Sind Slytherins also wirklich böse?

Um dieses Thema weiterzuführen, möchte ich mich mit Severus Snape auseinandersetzen.

Wer die Bücher nicht kennt und die Filme nicht und Computerspiele, Comics, Hörbücher oder sonstwas, könnte jetzt also gespoilert werden.

Während die übrigen Haupt- und Nebencharas bei HP sich recht ordentlich an den beiden Enden der Gut-Böse-Skala aufstellen, ist Snape ziemlich in der Mitte, also weder Schwarz noch Weiß, sondern Grau. Das macht ihn natürlich zu einem interessanten Charakter, allerdings scheint mir seine Grauheit teilweise Artefakt des Umstandes zu sein, dass Rowling einen grauen Charakter haben wollte, weil sich einige Punkte auch im Nachhinein nicht ganz so schlüssig erklären.

Vorab: Snapes Schulzeit erinnert mich deutlich mehr an meine eigene als Harrys, insofern kann ich mich irgendwie gut in ihn hineinversetzen. Also in seine damalige Situation und teilweise in seine folgenden Lebensentscheidungen.

Problem: ein Teil der Dinge, die er tut, um ein wahrhaft grauer Charakter zu sein, sind sinnlose Grausamkeit.

Mal angenommen, das Mädchen, in das ich in der Schule total verschossen war, mich aber gefriendzont hat, bekommt ein Kind. Hätte ich dem Kind gegenüber schlechte Gefühle? Nein.

Oder mein Erzfeind zu Schulzeiten, der mich mit seiner Clique immer gemobbt hat, hätte ein Kind. Würde ich das dann irgendwie nicht leiden? Ich behaupte mal, auch hier nein.

Oder – Extremfall – mein Erzfeind und meine Jugendliebe heiraten einander (die passten so gar nicht zusammen, aber fürs Argument) und bekämen ein Kind, und ich wäre dessen Lehrer, obwohl ich für den Beruf keinerlei Talent oder Berufung verspüre, aber egal: nein, auch dann würde ich das Kind nicht mobben.

Und wenn man jetzt einwendet, dass ich meine Jugend ja irgendwie hinter mir gelassen habe, auch zu Schulzeiten hätte ich keinerlei Probleme mit den Geschwistern der beiden gehabt.

Ok, bei Snape kam ein Bürgerkrieg dazu, in dessem Verlauf – also quasi am Ende – Erzfeind und Jugendliebe starben, was das „hinter sich lassen“ vllt. etwas blockierte. Aber trotzdem.

Und hier vermute ich, dass das „show“ statt „don’t tell“ sein soll: nicht erzählen, jemand wäre „grau“, sondern zeigen, dass er grau ist. Also trotz Snapes ehrlichem Wunsch, etwas Gutes zu tun, und Zauber-Faschismus zu verhindern, tut er auch Böses, indem er einen Elfjährigen das Leben schwer macht.

Und das fördert natürlich das „Slytherins: böse!“-Tropos, weil die Erklärung, die die Geschichte für Snapes Verhalten gegenüber Harry anbietet, eben genau die ist. Selbst, als Dumbledore Harry später Snapes Verhalten teilweise erklärt, versteht dieser es nicht ganz. Meine persönliche Idee wäre, dass Snape Harry deshalb unfair und ablehnend behandelt, damit er etwaigen Todessern als „unverdächtig“ erscheint, und ihr Vertrauen hat, wenn er – was ja passiert ist – ihre Organisation infiltrieren muss, und dass das Harry nicht wissen darf, weil die kompetenteren Todesser das durchschauen würden, weil nur Snapes eigene Okklumentik stark genug wäre. Allerdings hätte das Dumbledore wissen können, also insofern ist das nur eine Theorie, und noch nichtmal eine besonders plausible.

Wobei ich finde, dass Okklumentik auch eine gute Metapher für Snapes Persönlichkeit ist – mit reiner Willenskraft niemanden an die eigenen Gefühle heranlassen.

Jedenfalls bekräftigt die sinnlose Ablehnung Snapes die generelle Idee, dass Slytherins böse seien, und im Zirkelschluss, dass Snape deshalb „gut“ bei denen aufgehoben ist. Er ist ansonsten zwar recht schlau und gerissen, aber nicht besonders ehrgeizig. Ehr kommt aus bescheidenen Verhältnissen und ist nicht reinblütig. Außerdem hat er fettige Haare, und warum sollten ausgerechnet Slytherins auf Äußerlichkeiten nicht achten? (Denkt dran, liebe Kinder, Äußerlichkeiten wie „hässlich“ oder „übergewichtig“ stellen keinen Beweis für Bösartigkeit dar, auch wenn Dracos Kumpels halt nicht so schlank sind wie er. Und Vetter Dudley. Aber bitte nicht verallgemeinern.)

Noch eine Theorie: Abgesehen davon, dass der Hausgründer Slytherin eine Abneigung gegen Muggelgeborene Zauberfähige hatte, gibt es einen anderen Faktor, der die Bündelung von Reinblüter-Rassisten dort befördert. Voldemort hat seine ersten Anhänger vermutlich vor allem unter anderen Slytherins gefunden, so dass diese überproportional oft Totesser wurden (die ganzen Prozesse und Verhöre nach Voldis Niederlage, wer Totesser war und wer nicht, wäre sonst auch recht schnell durch gewesen); jetzt ist es aber so, dass Magier-Kinder dazu tendieren, das Haus zu wählen, welches auch ihre Eltern und älteren Geschwister gewählt hatten, und das wird bei Todessern wohl aus taktischen Gründen befördert worden sein. Umgekehrt sind die Kinder von Voldemort-Gegnern sowie Muggelgeborene eher nicht nach Slytherin gegangen, so dass von Snapes Zeiten, wo er offenbar bei Slytherins genug integriert war, um da nicht regelmäßig fertig gemacht zu werden, bis zu Harrys Zeiten die Hogwarts-Häuser zu Filterblasen wurden. (Ich zumindest habe nicht den Eindruck, dass Crabbe oder Goyle besonders gerissen sind, oder mehr Ehrgeiz haben als Dracos Gefolge zu sein, oder irgendetwas anderes „Slytherin-Mäßiges“ außer „Bruderschaft“, aber selbst das wäre mehr Augenhöhe und außerdem hätten die das auch bei Hufflepuff. Von daher ist hier vermutlich die Erklärung, dass die bei Slytherin sind, weil ihre Eltern das so wollten…)

Ich habe leider den Eindruck, dass weder der Autorin noch den Figuren im Buch die Problematik mit den Häusern klar war, und dass es deshalb keinerlei Hinweise oder gar direkte Bestätigungen für diese Theorie gibt.

Ein Gedanke zu “Sind Slytherins also wirklich böse?

  1. Soweit ich mich erinnere, „wählen“ ja nicht Kind oder Eltern das „Haus“, sondern ein sprechender Hut. Die Ratschlüsse Huts sind unergründlich… ach ne, das war ein anderes Buch, Hiob statt Harry, glaube ich.
    Das Praktische daran ist, dass man dann auch keine Theorien braucht, warum jemand im Haus x ist – isshaltso. Deswegen brauchte Rowling auch keine Theorien entwickeln, sie wollte ja einfach ein Kinderbuch schreiben, in dem sie „Böse“, „Gute“, und einen „Wandler“ hatte – eher ohne irgendwelche Hintergedanken, die noch hineinzuinterpretieren wären.

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