Safe Space und Sonderrechte

Ein sehr früher Fall eines Mannes, der sich als Frau verkleidet hat, um in einen Frauenraum einzudringen, ist der des Publius Clau/odius Pulcher, der so bei den Mysterien der „Guten Göttin“ mitmachte. Die gute Göttin halt, Bona Dea. Möglicherweise hieß sie Fauna oder Fentua. Oder so ähnlich. Wie die gute Göttin genau hieß, ist deshalb unklar, weil ihr Name ein Mysterium war, das nur bei ihren übrigen Mysterien ausgesprochen werden durfte. Und zu diesen Mysterien waren keine Männer erlaubt. Und keine Myrte. Ok, damit ist die Pflanze gemeint, mit der die Gute Göttin angeblich vor ihrer Apotheose totgeprügelt wurde, aber Rowling ist manchmal super subtil mit ihren Frauenschutzräumen.

Jedenfalls war seine Verkleidung wohl eher suboptimal – kein Wunder, da er kein Optimat war, sondern Populare – und er wurde erwischt und wegen Unzucht (incestum) angeklagt. Wenn sich nämlich irgendwelche Männer in Frauenkleidern zu Frauenräumen Zutritt verschaffen, ist dem Verfall der Sitten tür und Tor geöffnet. Seine Zeitgenossen nahmen übrigens an, dass er sich mit einer der Frauen bei den Mysterien heimlich treffen wollte, aber das ist reine Vermutung. Vllt. wollte er auch einfach nur wissen, wie die gute Göttin denn nun hieß. Er musste die Geschworenen bestechen, um nicht verurteilt zu werden, aber für die Frau, in dessen Haus diese Mysterien stattfanden, ging das nicht so gut aus: der damalige Pontifex Maximus, ein gewisser C. Julius Caesar, ließ sich von seiner zweiten Frau, Pompeia, scheiden, weil im Haus eines Pontifex Maximus Zucht und Ordnung statt Unzucht und Unordnung zu herrschen haben, und gerade seine Ehefrau sollte über jeden Zweifel erhaben sein.

Der schöne Publius Claudius – ob er wirklich „pulcher“, also schön war, ist auch nicht klar, das ist Teil seines Nachnamens – interessierte sich später für das Amt des Volkstribunen. Volkstribune waren 24h-Ehrenamtler, die Gesetze per Veto-Recht verhindern konnten. Das Recht „Veto“, „ich verbiete“, zu sagen, ist tatsächlich extra für dieses Amt erfunden worden. Aber weil das ein Amt war, das dazu diente, die Plebejer (Unterschicht im Alten Rom) vor der Macht der Patrizier (Oberschicht) zu schützen, durften nur Plebejer dieses Amt antreten, und Claudius ist ein Patrizier. Ergo ließ er sich von einem Plebejer namens Publius Fonteius adoptieren, nahm aber nicht etwa dessen Familiennamen an, sondern änderte „Claudius“ in „Clodius“, was ja schon gleich viel prolliger klingt. Seine Schwestern namen aus Solidarität den Namen Clodia an. Oder weil es immerhin besser ist, die ältere, jüngere und dritte Clodia zu sein, als eine von zig Tanten und Cousinen, die alle Claudia hießen. In einem richtigen Patriarchat wie dem des Alten Roms sind für sowas wie Mädchennamen keine Ressourcen frei, sondern Frauen sind nach ihrer Familie benannt. Bei den Clodias weiß man noch nicht einmal genau, in welcher Reihenfolge die geboren wurden, aber die dritte war wohl die Frau von Lukull. Der mit dem vielen tollen Essen. Prioritäten und so.

Jedenfalls ist hier ein gewisses Muster zu erkennen: auch, wenn man am oberen Ende eines recht steilen Machtgefälles sitzt, wie ein männlicher Angehöriger des Patrizierstandes im Alten Rom das tatsächlich getan hat, kann es Gründe geben, in die Rolle anderer sozialer Schichten zu schlüpfen, wenn diese Privilegien haben, die einem selbst fehlen.

Und ich meine mit Privilegien tatsächlich nicht einfach Vorteile, sondern Sonderrechte.

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