Feministenlogik

Von Nils „Gendern ist ja eigentlich nicht mein Thema“ Pickert.

Hier.

GEWALT GEGEN MÄNNER: TUT ETWAS DAGEGEN!

Er meint nicht, dass Frauen etwas dagegen unternehmen sollten, wetten?

Jedes einzelne Mal. Egal in welchem Medium ich über die Benachteiligung von oder die sexuelle Gewalt gegen Frauen schreibe, ob nun bei Pinkstinks oder in Zeitungen, eine Reaktion kommt wirklich immer:

Ja, und immer, wenn jemand vom Weihnachtsmann oder von rosa Einhörnern oder von der jüdischen Weltverschwörung erzählt, kommt auch immer jemand, und nennt das Blödsinn. Woran mag das nur liegen? Am globalen Trolldom, eindeutig.

Aber was ist eigentlich mit Männern?! Ja, ja, Frauen werden vergewaltigt, aber Gewalt gegen Männer ist auch ganz schlimm und niemand spricht darüber.

Aaaaalso, mal für empathieäßig benachteiligte: Wenn ich bspw. regelmäßig über Gewalt gegen Linkshänder schreibe, wie schlimm das ist, das man mal dagegen etwas machen müsste, etc., käme jemand auf die Idee, dass ich Gewalt gegen Linkshänder für

  1. überproportional häufiger hielte als gegen Rechtshänder
  2. typischerweise brutaler, gefährlicher oder sonstwie schlimmer hielte als gegen Rechtshänder
  3. ethisch-moralisch weniger gerechtfertigt hielte, bzw. gegen Rechtshänder für tatsächlich gerechtfertigt, oder – ganz anders formuliert
  4. dass ich eine Linkshänderlobby betriebe

Deshalb würde man micht fragen, „Was ist mit Rechtshändern?“, denn wenn nichts davon auf mich zuträfe, würde ich mein Engagement nicht auf Linkshänder beschränken, sondern einfach gegen Gewalt gegen Menschen sein, oder einfach gegen Gewalt. Es gibt jedenfalls mehr und brutalere Gewalt gegen Männer als gegen Frauen, und wenn man jetzt sagt: „Aber Vergewaltigungen“, will ich gar nicht mit Dunkelziffern u.ä. ankommen, aber wenn das Thema nicht „Vergewaltigungen“ ist, sondern „Gewalt“, sind Vergewaltigungen ein Nebenschauplatz.

weil was ist eigentlich mit Männern? Hmm, sag doch mal! Die haben es doch viel schwerer als Frauen, arbeiten in gefährlicheren Jobs, begehen häufiger Suizid und erfahren doch auch massive Gewalt. Darüber müsste man doch mal reden und nicht immer nur über diese Frauenproblemchen.

Ob man darüber reden muss, sei mal dahingestellt, aber ich habe tatsächlich drei Optionen:

  1. Ich halte Gewalt allgemein für ein Problem, bin aber der Ansicht, dass sich dritte genug darum kümmern
  2. Ich halte Gewalt für ein Problem, dass mein persönliches Engagement verdient, und arbeite in der Folge gegen „Gewalt gegen Menschen“
  3. Ich halte Gewalt gegen Männer für das insgesamt größere Problem, und konzentriere mich auf „Gewalt gegen Männer“

Eine recht nützliche Strategie gegen diese Art von Vorwürfen ist die Präzisierung. Es stimmt, dass Männer häufiger Suizid begehen – das ist unter anderem den Umständen geschuldet, dass sie sich weniger oft Hilfe suchen als Frauen und mit ihren Suizidversuchen erfolgreicher sind, weil sie brutalere, schnellere Methoden wählen.

Dieses Mitgefühl: Männer sind selber schuld. Erstens daran, dass Frauen häufiger Hilfe angeboten wird, zweitens, weil der Leidensdruck bei Frauen nicht hoch genug ist, und drittens, weil Männer generell „brutaler“ sind. Oder Frauen sind einerseits nicht kompetent genug, wirksame Methoden zu finden, um sich umzubringen, und andererseits über die Aufmerksamkeit froh sind. Man kann das locker auch frauenfeindlich interpretieren. Aber ja – wenn Männer selbst schuld wären, sollte ich mich nicht lieber trotzdem auf männerspezifische Selbstmordprävention konzentrieren als auf den GPG?

Und es ist auch richtig, dass Männer viel zu häufig Opfer von Gewalt werden – allerdings vor allem durch andere Männer.

Scheißegal. Außer, er will damit sagen, dass männliche Gewaltopfer es per Sippenhaft verdient hätten. Dann ist es zwar immer noch scheißegal, aber seine moralische Überlegenheit löst sich auf.

Eine noch viel wichtigere Strategie besteht meines Erachtens darin, Männer mit ihrem scheinbar unermüdlichen Whataboutism nicht davon kommen zu lassen.

Das sagt der Richtige.

Also mit dem Versuch, jede sinnvolle Debatte über strukturelle Diskriminierung und Gewalterfahrung von Frauen und Mädchen zu torpedieren.

Welche Debatte? Ihr wollt Zustimmung, keine Argumente.

Vor allem dadurch, dass unbedingt betont werden muss, wie sinnlos und geradezu herzlos die Erwähnung dieser eher uninteressanten Tatsachen angesichts der viel dramatischeren Zumutungen für Männer ist.

Ach, eigentlich geht es darum gar nicht. Es geht um die Frage, warum Männer sich um die Probleme von Frauen kümmern sollten, wenn sie schon genug um ihre eigenen kümmern.

Darüber müsste man doch mal sprechen. Dieser letzte Satz ist eine doppelte Zumutung.

Nicht „man“. Ihr.

Denn erstens wird darüber gesprochen. Ziemlich ausführlich sogar. Um nicht zu sagen auf Buchlänge.

Nein. Das ist das übliche feministische Victim-Bläming.

Und zweitens geht es eigentlich darum, dass mann darüber doch mal sprechen müsste.

Tu ich doch.

Denn was hält uns Männer eigentlich davon ab, uns mit diesen Themen ernsthaft und nachhaltig auseinanderzusetzen?

Gar nichts. Einige tun das, andere tun etwas anderes. Keiner von uns muss sich für die jeweils anderen rechtfertigen.

 Wo bleiben die vielen aufgeregten Kommentare von Männern, wenn bekannt wird, dass die polnische Kirche ein Gericht in einem Verfahren ersucht hat festzustellen, ob ein zwölfjähriger Junge bei der Vergewaltigung durch einen Priester Befriedigung erfahren könnte, weil er schwul sei.

Erstens: einem Mann wird vorgeworfen, ein Kind vergewaltigt zu haben. Ist das jetzt ernsthaft der Vorwurf, dass Männer ihre eigenen Probleme NICHT für schlimmer halten als das? Zweitens: Polen ist ein anderes Land, es wäre sehr kolonialistisch gedacht, wenn man sich von Deutschland aus in dessen Justiz einmischt. Drittens: der Versuch scheint ja nichts gebracht zu haben. Und viertens: wenn das eine Lehrerin und ein heterosexueller, minderjähriger Schüler gewesen wären, gäbe es die sinngemäß identische Argumentation, nur wäre da die Chance groß, dass die Medien diese übernähmen. (Soll keine Rechtfertigung für den Priester, das Bistum oder wenauchimmer sein, aber deshalb funktioniert das als Whataboutismus nur knapp die Hälfte.)

Es hält Männer doch niemand davon ab, Vereine zu gründen, Selbsthilfegruppen oder NGOs. Geld zu sammeln oder zu spenden, die katholische Kirche zu kritisieren oder gleich ganz auszutreten, über Gewalt zu schreiben, zu streiten und sich zu entsetzen.

Und Männerhäuser bauen. Ach, doch: Die öffentliche Hand gibt lieber mehr Geld für Frauenhäuser aus.

Gewalt gegen Männer ist ein viel zu wichtiges Thema, als dass es immer nur anlässlich eines Texts über Gewalt gegen Frauen in die Kommentare gerotzt werden sollte.

Häusliche Gewalt von Frauen gegen Männer ist ein Thema, was von Feministen typischerweise ignoriert oder komplett bestritten wird. Stattdessen kommt die katholische Kirche als Whataboutismus. Weil Männer, die lange keinen Sex haben, „bekanntlich“ schnell mal pädophil werden, was „natürlich“ beweist, wie wichtig Frauen dafür sind, Männer zu besseren, wenn auch nicht unbedingt guten, Menschen zu erziehen. Ich bin derartig genervt.

Es ist auch viel zu wichtig, um die Unterstützung bereits bestehender Organisationen wie beispielsweise den Weißen Ring, die sich seit Jahren um das Thema Gewalt auch gegen Männer bemühen, nicht zumindest in Betracht zu ziehen.

Jaaa, der Weiße Ring. Klar sollte man sich als Mann da engagieren. Aber was ist mit den Frauen, sollten die keine Protestmärsche…? Ok, das ist jetzt fies von mir. Aber die Unterstellung, die ganzen Leute, die wissen wollen, warum sich Feministen wie Pickert ausdrücklich gegen „Gewalt gegen Frauen“ engagieren wollen, statt gegen Gewalt allgemein, würden sich nicht gegen Gewalt gegen Männer, gegen Kinder oder sonstige Menschengruppen engagieren, ist natürlich ein völlig legitimer Einwand.

Für die Kommentarkrieger scheint das allerdings überhaupt nicht infrage zu kommen.

Schein ist nicht sein. Aber selbst wenn; jemand, der sich nicht gegen Gewalt gegen Männer einsetzt, weil sie ihm nicht schlimm genug vorkommt, muss sich erst recht nicht gegen Gewalt gegen Frauen einsetzen, die ioi noch weniger schlimm vorkommt.

Mit der Abwertung des Leids von Frauen durch marktschreierische Inszenierung des Leids von Männern erreichen Männer lediglich, dass leidvolle Erfahrungen entwertet werden. Sowohl bei Frauen als auch bei Männern.

Ach, wie schade. Aber wäre dann die marktschreierische Inszenierung des Leids von Frauen dann aber nicht auch die Abwertung des Leids von Männern?

Also wird es höchste Zeit, die Frage danach, was denn jetzt mit den Männern sei, neu auszurichten: Denn was ist denn jetzt mit den Männern?

Allzeit beachte: Männer sind nur dann gut, wenn man was von ihnen bekommt, nicht einfach so. Nämlich:

ihre Emanzipation, ihr Mitgefühl, ihre Anwaltschaft für die Belange der Geschlechtsgenossen?

Das nennt man dann aber Maskulismus, und Maskulismus ist BÖSE.

Wo bleiben ihre Solidarität mit Frauen und ihr Engagement für Männer?

Solidarität basiert normalerweise auf Gegenseitigkeit. Männer, die sich bspw. für das Wechselmodell engagieren, werden feministischerseits aber eher abgelehnt.

Wo bleiben die ganzen Protestmärsche von Männern, wenn ein katholisches Bistum mutmaßt, ein zwölfjähriger Junge habe sich wohl „freiwillig“ vergewaltigen lassen.

Wetten, wenn es welche gäbe, wäre der Vorwurf, dass die das nicht für ein zwölfjähriges Mädchen machen? Aber ja, mit dem Schwert nach Polen („sag: Warum, René?“), denn noch ist Polen nicht verloren, was das Schwert uns einst gestolen, soll das Schwert uns wiederholen. Halt, falsche Refrain…

Das könnten unsere Söhne sein. Das könnten wir sein. Da müsste mann mal was gegen machen!

Mal gaaaanz vorsichtig gesagt: dass diese Argumentation mit dem Priester verfängt, halte ich auch in D. für extrem abwegig. Es bestünde also gar kein Anlass für Protestmärsche. Oder sonstigen Protest. Das Problem wäre deutlich eher bei einer Lehrerin und einem minderjährigen, heterosexuellen Schüler. Das könnten ebenso unsere Söhne sein, das könnten wir sein, und da ist deutlich mehr Handlungsbedarf.

6 Gedanken zu “Feministenlogik

  1. „Und es ist auch richtig, dass Männer viel zu häufig Opfer von Gewalt werden – allerdings vor allem durch andere Männer.
    Scheißegal. Außer, er will damit sagen, dass männliche Gewaltopfer es per Sippenhaft verdient hätten. “
    Ich würde gerne als Ergänzung weitere Beispiele anführen:
    Juden wurden Opfer von Nazigewalt – also als Weiße Opfer von Weißen. Ist demnach lt. Pickert doch nicht soo wichtig.
    Mit anderen Hautfarben geht es natürlich auch:
    Der Mord an den Tutsi durch Hutu wäre „Schwarz“ durch „Schwarz“(oder was immer man da als Hautfahrbe angeben will – demnach keinerlei Unterstützung zweckmäßig.

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    1. Ich habe tatsächlich schon Tweets von Black-Lives-Matter-Aktivisten gelesen, die den Holocaust verharmlosen, weil da ja „nur“ Weiße durch Weiße getötet wurden.

      Ich habe auch schon die These gelesen, dass der Völkermord in Ruanda durch die Kolonialmächte verschuldet wurde.

      Für die Woken ist nichts zu doof

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  2. Und es ist auch richtig, dass Männer viel zu häufig Opfer von Gewalt werden – allerdings vor allem durch andere Männer.

    Man schiebe das Opfer in die Gruppe der Täter, bzw. verweise auf das gemeinsame Merkmal und lege die Sache unter „Erledigt“ ab.

    Aber: Wenn in den USA ein Schwarzer gewaltsam stirbt, ist sein Mörder in der Regel schwarz. Problem gelöst, diese evolutionär zurückgebliebenen Primitivlinge schlagen sich gegenseitig tot, Fall „Erledigt“ /sarcasm

    Nee, ich habe dieses Argument schon einmal sehr, sehr höflich (nicht so wie hier) angeführt. Wurde nicht freigeschaltet. Ist ein Trumpf.

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  3. Ca. 3 von 4 Männern die Suizid begingen, haben sich vorher Hilfe geholt. Man hilft ihnen nur nicht und sagt ihnen Dinge wie das sie nur überarbeitet sind, was nicht hilft.

    Nils interessiert an Männern nur was er gegen sie verwenden kann, sei es um sie schlecht zu machen, gegen eine Hilfe für Männer zu argumentieren oder um Gründe zu finden keine Empathie für Männer zu empfinden

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  4. Ich würde ja gern auch Artikel über Gewalt gegen Männer kommentieren, aber die gibt es schlicht eher selten. Vernünftig wäre es normalerweise generell eine Diskussion über Gewalt in der Gesellschaft zu führen. Die ist ja meist eher ein Zeichen von Machtlosigkeit, aber das passt ja nicht ins Konzept vom Patriarchat.

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