Oberst Offensichtlich schlägt wieder zu!

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Es gibt keine bedingungslose Liebe

Achwas? ACHWAS?!?!?!?!? Natürlich gibt es bei jedem realen Paar einen „dealbreaker“, wo eine der beiden Partner sagen wird: „Ok, das war’s, ich bin raus.“ Also, informatisch gesehen, eine Abbruchbedingung. Eine Liebe mit Abbruchbedingung ist offensichtlich nicht bedingungslos. Daher behaupten die wenigsten Menschen, „bedingungslos“ zu lieben. Diese Aussage ist ein riesiger Strohmann, aber hier kommt noch der Pappkamerad hinzu, dass diese behauptete Behauptung irgendwie frauenfeindlich wäre. (Wenn nicht, würde Pickert das nicht thematisieren.)

Liebe ohne Wenn und Aber klingt zwar glamouröser als Aushandlungsprozesse darüber, unter welchen Bedingungen Liebe existieren kann. Sie ist aber schlicht auch unmenschlicher

Ok, da es typischerweise „Wenn und Aber“ gibt, und eine Menge Beziehungen tatsächlich scheitern oder gar nicht erst zustande kommen, kommt diese „unmenschliche“ Liebe praktisch nicht vor. Aber es ist interessant, dass das mit einer Szene aus Romeo+Julia versinnbildlicht wird. Schöner Film und so, aber wenn man eine Schauspielerin beschreibt als: „Die Frau, die mal mit Leonardo di Caprio das berühmteste Liebespaar der Welt verkörpert hat.“, denken viele nicht an Claire Danes, sondern an Kate Winslet. Denkt Ihr nach Titanic immer noch, Romantik sei frauenfeindlich? Wobei das Verhalten in Titanic jetzt auch nicht direkt „bedingungslos“ ist, sondern „ohne Rücksicht auf eigenen Schaden“.

Der Valentinstag steht vor der Tür und bietet einmal mehr Anlass, sich über die Liebe Gedanken zu machen.

Der Heilige Valentin wurde hingerichtet, weil er bei Trauungen sinngemäß „Make Love, Not War!“ predigte. Mein Ziviherz schlägt für ihn.

Dieses Jahr fällt mir das besonders leicht, weil ich ein ganzes Buch über Liebe geschrieben habe.

Gedanken – so einfach nach einem Jahr Anlauf. Aber ja, hier kann man ins Buch blicken.

Ein Buch, in dem ich viele der Liebe heilige Ideale von ihrem Sockel geholt und in den alltäglichen Beziehungsschmutz gezerrt habe.

„Brennt, Ihr Strohmänner, BRENNNNNTTTTTT!!!!“

Inmitten von Jammern über zu viel oder zu wenig Nähe, Kinderbedürfnisse, alternde Körper, angegriffene Nerven und Menschen, die einem irgendwie sehr viel geiler vorkommen als die Person, neben der man seit Jahren liegt.

Ja, Singlesein hat seine Vorteile. Sogar Incelsein hat Vorteile, wenn nicht die ganzen Vorurteile wären. Aber alterne Körper und angegriffene Nerven kriegt man auch so, von daher…

Nur um mir anzuschauen, ob wir das mit dem Lieben nicht besser, um nicht zu sagen gleichberechtigter hinbekommen, wenn wir diesen ganzen romantischen Firlefanz endlich beerdigen und uns anschauen, wie wir stattdessen lieben könnten.

Wer ist „wir“? Unter weiterhin: ist Liebe nicht ein Gefühl und daher nur bedingt steuerbar? Und drittens, wenn ich den romatischen Firlefanz weglasse – will ich dann noch Kinder? Will ich dann überhaupt noch eine längere Beziehung? Und welchen Sinn hat Liebe, wenn ich meine Kontakte mit dem anderen Geschlecht, oder dem eigenen, als unromantische Triebentlastung betrachte?

Wie wir wirklich lieben.

Weil „wir“ natürlich alle genau gleich lieben. D’oh.

Eines dieser heiligen Ideale ist das der bedingungslosen Liebe. Es findet sich nahezu überall.

Wie schon gesagt: Nein.

In Kunst und Literatur,

Arwen gibt ihr ewiges Leben für Aragorn auf, Jack sein endliches für Rose, und Romeo und Julia bringen sich zwar um, aber im Grunde flohen sie vor ihren ehrenmörderischen Verwandschaften. Ok, in Kunst und Literatur kommen auch Drachen und Zeitmaschinen vor…

 in Tagträumen und Erinnerungen, in Artikeln und gut gemeinten Ratgebern.

Beleg erforderlich.

Ich hatte, was die bedingungslose Liebe angeht, einen Anfangsverdacht, dem ich lange nicht nachgeben wollte.

Oh, nein. Arwen und Julia und Rose sind etwa – erfunden?

Schließlich liebe ich selbst und werde geliebt. Diese Liebe als bedingungslos zu charakterisieren fühlt sich zunächst einmal wunderschön und tröstlich an.

Ja. Würde er seiner Lebenskomplizin den Platz auf der Planke überlassen? Würde sie dasselbe für ihn tun? Oder, er hat halt keine Ahnung, was „bedingungslos“ heißt.

Das was wir uns unter bedingungsloser Liebe vorstellen, diese säkularisierten Um- und Weiterformulierungen des biblischen Hohelieds der Liebe, existieren so nicht.

Meint er jetzt das von Salomon oder das von Paulus? Was sich Pickert unter „bedingungsloser Liebe“ vorstellt ist nicht das, was ich mir darunter vorstelle, also gibt es kein „wir“.

Egal wie oft wir uns davon zu überzeugen versuchen, dass „Liebe keine Grenzen, keine Form und keine Bedingung kennt“.

Der Artikel hinter dem Link erklärt im drastischen Unterschied zu Jack, Arwen und Romeo+Julia, dass man auch an sich denken sollte. Es gibt hier wirklich kein „wir“.

Denn Liebe ist begrenzt. Liebe hat Formen. Liebe kann nur unter bestimmten Bedingungen existieren, weil wir nur unter bestimmten Bedingungen existieren können.

Zum Beispiel nicht im Nordatlantik, bei Wassertemperaturen um den Gefrierpunkt. Random Beispiel, ich weiß.

Wir sind von der fixen Idee besessen, dass die Liebe über uns Menschen in Ewigkeit und Unverbrüchlichkeit hinausweist.

Naja, die Formulierung ist etwas vorsichtiger: „Bis das der Tod uns scheidet.“ Aber wie auch immer.

Nehmen Sie mich zum Beispiel. Meine Lebenskomplizin und ich sind seit über einem Vierteljahrhundert ein Liebespaar. Ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass sie meine große Liebe ist. Meine erste obendrein. Aber wenn sie mir oder meinen Kindern absichtlich Gewalt oder Schaden zufügen würde, wäre es um meine Liebe geschehen.

Achwas? Na, Herr Pickert ist bekanntlich eine siebenstrahlige Schneeflocke, anderen Vätern ist sowas ja bekanntlich egal.

Meine Liebe kann nur unter sehr konkreten Bedingungen existieren. Ich brauche Luft zum Atmen und meine Liebe Gewaltfreiheit.

Er argumentiert hier weiterhin gegen ein Argument, dass wohl kaum jemand gebracht hat. Und er bezieht sich ausschließlich auf die Liebe eines Paares. Was ist mit seiner Liebe zu seinen Kindern – gäbe es eine Abbruchbedingung hierfür? (Ja, die Frage ist gemein.)

Da helfen mir auch keine Spitzfindigkeiten darüber, dass ich mich ja nie auf meine Lebenskomplizin eingelassen hätte, wenn sie zu so etwas in der Lage wäre.

Auch „wahre“ Liebe ermöglicht kein Gedankenlesen. Und umgekehrt. Wenn man jemanden so gut kennt, dass man merkt, dass sie Schluss macht, bevor sie das sagt, ist das einerseits ein Zeichen, dass man sich gut versteht, andererseits reibt es einem das eigene Unglück noch mehr rein.

Menschen lassen sich jeden Tag auf Menschen ein, von denen sie dachten, dass sie zu liebeserstickendem Verhalten nie in der Lage wären. Menschen werden jeden Tag zu Menschen, die die Liebe anderer zu ihnen ersticken.

Das ist leider wahr, ist aber an sich wiederum kein Argument gegen Liebesideale. Es gibt auch Menschen, die im Straßenverkehr sterben – ist das ein Beweis, dass die Straßenverkehrsordnung ein heiliges Ideal sei, welches man vom Sockel stoßen müsste?

Oft reicht einfach der stinknormale Alltag. Die Bedingungen, an die wir unsere Liebe knüpfen, sind in überwältigendem Maße unscheinbar und gewöhnlich.

Ok, so Sachen wie „nicht fremdgehen“, „nicht weglaufen“, „nicht die Kinder oder den Partner schlagen“ oder „das Geld beim Glücksspiel verzocken“ sind sicher nachvollziehbare Abbruchbedingungen. Aber, was kommt jetzt?

Liebe löst sich auf in einer Lauge aus Missverständnissen, Unachtsamkeit, Egoismus und Wortlosigkeit. Liebe fällt unserer Sucht zum Opfer, das eigene Verhalten zu idealisieren und das der oder des anderen zu skandalisieren.

Sorry, das ist dann aber Doofheit. Bzw., wenn eine Beziehung an sowas scheitert, wie hätte sie überhaupt gelingen können?

Anstatt Liebe also ein ums andere Mal valentinstagsmäßig zu überhöhen und dem Märchen aufzusitzen, dass sie glücklich und zufrieden bis an ihr Ende leben, tun wir gut daran, uns in ihren Niederungen gleich zu berechtigen.

Ähh, wieso „Märchen“? Wenn mein Plan ist, mich irgendwann wieder zu trennen, warum erst zusammenkommen? Aus Bequemlichkeit? Dann ist es noch bequemer, es gar nicht erst zu versuchen. Offenbar versteht Pickert nicht, was ein „Ideal“ ist. Ein idealer Kreis ist die Menge aller Punkte in einer Ebene, die dieselbe Entfernung r zum Mittelpunkt M haben. Ein Kreis, den jemand auf ein Stück Papier zeichnet, ist bei genauerer Betrachtung nie ideal im Sinne der Definition.

Denn unser Flirt mit der bedingungslosen Liebe ist zwar viel glamouröser als etwaige Aushandlungsprozesse darüber, unter welchen Bedingungen Liebe existieren kann.

„Ich schwöre, Dich nie zu verlassen, außer, wenn Du fremd gehst, die Kinder oder mich schlägst, mich bestiehlst oder sonstwie hintergehst, oder wenn Du für länger als 75 Stunden wegläufst. Außerdem, wenn Du dreimal in Folge die Zahnpastatube nicht zu machst, sind wir geschiedene Leute.“ – „Ok, dann habe ich dieselben Bedingungen, und zusätzlich…“ Gah.

Wenn ich Ihnen also einen Rat geben darf: Lassen Sie das mit der bedingungslosen Liebe. Versuchen Sie es lieber mit schonungsloser Offenheit darüber, unter welchen Bedingungen Ihre gemeinsame Liebe existieren kann.

Angenommen, die eine Hälfte will eine offene Beziehung führen, die andere nicht. Welche Hälfte sollte dann Schluss machen?

Und setzen Sie alles Ihnen Mögliche daran, diese Bedingungen zu realisieren. Eine belastbare Liebe wird Sie stets weiter tragen als eine Liebe, deren ewige Dauer und Unzerstörbarkeit immer nur Behauptung bleiben kann, weil wir Menschen bleiben müssen.

Müssen „wir“ das? Schade. Aber wo ist jetzt hier die Logik? Entweder, die romantische Liebe bis dass der Tod sie scheidet ist ein romantisches Märchen, dann braucht man gar nicht erst versuchen, das zu erreichen. Oder aber, man soll alles Mögliche einsetzen, um solche Bedingungen zu erreichen, unter denen das gelingen kann, dann wäre das ein erstrebenswertes und vor allem realistisches Ideal.

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