Stokowski hat zwar recht, aber…

…aus gaaanz komischen Gründen.

Hier

Das Kontrolldilemma

Ich habe erst kurz vor Weihnachten erlebt, dass zum Impfnachweis auch der Ausweis kontrolliert wurde. Bzw., meine Friseurin scheint tatsächlich auch meinen Impfnachweis kontrolliert zu haben, weil sie was nicht erkennen konnte, aber die brauchte zumindest meinen Ausweis nicht, weil sie weiß, wie ich heiße. Immer, wenn ich nach dem Ausweis gefragt werde, trete ich unaufgefordert einen Schritt zurück, um meine Maske abzusetzen. Mitdenkend, wie ich bin…

Wie können Coronaregeln überprüft werden – und von wem? Die Antwort ist schwierig. Sie darf auf jeden Fall nicht darin bestehen, auf Menschen zu schimpfen, die für Mindestlöhne stressige Jobs machen.

Ob sie darin bestehen darf, ist irrelevant, denn da das nicht funktionieren wird, kann sie darin gar nicht bestehen.

Wahrscheinlich gibt es keinen einzigen Menschen, der in dieser Pandemie alles richtig macht.

Jaaaa, das ist wohl eine Binsenweisheit. Warum sollte ausgerechnet in der Pandemie menschliches Verhalten besser laufen als sonst?

Es gibt aber natürlich auch diejenigen, die zumindest versuchen, alles richtigzumachen, und manchmal geht das ein bisschen schief: Spätestens in dem Moment, in dem man eine Verkäuferin, einen Kellner, eine Kartenabreißerin im Kino dafür anpflaumt, dass sie oder er nicht die Impfnachweise oder Masken kontrolliert, macht man es nicht mehr ganz richtig.

Tja. Diese Spießer!

Es ist ein Dilemma, das wir der aggressiven Minderheit der Coronaleugner*innen und Impfverweigerer*innen zu verdanken haben:

Die Impfverweigerer zumindest sind nicht unbedingt aggressiv, aber das ist nicht die Ursache. Jemand, der sich freiwillig nicht impfen lässt und dann freiwillig nicht ins Kino oder wohin geht, löst das Dilemma nicht aus. Und generell hat jede Vorschrift das Problem, das irgendwer sie brechen wollen kann (oder sie wäre sehr sinnlos); nicht Falschparker sind die Ursache für Parkraumüberwachung, sondern Parkverbote. Und die Ursache für Parkverbote sind Rettungsgassen oder andere, mehr oder weniger sinnvolle Dinge, nicht, dass ich den Sinn generell bestreite.

Alle wollen, dass die Pandemie zu Ende geht, und dafür wäre es nötig, an möglichst vielen öffentlichen Orten Masken zu tragen, die 2G- oder 2G-plus- oder 3G-Nachweise zu kontrollieren – aber diejenigen, die das kontrollieren, werden mitunter angegriffen.

Wenn die Impfung deutlich zuverlässiger helfen würde, wäre das nicht nötig, aber es ist nunmal, wie es ist. Das Problem hier ist aber, dass eine Aufgabe, die eine hoheitliche Aufgabe wäre, wenn Ordnungsamt, Gesundheitsamt und sonstige Ämter genug Personal hätten, dem Personal von Geschäften und Lokalen gestellt wird, das einerseits eigentlich ganz andere Aufgaben hat und andererseits auch nicht wirklich motiviert sein kann. Angenommen, vor einem Buchladen herrscht ein absolutes Parkverbot. Sollte man dem Ladenpersonal die Aufgabe übertragen, dieses Verbot zu überwachen? Also ausdrücklich, angehende Kunden zu vertreiben? Interessenkonflikt?

Und – ohne Körperverletzung und Totschlag zu rechtfertigen – die beim Ordnungsamt und bei der Polizei haben in Theorie und Praxis mehr Ahnung davon, mit gewaltbereiten Menschen klarzukommen.

…Das sind nur ein paar Meldungen aus der letzten Zeit, es gibt natürlich wesentlich mehr Vorfälle. Manchmal sind es Serviceangestellte, manchmal Leute vom Ordnungsamt oder von der Polizei, manchmal Privatpersonen, die beleidigt oder angegriffen werden, weil sie andere auf Hygieneregeln hinweisen.

Wobei ich zwischen „Beleidigung“ und „Angriff“ auch einen Unterschied machen würden wollte, aber trotzdem. Von einem Kinokartenkontrolleur kann man einfach weder die deeskalierenden Methoden noch die körperliche Wehrhaftigkeit erwarten, die ein Polizist hat, der regelmäßig zu schnelle Autofahrer von der Straße winkt.

Obwohl inzwischen recht bekannt ist, dass diese Dinge passieren, gibt es immer wieder Menschen, die sich beschweren, dass nicht genügend kontrolliert wird, egal ob Impfnachweise oder Masken.

Ja, und jetzt? Beschweren die sich jetzt bei den nebenberuflichen Kontrolleuren, bei der Geschäftsleitung, die keinen Sicherheitsdienst o.ä. engagiert, dem diese Kontrollen übertragen werden, bei Bund, Ländern bzw. Gemeinden, die Regeln erlassen, deren Kontrolle aber nicht durchführen, oder wem?

Es muss notwendigerweise schiefgehen, wenn die Coronapolitik so funktioniert, dass Einzelpersonen, die nicht dafür geschult sind, plötzlich die Verantwortung dafür tragen, dass Leute sich vernünftig verhalten.

Achwas? Aber ja, sich beim Kellner zu beschweren, ist eher semi-sinnvoll, sich gar nicht zu beschweren – sofern die Beschwerde halbwegs berechtigt ist – kann aber nicht die Lösung sein.

Wenn Leute, die geimpft und getestet irgendwo hingehen, wo das eine Voraussetzung ist, und dann nicht kontrolliert werden und sich hinterher beschweren, ob in Gesprächen oder in sozialen Medien, dann hat das oft einen eigenartigen Unterton.

Es gibt auch Leute, die als Privatpersonen Falschparker aufschreiben. Aber hier ist sie einer ganz heißen Sache auf der Spur. Neben den Leuten, die Corona nicht als reale Gefahr betrachten, gibt es Leute, die anderen gerne Vorschriften machen.

manchmal klingt es auch ein bisschen wie: »Belohnt mich dafür, dass ich hier alles richtig mache, belohnt mich mit dem wohligen Gefühl, bei einer Kontrolle meinen Boosternachweis zeigen zu können.«

Theoretisch gibt es auch die Leute, die für teuer Geld einen Impfnachweis gefälscht haben und jetzt sauer sind, wenn sich das gar nicht gelohnt hat. Aber offenbar sind die Querdenker nicht die einzigen Mitmenschen, mit denen man nicht so gern Mitmensch wäre.

Erinnern wir uns noch an das Klatschen auf dem Balkon? Dieses hilflose Statement in der vorvorletzten Welle?

Dunkel. Sollen wir uns jetzt selber zuklatschen, weil wir ja geimpft sind?

Das Klatschen hat nix gebracht, wie wir heute wissen,

Also, ich habe damals schon nicht geklatscht, weil ich das damals schon wusste. Außerdem habe ich keinen Balkon.

Es bleibt ein Dilemma, dass die Einhaltung der Coronaregeln besser kontrolliert werden müsste und aber diejenigen, die das tun, im Zweifel ihre Gesundheit oder sogar ihr Leben riskieren.

Und DAS ist die Stelle, wo sie Recht hat.

Die bessere, vielleicht bittere Lösung, besteht darin, seinen Teil zu leisten, so gut man kann, und Verständnis zu haben, wenn andere sich vor Angriffen schützen wollen.

Diese Lösung schützt weder den Tankwart vor schießwütigen Kunden noch irgendwen vor Corona. Und ganz allgemein, wer den obigen Zusammenhang nicht direkt durchschaut und iosen Frust über mangelnde Kontrollen direkt an der Kontrollperson vor Ort auslässt, wird das vermutlich auch weiterhin so tun. Sofern solche Leute überhaupt viel lesen. Aber gut, eine Lösung, die fast nix bringt, ist besser als gar nichts.

3 Gedanken zu “Stokowski hat zwar recht, aber…

  1. Nunja; das zentrale Problem verkennt die alternde Maggie wie üblich: Wenn der Staat Regeln beschließt, ist es – so zumindest sagt Danisch – es dem Staat nicht möglich, sich durch „Flucht ins Privatrecht“ seinen hoheitlichen Verpflichtungen und v.a. Grenzen zu entziehen. Das tut er aber.

    Über die „paar“ Beispiele zum „schlechten“ Umgang mit privaten „Kontrolleuren“ (das war eines mehr, als ich kannte, sind also wohl alle) kann ich nur sagen: Wie man in den Wald reinschreit… Ich war ja die letzten 4 Wochen viel unterwegs:

    Paris, Du gehst in ein Lokal, ohne Maske auf. Der Kellner sagt im Tonfall von „Darf ich Ihnen einen Blasen, Monsieur“ „Masque, s’il vous plait“. Und am Tisch, im gleichen Tonfall, „QR-Cöde, s’il vous plait“. Und das wuppt. Hat genau niemand ein Problem damit – außer den paar Millionen, die demonstrieren gehen.

    Türkei, Du gehst in ein Lokal, ohne Maske auf. 70% stört das genau 0, der Rest säuselt „maskeniz, lütfen“ – und reicht Dir eine frische aus der Box am Eingang.

    Deutschland, Du näherst Dich auch nur einem Lokal, ohne Maske auf. Du wirst aus 10 Metern Entfernung im Tonfall „An die Wand, Sie schäbiger Lump“ angebrüllt „MASKE!“. Gefolgt von, im gleichen Tonfall, „Impfnachweis“ und „Ausweissss!“.

    Jedwede Parallelen zu Kapos sind hier vollkommen unangebracht.

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