Heil der rohen Energie von Hybra

Das passiert, wenn man Realität und Film zu sehr vermengt.

Der aktuelle James Bond scheint irgendwie aus der Zeit gefallen.

Er ist ja auch schon vor über hundert Jahren geboren worden. Als Wattenscheid noch nicht eingemeindet war.

Er ist ein wenig melancholischer und emotionaler geworden, aber noch immer besiegen sein muskulöser Körper und seine Liebe für Ihre Majestät letztlich das Böse auf der Welt.

Naja, so ein strammer Patriot ist er nun auch wieder nicht. Aber straffe Muskeln sind schon wichtig, wenn man allein oder zu zweit einen geheimen Stützpunkt überrennen will.

Als ich früher die Filme schaute, wollte ich genau so sein: in einer Welt, die nur Unsicherheit kannte, der Fels in der Brandung.

Aber jetzt lieber die Brandung als der Fels, woll? Wegen fluid und so.

Ein echter Mann eben. Das ist heute zum Glück anders. Heute haben wir neue Vorbilder.

„Wir“ hatten schon vorher andere Vorbilder. Und eigentlich sind Vorbilder schlecht, weil man immer etwas findet, um sie zu kritisieren.

„Hybride Männlichkeit“ heißt der neueste Trend laut Berliner Morgenpost, bestens verkörpert von prominenten cis Männern wie Sänger Harry Styles oder Schauspieler Timothée Chalamet.

James Bond ist eine Rolle, Styles und Chalamet sind reale Menschen. Man müsste entweder Rollen mit anderen Rollen vergleichen oder reale Menschen mit realen Menschen. Also James Bond mit Jack Sparrow, Paul Atreides und Bilbo Beutlin und Chalamet mit Penn. (Persönlich würde ich weder ausgedachte Personen zum Vorbild nehmen noch Menschen, die als Schauspieler ihr Geld verdienen, weil gerade hier Selbstdarsteller vermutlich überproportional häufig anzutreffen sind, aber prinzipiell gesehen…)

Sie sind nicht die Einzigen. Das Zukunftsinstitut, das seit 1998 Trend- und Zukunftsforschung in Deutschland betreibt, spricht von einer „Evolution von Männlichkeit“, weil Jungs und junge Männer mittlerweile vor allem „nett zueinander“ seien.

Ich dachte, Männer, die einander Posten und Einfluss zuschieben, seien das Problem, nicht die Lösung? Oke, wieder was gelernt.

Durch „Typen in Röcken“, wie besagtem Harry Styles, breche sogar eine neue Ära der Geschlechterverhältnisse an.

Nein. Bzw., wenn, dann hat das nichts mit Röcken zu tun.

Dass vermehrt über Männlichkeit und ihre negativen Auswirkungen auf Gesellschaft und Männer selbst gesprochen wird, ist wichtig.

Ja, aber nein. Hauptsächlich ist das Victimbläming: weil Männlichkeitsbilder natürlich überhaupt und absolut gar nicht von Frauen aufgebaut werden, sind, erstens, Männer selber schuld und Frauen müssen ihr Männlichkeitsbild, ihr Verhalten oder gar sich selbst nicht hinterfragen.

#MeToo und auch schon #Aufschrei haben das Problem sexualisierter Gewalt offengelegt.

Eigentlich war mir dergleichen nicht neu. Da ich weder dergleichen Verhalten praktiziere noch unterstütze, bin ich nicht dafür verantwortlich.

Der Schutz vor Gewalt gegenüber Frauen ist gesetzlich gestärkt, das Sexualstraftrecht wurde verschärft, reproduktive Selbstbestimmung steht endlich auf der Tagesordnung.

Der Schutz vor Gewalt gegen Männer ist egal, wenn Frauen explizit nur dann an die Öffentlichkeit gehen wollen, wenn kein Prozess stattfindet, ist die Strafrechtverschärfung eher nutzlos, und natürlich hat man ein Recht, sich zu reproduzieren. Besonders als Frau.

Der neue Koalitionsvertrag geht Gleichstellung ambitionierter an als alle Regierungen vor ihr. Und wie wir Männlichkeit leben, hat einen Einfluss darauf.

Wie ich „Männlichkeit lebe“ ist möglicherweise nicht dasselbe wie bei einem Schauspieler.

„Heutzutage gibt es Jugendkulturen, die eben nicht klassisches Einarbeiten in hegemoniale, normative Männlichkeit durchleben wollen. In dem sie sich anders in Bezug auf Sexualität positionieren, anders in Bezug auf Dominanzpraktiken. Ich sehe da eine Hoffnung, dass Männlichkeit sich positiv verändert.“

Genau: warum müssen keine Mädchen zum Bund? Wieso müssen Jungen immer den ersten Schritt machen? Wer gibt beim Daten wem was aus? Das frage ich mich schon seit Jahren. Dieses kritische Nachdenken hat mir bei Frauen eher wenig weitergeholfen, aber nunja.

Schauspieler und Sänger ändern ihre Männlichkeit und leisten so einen positiven Beitrag zur Ungleichheit: Ich wünschte, so einfach wäre es.

Ja, er meint gegen Ungleichheit – und ich wünschte, ich wäre auch ein berühmter Sänger oder Schauspieler, also hätte ein Hobby zum Beruf gemacht.

Friedrich Merz sprach davon, dass es mittlerweile sogar Diskriminierung gegen Männer gebe, nur weil Frauen paritätische Wahllisten fordern.

Das ist natürlich erstmal keine Diskriminierung, sondern ein Rückfall in den Ständestaat. Aber dank Tessa lässt sich das Problem leicht umgehen.

Oder Hubert Aiwanger, Freie-Wähler-Chef in Bayern, der den Grünen vorwirft, sie würden keine Gleichstellung praktizieren, sondern „Mobbing gegen Männer“.

Nein, aber Mobbing gegen Tessa.

Beide wünschen sich, so scheint es, eine Zeit wieder zurück, in der der Platz eines (weißen) Mannes in der Gesellschaft noch eindeutig war. Männlichkeit nicht infrage gestellt wurde.

Die Menschen, die das regelmäßig tun, sind Frauen. Weil „Männlichkeit“ im Grunde die Summe aller Dinge ist, die Männer tun, sind oder zumindest versuchen vorzutäuschen, um bei Frauen Erfolg zu haben. Das ist der Grund, warum „schwul“ als „unmännlich“ gilt. Es gibt massig Schwule, die sehr attraktiv aufs andere Geschlecht wirken, aber da ihnen das egal ist, ist das einfach ein Nebenprodukt ihrer Bemühungen, fürs eigene Geschlecht attraktiv zu sein.

Männlichkeit ist allgegenwärtig. Sie prägt Beziehungen, unser politisches System, ist mitverantwortlich für Gewalt, sie ist tief in unserer Gesellschaft verankert.

Weiblichkeit nicht? Weiblichkeit prägt keine Beziehungen? Nicht unser politisches System? Ist nie mitverantwortlich für Gewalt und ist nur flach in unserer Gesellschaft verankert? Echt jetzt???

Stark sein, Kontrolle haben, für Familie und Gesellschaft sorgen – all das bricht als Ergebnis von feministischen Kämpfen auf und löst Unsicherheiten aus.

Frauen wollen schwach sein, keine Kontrolle haben und nicht für Familie und Gesellschaft sorgen? Alles klar…

Vor allem bei denen, die es gewohnt sind, Macht zu haben – also vor allem (cis hetero weiße) Männer.

Ich habe keine Macht. Also bin ich nicht daran gewohnt. Dafür bin ich die dauernden Vorwürfe und Unterstellungen gewohnt leid.

Der feministische Kampf hat für viele wichtige Freiheiten gesorgt, auch für Männer. Aber wir dürfen jetzt nicht einen Fehler machen: zu denken

Ja, das merkt man.

dass mit einer „neuen“ Männlichkeit Geschlechterverhältnisse grundsätzlich aufgehoben werden.

Die Tatsache, dass es Terfs gibt, also Feministinnen, die die Idee einer rein sozial konstruierten Genderaufteilung ablehnen, um nicht zuzulassen, dass Transfrauen und Cismänner, die sich als Transfrauen bezeichnen, Vorteile erringen, belegt in erster Linie, dass Frauen Vorteile haben und diese behalten wollen.

Wenn Promis wie Chalamet oder ­Styles sich in der Öffentlichkeit weicher zeigen oder keine Angst davor haben, Röcke zu tragen, ist das ein richtiges Zeichen.

Aber wehe, sie bekämen Preise für die beste Sängerin oder die beste weibliche Hauptrolle.

Denn viele cis hetero Männer haben noch immer Angst, als „unmännlich“ zu gelten.

Tja, sobald es genug Vorteile nur für Frauen gibt, wird sich das Problem von alleine lösen.

Promis, die neue Männlichkeit performen, greifen nach alternativen Demonstrationsformen ihres Geschlechts, tragen zum Beispiel Handtaschen, betreiben selbstverständlich selfcare, gehen zur Pediküre.

Ist das unmännlich oder eitel? Wenn ich mein Geschlecht gar nicht demonstrieren wollte, müsste ich insbesondere nicht „normschön“ sein.

Wer profitiert von dieser neuen Männlichkeit?

Das Pedikürestudio und die Handtaschenindustrie.

Kann das alles wirklich Ungleichheit beseitigen?

Wehrpflicht ist aus völlig anderen Gründen ausgesetzt.

Und ist das alles überhaupt so neu?

Nein.

Für Genderforscher Scheibelhofer bedeutet der Begriff der „hybriden Männlichkeit“ zwei Dinge: „Es ist möglich, eine aufgeweichte, vielleicht auch unproblematische Art Männlichkeit zu leben, in die Aspekte integriert werden, die in der Vergangenheit aus dieser ausgeblendet wurden.“

Würden Harry Styles oder Timothée Chalamet sich bei einem Date von einer Frau einladen lassen? Und wenn ja, würdet Ihr bei der taz das als neue Männlichkeit feiern? Was wäre mit einem Katastrophenfilm, wo eine Frau ihren Freund (seit unter 50 Stunden?) das Leben rettet, aber dabei traurigerweise selbst ums Leben kommt? Ihr wollt doch nur, dass Männer sich ändern, um besser auf die Bedürfnisse von Frauen abgestimmt zu sein; Änderungen, die weniger auf Frauenbelange optimiert sind, oder Änderungen bei Frauen lehnt ihr ab.

Also in der Öffentlichkeit und privat nicht immer nach James Bond leben zu müssen, sondern sich weicher zu zeigen, Emotionen nicht mehr zu verstecken, nicht immer dominant sein zu wollen.

Nun, da James Bond ein Geheimagent ist, ist er weder in der Öffentlichkeit noch privat unterwegs und sollte schon deshalb für beides kein Vorbild sein. Die allermeisten Bond-Fans scheint das aber auch klar zu sein, insofern ist das ein Pappkamerad.

Aber, so Scheibelhofer: „Man merkt eben, dass da offensichtlich der Wunsch sehr stark ist, dass es weiterhin Männlichkeit ist und Männlichkeit bleibt.“

Wollen Frauen eigentlich männlicher sein?

Es könnte in der Theorie so einfach sein: Wir cis Männer werden alle hybrider und mit uns die Gesellschaft jeden Tag ein bisschen besser, das Patriarchat wird ganz bald einfach überwunden.

Welches Patriarchat?

Durch Styles oder Chalamet verändert sich zwar die Performance von Männlichkeit auf der Bühne. Aber das Theater gehört immer noch dem Patriarchat. Weiße cis hetero Männer können es sich leisten, sich in der Öffentlichkeit weiblicher zu zeigen, müssen keine Angst mehr haben, als homosexuell wahrgenommen zu werden.

Das ist tatsächlich nur die eine Hälfte des Problems – dass schwulenfeindliche Männer einen verprügeln, weil man mal einen Rock getragen hat. Die andere ist, dass Heteras einen links liegen lassen. Ich gebe zu, je nach Millieu und Gegend ist die eine Hälfte die deutlich schlimmere als die andere.

Das passiert häufig auf Kosten von nichtweißen und queeren Männlichkeiten. Als Harry Styles im Dezember 2020 als erster cis Mann auf dem Cover der Vogue erschien, wurde er für seinen Mut gefeiert.

Die ganzen schwulenfeindlichen Kerle, die nicht für unmännlich gehalten werden wollen, niemals Röcke tragen würden, aber trotzdem die Vogue lesen, werden das toll finden.

Billy Porter, homosexueller Schwarzer Schauspieler, hat zu Recht kritisiert, dass alles, was Harry Styles dafür tun musste, war, ein weißer cis hetero Mann zu sein.

Nagut, er musste die Sachen aber auch noch anziehen.

Was ist aber mit queeren Performances wie denen von Prince in den 80er Jahren, was ist mit Lil Nas X, Jaden Smith, Lil Uzi Vert, Bad Bunny oder Terry Crews?

Von denen kenne ich nur Jaden Smith. Ok, ich verstehe das Problem. Aber Chalamet kenne ich auch nur, weil er in Dune auftritt.

Ohne den Kampf von queeren Schwarzen und PoC Ak­ti­vis­t*in­nen wie den trans Frauen Sylvia Rivera und Marsha P. Johnson gäbe es diese Freiheiten nicht, in der Öffentlichkeit sich als Mann über feste Bilder von stereotypischer, cis hetero Männlichkeit hinaus zu zeigen.

Solidarität mit Tessa! Es gibt genug Leute, die sich als feministisch auffassen und „trotzdem“ behaupten, Whams dürften die Privilegien, die die LGTBQ-„Gemein“schaft errungen hat, nicht für sich ausnutzen. Und für das Argument dieses Artikels – wenn Styles und Chalamet straight sind, kann die Angst, die sie überwunden haben, doch nur die sein, dass man sie irrtümlich für homosexuell/transvestitisch/sonstwie „unmännlich“ hielte. Wenn sie das nicht sind, wäre es die Angst, dass sie sich versehentlich outen, was jetzt das schlimmere Problem wäre. Nur basiert der Artikel darauf, dass zwei straighte Männer Röcke tragen. Schwule Männer, die Röcke tragen, „beweisen“ nicht, dass Heteros das auch „können“ bzw. „dürfen“. Sie beweisen höchstens, dass Homosexuelle keine Angst mehr haben müssen, homosexuell zu sein. (Ob das so ist, ist leider weiterhin umstritten.)

Das Abfeiern von weißen cis heterosexuellen Männern heißt auch, dass diese Männer als Symbol für feministischen Wandel gesehen werden. Men of Color hingegen gelten eher als Manifestation einer toxischen, patriarchalen Männlichkeit.

Also sollte man Wham verbieten, Röcke zu tragen? Kein Mensch ist toxisch, fyi.

Röcke tragen, Fingernägel lackieren, genderfluide Klamotten als cis hetero Mann tragen, den Mut dazu finden, öffentlich damit zu sein: Das sind wichtige Schritte.

Wenn jemand Ansteckbuttons trägt mit „Atomkraft nein danke“ ist das ein politisches Statement, schützt aber nicht gegen Radioaktivität. Wenn manche Frauen, die keine Röcke tragen, keine Fingernägel lackieren und keine genderfluide Klamotten tragen, und ich als Mann deren Stil imitiere, mache ich also Symbolpolitik: ich kleide mich als Frau. Problem gelöst.

Aber durch eine neue „hybride“ Männlichkeit verlieren wir Männer nicht automatisch Privilegien.

Das hat einen Grund. Einen ganz einfachen Grund, den man sich vllt. direkt denken kann: es gibt solche Privilegien nicht.

Der Trend muss sein, Ungleichheit als Ganzes zu sehen. Erst eine Männlichkeit, die sich abschafft, die Macht­ungleichheit angeht, die sich solidarisch dem feministischen Kampf anschließt, kann dazu beitragen.

Frauen im Allgemeinen wollen keine Männlichkeit, die sich abschafft. Noch nicht einmal Feministinnen wollen das, außer einige besonders seltsame Ausnahmefälle. Aber hey.

Vorher bleibt es egal, welche Klamotten man trägt und wie weich man sich gibt.

Hinterher ist es noch egaler. Insofern kann ich machen, was ich will.

2 Gedanken zu “Heil der rohen Energie von Hybra

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