1. Korinther

Funfact: Wörter mit „inth“ oder „ynth“ stammen nicht einfach aus dem Griechischen, sondern stammen wahrscheinlich aus einer vorgriechischen Sprache. Aus Respekt vor frühantiken unterdrückten Minderheiten schreibt sich diese Seite „Apokolokynthose“. Also nicht „Verkürbissung“, sondern „Verkyrbißung“. Seneca meinte das, was im Deutschen „Veräppelung“ heißt, aber im Lateinischen hieße „Veräppelung“ auch „Verschlechterung“, also halt mit Kürbis.

Jedenfalls, Pickert meint das Hohelied auf die Liebe von Paulus, nicht von Salomon, was ich hier herausgefunden habe; und die Idee der Romantischen Liebe, die Pickert kritisiert, ginge darauf zurück.

Okeeee. Dazu gibt es folgendes zu sagen:

  • romantische Liebe als Ideal oder Klischee gibt es erst seit der – wartet drauf – Romantik, also über 1000 Jahre nach Paulus.
  • das Wort, was bei Paulus mit „Liebe“ übersetzt wird, ist Agape, wohingegen die Anziehung bei Liebespaaren Eros hieße. Agape bezeichnet u.a. auch Freundschaft, Nächstenliebe und Verbundenheit unter Gemeindemitgliedern.
  • offenbar meint Paulus hier auch kein Gefühl, sondern eine Tugend. Gefühle sind Dinge wie Freude, Trauer oder Hunger, Tugenden sind Dinge wie Tapferkeit, Gerechtigkeit oder Pünktlichkeit.
  • im selben Korintherbrief sagt er bezüglich von Ledigen und Witwen, dass es besser sei, unverheiratet zu bleiben, wie er selbst (ob er ledig oder Witwer war, weiß man nicht), aber ihm ist klar, dass die Gabe, solo glücklich zu sein, nicht jedem Menschen gegeben ist. Aber in Zungen reden ist ja auch ganz schön.

Tatsächlich ist Paulus in Hinblick auf die Ehe eher unromantisch oder jedenfalls aromantisch, und kaum geeignet, romantische Liebe zu begründen; nun mag es zwar sein, dass Pickert das selbst nicht glaubt, sondern einen Fehler wiedergibt, den er anderen unterstellt, aber später scheitert sein Textverständnis nicht an der Bibel, sondern auch an Sk8er Boi. Sk8er Boi ist quasi die Gegenperspektive von „Zu spät“ von den Ärzten. Es geht darin genau nicht darum, dass Mädchen und Jungen „automatisch“ zusammenkommen, sondern sie sind wie Hund und Katze, und sie will ihn, aber dann doch nicht, weil ihre Freundinnen ihn doof finden und sie daher was „besseres“ sucht, und am Ende ist er ein Star, der in der Zeitung steht, und es tut ihr leid, doch leider ist es zu sp8, zu sp8, zu sp8, zu sp8… (ihre Freundinnen haben sich natürlich schon alle Karten von gekauft.)

Wie auch immer; Pickert wittert überall heteronormative Unterdrückung, selbst in Liedern, in denen es genau darum geht, dass Liebe scheitert, weil jemand zu viele Bedingungen hat. Was mich zu der weiterführenden Frage bringt – vllt. ist die Lösung ja nicht, die unglaublich kleinteiligen Bedingungen, mit denen Pickert Heterobeziehungen belastet sieht, möglichst alle zu erfüllen, sondern darin, die eigenen Bedingungen oder Erwartungen zu reduzieren? Jaaa, man könnte das, was er schreibt, oberflächlich so interpretieren, aber die Beispiele, die er nennt, spiegeln weiterhin eine überzogene Erwartungshaltung wieder, obwohl er sich beklagt, dass Romantik eine überzogene Erwartungshaltung erzeuge. Stattdessen setzt er noch die Bedingung „Gleichberechtigung“ hinzu, was entweder eine triviale Selbstverständlichkeit ist – vor dem Gesetz – oder einfach nur noch mehr kleinteilige Bedingungen hinzufügt und das Problem nur künstlich verstärkt.

Und wenn ich selbst auch gelegentlich zynisch bin, was Romantik betrifft: Pickert scheint zu denken, alle anderen würden denken, dass sich alle Beziehungsprobleme quasi in Wohlgefallen auflösen würden, wenn man nur verliebt genug ist. Das kommt mir bei allem Zynismus extrem abwegig vor. In einem Beispiel zitiert er HIMYM, der berüchtigte  „Lebenslangerschicksalsschatz“. Okeee, es geht in der Szene darum, das Ted in Klaus einen „Seelenverwandten“ gefunden hat, der eine ganz gut passende Frau am Traualtar stehen lässt, um zu prüfen, ob sich nicht doch was besseres findet. Ted, der selbst mal am Traualtar sitzen gelassen wurde und allen Grund hätte, das zu kritisieren, ist trotzdem auf seiner Seite. Die Serie macht hier klar, dass nicht jeder Mensch den Menschen fürs Leben sucht, sondern nur ein paar. Sie stellt dies sicherlich als etwas Gutes dar, was sich im Endeffekt lohnt, aber sie präsentiert auch Gegenentwürfe.

In Wahrheit ist es wohl eher so, dass Menschen, die nicht das Bedürfnis, den Wunsch oder meinetwegen die „Regieanweisung“ haben, einen Menschen fürs Leben zu finden, viel weniger Motivation haben, eine lebenslange Beziehung zu führen. Oder überhaupt eine.

Idealistischer Mensch, der den Menschen fürs Leben sucht und eventuell gefunden hat: „Soe hat zwar Schönheitsfehler und Macken, aber iose positiven Eigenschaften überwiegen, gleichzeitig habe ich selbst Macken und Schönheitsfehler. Ich werde an meinen arbeiten und iose akzeptieren. Probleme, die wir gemeinsam haben (Krankheit, Arbeitslosigkeit, etc.) werden wir auch gemeinsam lösen.“

Realistischer Mensch, der den Menschen für Spaß zu zweit sucht: „Dreimal offene Zahnpastatube in Folge, das war’s. Meine sonstigen Probleme kann ich auch alleine lösen.“

Und es ist diese Motivation, die man meint, wenn gesagt wird, dass Liebe „alles überwindet“; nicht, weil man mit den Gefühl von Liebe irgendwelche Superkräfte kriegt, sondern weil man motiviert ist, überhaupt Ressourcen in eine Beziehung zu stecken, die man sich sonst besser sparen könnte. Oder, wenn man Liebe doch als Tugend auffasst, weil man damit ein Set von Verhaltens- und Denkweisen entwickelt, die erlauben, Fehler beim anderen zu verzeihen oder ganz zu ignorieren, die die eigene Risikobereitschaft erhöht, sich festzulegen, und mit der man die Interessen des anderen genauso verfolgt wie die eigenen.

Aber Bilderstürmer Pickert will „romantische Liebe“ abschaffen, ohne zu sagen, warum man sonst zusammenbleiben wollte oder sollte. Aber: Gleichberechtigung!

Bei Paulus ist der Grund noch klar: besser verheiratet als dauergeil.

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