Sind eigentlich alle Slytherins böse?

Jein.

Bzw., die Autorin versucht, diesem Eindruck durch Interviews und Twitter entgegenzuwirken, die Geschichte selbst ist dabei aber nur halbherzig.

Und da stellt sich ein Problem, welches relativ mit dem Begriff „show, don’t tell“ einher geht: man erzeugt sehr gemischte Botschaften.

Das Motto „show, don’t tell“ muss man im hiesigen Zusammenhang mit „zeigen statt erzählen“ übersetzen. Anstatt zu erzählen, dass jemand freundlich, witzig und etwas eitel ist, soll man zeigen, dass soe freundlich, witzig und etwas eitel ist, inderm soe freundliche, witzige und eitle Dinge sagt oder tut. Denn Dinge, die gezeigt werden, bleiben nachhaltiger im Gedächtnis. Und so, wie es eine Intention oder Absicht des Autoren gibt, gibt es auch das Versehen des Autoren. Wenn eine Figur etwas erzählt, was einen freundlichen, wenn auch etwas eitlen Witz darstellen soll, kann das bei der Leserschaft unglaublich gönnerhaft, unwitzig und selbstverliebt rüberkommen.

Oder, wenn man erzählen will, dass gruppenbezogene Vorurteile falsch sind, basiert ein großer Teil seiner Geschichte darauf, dass Harrys Vorurteile bzgl. der Slytherins fast komplett wahr sind.

Die Clique von Mitschülern, die dauernd auf ihm herumhacken, der Lehrer, der ihn so gar nicht leiden kann, und der Typ, dessen Motivation es ist, Harry zu ermorden, sind alles Slytherins. Dass ein Schuljunge da Vorurteile entwickelt, ist fast unvermeidbar. Dass die Leserschaft, die buchstäblich nur Harrys Perspektive kennt, das so dann übernimmt, ist logisch. Also wird ein Vorurteil aufgebaut, und dann passiert quasi nichts, was dieses Vorurteil über den Haufen schießt. Man mag jetzt einwenden, dass das ein Vorurteil in einer Fantasy-Welt über Fantasy-Wesen ist, und dass die Slytherins keine eindeutige Entsprechung im richtigen Leben haben, so dass es offenbar nicht darum geht, echte Menschen vor Harry-Potter-Fans zu schützen. Aber es ist ein Vorurteil, was von der Geschichte bestätigt wird.

Ergo ist die Botschaft, dass Vorurteile ein recht zuverlässiges Mittel sind, Freund und Feind zu unterscheiden.

Und ja, ich bin nach wie vor der Ansicht, dass man sich von Geschichten nicht zu sehr beeinflussen lassen soll, und ihre „Botschaften“ nicht 1-1 übernehmen, aber wenn man liest, wie schwer es angeblich sei, auf klischeehafte Vorurteile zu verzichten, dann scheint es auch nicht leicht zu sein, einfach neue Vorurteile zu erfinden.

Ich werde dazu etwas mehr schreiben, aber hier will ich erstmal ein paar grundlegende Sachen nennen, die das „alle Slytherin sind böse“-Vorurteil vermieden hätten.

  1. mehr gute Slytherins, d’oh. Einfach irgendeinen Mitschüler, dem Harry misstraut, weil er dieses grüne-Schlangen-Emblem hat, aber der tatsächlich Harry unterstützt. Oder meinetwegen nichtmal pro-Harry, sondern anti-Draco ist, weil der sich zu sehr auf das Geld und den Einfluss seiner Familie verlässt, aber nicht genug Ehrgeiz, Findigkeit, Entschlossenheit oder sonstige Slytherin-Tugenden an den Tag legt, um selbst etwas zu reißen. Der „gute“ Slytherin hätte diese Eigenschaften, schon um zu belegen, dass solche Eigenschaften nicht per se „böse“ seien.
  2. mehr böse Nicht-Slytherin. Gibt es irgendeinen Grund, warum Umbridge nicht in Hufflepuff gewesen sein könnte, eine gewisse Abneigung gegenüber den ach-so-tollen Gryffindors entwickelte und den hach-wie-schlauen Ravenclaws, und es denen mal so richtig heimzahlen will? Und eine gewisse Logik dahinter, dass Tom Riddle in Haus Slytherin gelandet ist, will ich zwar nicht abstreiten, aber eigentlich war er ein Streber, der das Wissen suchte, den Tod zu überwinden, und das ist sehr Ravenclaw-mäßig. Außerdem gelten Slytherins auch als Führungspersönlichkeiten. Was allerdings aus einem J.K.Rowling-Interview stammt. Jedenfalls hat Voldemort eher gar keine Führungsqualitäten oder sonstige soziale Skills. Man vergleiche ihn mal mit Imperator Palpatine.
  3. im Zusammenhang mit Umbridge: dass Malfoy und Co. deshalb pro-Umbridge sind, weil sie contra-Dumbledore sind, ist ja plausibel, aber generell, wer wäre am ehsten dabei, Widerstand gegen jemanden zu leisten, der die Wand mit Vorschriften tapeziert? Die Streber, Nerds und Spinner aus Ravenclaw? Die gutmütigen, fleißigen Durchschnittstypen aus Hufflepuff? Die Recht-und-Ordnung-Fraktion aka Gryffindor? Oder die gerissenen Slytherins, die sich – wie es das Vorurteil will – gerne um Vorschriften herumschlängeln?
  4. in Verbindung mit den ersten beiden: irgendeine Stelle, wo Harry dem Slytherin-Mitglied misstraut und dem nicht-Slytherin-Mitglied vertraut, nur ist letzteres ein Hardcore-Todesser und ersteres nicht.
  5. Harry mal einfach mit anderen Charas reden lassen. Über solche Todesser, die keine Slytherins sind oder waren. Über Slytherins, die im Orden des Phönix waren. Und darüber, dass man Harry mit seinen Vorurteilen inzwischen nicht mehr ernst nimmt. (Eine Menge Sachen erfährt er nur nebenbei, das ist also ein weitergehendes Problem.)

Weiterhin gibt es einen gewissen Logik-Bug, was die Abneigung der Slytherins gegen muggelgeborene Zauberer und Hexen betrifft. Erstmal, sind Muggels für magische Menschen jetzt eine „minderwertige Rasse“ oder mehr „Behinderte“? Weiterhin, wenn man Hermine als „Schlammblut“ beschimpft, geht das schon sehr in die Richtung Rassismus statt Behindertenfeindlichkeit, weil man ihr ihre Abstammung zum Vorwurf macht, allerdings, wenn man Rassisten aus dem richtigen Leben kennt, sind die auch gegen Menschen, bei denen nur ein Elternteil die falsche „Rasse“ hat. Und die muggelfeindlichen Familien enterben ihre Söhne und Töchter, die das machen. Aber trotzdem es gibt genau zwei prominente Zauberer, die solch einer Ehe (oder was immer das bei Voldemorts Eltern war) entstammen, und genau die waren ausgerechnet bei den Slytherins? Das ist so, als würde ein rassistischer Südstaatenclub keine Schwarzen aufnehmen, aber Kinder von weißen Frauen, die freiwillig einen Schwarzen geheiratet haben. Oder jedenfalls freiwillig, was die Frau selbst betrifft. Soll heißen, warum wurde Snape von Gryffindors gemobbt, aber offenbar nicht von Slytherins?

Jetzt könnte man das tatsächlich erklären, wenn man Slytherins über die Charaktereigenschaften betrachtet, die sie für sich in Anspruch nehmen, wie Ehrgeiz, Intelligenz, Selbstvorsorge, Entschlossenheit und Brüderlichkeit, und nicht über die „Alle-Slytherins-sind-Rassisten“-Schiene: gerade, wenn man in der Zaubererwelt schlecht aufgestellt ist, wäre es gut, einen gewissen Ehrgeiz und Durchsetzungswillen zu entwickeln, und anderen die eigenen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen, und deshalb fängt man bei Slytherin an. Und die anderen Slytherins akzeptieren das auch, wenn man genug Einsatz zeigt.

Oder vllt. waren zu der Zeit von Harrys Eltern die Reinblutfetischisten besser über die Häuser verteilt, und das war für Snape nicht so ein wichtiger Faktor wie es das wohl für Hermine war.

ODER, es war sogar so, dass die Slytherins, eher am wenigsten die law-and-order-Fans, damals am ehsten bereit waren, ihre Eltern mit Muggelehen und dergleichen zu schocken. (Oder, ganz trivial, im Reich der Blinden ist der Einäugige König – Muggels kann man viel leichter „bezaubern“… „Merope hat aber viel Charm!“ – „Du meinst, sie ist charmant?“ – „Nein, sie hat viel Charm. Betörung, Bezauberung, Becircen, Charm in Flaschen, Charm in Pillenform, Charm als Parfum. Anders kriegt die doch nie einen ab…“)

Jedenfalls hätte es mehr Möglichkeiten gegeben, keine Klischees, oder wenigstens weniger plumpe Klischees aufzubauen.

2 Gedanken zu “Sind eigentlich alle Slytherins böse?

    1. Das stimmt. Zwar eher ein Authors Saving Throw, aber ich fand’s trotzdem gut, um zu zeigen, dass nicht alle Slytherins böse sind.

      Vielmehr nehme ich aber dem Film (und dem Buch? weiß nimmer genau) übel, dass er zur Endschlacht tatsächlich *ALLE* Slytherins einfach wegsperrt. Niemand aus dem Haus will sich Voldemort in den Weg stellen? Ernsthaft? Das ist – wenn man von Verteilung(en) ein bisschen Ahnung hat – unwahrscheinlich. Zumal, wenn man sich überlegt, dass das eigentlich ein gefundenes Fressen für EHRGEIZIGE Leute wäre, VOR ALLEM DANN, wenn kein anderer Slytherin sich zum Kampf bereit erklärt. Aber von dem was Filme und Bücher zeigen bin ich fast schon überzeugt, dass eher FEIGHEIT zu einer der Kernwerte des Hauses der Grünen zählt…

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