Wie woke kann man werden?

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Wenn es sich um Märchen handelt, ist die Frage berechtigt, ob es sich bei „Zwergen“ um Menschen mit Zwergwuchs handeln soll oder um die gleichnahmige Fantasy-Rasse. Um das mal zu vergleichen: Tyrion Lennister ist ein zwergwüchsiger Mensch und wird von einem solchen dargestellt (1,35 m), Gimli ist ein Fantasyzwerg und wird von John Rhys-Davies dargestellt (1,85 m) und Karotte von der Stadtwache identifiziert sich als Zwerg, aber nunja.

Der kleinwüchsige Schauspieler und „Game of Thrones„-Star Peter Dinklage hat das Disney-Filmstudio scharf kritisiert.

Er hat in einer Narnia-Verfilmung übrigens auch einen Fantasy-Zwerg dargestellt. Narnia ist so etwas ähnliches wie Westeros, bloß mit mehr Fantasyvölkern und weniger sprechenden Tieren, und Menschen werden rassistischerweise zu Königen gekrönt und sie haben das Lennisterwappen, wtf, und beenden einen langen Winter ohne Weihnachten und was zum Geier, Dinklage musste wohl nicht groß vorsprechen, mit der Vorerfahrung.

Das Studio bringt seit Jahren Realneuverfilmungen seiner Trickklassiker ins Kino. Das nächste Recycling-Projekt ist „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ aus dem Jahr 1937 – der erste abendfüllende Kinofilm des alten Walt Disney.

Ok, alles vorm 2. WK hat möglicherweise eeeetwas fragwürdige Ansichten. Allerdings ist das eine Märchenverfilmung. Wo jemand jemandens Leber oder so als Beweis für dessen Tod will. Kinder, don’t do this at home!

Dinklage, 1,35 Meter groß, regt sich darüber auf, dass man bei Disney einerseits die eigene Diversität feiere, indem die Verantwortlichen sich selbst dafür lobten, das ursprünglich weiße Schneewittchen nun mit der Latina-Schauspielerin Rachel Zegler zu besetzen.

Rot wie Blut, weiß wie Schnee, schwarz wie Ebenholz. Eigentlich ist mir die Zwergenfrage nebensächlich, aber ein Chara, der nicht von Disney erfunden wurde, sondern auf einer Vorlage beruht, die den Chara nicht nur beschreibt, sondern aussagt, dass dieser Chara eine derartig helle Haut hat, dass er danach benannt wurde? Dass Marvel-Thor blond ist und nicht rothaarig, wie in den Sagas, nagut, aber echt jetzt? Wird Zegler weiß geschminkt? Aber ist ja nicht mein Problem, Wayne interessiert’s? Wayne war mal Mongole. Ach, doch, diese Hollywoodpraxis wurde schon oft kritisiert. Wie werden die aus der Nummer wieder rauskommen?

Und weiter: „Tretet mal einen Schritt zurück und schaut, was ihr da macht. Das ergibt für mich keinen Sinn. Ihr seid in einem Punkt fortschrittlich, macht aber trotzdem diese verdammt noch mal rückwärtsgewandte Geschichte über sieben Zwerge, die zusammen in einer Höhle leben. Was zum Teufel soll das?“

Ich halte das weniger für fortschrittlich, sondern vielmehr für dämlich. Aber ja. Die Geschichte ist rückwärtsgewandt. Die Disneyversion ist gegenüber dem Märchen schon entschärft, aber offenbar soll das keine heile Welt sein. (Der Kern der Sache ist, dass sich Schneewittchen ziemlich abseits verstecken muss. Das könnte in einem moderneren Setting auch einfach bei sieben Goldgräbern am Klondike sein.)

Neben Rachel Zegler als Schneewittchen soll Gal Gadot („Wonder Woman“) die böse Stiefmutter spielen.

Ich möchte hierzu auch einmal erwähnen, dass es buchstäblich Millionen Frauen gibt, die ihre Stieftöchter lieben und gut behandeln. Diese jahrzehntelange Negativ-Propaganda des Disney-Konzern muss auch einmal kritisiert werden.

Weil die Kritik von Peter Dinklage im Internet hohe Wellen schlägt, schickte Disney einen Sprecher vor, um die Wogen zu glätten.

Die reiten sich doch nur noch mehr in den Kakao.

„Um zu vermeiden, dass wir Stereotype des ursprünglichen Trickfilms wiederholen, werden wir bei diesen sieben Figuren einen anderen Ansatz wählen und uns auch Rat von Mitgliedern der Kleinwüchsigen-Gemeinschaft holen“.

Es müssten eigentlich keine kurzwüchsigen Männer sein. Zum Beispiel in der Schneewittchenverfilmung mit Sigourney Weaver. (Nein, nicht Alien II.) Oder man könnte, wenn die Hautfarbe keine Rolle spielt, die Geschichte auch mit sechs oder acht oder elf Männern, oder Männern und Frauen, oder intelligenten Krabben statt Zwergen drehen. Warum muss man überhaupt einen Zeichendrickfilm nachdrehen? Oder statt vor der bösen Stiefmutter ist es die Bio-Mutter. Oder das Finanzamt. Und muss Schneewittchen überhaupt ein Mensch sein? Geht nicht auch eine Reptilioide?

Es ist so nervig. Irgendwann, als die Nazis noch keinen Krieg angefangen hatten, gab es gewisse Vorurteile und Klischees, die auch in Filmen vorkamen, wobei ich Schneewittchen diesbezüglich noch für harmlos halte, vor allem, weil die dortigen Zwerge für mich die Fantasy-Version sind. Aber gut, man will sich ja weiterentwickeln. Es werden also Standards aufgebaut, die Klischees und Vorurteile abbauen sollen. Ok. Dabei wird die eigene Rolle als Filmproduzent etwas überschätzt. Nagut. Dann wird versucht, die eigene Rolle zum Abbau von Klischees einzusetzen, was einerseits wegen der Überschätzung nicht ganz funktionieren wird, UND um solchen Vorwürfen vorzugreifen, was nicht nur nicht ganz, sondern gar nicht funktionieren wird.

Weil man immer noch einen draufsetzen kann. (Müsste Schneewittchen nicht von einer Deutschen gespielt werden? Kulturelle Aneignung und so?) Ansonsten: Zwerge müssen gar nicht klein sein, dass ist ein Vorurteil.

4 Gedanken zu “Wie woke kann man werden?

    1. Im alten Disneyfilm leben sie in einem Haus, Sie arbeiten bloß in einer Höhle.

      Aus völlig unwoken Gründen und weil ausgerechnet Schneewittchen nun wirklich keine neue Verfilmung braucht, bin ich aber trotzdem für Veränderung: Schneewittchen soll von einer Latina gespielt werden, die sich die Haare schneeweiß färbt, statt 7 Zwerge sollten es 7 3-Meter-Trolle sein, und die böse Stiefmutter ist in Wahrheit ein Echsenmensch aus dem Krebsnebel.
      Das vermeidet einerseits ungute Assoziationen und dient andererseits als „erfrischende Neuintepretation“.

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      1. Sapkowski hat in seinen ursprünglichen Geschichten um Geralt von Rivien auch so manches Märchen neuinterpretiert.
        In Episode 1 der Verfilmung kam sogar Schneewittchen vor (die Räuberin Renfri).

        Ein anderer Charakter aus den Büchern wurde in einen Pelikan verwandelt. Die Barden haben dann daraus einen Raben gemacht und ihm sechs Brüder angedichtet. Auch ne Methode …

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