Aua

Manche Dinge tun einfach weh. Vom Zugucken und Mitlesen, weil dabei Spiegelneuronen angestoßen werden, die „Aua!“ schreien.

Wie bei dem hier.

SCHÜLERINNEN KÄMPFEN FÜR NEUE MÄRCHEN

Erstmal – ich bin da nicht so pingelig wie andere Leute, die ich kenne, aber der guten Ordnung halber – das ist ein Theaterstück, kein Märchen. Es ist tatsächlich nicht einmal ein Theaterstück nach einem Märchen. Märchen als literarische Gattung sind etwas grundsätzlich anderes; das missverständliche Wording wäre tatsächlich noch ok, aber offenbar werden die Probleme, die die Puritaner von Pinkstinks hier sehen, durch genau die Elemente verursacht, die keine Märchenelemente sind.

Wie kann es sein, dass in einer 8. Klasse in Hamburg im Jahr 2022 ein Theaterstück namens „Drachenbürger“ aufgeführt wird, in dem unhinterfragt „Jungfrauen“ einem Drachen geopfert werden?

Erstens, wenn man es googeln will, heißt das Stück „Drachenburger“. Um die Bill-Cosby-Show zu zitieren: „Ein Burger ist ein Stück Fleisch.“ Zweitens, sowohl die Leseprobe als auch diverse Besprechungen legen nahe, dass die Opferung im Stück durchaus hinterfragt wird. Drittens, evt. ist die Inszenierung doch so, dass hier das Opfern von Jungfrauen als legitime Methode der Drachenabwehr dargestellt wird, um das Klische vom Weißen Ritter zu hinterfragen, aber nunja. Es kommt das Wort „Arsch“ vor. Und „hinterfotzig“. Ich darf das zitieren, um mich damit auseinanderzusetzen.

Oder schlimmer: Warum reagiert der Theaterlehrer nicht auf die Mädchen in der Klasse, die sich weigern, das Stück in dieser Form aufzuführen?

Er ist vllt. außerdem Sportlehrer, und als solchem interessieren ihn Schülerwünsche nicht.

LOTTI, 13 JAHRE UND EINE DIESER SCHÜLERINNEN, ERZÄHLT HIER VOM VORFALL:

Zu viel „Hilfe“stellung beim Bocksprung? Ach, falsches Fach.

An unserer Schule führt unsere Klasse dieses Jahr ein Theaterstück auf. In diesem Stück geht es um Folgendes: In Drachenburg bedrängt ein Drache alle Drachenburger*innen.

Der Drache achtet trotzdem auf korrektes Gendern? Okeee. Da sieht man mal, wie wenig das nutzt, denn:

Am meisten unter dem Drachen leiden 17-jährigen Mädchen, denn jedes Jahr fordert der Drache ein Mädchen als Opfer, mit dem er spielt und sie anschließend vernascht.

Diese Formulierung ist sexistisch! Oder nein, er isst sie tatsächlich. Also ist das menschenverachtend! Hmm. Kann es sein, dass Drachen gewisse abwertende Vorurteile gegenüber Menschen haben?

Dieses Jahr soll ein Mann mit dem Drachen kämpfen. Wenn der Mann den Kampf mit dem Drachen überlebt, bekommt er die Fürstentochter als Frau.

Und er wirft ihr den Handschuh ins Gesicht: „Den Dank, meine Dame, begehr ich nicht!“ und verlässt sie zur Stunde.

Es kommt zum Kampf. Nachdem der Drache zwei seiner drei Köpfe verloren hat, hat der Mann (Giorgi) keine Kraft mehr. Den entscheidenden Schlag, der den Drachen tötete, machte Ofelja, eine der „Opfermädchen“.

Immerhin besser als das Ende von Game of Thrones. Nagut, ist ja kein Kunststück. Aber es ist natürlich nicht feministisch genug. So etwas wie „feministisch genug“ gibt es nicht.

Obwohl Ofelja den Drachen umbringt, wird Giorgi als Held gefeiert.

Ja, wie bei last duel: „Nachdem er dem König und seinen Herren gedankt hatte, ging er zu seiner Herrin und küsste sie: zusammen gingen sie nach Notre Dame, um dort ihre Spende zu geben, und kehrten dann nach hause zurück.“ DAS ist das unfeministische Ende (historische Aufzwichnungen). Beim feministischen Ende (Filmversion) wird er als Held gefeiert und sie reitet ohne Jubel hinterher. Wahrer Feminismus muss offenbar so sein.

Im Text sind sexistisch Sätze wie: „Werft das Weibsstück hinaus in die Gosse, damit sie sich austoben kann“

Die Gosse soll sich austoben? „Sie“ bezieht sich auf ein Wort im Femininum, dass kann nur die Gosse sein. Grammatik ist diskriminierend.

„Der ist ein Feinschmecker. Für den sind Weiber so wie Kaviar“.

Dieser Typ ist korrekt, aus Urin macht er Sekt, und aus… Egal, Hakenkreuze sind zwar verboten, aber in einem Film, der die Nazizeit behandelt, darf ein Schauspieler eine Hakenkreuzbinde tragen, der einen Nazi darstellt. Aber wenn der Nazi sich abwertend über eine Frau äußert, geht das trotzdem nicht, weil…

Könnt ihr verstehen, dass wir dieses Stück nicht unkommentiert oder persifliert aufführen wollen?

Game of Thrones mit Kommentaren: Ned enthauptet einen Deserteur – Todesstrafe ist schlecht, weil es Fehleurteile gibt. König und Gefolge besuchen einen wichtigen Vasallen – Feudalismus ist schlecht, weil da manchmal sehr ungeeignete Leute fast einen ganzen Kontinent beherrschen. Jaimie und Cersei sind ein Liebespaar – Inzest ist schlecht, weil die Kinder manchmal einen an der Klatsche haben, aber dann trotzdem einen Kontinent größtenteils beherrschen. Jaimie schubst einen Jungen aus dem Fenster – das ist schlecht, weil der Junge sterben oder schwere Verletzungen davontragen kann. Und das war erst die erste Folge, oder?

Dieses Theaterstück wurde von unserem Lehrer ausgesucht. Wichtig ist, es gab keine Auswahl zwischen mehreren Stücken, sondern unser Lehrer bestimmte ein Stück, das wir spielen müssen.

Wenn Ihr Eurem Publikum nicht zutraut, die ethischen Probleme dieses Szenarios zu erkennen, ohne extra Kommentare oder Persiflage mitzuliefern, dann solltet Ihr vllt. Euer Publikum austauschen, nicht Euer Stück.

Der Grund von ihm, warum er uns keine Auswahl gegeben hat, ist, dass er ein Stück gesucht hat, in dem es viele starke Frauenrollen gibt.

Ja, es gibt nicht „genug Feminismus“. Die Figuren haben übrigens auffällig oft georgische Namen, aber das ist wohl wegen der Georgssage so. Nicht, weil da wer was gegen Georgier hätte.

Die Frage ist, was versteht unser Lehrer unter „starken Frauenrollen“? Anscheinend Frauen, die in den meisten Hinsichten unterlegen sind und ständig auf ihr Äußeres reduziert werden.

Wie Hobbits?

In diesem Stück werden Frauen als „Zicke“ oder zum „Spielen“ und „Vernaschen“ dargestellt.

Und wenn der Nazi in einem Film über Nazis von „Herrenrasse“ und „Untermenschen“ spricht, ist das natürlich die Meinung des Autoren oder evt. Autorin, die direkt so vom Publikum verinnerlicht wird. Weil Publikum dumm. Auf dem Niveau muss man diskutieren?

Der Sexismus in dem Stück, wurde im Klassenrat besprochen. Leider haben nur ganz wenige Schüler*innen aus der Klasse den Sexismus und das altertümliche Männer- und Frauenbild gesehen.

Nicht „gesehen“, oder es zwar gesehen, aber als „altertümlich“ abgehakt? Ich frage mehr aus Neugier.

Wir, leider hauptsächlich ich, haben den Sexismus erklärt, doch wir mussten uns anhören: „Das war halt früher so“ oder „übertreibt doch nicht“.

Ok, das reale Mittelalter war jetzt wohl doch nicht so, wie man das bei Drachengame und Burger Thron gelernt hat. Aber mal was anderes – wären Menschenopfer ok, wenn die Opferauswahl nicht sexistisch und/oder klassistisch wäre, wie in Drachenburg, sondern tatsächlich „fair“? Ich frage für Hunger Games. (Ok, klassistisch sind die da auch…)

Unser Lehrer meinte zu uns, dass die Mädchen sich doch wehren, damit sie nicht sterben müssen.

Nein, Mädchen, die sich wehren, sind einfach nicht feministisch genug. Niemand ist feministisch genug!

Er hat aber nicht verstehen können, dass im Stück nirgendwo kritisiert wird, dass nur zwischen den 17-jährigen Jungfrauen und nicht den 17-jährigen Jungmännern (ach ja, den Begriff gibt es ja nicht!) ausgelost wird.

Ahh, doch? „Warum frisst der Drache immer nur schlanke junge Mädchen? Warum nicht fette junge Männer? Ist doch viel mehr dran!“ (S. 8)

Ich habe dann den Vorschlag gemacht, wir könnten einfach alle 17-jährigen Menschen aus der Stadt in den Lostopf werfen, doch darauf wurde mir von meinem Lehrer erklärt, dass dann das Stück langweilig wäre und man es nicht mehr aufführen könnte.

Ok, das käme jetzt auf die Umsetzung an. Vllt. ist der Held schwul und verliebt sich in einen normschönen Siebzehnjährigen. Der ihm natürlich hilft, als die Lage brenzlich wird. Haha, brenzlich. Am Ende reiten beide gemeinsam in den Sonnenuntergang, weil Drachenbrug homophob ist.

 Und dass es mit den Beziehungen dann auch nicht mehr funktionieren würde.

Ja, Dreiecksgeschichte. Alle lieben Dreiecksgeschichten. Yäääh! (Ok, hier hat der Lehrer natürlich ganz klar Unrecht.)

Das eine ist, dass unser Lehrer von allein nicht merkt, dass dieses Stück offensichtlich sexistisch ist. Doch das andere ist, dass er dann seinen Schüler*innen, die auf ihn zu kommen, noch nicht mal richtig zuhört und so tut als würden sie übertreiben.

Ein Stück, dass eine Parodie auf Mittelaltergeschichten und -klischees darstellt, stellt Sexismus dar. Na, was denn sonst? Aber nicht das Stück ist sexistisch, sondern die Figuren darin. Ein Film über Nazis ist ja auch nicht nationalsozialistisch. Außer denen, die die Nazis selber drehten.

Wir Schüler*innen sind die Zukunft, ziemlich krass, dass unsere Meinung dann so abgewiesen wird.

Okeee, in Hinblick darauf, dass diese ganzen Jungfernopfergeschichten mehr oder weniger Metaphern für Vergewaltigungen bzw. Sexsklavenhandel sind, wäre es vllt. schlau, mit dem Thema sensibel und pädagogisch umzugehen. Aber die Idee, dass ausgerechnet das sexistische Auswahlkriterium eines menschenfressenden Ungeheuers Sexismus propagieren soll, ist extreeeeem daneben. Wer so denkt, guckt auch einen Film über die Weiße Rose und rennt am nächsten Tag im Stechschritt mit BDM-Uniform rum.

Unser Lehrer hat stattdessen angefangen im Text ab und zu zu gendern, aus dem Fürsten eine Fürstin zu machen und die „Jungfrauen“ heißen jetzt nicht mehr „Jungfrauen“, sondern Mädchen.

HaHaHaHahaHaHahaHa. Oh, nein, jetzt gibt es plötzlich auch böse Frauen? Und es hilft nix mehr, sich schnell noch entjungfern zu lassen, um nicht gefressen zu werden? HAHAHahAhAhAhAha. Gendern nutzt halt nix und niemanden.

17-jährige Mädchen, die heiraten können? Klingt in meinen Ohren falsch, ich finde das ziemlich herabwürdigend, denn diese „Mädchen“ waren historisch schon Frauen.

Was denn sonst? Eine total unsexistische Gesellschaft, die aber trotzdem Menschenopfer nicht nur toleriert, sondern aktiv unterstützt, sofern diese Menschenopfer keine Metapher für Vergewaltigungen mehr sind? Bzw., evt. sind sie im ursprünglichen Stück auch keine Metapher, sondern genau das.

Mit diesen Änderungen kam er zu mir und hat mich gefragt, ob das Stück jetzt für mich okay ist. Ehrlich gesagt fühlte ich mich ein bisschen verarscht, da er mir damit deutlich gemacht hat, dass er nicht verstanden hat, worum es mir geht.

Verarsche wäre es, wenn er es verstanden hätte, aber dann trotzdem nicht macht, was Du willst.

 Ich habe versucht, es ihm noch mal zu erklären, und da erklärte er mir ganz stolz, dass ein MÄDCHEN den entscheidenden Schlag macht (ein Mädchen! Am Schwert!) und den Drachen damit tötet und das wäre doch toll!

Na, hätte er das doch besser weggelassen. Aber wie gesagt: die Existenz eines hinreichenden Grades des umgesetzten Feminismusses kann auch fürderhin negiert werden.

Ich habe in diesem Gespräch z.B. auch „Schlampen“ angesprochen und meinte, dass ich möchte, dass wir ein anderes Schimpfwort im Stück verwenden.

Also, ich würde mich ja mehr wegen „hinterfotzig“ beschweren, wenn ich eine Feministin wäre, aber ich bin ja keine, also: Keks.

Er hat wieder nicht verstanden was daran das Problem ist. Ich habe ihm dann die Frage gestellt, ob er auch einen Jungen als „Schlampe“ bezeichnen würde. Darauf hatte er keine Antwort und er sagte nur zu mir, dass wir „Schlampe“ rausnehmen können und dass ich mir dann aber andere Schimpfwörter überlegen soll.

Der Lehrer wird vermutlich auch kein Mädchen als Schlampe bezeichnen, weil das ja unpädagogisch wäre. Er würde auch hoffentlich keine Stadt mit ihrem Niederbrennen drohen, wenn diese nicht seine Wünsche erfüllt, insofern ist das Tun oder Lassen des Lehrers irrelevant für die Geschichte.

Ich hätte mir gewünscht, dass er uns richtig zuhört und entweder ein anderes Stück sucht oder, das Stück mit der Klasse so ändert und umschreibt, dass niemand mehr diskriminiert wird und dass dieses Stück kein altertümliches Männer- und Frauenbild vermittelt!

Außerdem sollte der Drache kein böses, menschenfressendes Ungeheuer sein, sondern ein freundliches, aufgeklärtes Wesen haben, damit überhaupt kein Konflikt aufkommt, den es zu lösen gilt, um keine drachenfeindlichen Vorurteile zu vermitteln.

Was ist mit Klassikern wie Sommernachtstraum? Sex unter Drogeneinfluss ist Vergewaltigung. Romeo und Julia? Selbstmord ist keine Lösung. Der kleine Prinz? Dito. Jim Kopf? Die Drachen da sind eindeutig Rassisten. Sämtliche Theaterstücke werden in ihren Augen weniger Gnade finden als eine siebenstrahlige Schneeflocke in der Hölle. Zumindest Teile von ihr sind bekanntlich zugefroren.

5 Gedanken zu “Aua

  1. Au backe, würde man nur 17-jährige Jungen opfern, würde sie sich beschweren, dass Mädchen anscheinend ja nicht wertvoll genug sind. Patriarchat!

    Und der Mann schlägt 2 von 3 Köpfen ab und dann, der Drache schon sicherlich lädiert, schlägt eine FRAU den letzten Kopf ab. Wieso wird sie nicht als Held gefeiert?
    Gleiches Geld für gleiche Arbeit!!!?
    Wie mit der Frauenquote. Selbst Firmen aufbauen und groß machen wollen sie nicht, aber sobald die Firma erfolgreich ist, wollen sie via Geschlecht beteiligt werden.

    Schlampe ist nicht okay, Loser, Versager, Feigling hingegen schon. Deswegen wollen Feministinnen auch nur Hatespeech gegen Frauen strafbar machen und werden wütend (oder noch vütender?) wenn man dann Hatespeech gegen Männer genau so behandelt.

    Diese Schüler.I.n will später bestimmt in die Politik.

    Gefällt 1 Person

    1. „Ich hätte mir gewünscht, dass er uns richtig zuhört und entweder ein anderes Stück sucht oder, das Stück mit der Klasse so ändert und umschreibt, dass niemand mehr diskriminiert wird und dass dieses Stück kein altertümliches Männer- und Frauenbild vermittelt!“

      SIE kann ja einen Vorschlag machen.

      Wieso sollen in Geschichten nicht bestimmte Personen ungerecht behandelt werden?
      Am Besten sind alle Mary Sue und es gibt keinen Hunger und keine Gewalt mehr. Und zwar immer und überall. Wie aufregend!

      Gefällt 1 Person

  2. Köstlich, danke. Und die Jungfrauen werden deshalb geopfert, weil sie mehr wert sind. Die Legionen von Männern, die in spaßigen Actionspektakeln hingeschlachtet werden sind vollkommen egal, aber der Spaß wäre keiner mehr, wenn das genauso mit Frauen geschehen würde – was einiges über die Wertigkeit von Menschenleben nach Geschlecht aussagt, worüber Lotti mal meditieren sollte.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s