Die Standard-Erklärung

Denn, wenn Männer Zeit mit ihren Kindern verbringen wollen, kann das natürlich nur eine Lüge sein.

Hachja.

Ok, wenn Kurz, vorletzter(?) östereichische Bundeskanzler, etwas sagt, stimmt es vermutlich wirklich nicht, denn er ist zurückgetreten, weil seine Beziehung zur Wahrheit leider nur sehr oberflächlich und ohne echte Gefühle war. Die Wahrheit und Kurz waren oft tatsächlich nur zufällig im selben Raum.

Aber gerade weil das von Kurz kommt, ist die Beobachtung, dass das vermutlich so nicht stimmt, eher keinen eigenen Artikel wert. Andererseits ist das mal wieder eine Gelegenheit, Denkfehler zu sezieren.

Kurz mal Familienvater

Gut, dass da nicht „kürzer treten“ steht. Kindesmisshandlung wollen wir ihm ja nicht unterstellen.

Wenn Väter mit glänzenden Augen erzählen, wie sehr sie der Anblick ihres Babys bewegt, taugt das schon als imagepflegende Anekdote.

Ja, aber nicht bei Kurz. Bei Kurz ist eigentlich allen klar, dass Kurz sich das hauptsächlich für sich selbst schönreden muss. Aber Pickert hält seine Mitmenschen halt für Idioten, denen man das erklären muss.

Und was ist mit der harten Sorgearbeit?

Keine Ahnung? Kann sich Kurz als Ex-Kanzler plötzlich keine Haushalthilfen mehr leisten?

Sebastian Kurz ist dann also mal weg. Flankiert von sehr üblichen rhetorischen Floskeln

Und die ÖVP-Affäre ist ja auch nicht abgeschlossen. Mal sehen, ob das alles noch vor Gericht landet. Der Skandal ist ein ziemlich großer. Tante Wiki spricht von bis zu 15 Jahren Haft.

Jetzt freut er sich auf die gemeinsame Zeit mit seiner Freundin und seinem neugeborenen Sohn, sagt er. Es sei ihm gegönnt und viel Freude dabei gewünscht.

Ja, wer weiß, wie lange er die beiden noch besuchen kann?

Stundenlang könne man sich so ein Baby anschauen.

Was für herzlose Menschen würden einen neugeborenen Baby den Vater bis zur Pubertät vorenthalten? Wie grausam und gar garstig wäre das denn?

Als Vater von vier Kindern pflichte ich ihm da gerne bei. Allerdings habe ich auch feststellen müssen, dass meinen stundenlangen Blicken keine psychokinetischen Kräfte innewohnen.

Deshalb ist Pickert ja auch nie Bundeskanzler geworden. Aber die Möglichkeit zurückgestellt, dass Kurz seine Bezüge gestrichen bekommt – ich bezweifle, dass das Leben für Eltern in Kurzens Gehaltklasse genauso hart ist wie für die Durchschnittsverdiener.

Care-Arbeit erfordert dann doch sehr schnell vollen, ziemlich erschöpfenden Körpereinsatz.

Kindermädchen? Oder meinetwegen auch Kinderjungen? Wenn man den Einsatz auf ausreichend viele Körper verteilt, ist es evt. nicht so schlimm.

Und weil wir in der Vorweihnachtszeit besonders ehrlich miteinander sein wollen, können wir uns an dieser Stelle sicher darauf verständigen, dass Männer damit zumeist nicht gemeint sind.

Warum „wir“ in der eigentlichen Weihnachtszeit weniger ehrlich miteinander sein sollten, weiß ich nicht, aber weil das hier Kurz ist, dem vorgeworfen wird, Steuergelder für gefälschte Umfragen verwendet zu haben, ist Ehrlichkeit möglicherweise nicht ganz das Wort, was passt.

Denn auch im ausgehenden Jahr 2021 gilt die alte Regel, dass es sehr wenig braucht, um als großartiger Vater zu gelten, und sehr wenig, um als beschissene Mutter verrufen zu werden.

Und? Wer denkt ernsthaft, dass Kurz wirklich ein anderer Mensch geworden ist – oder, wie er wohl suggerieren wollte, ein besserer – weil er Vater wurde? Bzw., ja, jetzt ist er Vater, aber seine sehr spezielle Art, Politik zu machen, zu kommunizieren und generell mit Menschen umzugehen, die nicht seine Kinder sind, wird davon ja eher wenig bis gar nicht beeinflusst. Ob er jetzt Windeln wechselt, oder die Mutter des Kindes oder wer auch immer interessiert da nur am Rande.

Wir sprechen doch immer noch von dem Mann, der sich selbst vor gar nicht allzu langer Zeit für so wichtig und unersetzlich gehalten hat, dass er sich einen Vatermonat nicht vorstellen konnte, weil das „als Regierungschef gerade in so bewegten Zeiten“ nun einmal nicht möglich sei.

Natürlich kriegt man jederzeit eine Ersatzperson, die genauso kompetent, ehrlich und liebenswert ist wie Kurz. Und nicht so einen hohen Stundensatz hat und seiner Lebensgefährtin mit ihrem Kind helfen kann. Er hat, wohlgemerkt, auch nicht behauptet, dass es verboten wäre.

Es mag anachronistisch, ja töricht erscheinen, Sebastian Kurz zum jetzigen Zeitpunkt auf Existenz und Funktion Werner Koglers als Vizekanzler hinzuweisen

Ja, aber ob der Windeln wechseln kann?

Und wie ist es wohl zu verstehen, wenn in dunklen politischen Gassen darüber gemunkelt wird, dass Werner Kogler Anfang des Jahres für ein paar Wochen das Justizministerium geleitet hat, weil (halten Sie sich fest!) seine Kollegin Alma Zadić in Elternkarenz war.

Schon, aber Rudolf „bin Baden“ Scharping durfte auch nach Mallorca fliegen. Kurz ist offenbar sehr ersetzlich, aber eine oder gar mehrere Personen zu finden, die wissen, wie man ein kleines Kind versorgt, ist trotzdem einfacher als jemanden, der die Urlaubs-/Krankheits-/Schwangerschaftsvertretung für einen Regierungschef macht in einer Zeit, wo auch die Vertretung wegen akuter Krise genug um die Ohren hat.

Darf der das, ist das überhaupt so vorgesehen?! Also im Prinzip schon – wenn es sich dabei um Frauen handelt.

Das eigentliche Kinderkriegen kann man nur sehr schlecht auslagern, aber alles andere schon. Deshalb war Alma Zadić wohl auch nur zwei Monate weg. Danach hat ihr Mann Vaterschaftsurlaub genommen. Keine Ahnung, was der so beruflich macht, aber da er keinen Wiki-Eintrag hat, ist sein Job vermutlich nicht so wichtig wie „Mitglied einer Regierung“.

Frauen, die über die Mutterschaft immer noch naturalisiert und für Care-Arbeit haftbar gemacht werden, ob sie nun wollen oder nicht.

Ich unterstelle mal, dass Kurzens Lebensgefährtin ein Kind wollte. Aber keine Ahnung.

Männer können sich weiterhin Lob und Anerkennung dafür abholen, wenn sie stundenlang Babys anschauen und später mit glänzenden Knopfaugen berichten, wie sehr sie das alles bewegt hat.

Kurz nicht. Kurz wird – außer von sehr engen politischen Freunden und Anhängern – nicht gelobt. Und es ist etwas arschig, sich über seine glänzenden Knopfaugen lustig zu machen. Was kommt als nächstes? Dass er keine grauen Haare hat?

Und es bleibt eine der zentralen gesellschaftlichen Aufgaben, Männer darauf hinzuweisen, wie viel ihnen genommen wird, wenn man ihnen die Kompetenz und die Lust zum Kümmern qua Geschlecht abspricht.

Ja, wer macht das eigentlich? Die frischgebackenen Väter? Die Regierung? Diese feministische Anti-Werbung-Organisation, die dauernd erzählt, wie körperlich und geistig anstrengend Care-Arbeit ist??? Wenn Kurz gesagt hätte, dass es einfach mehr Spaß macht, Österreich zu regieren, als seinem Sohn die Windeln zu wechseln, zu füttern und durch die Gegend zu tragen, wäre das ja ein Grund, dagegen zu sein.

Dass es ihre Identität und Emotionalität verstümmelt, wenn sie sich weiterhin auf den alten Pakt einlassen, Kinder lediglich im Bedarfsfall geltend zu machen und sich nicht als Väter, als Kümmerer, als kompetente Erziehungspartner Geltung zu verschaffen.

Ja, genau Kurz, lass Dich von der Alten nicht auf irgendwelche Pakte festnageln – DU übernimmst die halbe Care-Arbeit, und SIE arbeitet halbtags in irgendeiner Firma, wo sie so viel verdient wie ein Halbtags-Regierungs-Chef. „Halbtagsregierungs-Chef(m/w/d) gibt es nicht, entweder 80 h/Wo oder gar nicht.“ – „Ok, dann muss sie sich eben mehr anstrengen!“ So?

Für Sebastian Kurz, dessen Rhetorik unbewusst oder von ihm intendiert nahelegt, dass ihm seine Wahlsiege so viel bedeuten wie die Geburt seines Kindes

Musste er für die Geburt seines Kindes mutmaßlich auch Steuergelder veruntreuen? Ich hoffe nicht. Nicht, dass das Kind für ungültig erklärt wird. Oder seine Vaterschaft. Oder Kurz ist ein speziell gelagerter Sonderfall. Ganz offensichtlich ist er nicht freiwillig zurückgetreten.

Also auch dann Verantwortung zu übernehmen, wenn sie so richtig ungemütlich wird

„Die Verantwortung übernehmen“ heißt bei Politikern „zurücktreten“. Und genau das hat er doch getan. Es war aber auch richtig ungemütlich. Nebenbei ist er jetzt auch arbeitslos und braucht gar keinen Urlaub. Was macht die Mutter des Kindes eigentlich beruflich? Wirtschaftspädagogin.

Denn am Ende bereuen wir nicht, zu selten in Meetings gewesen zu sein und uns zu wenig auf unsere Karrieren konzentriert zu haben.

Ich weiß nicht, ob Kurz tatsächlich zu diesem „wir“ gehört – evt. wird er sein Leben lang bereuen, erwischt worden zu sein.

Wir bereuen, nicht offener und freigiebiger geliebt und uns gekümmert zu haben.

Naja: „Die häufigste Reue von Sterbenden betraf das Bedauern, nicht das Leben gelebt zu haben, das sie sich erträumt hatten; dass sie, statt eigene Ziele zu verfolgen, zu oft die Erwartungen anderer erfüllten.“ Kurz hat ganz offensichtlich eigene Ziele verfolgt.

Wir bereuen unsere Verantwortungslosigkeit, im Angesicht der überwältigenden Möglichkeiten und Notwendigkeiten, Verantwortung zu übernehmen.

Oder: «Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet.» Care-Arbeit ist offensichtlich auch Arbeit, insofern frage ich mich, ob Pickert den verlinkten Artikel überhaupt durchgelesen hat.

Wir bereuen, was wirklich zählt.

Machen wir also am besten nur noch Dinge, die wirklich nicht zählen. Ich frage mich außerdem, ob Pickert sich seinen eigenen Artikel auch durchgelesen hat. Aber gut, manchmal baue ich auch Stilblüten.

Ein Gedanke zu “Die Standard-Erklärung

  1. Eine Alters-/Todesforscherin erklärte mal, alle – alle – Männer kurz vor dem Tod hätten es bereut, soviel gearbeitet zu haben anstatt den wirklich lebenswerten Dingen gefolgt zu sein. Jaja, das Herrschergeschlecht…

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