Bildung muss weh tun!

Sonst würde das ja jeder wollen! Oder, moment..,

Jetzt mal wieder

Ferndiagnose: ich kenne das Buch nicht, sondern nur das Interview.

„Bildung tut weh, weil sozialer Aufstieg einsam macht“

Das muss so nicht sein. Aber nunja.

Im Interview spricht die Autorin darüber, warum jeder Mensch verschiedene Identitäten hat – und dennoch geprägt ist vom eigenen Herkunftsmilieu.

Doch noch Hoffnung für Doktor Jekyll und Mister Hyde?

Huzur ist das, was man eine soziale Aufsteigerin nennt. Sie ist die erste in ihrer Familie, die eine Universität besucht.

Ja, das ist doch schön. Bestimmt sind alle stolz auf sie.

Und sie ist immer im „Migrationsmodus“, auch zwischen zwei Orten: zwischen Deutschland und der Türkei.

Mööööglicherweise wären ihre Probleme geringer, wenn sie auf eine türkische Uni gegangen wäre? Ok, hier hat der Intersektionalismus mal recht – Probleme können sich aufaddieren.

Außerdem ist Huzur: erfunden.

„Du hast Dir die Geschichte ja nur ausgedacht!“

Ein Buch, das erzählt, wie sogenannter sozialer Aufstieg und Migration die eigene Identität und Zugehörigkeit erschüttern.

Vllt. wäre es gut, sich nicht über die Zugehörigkeit zu einer Gruppe zu definieren, sondern über Alleinstellungsmerkmale? Oder wahlweise, dass bestimmte Dinge, mit denen man sich von seinen Eltern oder Großeltern unterscheidet, eben so sind.

Zu Beginn der Geschichte ist Huzur bei ihrer Cousine in der Türkei zu Besuch. Sie wurde von dem Referendariat, das sie eigentlich in Berlin absolviert, vorerst suspendiert. Den Grund nennt sie bis auf weiteres „Kopftuchgate“.

Hmmmm. Wollte sie etwa kein Kopftuch tragen?

Als sie zurück nach Berlin fährt, trifft Huzur das syrische geflüchtete Mädchen Hiba, zehn Jahre alt und ohne Familie. Sie beschließt, sich um Hiba zu kümmern.

Das ist jetzt aber kolonialistische Bevormundung – jahrhundertelang war Syrien türkische Kolonie, und jetzt kommt Huzur, und spielt den Vormund für ein syrisches Mädchen. So hat’s mit Daenerys auch angefangen…

Und merkt dabei, wie viel für sie – als Aufsteigerin mit migrantischen Hintergrund – auf dem Spiel steht.

Weil ein Kind viel Verantwortung bedeutet? Aber ja, Aufstieg und Migrationshintergrund auch…

Die Autorin Nadire Biskin, 35, hat Philosophie, Ethik und Spanisch studiert und mehrere Jahre zu Sprachbildung und Mehrsprachigkeit geforscht.

Wenn man in ein Land mit einer fremden Sprache kommt, sind MINT-Fächer tatsächlich das bessere Sprungbrett, denn Mathe ist universal. Aber ja, man kann auch Spanisch studieren.

An einer Stelle heißt es, Bildung tue weh. Warum?

Nadire Biskin: Zum Beispiel, weil sozialer Aufstieg auch Entfremdung bedeutet. Für Huzur ist das eine Entfremdung von ihrem Herkunftsmilieu und ihrer Familie.

Das kenne ich von meinen Eltern bezüglich meinen Großeltern. Aber es ist trotzdem nicht die Bildung, die weh tut.

Vieles, was sie erlebt und beschäftigt, erzählt sie ihrer Familie erst gar nicht.

Nun, muss man immer alles ioser Familie erzählen? Oder anders – hört man sich immer alles an, was die Familie so erzählt?

„Entfremdung“ ist negativ konnotiert, da geht es um Unbehagen …

… und es geht um Verlust! Beim Bildungsaufstieg musst du etwas zurücklassen, um an dein Ziel zu gelangen – deine Gewohnheiten, dein Umfeld, all das, was dir vertraut ist.

Ich habe auch nicht mehr alle Gewohnheiten, die ich mit Anfang 20 hatte. Und ja, ich habe mein Umfeld nicht groß geändert, aber das war eben, was ich wollte.

Im Gegensatz zu anderen, die sich schon seit Generationen in der entsprechenden sozialen Position befinden.

Ich befinde mich nicht seit Generationen in der entsprechenden sozialen Position. Niemand tut dies. Bzw., selbst im übertragenen Sinne sind die heutigen Akademiker nicht notwendigerweise die Urenkel der Akademiker der Kaiserzeit.

Ihre Familie hat eine Migrationsgeschichte, ist rassifiziert und gehört der sozialen Unterschicht an.

Und sie hat in D. eine Perspektive gefunden, die ihr in der Türkei fehlte?

Hast du dich bewusst dazu entschieden, Huzur so vielschichtig zu erzählen?

Ich weiß, dass es für manche Leute einfacher ist, sich auf ein einziges Thema zu fokussieren.

Ok, Props dafür, aber jedes einzelne dieser Probleme wäre evt. gar nicht buchfüllend.

Wenn man als deutschtürkisches Kind in die Türkei in den Urlaub fährt, fragen einen die Leute oft: Magst du die Türkei oder Deutschland lieber?

Das klingt nach einer bösen Fangfrage. Hoffentlich passiert das nicht in D., sonst wäre die Frage ja noch schwerer zu beantworten.

Die Leute sind entweder total fixiert auf class, die soziale Herkunft, oder auf race, die Rassifizierung.

Selbst viele Intersektionalisten ignorieren Klassenunterschiede. Gut, dass das hier mal erfrischend anders ist.

Mir ging es aber darum, zu fragen: Ist man als Aufsteigerin empathischer? Oder vielleicht dadurch weniger empathisch, weniger solidarisch? Auch das ist nicht eindeutig zu beantworten, aber ein wichtiger Konfliktpunkt.

Warum sollte das zu beantworten sein? Was hat Aufstieg mit Empathie zu tun? Oder Abstieg – sind Obdachlose empathischer oder weniger empathisch? Und wenn man schon Solidarität mit rein nimmt – welche Gruppe fordert Solidarität, die Herkunftsgruppe oder die „neue“?

Der Freund von Huzur, Raphael, hat zwar auch einen Migrationshintergrund, aber er ist weiß und hat reiche Eltern

Oh, nein, wie schrecklich! Ihre Familie wird ihn bestimmt hassen! Romeo und Julia – das Lehrstück über die Schrecken von Zwangsheirat und Ehrenmord – ist zwar von einem weißen Mann geschrieben worden, aber… Moment.

Er und seine Schwester haben häufiger nichtweiße Partner:innen: „Als würden sie sich fremde exotische Federn an den Hut stecken“

Catch-22: Weiße sind immer Rassisten: wenn sie Weiße daten, wollen sie ihre Gene rein halten, wenn sie Nichtweiße daten, exotisieren sie sie. Außer weiße Incels, die daten nicht. Hurra für Incels!

Das klingt so, als sei diese bewusste Partner:innenwahl eine Art kulturelle Aneignung? 

Sich mit jemandem zu schmücken, passiert nicht auf Augenhöhe.

Ok, nicht jede Partnerschaft ist „ebene Minne“, und wenn dieses spezielle Paar in diesem Buch das nicht ist, ok, gut für die Story, aber im Kontext hier klingt das sehr danach, dass Frauen türkischer Abstammung nur ebensolche Männer daten sollten, um das zu vermeiden. Soll das so?

Aber es ist auch keine wirkliche kulturelle Aneignung.

No shit, Sherlock!

Anscheinend gibt es ja Menschen, die nur Weiße daten.

Ja, Sorry!

In Deutschland!

Na, in Nigeria gälte das als Exotenfetisch.

Ich weiß nicht, wie das möglich ist in einer Migrationsgesellschaft

Wenn die Migranten überwiegend auch weiß sind, wie Raphael? Aber, was wirklich komisch ist, es gibt Menschen, die daten nur Schwule. Die sind dann typischerweise selber schwul, aber sehen es nicht ein, irgendwen zu daten, nur um „Toleranz“ zu beweisen.

Raphael und seine Schwester sind da eher die Progressiven. Sie nehmen es für selbstverständlich, Nichtweiße zu daten. … Vielleicht …, um der Welt zu beweisen, dass er ein offener und netter Typ ist. … Es geht also in meinem Roman eher um ein Hinterfragen der netten Leute.

Catch-22 halt.

Umgekehrt heißt es, Huzur sei nicht nur an Raphael interessiert, sondern auch an seinem sozialen Status. 

Ich glaube, dass das sehr oft passiert in Beziehungen.

Echt jetzt? „Er hat sich ja nur hochgeschlafen!“ – „Er will nur ihr Geld!“ – „Er liebt sie, weil sie ’ne Villa hat, und nicht, wie ich, eine 3-Zimmer-Mietwohnung!!!“ Kommt mir falsch vor.

Aber es ist immer eine Anziehung „plus“, weil da auch die Sehnsucht nach der vermeintlichen Andersartigkeit der anderen Person eine Rolle spielt. Das anzusprechen, ist aber fast eine Todsünde.

Neid. In solchen Fällen wird Liebe nicht von Begierde, sondern von Neid überlagert. Wenn man das verhindern möchte, sollte man also nur innerhalb der eigenen Klasse, Rasse, Kaste und Bildungsebene nach Partnern suchen. Oder, man geht das „Risiko“ ein, jemanden aus Neid zu daten. Stolz oder Vorurteil?

Vielleicht wirkt Huzur berechnend, weil sie sich eingesteht, sich auch nach Raphaels sozialem Status zu sehnen. Dabei ist sie einfach nur ehrlich.

Wenn man zur eigenen Berechnung steht, ist das berechnend und ehrlich. Aber wenn man sich selbst etwas eingesteht, ist das eigentlich noch keine echte Ehrlichkeit, man muss es auch Dritten eingestehen.

Huzur kommt in ihrem Referendariat eines Tages aus Protest mit Kopftuch in die Schule, nachdem eine andere Lehrerin sich dahingehend rassistisch geäußert hatte.

Ahhh, Kopftuchgate!

Es gibt das unausgesprochene Versprechen: Wenn du dir Mühe gibst, dann wird alles gut.

Ähh, nein? Das ist der amerikanische Traum. Der deutsche Traum ist, einmal nach Amerika auszuwandern und der beste Freund eines Ureinwohners zu werden. Ich glaube, da ist ihre Familie einfach in das falsche Land ausgewandert. Sorry.

Eine weiße Lehrerin gibt Huzur zu verstehen: „Du bist eine von uns“, allerdings mit dem Zusatz: „Meine Güte, bin ich froh, dass du nicht so bist wie die anderen Muslim:innen.“

Meine Mutter bekam mal von einer Lehrerin den Spruch gedrückt, sie sei so gut in Mathe – für ein Mädchen. Aus Protest ist sie dann Architektin geworden. Meine Exfreundin sollte sich in der Schule mal weniger Mühe in Mathe geben, damit sich die Jungen in der Klasse nicht schlecht fühlten. Soviel zum Thema Mensaner und Mobbing.

Als das passiert, stellt Huzur vieles infrage.

Meine Konsequenz aus solchen Erfahrungen ist es, dass es sinnlos ist, etwas nur oder hauptsächlich zu tun, um die Erwartungen anderer Leute zu erfüllen. Studieren, weil man sich für das Fach interessiert, oder weil der dazu passende Beruf gute Aussichten hat, ok. Studieren, um „dazuzugehören“, nein. Die Erwartungen können immer noch eine Schraubendrehung erhöht werden. Das ist dann nur ein Hamsterrad.

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