Genetisch

Hachja.

SEAN PENN IM HOSENKÄFIG

Ist tatsächlich mal eine interessante Metapher.

Das ist also der Grund. Meine Gene sind feige. Seit ungefähr 10 Jahren bekleide ich mich vor allem im Sommer und insbesondere nach Aufforderung meiner Söhne als Teilzeitrockträger mit etwas anderem als Hosen und jetzt weiß ich endlich den Grund dafür.

Ähh, ja? Keine Strümpfe, Hemden, Pullover oder Schuhe?

Nicht etwa Solidarität mit meinen Jungs oder Modegeschmack oder Interesse daran, bei über 30 Grad im Sommer in Jeanshosen nicht an einem Hitzschlag zu sterben.

Das war, wie im Artikel zu lesen ist, aus Protest, dass keine kurzen Hosen erlaubt waren. Ansonsten arbeitet Pickert mWn nicht bei der Bahn. Wo Klimaanlagen gelegentlich ausfallen.

„Ich glaube, es gibt eine Menge feiger Gene, die dazu führen, dass Leute ihre Jeans aufgeben und Röcke tragen“, sagte er kürzlich in einem Interview

Ich habe sehr stark den Verdacht, dass das eine sogenannte „Metapher“ sein soll. Ansonsten wäre das Gegenargument: Kleidung ist nicht angeboren, die Fähigkeit, Kleidung herzustellen, ebenfalls nicht, und deshalb kann es keine Gene für oder gegen Röcke geben. Es gibt möglicherweise Gene, die das Risikoverhalten beeinflussen, und dann könnte man diskutieren, ob Röcke bei einem Mann ein Zeichen für Risikobereitschaft oder Risikovermeidung darstellen.

Außerdem sei er der Überzeugung, dass Männer mittlerweile ziemlich verweiblicht seien

Ja, der Satz im Original ist wohl der hier:

I am in the club that believes that men in American culture have become wildly feminised

Bezieht sich eindeutig nicht auf Pickert. Pickert ist nicht mitgemeint.

und dass Männer ihren Respekt gegenüber Frauen nicht dadurch bekunden sollten, dass sie sich wie Frauen verhalten.

Jaa, der Satz scheint der zu sein:

I don’t think that [in order] to be fair to women, we should become them.

Und „fair“ zu sein ist nicht dasselbe wie „Respekt bekunden“. Aber offenbar gibt es tatsächlich Frauen, die es nicht wollen, dass Männer Röcke tragen, insofern ist diese Aussage auch nicht direkt falsch. (Ob irgendwer behauptet hat, Männer sollten weiblicher werden aus Respekt oder Fairness gegenüber Frauen, oder ob das einfach Strohmannabbrennen ist, wage ich nicht zu entscheiden; allerdings die Art, wie Pickert immer insistiert, dass Männer die Probleme von Frauen lösen müssten…)

An diese Textstelle gehört ein Seufzer. Ein sehr langer, erschöpfter und frustrierter Seufzer: Noch mal von vorne also. Schon wieder. Wie oft eigentlich noch?

Niemand zwingt ihn.

Bis auch der und die Letzte begriffen hat, dass Kleidung kein Geschlecht hat und dass der widerlichen Abwertung von Männern als effeminiert und verweichlicht eine noch sehr viel widerlichere Abwertung von Weiblichkeit zugrunde liegt.

Meint Penn das abwertend, oder interpretiert Pickert das so? Genausogut könnte Penn damit meinen, dass Männer sich Röcke anziehen anstatt sich fair gegenüber Frauen zu verhalten, weil das für sie die einfachere (feigerer) Lösung des Problems sei. Außerdem, wenn Kleidung kein Geschlecht hat, haben Pronomina auch keines. Pronomina sind wie Kleidung konstruiert. Aber bei Pronomina muss man trotzdem aufpassen.

Mit derlei stumpfen Aussagen verteidigt er weder Männlichkeit noch Männer, wie jetzt einige frohlocken.

Warum sollte man Männlichkeit überhaupt verteidigen müssen? Außer wegen des Feminismus‘ Pickert’scher Bauart jetzt?

Als er sich 2018 darüber mokierte, dass die MeToo Bewegung Männer und Frauen spalten würde, ist ihm komplett entgangen, wie sehr es im Kern um allgemeinen Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt gegen Unterlegene geht.

Im Link ist kein Tweet von Penn, sondern die Interpretation von jemanden, was Penn gemeint hätte. Was ja tatsächlich stimmen könnte, aber das ist trotzdem kein Beleg. Abgesehen davon nervt es mich, dass missbrauchte Jungen von Feministinnen irgendwie nur erwähnt werden, wenn sie von Männern missbraucht werden. Und dann am besten nur von katholischen Priestern, weil die am wenigsten mit Feministinnen zu tun haben.

Die Tatsache, dass das vor allem Frauen betrifft, ist dem Umstand geschuldet, dass Frauen mit großer Selbstverständlichkeit und umfassend als unterlegen markiert werden.

Ja, und wenn wir Linkshänder als „unterlegen“ markieren, wären Linkshänder die Hauptopfer? Erstens: Machtmissbrauch gegenüber „Überlegene“ geht nicht, weil es da keine Macht zum missbrauchen gibt; Machtmissbrauchsopfer sind offensichtlich immer tatsächlich „unterlegen“. Zweitens, dass Männer seltener Opfer sind, halte ich für ein Gerücht. Also werden hier Frauen von Pickert als „unterlegen“ markiert. (Er könnte auch einfach auf statistische Unterschiede zwischen den biologischen Geschlechtern verweisen, aber das passt ja nicht ins Narrativ.)

Penn scheint außerdem nicht richtig begriffen zu haben, dass die Zuweisung von Härte, emotionaler Distanz und Schmerzresistenz für Männer kein Glücksfall, sondern eine Zumutung ist.

Möglicherweise empfindet er das gar nicht als Zumutung, aber er hat im Interview ja nicht behauptet, Männer wären hart, emotional distanziert und schmerzresistent. Letzteres hat meines Wissens überhaupt noch niemand behauptet (nagut, statistisch gesehen, bestimmt irgendwer), und die ersteren beiden Punkte werden auch gerne von Feministinnen behauptet, um Männer zu kritisieren, also: Keks.

Eine Zumutung, die Männer oftmals ihre Freundschaften, ihre Liebesbeziehungen, ihre mentale und physische Gesundheit und am Ende sogar ihr Leben kostet.

Ganz böse gesagt, zu wenig emotionale Distanz ist dabei auch nicht gut, und zu wenig Härte kann auch ein Problem sein. Wieauchimmer, #metoo hatte damit nichts am Hut, und Röcke statt Jeans lösen das Problem auch nicht.

Männer sind Menschen und Menschen sind immer auch schwach. Hilfsbedürftig, verzweifelt, müde, schutzsuchend, untröstlich, verletzt.

Untröstlich heißt, dass es keinen Trost gibt. Aber ansonsten: Binse. Die Frage hier ist, wie man als Mann damit umgehen sollte, also die eigenen Probleme lösen oder sich ggfs. helfen lassen. Im Interview ging es darum, was Männer (angeblich) tun, um Frauen fair zu behandeln. Ohne Penn hier jetzt unbedingt zuzustimmen muss ich festhalten, dass das zwei Dinge sind, die unabhängig voneinander sind.

Immer dann, wenn Männer durch hypermaskuline Anforderungen zu irgendetwas verpflichtet werden, verflacht und beschneidet man sie.

Ein Feminismus, der von Männern erwartet, die Probleme von Frauen zu lösen, will sie verpflichten. Das ist hypermaskulin und daher Beschneidung.

Sean Penn mag sich mit seinen Einlassungen als Fürsprecher von Männern wähnen – tatsächlich stellt er sich damit neben Typen wie den rechtsextremen Fernsehmoderator Tucker Carlson, der gerne die „unerhörte Wahrheit ausspricht, dass COVID Männer verweiblicht“.

Non sequitur. Ob jemand behauptet, dass die Gesellschaft die Männer oder COVID die Leute verweiblicht, ist ein großer Unterschied. So ähnlich wie der Unterschied, ob das deutsche Volk oder Aliens die Bundesregierung wählen.

Und diese Typen waren niemals gute Fürsprecher für Männer und deren Belange.

Das stimmt, aber jetzt ist Pickert nicht gerade die Alternative, die Männer verdient hätten.

Übrigens auch nicht für Frauen, denen sie qua Geschlecht eine Art weibliche Hilflosigkeit und Passivität attestieren, die beschützt, geführt und in letzter Konsequenz beherrscht werden will.

Wohingegen Feministen Männer als weiße Ritter auf weißen Elefanten sehen, die Frauen auf Händen tragen. Ja, fast dasselbe Männer-und-Frauen-Bild.

Dass das Tragen von Röcken zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten durchaus mit Männlichkeit verbunden wurde und wird, hätte sich in den letzten Jahren durchaus zu Sean Penn und Konsorten rumsprechen können, tut aber eigentlich nichts zur Sache.

Trifft der Papst den Scheich. Keine Pointe.

Und was das Gerede über „feige Gene angeht“ – das ist nur einmal mehr ein Beleg für biologisierenden Unfug, mit dem eine heteronormative Zweigeschlechtlichkeit ausgerechnet mit kruden Verweisen auf Biologie verteidigt wird, die in ihrem Kenntnisstand eigentlich schon viel weiter ist.

Wie gesagt, die „feigen Gene“ würde ich nicht allzu wörtlich nehmen, aber da irre ich mich vllt.; dessenungeachtet, warum sollten ausgerechnet Verweise auf Biologie „krude“ sein? Aber ja, Frauen dürfen meinetwegen gerne wehrpflichtig werden.

Das Problem ist, dass Männer wie Sean Penn wirklich glauben, etwas „zum Frieden zwischen den Geschlechtern“ beizutragen.

Ob Sean Penn wirklich zum Frieden beiträgt, weiß ich natürlich auch nicht, aber offenbar fühlen sich manche Cis- wie Transfrauen von Männern in Röcken verhöhnt. Möglicherweise hilft beides nicht.

Ihnen zufolge ist die Welt aus den Fugen geraten, Männer dürfen nicht mehr Männer sein und Frauen werden an die Macht gedrängt.

Ähhhhh, das letztere geht tatsächlich nicht aus dem Interview hervor. Bzw., nach dem, was im Link steht, geht es ihm um die Feststellung, dass sich Frauen von „Männlichkeit“ nicht notwendigerweise unterdrückt fühlen, und dass man deshalb als Mann „männlich“ bleiben sollte. Was er jetzt an Jeans festmacht, warum auch immer. Und außerdem wäre es weniger „nicht dürfen“, als vielmehr „nicht wollen“.

Ausgerechnet ein Schauspieler, dem doch klar sein müsste, wie Rollenspiel funktioniert, und der für die Darstellung des homosexuellen Politikers Harvey Milk einen Oskar gewonnen hat, ist mit der freien Repräsentation von Identität überfordert.

Ähh, wieso? Wenn ein Schauspieler für seine Rolle bestimmte Kleidung trägt, hat diese Kleidung etwas mit dieser Rolle zu tun. Gerade, weil er jemanden darstellt, der er nicht ist, ist die Kleidung ein wichtiger Teil der Rolle und kein beliebig austauschbares Stück Stoff. Möglicherweise überschätzt er deshalb die Rolle davon?

Das ist kein gutes Zeichen. Es ist die Forterzählung einer Version von Männlichkeit, in der Männer in ihren schwächsten, dunkelsten Momenten niemanden haben, an den sie sich wenden können.

Hier schmeißt Pickert seine Vorurteile, wie Männer denken, dass Männer sein müssten, einfach wild durcheinander. Möglicherweise denkt Penn so. Möglicherweise hält er Kleidung im wahren Leben für wichtiger, als sie ist. Und möglicherweise glaubt Penn, dass man als wahrer Mann sich am besten einfach zum Sterben verkriecht, wenn die Lage schwierig ist. Aber das ist nichts, was man aus den paar Zeilen in diesem einem Interview ableiten kann.

Auch deshalb ist es eine gute Idee, sich als Mann ab und zu einen Rock anzuziehen.

Weil Menschen in Röcken mehr Mitgefühl bekommen? Wenn ja, wäre das nicht diskriminierend? Und wenn nicht, welchen Sinn hätte das dann?

Und gerade deswegen sollten wir nicht nur darauf setzen, dass Männer wie Penn irgendwann aussterben

Sondern wir müssen beim Aussterben nachhelfen, woll?

und sich die Dinge mit einer neuen Generation Männern von selbst verbessern.

Naja, wenn die Frauen dieselben bleiben…

Diese neue Generation von Männern braucht Liebe und Aufklärung.

Aufklärung ist der Mut, sich seines eigenen Verstandes Gebrauch zu machen. Ist Mut nicht hypermaskulinistisch, oder wie das heißt? Und was ist mit „Liebe“ gemeint? Dass männer andere lieben, dass sie sich selber lieben, oder dass sie von anderen geliebt werden?

Sie braucht ein klares Nein! zu Machtmissbrauch und Gewalt.

Frauen etwa nicht?

Sie braucht Mitgefühl dafür, in einer Welt zu leben, in der Gesellschaften ihr immer vorhandenes Gewaltpotential an Männer abgeben, um es auszuagieren, anstatt gesamtgesellschaftlich dafür Verantwortung zu übernehmen.

Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass „gesamtgesellschaftlich“ jemals „Verantwortung übernommen“ werden kann. Entweder wird jemand bestimmt, der für irgendetwas verantwortlich ist, oder die Gesellschaft sucht sich einen Sündenbock. Außerdem halte ich die Idee, dass „die“ Gesellschaft ein Gewaltpotential hat und ein Bewusstsein, das bestimmt, wer das ausagiert, für eine ähnlich irreführende Metapher wie die mit den „feigen Genen“, von daher:

Wenn Typen wie Sean Penn von „feigen Genen“ sprechen, reichen Seufzer demnach nicht.

D’oh! Wenn er das tatsächlich wörtlich gemeint hat, ist das natürlich falsch. Und Röcke tragen sollte erlaubt sein, freies Land und so, für jeden. Aber eigentlich sind Penn und Pickert sich einig, dass Männer die Probleme von Frauen lösen sollen, nur in der Frage, ob sie dabei die Hosen anlassen oder nicht, ist kein Konsens erreichbar. Solche Fragen würde ich von der betreffenden Frau beantworten lassen, aber wer bin ich schon?

Ein Gedanke zu “Genetisch

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