Warjaklar: die Wiedergänger

Um meinen inneren Putinversteher zu streicheln: natürlich nimmt Putin die Interessen Russlands wahr. Ob die Regierung Putin selbst im optimalen Interesse Russlands ist, bezweifle ich zwar, aber dessenungeachtet.

Insofern verstehe ich auch die, die argumentiert hatten, Putin würde niemanden angreifen, weil der Nutzen für Russland und Putin selbst eher nicht gegeben sei, oder die dafür plädierten, dass man mit offenen diplomatischen Kanälen und Kompromissbereitschaft gegenüber Russland einen Krieg besser verhindert als mit Härte.

Härte, Härte, Fahrradkette, hat leider nicht geklappt. Meiner Ansicht nach fürchtet Putin weniger „den Westen“ als dass in eigenem Land die Demokratie ausbricht, und deshalb will er nicht etwa Weißrussland „heim ins Reich“ holen, sondern die Ukraine. Putin verstehen ist nicht ganz dasselbe, wie sein Sympathisant zu sein.

Aber jetzt kommen die hier.

DER REGENBOGEN SCHLÄGT ZURÜCK

Ja, neee. Sicher ist Putins explizit schwulenfeindliche Politik ein Problem, aber das ist seine explizit pressefeindliche Politik ja auch.

Russland hat die Ukraine überfallen, der Westen braucht einige Tage, um sich zu koordinieren und entsprechende Maßnahmen einzuleiten.

Ja, aber läuft doch ganz gut. Ich sehe mich positiv überrascht.

Unter anderem auch deshalb, weil die Europäische Union nicht die Vereinigten Staaten von Europa sind und Entscheidungen in zumeist langwierigen, drögen, wenig zielführenden Verfahren herbeigeführt werden müssen.

Es ging trotzdem schnell, kein Grund, die Vereinigten Staaten von Europa einzuführen. Vor allem, das wäre respektlos vor dem Freiheitsstreben der Ukraine.

Weil die Zivilbevölkerung demokratischer Nationen kein Interesse an kriegsfördernden Maßnahmen hat und Militarisierung ablehnend gegenübersteht.

Das stimmt so pauschal auch nicht, aber vom Grundsatz her ja. Ich wüsste bessere Verwendungsmöglichkeiten von Steuergeldern als Militär, Corona-Abwehr oder was auch immer. Bis dahin ist die Kontroverse eher gering.

Genau jetzt scheint die Stunden der „Wenn wir doch nur mehr richtige Männer hätten“-Fraktion gekommen zu sein.

Ja, vor allem in der Ukraine. Transfrauen und Cismänner dürfen die Grenze nicht überschreiten, um gegen die Russen zu kämpfen.

„Richtige Männer“ bräuchte es, dann wäre der Westen wehrhaft genug, um Putin die Stirn zu bieten.

Naja, dem Drohnenkrieg kann es egal sein, wer die Fernsteuerung bedient. Darum ist es sexistisch, dass nur Männer gegen Putin kämpfen müssen.

Denn als richtiger Mann versteht Putin nur die Sprache richtiger Männer. Und nicht dieses verweichlichte Genderwischiwaschi.

Ich glaube, mit normalen Deutsch kommt er auch nicht klar. Der war mal in Dresden stationiert. Aber ja, egal, wie ich persönlich zu Waffen stehe, ist mir trotzdem klar, dass ich mit einer Knarre in der Hand bedrohlicher wirke als ohne. Hallo STD.

Putin habe keine Angst vor dem Westen, weil der Westen so schwach geworden sei, meint Ulf Poschardt als Chefredakteur der Welt und wünscht sich die Männer von früher zurück.

Vllt. hat Putin auch nur deshalb keine Angst, weil „wir“ unsere Presse nicht gleichschalten. Oder weil „wir“ uns aus Afghanistan zurückgezogen haben, was echte Russen natürlich nie tun würden. Wie auch immer, wenn Pickerts Erwartungshaltung an Männer nicht fast deckungsgleich mit Poschardts wäre, würde ich das jetzt nicht posten.

Wortkarge Kriegshelden, die noch richtig krasse Ficker sind und im Bedarfsfall Angst und Schrecken verbreiten. Denn Freiheit, so Poschardt, „wird nicht an Tampon-Behältern in der Männertoilette verteidigt„.

Echte Männer haben keine Zeit zu bluten. Nicht mal einmal im Monat. Habe ich im ersten Predator gelernt. Aber ja, Putin ist bestimmt nicht aufgewacht und hat gedacht: „Wenn die Tamponbehälter auf Männertoiletten bauen, haben die bestimmt kein Geld mehr für Friedenspanzer.“

Schon gar nicht von einem „luschigen passiv-agressiven Wohlstandszersetzungsaktivismus“.

Das schon eher. Ukrainische Aktivisten(m/w/d), die sich vor Panzern auf der Straße festkleben, haben möglicherweise weniger Erfolg, als ich ihnen gönne. Aus der bequemen Sicherheit meines Sofas.

Sein Schweizer Pendant Roger Köppel sieht Putin gar als „den Missverstandenen“, der im Westen so gehasst werde, weil er als Verkörperung robuster Männlichkeit gegen den „woken Westen“ und dessen „Cancel-Culture“ stehe.

Naja, Cancel-Culture betreibt Putin ja auch. Da gibt es nichts misszuverstehen. Aber natürlich ist „toxische Männlichkeit“ das Problem für Pickert. Egal, worum es geht.

Überall in der so genannten freien Welt melden sich vor allem weiße, konservative Männer zu Wort, die Russland und sein politisches System immer abgelehnt haben, aber jetzt voller Bewunderung für den großen starken Mann Putin sprechen und voller Verachtung für „Schneeflocken“ und marginalisierte Menschen.

Nicht jeder, der den Westen kritisiert, bewundert Putin. Und eine Menge der jetzigen Putinversteher lehnten den Westen sowieso ab und mögen Putin, soweit ich das nachvollziehen kann, wegen dessen autoritären Führungsstil. Hallo Hufeisen. Aber gut, einige Schneeflockenverachter sind möglicherweise erst jetzt Putinversteher geworden.

Der „echte Mann“ Putin sei ja auch irgendwie schon genial, ließ Donald Trump beispielsweise verlauten.

Wenn ausgerechnet die USA einen Putinsympathisanten wählen, kann es mit der Stärke des Westens ja wirklich nicht weit her sein.

Und auf seinem ehemaligen Lieblingssender Fox fragt man sich, ob man Putin wirklich hassen müsse, wenn er einen doch nicht als Rassisten beschimpfe oder Hunde esse.

Natürlich muss man ihn nicht hassen. D’oh. Aber in einer freien Presse steht auch immer irgendein Quatsch. In Russland ist das natürlich ganz anders.

Was all diese Männer an Putin bewundern

Eine Menge dieser Männer bewundern ihn genau nicht, sondern kritisieren „den“ Westen genau deshalb, WEIL er dieser Gefahr angeblich oder tatsächlich nicht begegnen kann. Wenn jemand bspw. die Corona-Politik Schwedens kritisiert, bewundert soe Covid-19 ja auch nicht.

Die Sehnsucht nach starken Führern und „kraftstrotzenden jungen Männern“ ist nicht neu.

Eine Menge Männer, die diesen Erwartungen nicht entsprachen, wurden von Frauen links liegen gelassen. Female Choice und so.

Sie spricht aus Björn Höcke und anderen Mitgliedern seiner Partei, die „Männlichkeit wiederentdecken wollen, um wehrhaft zu sein“.

Die gleiche AfD, die die Ukraine Putin überlassen würden. Natürlich.

Sie spricht auch aus Adolf Hitler, der in Mein Kampf einen „jüdisch-demokratischen Sumpf allgemein um sich greifenden Verweichlichung und Verweibung“ beschrieb

Ja, genau. Hitler hat die Ukraine nicht erobern lassen, damit die jetzt einen Juden zum Präsidenten wählen! Aber, wie gesagt, die Ukraine schickt Männer an die Front und Frauen und Kinder dürfen nach Polen.

Heute heißt es nicht mehr „jüdisch-demokratischer Sumpf“, sondern „degenerierter, verweichlichter Westen„.

Wie gesagt, das autoritäre Regime, dass gegen den Krieg ist, sind die Taliban.

Und wird von Männern kritisiert, die alle Vorzüge eben jenes Westens genießen und ihre Ärsche schon so lange im Trockenen haben, dass ihnen die eigene Verlogenheit beim Einfordern von Menschenleben für die Verteidigung einer Ideologie, die sie für westliche Werte halten, nicht einmal sauer aufstößt.

Das ist das Problem, wenn man (mindestens) zwei Gruppen zusammenschmeißt. Solche, die tatsächlich Pro-Putin sind, aus welchen Gründen auch immer, und solche, die gegen Putin sind, aber der Ansicht sind, dass demokratische Staaten ihre Demokratie besser verteidigen müssten. Dass Höcke für die Demokratie in den Krieg ziehen würde, halte ich bspw. für zweifelhaft, aber dass er grundsätzlich nie in den Krieg ziehen würde, erst recht.

Dabei liegen die Fakten auf dem Tisch. Mit Annalena Baerbock und Robert Habeck sind es gerade zwei Politiker*innen der angeblichen Schneeflockenpartei Die Grünen, die in Krise und Krieg die deutlichste Sprache finden, die Dinge beim Namen nennen und handeln.

Mit Worten, so deutlich sie auch sein mögen, lassen sich keine Kriege gewinnen. Aber ja, man kann demokratisch gewählt sein UND trotzdem gegen Diktatur. Irgendwie kommt mir das nicht wie ein Widerspruch vor.

Und da ist noch eine Sache: Kurz bevor der europäische Luftraum für russische Flugzeuge komplett geschlossen wurde, erfolgte der Exodus der Privatjets.

Achwas. Tja, manche Russen verachten die westliche Dekadenz. Manche Russen stehen aber voll auf Luxus. Alle Russen sind Heuchler. Syllogismen aus dem Dilbert-Prinzip. (Oder, Russen sind doch nicht ganz so gleichgeschaltet, wie Putin das gerne hätte und pickert evt. behauptet. Aber hey!)

Wer es sich leisten konnte, floh in Länder, in denen Politik darin besteht, um demokratische Aushandlungsprozesse zu kämpfen.

Oh, eigentlich in Länder, wo man sein Geld noch ausgeben kann, die VAE bspw. würde ich jetzt nicht gerade für demokratisch und minderheitenfreundlich halten. Aber ja, eine Menge Russen fliehen in die USA.

Nicht in einer Spirale der Verhärtung, in der Männer aus reiner Lust an Brutalität und Macht Gewalt ausüben, wann immer es ihnen passt. Sondern in einer Verabredung zu Zärtlichkeit und Mitgefühl, die als letztes Mittel auch nicht vor Gewalt zurückschreckt, um Zärtlichkeit und Mitgefühl zu verteidigen.

Uuuuund da haben „wir“ wieder den Widerspruch – dieselbe Bereitschaft, Härte gegenüber anderen zu Zeigen, die Pickert sonst immer so verächtlich macht, wird genau dann eingefordert, wenn es um etwas geht, was Pickert will. Weil: Prinzipien!

Wenn du in der aktuellen Situation auch insbesondere Frauen und Kinder unterstützen möchtest, die in der Ukraine oder auf der Flucht sind, kannst du auch direkt dafür spenden.

Denn wenn die ganzen männlichen Ukrainer im Kampf für Demokratie, Schwulenrechte und ihre Familien gefallen sind, bleiben 100% der Care-Arbeit natürlich wieder an den Frauen hängen, und diese Retraditionalisierung muss unbedingt verhindert werden.

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