Sind also wirklich nicht alle Slytherins so richtig böse?

Yes, not all Slytherins.

D’oh.

So, wie nicht alle Dunkelelfen chaotisch-böse sind – es gibt genau eine Ausnahme: Drizzt Do’Urden – so gibt es eine Ausnahme bei den Slytherins. Horace Slughorn. Nacktschneckenfühler ist ja auch kein Name, bei dem man hochnäsig sein sollte. Wobei die mit beiden Fühlerpaaren riechen können, auch mit den oberen, an denen auch die Augen sitzen. Ich treibe die Metapher zu Tode.

Wie auch immer, wenn es über eine ganze Gruppe von Leuten Vorurteile gibt, aber nur genau ein Mitglied erfüllt dieses Vorurteil nicht, ist die Botschaft weniger, dass Vorurteile generell falsch sind, sondern, dass ein Gegenbeispiel Vorurteile nicht widerlegt. (Wie immer mit dem Hinweis, dass Aussagen über die fiktiven Bewohner magischer Fantasy-Welten mit vormordernen Gesellschaften eigentlich nicht als Vorbilder vorurteilfreier Aufklärung und evidenzbasierter Vernunft gelten sollten. Aber wenn man HP-Bücher gerade dafür lobt, so eine tolle Arbeit dahingehend zu leisten – vllt. erzählen die Euch nur, was Ihr hören wollt?)

Weiterhin werden mit Slughorn Anti-Slytherin-Vorurteile weder widerlegt, indem sie ins Gegenteil gedreht werden, noch werden Slytherin-Eigenschaften an seinem Beispiel positiv gedeutet, so dass das eher nach Alibi aussieht.

Um das mal anders zu betrachten: Hermine Granger.

Sie hatte keinerlei familiären Bindungen nach Hogwarts und der Zaubererwelt und konnte ihr Haus frei von solchen Überlegungen treffen, die die Erwartungshaltung ihrer Eltern oder die Entscheidungen ihrer älteren Geschwister betrifft. (Und ich gehe mal davon aus, dass der Hut ihr alle Infos gibt, die sie brauchte.)

Die strategische Entscheidung für Muggelgeborene wäre die, nach Hufflepuff zu gehen. Da wird am wenigsten von einem erwartet, so dass man höchstens positiv auffallen kann.

Für Hermine wäre Ravenclaw eigentlich die naheliegende Wahl gewesen; selbst in der Geschichte wundert man sich.

Aber sie kann bei Gryffindor ihren Gerechtigkeitssinn und ihre Law’n’Order-Attitüde besser ausleben; und DAS, liebe Kinder, ist offenbar ihr Hauptcharakterzug. Und hier erkennt man etwas, was bei den Slytherins komplett ignoriert wurde, selbst an der Stelle, als man einen Alibi-guten-Slytherin aus den Hut zauberte – ja, ich weiß – nämlich, dass interessante Charaktereigenschaften keine Tugenden oder Laster sind. Jeder weiß, dass Tugenden gut sind und Laster böse. Halbwegs interessante Charaktereigenschaften sind neutral, weil da immerhin die Spannung aufkommt, wie sich das auf die Story auswirkt. Richtig gute Eigenschaften sind ambivalent. Hermines Sinn für Gerechtigkeit und ihr Beharren darauf, selbst nach den Regeln zu leben, sind offenbar zwei Seiten derselben Medallie, es ist also eine Charaktereigenschaft, die mal gut und mal schlecht ist; bzw. mal positiv und mal negativ wahrgenommen wird. Eine andere Gryffindor-Eigenschaft, die ambivalent wäre, wäre Tapferkeit, die häufig mit Gewaltbereitschaft einher geht. Wird nicht ganz so breitgetreten, aber wenn man mal den Häuser-Tausch-Test macht, so dass die Slytherins gut und Gryffindors böse wären, wären die Slytherins die, die ihre Ziele mit List erreichten, und die Gryffindors die, die Gewalt einsetzten. Und ihr Geld; Gryffindors heißen nicht umsonst „Goldgreifen“ (der Sage nach lebten irgendwo in der russischen Steppe Greife, die Goldschätze bewachten (außerdem haben die dasselbe Wappen wie die Lennisters (Gryffindors wären SUPER Schurken))).

Jetzt die Gretchenfrage: warum ist Hermine nicht bei den Slytherins? Sie ist ohne Frage ehrgeizig, herablassend und listig. Und hier wäre die Erklärung, dass der Hut weiß, dass sie als Muggelgeborene einen extrem schlechten Stand da hätte. Was impliziert, dass zumindest grundsätzlich klar war, dass das System den Bach runter geht; die durch Mobbing ausgedrückten Wünsche der Haus-Gemeinschaft haben Vorrang vor den Interessen eines elfjährigen Kindes, das eine Entscheidung für seine ganze schulische Karriere und weitgehend auch des Erwachsenenlebens treffen muss. Könnte ein Kind, nebenbei später wechseln?

Jedenfalls, wenn die Slytherins nicht zu 98% Feinde wären, sondern einfach nur Gegner, wäre es gut, wenn die „typischen“ Slytherin-Eigenschaften jeweils einen Tugend- und einen Laster-Aspekt hätten. Ambivalenz und so.

Naja, anscheinend ist die „negative“ Seite von Slytherin-Schläue Feigheit, denn wir begegnen Slughorn in einem Versteck, da er seit Jahren sich vor beiden Seiten des Konfliktes versteckt. Außerdem ist er super gut im Netzwerkknüpfen, was immerhin seine Sozialkompetenz beweist. Yäy.

Und – natürlich – hat er eine etwas mildere Version von Rassismus: er wundert sich nämlich darüber, dass muggelgeborene Hexen (Zauberer kommen anscheinend in der Konstellation nicht vor) besonders gut seien. Bzw., er wundert sich bei Hermine, und Harry bringt seine eigene Mutter als zweites Beispiel. Denn EIN Beispiel ist nur anekdotische Evidenz, Fräulein Evans, aber zwei sind ein Beweis.

Hierzu möchte ich einwenden, dass das nicht zwingend ein rassistisches Vorurteil sein muss: Mozart war ein musikalisches Wunderkind, aber sein Talent wurde früh entdeckt, weil sein Vater auch musikalisch war und einen entsprechenden Beruf hatte. Analog dazu könnte es also helfen, wenn man schon im Kindergartenalter Magie lernt. Andererseits hat Harry zwar schon als Baby auf einem Spielzeugbesen gesessen, aber dass er ein „natur“begabter Quidditchspieler ist wie sein Vater, scheint mir sehr viel mehr Genetik als Kultur gewesen zu sein. Und die Fähigkeit, überhaupt Zaubern zu können, wie gut oder schlecht auch immer, soll ganz offensichtlich genetisch, also angeboren sein, insofern ist die Gesellschaft, in der Slughorn und Potter leben, tatsächlich eine, die auf Abstammung und Biologie (also, die magische Version von Biologie) basiert. Aber wenn Ober-Terf Rowling behauptet, bestimmte Dinge im RL beruhen auf Genen und sind daher angeboren, ist das böse.

Jetzt weiß man nicht, wie viele muggelgeborene Zauberer und Hexen tatsächlich nur eher durchschnittlich sind oder waren, insofern kann es sein, dass Slughorn zumindest die Statistik auf seiner Seite hat, aber nehmen wir mal an, dass es in der Zaubererwelt keine signifikanten Unterschiede zwischen muggelgeborenen Magiern und solchen aus jahrhundertealten Zaubererfamilien gibt, was die tatsächlichen magischen Fähigkeiten betrifft; und das Slughorn aber nie in Jahrzehnten als Lehrer dergleichen auffiel, weil er halt Vorurteile hat. Warum mochte er dan Lily Evans (spätere Potter)? Und, viel wichtiger, warum mochte sie ihn? Sie hat ihm das Geschenk mit dem kleinen Fisch gemacht, würde das bspw. die Arbeiterklassenschülerin, die per Stipendium an einem Elite-College aufgenommen wurde, dem versnobtesten Oberlehrer von allen dergleichen machen? Ok, vllt. kann man sich bei dem einschleimen. So als Nacktschneckenfühler.

Jedenfalls ist die ganze Episode über Harrys Mutter nicht ganz so das positive Beispiel, dass Vorurteile falsch sind, nicht ganz so überzeugend, wenn man es ein bisschen seziert.

Achja, noch mal GANZ anders gefragt. Gehen wir mal davon aus, dass Lily und Hermine gute Menschen sind, und nicht einfach Personen, die aus der leicht voreingenommenen Perspektive der Hauptfigur Harry Potter als solche wahrgenommen werden – diese Güte ist dann in ihren Charaktern zu suchen, also ihre Selbstlosigkeit, ihr Kampf für Schwächere, Gerechtigkeitssinn und dergleichen, nicht in ihren magischen Fähigkeiten, oder? Also, dass sie gute = kompetente Hexen sind, und dass sie gute = moralisch vorbildliche Menschen sind, sind zwei Eigenschaften, die rein zufällig zusammenfallen, richtig? Wenn nicht, wäre das ja elitistisch. Was möglicherweise Slughorns Slytherin-Argument wäre, was aber von Harry so weitergesponnen würde, was die ganze „Botschaft“ eher verstärkte.

Ok, ich steigere mich hinein. Fiktive Personen, die fiktive Sachverhalte diskutieren, um daraus fiktive Handlungen ethisch zu begründen oder nicht, sind sowieso nur sehr bedingt ein Argument für das richtige Leben.

Aber wenn das zumindest ein Argument für die Welt in der Geschichte sein soll, ist ein Dunkelelf, der nicht abgrundtief böse ist, oder ein Slytherin, der mit anekdotischer Evidenz von seinen Vorurteilen abgebracht wird, immer noch kein Beleg für die Welt in der Geschichte.

Was die beiden sagen sollten, wäre: „Ich bin nicht für die Taten anderer verantwortlich, insbesonderer solcher, die mich tot sehen wollen.“ Oder „Ich bin nach Slytherin gegangen, als Voldemort nicht einmal geboren war.“

Fürs Richtige Leben: „Not all Men“ ist eigentlich auch kein Argument, auch wenn’s wahr ist. „Ich nicht“ ist auch wahr. Oder „Die allermeisten nicht!“ Oder: „Ich bin nicht für die Taten anderer verantwortlich.“

Ein Gedanke zu “Sind also wirklich nicht alle Slytherins so richtig böse?

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