischen Pflegekräften zugute.

  • In der Politik, die die Gesetzeslage immer noch lediglich kosmetisch verändert und im Kern darauf angewiesen bleibt, Mütter zu überlasten und ihnen Heilungszeit zu verwehren.

Pflege von kranken Kindern kann auch per Arbeitsvertrag geregelt sein. Eine solche Regelung Vätern zu verweigern, wäre sexistisch, aber es gibt natürlich solche und solche Arbeitgeber.

  • In der Gesellschaft, die viel zu gerne darauf angewiesen bleibt, Mütter bis aufs Blut auszusaugen, um ihr eigenes Fortkommen zu garantieren, anstatt es endlich zu modifizieren.

Es wird natürlich niemand sonst bis auf Blut ausgesaugt. Bei Nicht-Müttern beschränkt sich die Gesellschaft darauf, sie nur bis zur Haut auszusaugen. Oder wie auch immer diese Metapher zu verstehen sei.

  • In den Unternehmen, die Kümmern nicht als Ausnahme, sondern als Regelfall definieren und dafür die entsprechenden Strukturen schaffen müssen.

Krankenhäuser, Altenheime, KiTas und ähnliche Unternehmen haben „Kümmern“ als Regelfall. Bei Handwerksbetrieben ist es „Handwerkeln“, bei Kaufhäusern „Verkaufen“, und in Ämtern irgendwas mit Schreibtischen. NaTÜRlich geht es Unternehmen darum, dass ihre Angestellten ihren Beruf gescheit ausüben.

  • In den Köpfen von Männern, die sich zu wenig Elternzeit nehmen.

Die Idee hier ist, dass Frauen sich genau deshalb nicht krank schreiben lassen, weil ihre Firmen mit Schuldgefühlen arbeiten, aber Männer von ihren Firmen ohne Probleme Elternzeit bekämen, aber das nur aus Faulheit nicht machen. Weil Männer bekanntlich keine Schuldgefühle kriegen können, ihnen fehlt die entsprechende Hirnwindung.

„Wenn alle Frauen dieser Erde morgen früh aufwachten und sich wirklich wohl und kraftvoll fühlten, würde die Weltwirtschaft über Nacht zusammenbrechen“ schrieb die Autorin Laurie Penny einmal.

Weil?

Wenn alle Frauen dieser Erde, die morgen früh krank aufwachen, wirklich im Bett liegen blieben und erwarten würden, dass man sich um sie in der gleichen Weise kümmert, wie sie sich stets um alles und alle kümmern, dann würde nicht nur die Weltwirtschaft über Nacht zusammenbrechen.

Sondern auch? Die meisten Frauen, die zu einem beliebigen Zeitpunkt wach werden, sind nicht krank. Viele Frauen, die morgen krank aufwachen, haben keine kleinen Kinder (mehr). Viele Branchen, die für die Weltwirtschaft essentiell sind, wie die Seefahrt, der Bergbau und Schwerindustrie, haben eine ziemlich geringe Frauenquote; Berufe mit hoher Frauenquote, wie eben Pflegeberufe, würden darunter leiden, was natürlich auch den Rest der Weltwirtschaft in Mitleidenschaft ziehen würde, aber nicht direkt über Nacht. Dass man sich um Mütter kümmert wie Mütter um ihre Kinder, wird vermutlich schon deshalb nicht vorkommen, weil Mütter typischerweise Erwachsene sind.

4 Gedanken zu “Die Kraft der Liebe

  1. Wenn die Mutter ausfällt, muss sich der Vater freinehmen. Wenn das nicht möglich ist, ist das mehr auf Männerfeindlichkeit zurückzuführen als Frauenfeindlichkeit, weil die Leistung des Mannes unentbehrlich ist, weil er, und nicht sie, das System am Laufen hält und er, nicht sie, bis auf das Blut ausgesaugt wird und anders als die Frau, die die Wahl hat zwischen Vollzeitarbeit, Teilzeit, Hausfrau, nur die Wahl hat zwischen Vollzeit, Vollzeit, Vollzeit.

    Und ach ja:

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  2. Es gibt doch eine Statistik, die zeigt, dass Frauen (nicht Mütter) häufiger krankgeschrieben sind und insgesamt mehr Krankheitstage aufweisen.

    In Kombination mit der These von pinkstinks, was sagt uns das über die Arbeitskraft von kinderlosen Frauen aus?

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