Diskriminierung und Denkfehler

Weil’s so schön ist, noch einen.

Wer im Internet über alltäglichen Sexismus, Rassismus, Homophobie und andere Arten der Diskriminierung schreibt — zum Beispiel … [Pippi Langstrumpf]

Ich stelle fest, dass er hier „Diskriminierung“ als Oberbegriff für Sexismus, Rassismus und anderes verwendet. Jetzt wird Diskriminierung aber auch nach Kategorien wie der Methode unterschieden (verbal, ungleiche Entlohnung, ungleiche Benotung, etc.) oder der Quelle (Individuum, Institution, Gesellschaft als Ganzes, etc.), d.h., „Diskriminierung“ ist hier tatsächlich der generellste Oberbegriff, den A.S. wohl finden konnte, was ja erstmal legitim ist. Das Problem, was er im Folgenden anspricht, könnte aber zumindest teilweise daraus resultieren, dass er nicht genau erklärt, was er damit meint. Jemand bspw., der unter „Diskriminierung“ „ungleiche Behandlung am Arbeitsplatz, im Wohnungsmarkt oder anderen Teilen des RL“ versteht, betrachtet den Inhalt eines Romanes nicht als Diskriminierung. Und jetzt kann man gerne argumentieren, dass dieser Jemand halt eine falsche Definition von „Diskriminierung“ verwendet; dennoch ist dies eine plausiblere Erklärung von Widerspruch als die, die A.S. hier anbringt. Hinzu kommt der Denkfehler, dass alle Personen, die ihm widersprechen, einen von insgesamt zwei möglichen Gründen davon hätten. Warum sollte das so sein?

braucht auf zwei Dinge nicht lange zu warten: Menschen, die feststellen, dass das Beschriebene völlig irrelevant ist und ganz und gar nichts mit „echter“ Diskriminerung zu tun hat

Er fasst hier offenbar eine Argumentation zusammen, die nicht seine eigene ist. HIER wäre eigentlich die Stelle, wo man über die Bedeutung des Wortes, Definition, Konnotation, Unterschiede in Fach- und Umgangssprache und was nicht alles referieren könnte, wenn man ein Sprachwissenschaftler wäre, der Nicht-Sprachwissenschaftler etwas beibringen wollte. (nota bene: ob alle, die zwischen „echter“ und „unechter“ Diskriminierung unterscheiden, tatsächlich nur das Wort anders verwenden, will ich nicht behaupten, aber entweder ist ihm einfach nicht bewusst, dass es solche Menschen gibt, oder er ignoriert das einfach.)

Menschen, die sich empört gegen den vermeintlichen Versuch wehren, ihnen Verhaltensvorschriften zu machen, wo sie doch ganz genau wissen, dass ihr Verhalten keinesfalls diskriminierend sein kann (falls es Diskriminierung in unserer modernen Gesellschaft überhaupt noch gibt).

„Vermeintlicher Versuch“ stimmt insofern, als dass A.S. tatsächlich nur „laut“ darüber nachdenkt, welches Verhalten er sich von anderen wünscht. Aber diese Gruppe besteht aus mindestens zwei Gruppen: Leuten, die andere diskriminieren, und Leuten, die das nicht tun.

Da weder die Feststellung noch die Empörung normalerweise mit Argumenten unterfüttert wird und da Erklärungs- und Diskussionsversuchen meist mit einer stumpfen Wiederholung der Feststellungen und der Empörung begegnet wird, steigt mit jedem Mal die Verlockung, diese Menschen als unverbesserliche Dummköpfe oder bösartige Trolle abzuschreiben

Ein paar sind das bestimmt. Die meisten, die er überzeugt, waren schon vorher seiner Meinung. Insofern ist er weder diplomatisch noch argumentativ besonders gut.

Allerdings sind diese Menschen — und zwar ganz unabhängig davon, ob sie tatsächlich Trolle oder Dummköpfe sind — Teil des Systems, in dem die Diskriminierung stattfindet

Das ist trivialerweise wahr. Theoretisch – ich mache jetzt mal einen vermeintlichen Versuch, ihm Verhaltensvorschriften zu machen – hätte er einen Artikel schreiben können:

Sofern nicht explizit anderes gesagt wird, gilt für meine Artikel:

  • Ich meine mit ‚Diskriminierung‘ jede Art von Rassismus, Sexismus, Homophobie…
  • Ich differenziere dabei nicht zwischen diskriminierenden Taten, Worten, Gesetzen, Ideen, Verhältnissen oder sonstigen Praktiken und Vorgängen
  • Ich differenziere nicht danach, ob die Diskriminierung von Individuen, Gruppen, Institutionen oder sonstwem ausgeht
  • Ich differenziere nicht danach, ob es der oder den Personen bewusst ist, dass sie diskriminieren

Dann wäre evt. die Diskussion darauf verschoben worden, ob einem Schwarzen, dem 357x in den Rücken geschossen wurde, dasselbe Unrecht widerfahren ist, dass „Pippi im Taka-Tuka-Land“ darstellt, aber die ganze „das ist keine Diskriminierung“-Diskussion wäre insofern abgekürzt. Wörter und ihre Definitionen, so wichtig.

dieses System wird sich nicht verändern lassen, solange eine Mehrheit (oder auch nur eine große Minderheit) die Diskriminierung nicht sieht und folglich nicht für real hält.

Einerseits ja: solange die Diskriminatoren weiter machen, ändert sich nichts. Andererseits ist das die Stelle, wo man zwischen unterschiedlichen Formen der Diskriminierung unterscheiden könnte.

Wir müssen uns deshalb fragen, wo die Ursachen für den Mangel an Verstehen liegen.

„Wir“

Mit dieser Frage beschäftigen sich auch die Soziologinnen Sherryl Kleinman und Martha Copp (2009), die ähnliche Probleme … aus ihrer jahrzehntelangen Erfahrung mit Studierenden kennen

Sind das Erfahrungen mit Soziologie-Studenten(m/w/d)? Wenn ja, gelten diese Erfahrungen nur für  solche Menschen, die Soziologie studieren und evt. solche, die sie studiert haben, und können nicht beliebig auf alle Menschen übertragen werden.

die aus deren Reaktionen vier unbewusste und tief verwurzelte Alltagstheorien abgeleitet haben, die das Verstehen von Ungleichheit und Diskriminierung erschweren:

Das jemand tatsächlich bewusst andere Menschen diskriminieren will und deshalb gegen A.S. ist, kommt diesem scheinbar gar nicht in den Sinn. Aber gut, einige Menschen machen folgende Denkfehler bestimmt; und einige von denen wiederum sind gegen die Umschreibung von PL.

1.) Schaden ist direkt und unmittelbar. Menschen gehen davon aus, dass die schädlichen Konsequenzen einer Handlung sofort eintreten und klar sichtbar sind und dass schädliches Verhalten klar von nicht-schädlichem Verhalten unterschieden werden kann.

Wer tut dies? Lungenkrebs entsteht erst nach Jahren oder Jahrzehnten. Wenn man ein Werkzeug auf einer Wiese liegen lässt, ist es nicht sofort verrostet. Dass manche Menschen trotzdem rauchen oder ihr Zeug verrosten lassen, hat andere Gründe, als dass sie zu doof für diese Einsicht sind.

2.) Schädliches Verhalten hat psychologische Ursachen. Menschen gehen davon aus, dass die Ursachen für schädliches Verhalten in der Psyche von Individuen zu suchen sind — etwa in bösen Absichten oder in psychologischen Störungen.

DAS denken Soziologen? Nicht Psychologen etwa? Okeee. Wieder ein Vorurteil widerlegt. Wie dem auch sei – manche Menschen machen tatsächlich schädliche Dinge aus psychologischen Gründen, noch nicht mal immer „Störungen“, und gelegentlich wird das damit auch entschuldigt. Der Umkehrschluss „X hat keine psychologischen Störungen und kann daher kein Mörder sein“ kommt mir aber trotzdem nicht nur logisch falsch vor, sondern ich habe noch nie davon gehört, dass jemand jemals so argumentiert hätte.

3.) Schaden entsteht nur durch absichtsvolles Handeln. Menschen gehen davon aus, dass nur solche Handlungen schädlich sein können, die darauf ausgerichtet sind, jemandem zu schaden, oder die dies bewusst in Kauf nehmen. Verhaltensweisen, die Spaß machen oder Freude bereiten sollen, können dagegen nicht schädlich sein

Es ist noch nie jemand bei einem Fahrradunfall gestorben? Was sind das für Ideen? Was es tatsächlich gibt, allerdings im Jurastudium, im Philosophiestudium und evt. noch in der Theologie, ist die Idee, dass es ein Unterschied für die ethische Bewertung einer Tat macht, ob sie absichtlich ausgeführt wurde, und wenn, was diese Absicht war. Also z.B. der Unterschied zwischen Mord und fahrlässiger Körperverletzung oder zwischen Lüge und irrtümlicher Falschbehauptung. Und weil dieser Unterschied sich in der Sprache wiederspiegelt, wäre auch das ein Thema für einen Sprachwissenschaftler.

4.) Schaden kann immer einzelnen Individuen zugeordnet werden. Meschen gehen von einfachen Ursache-Wirkungs-Beziehungen aus, bei dem jeder Schaden auf eine bestimmte Handlungen eines einzelnen zurückgeht.

Diese Idee kann ich noch am ehsten nachvollziehen: da Menschen dazu neigen, einen, also genau einen, Schuldigen zu suchen und zu finden, ist möglicherweise gemeint: „Schaden soll immer einzelnen Individuen zugeordnet werden.“ Ich weiß jetzt nicht genau, wie das zustande gekommen ist, aber lassen wir mal das so stehen.

Aus diesen Alltagstheorien folgen gewisse Vorstellungen darüber, welche Verhaltensweisen schädlich sein können, und welche nicht.

Das wohl schon, aber ich bin noch nicht einmal davon überzeugt, dass viele so denken.

Aus 1.) folgt die Vorstellung, dass Verhaltensweisen ohne sofortige und sichtbare Schäden überhaupt keinen Schaden verursachen. Dass sich hunderte kleiner, nicht sichtbarer Schäden anhäufen und in der Summe zu großen Schäden führen, wird damit ausgeblendet.

Offenbar wird eine Straße, die täglich von 10.000 Fahrzeugen befahren wird, irgendwann kaputt sein. Diese Beobachtung wird wohl auch Studenten der Soziologie und ihren nicht-männlichen Kommilitonen einleuchten. Trotzdem verbietet man nicht das Befahren der Straße, sondern legt Rücklagen an, um diese irgendwann zu sanieren. Oder, auf die Diskriminierungsfrage bezogen, es gibt eine „Bagatellgrenze“.

Aus 2.) und 3.) folgt, dass wohlmeinende und psychologisch unauffällige Menschen keinen Schaden anrichten können

Nein. Wenn überhaupt, dann folgt aus 2.), dass Menschen, die einen Schaden anrichten, in Wahrheit doch „psychologisch auffällig“ sind, da sie genau durch das schädliche Verhalten auffielen, und aus 3.), dass Menschen, die einen Schaden anrichteten, aber angeblich keinen Schaden beabsichtigten, lügen. Oder in Verbindung mit 2.) aus psychologischen Gründen die Unwahrheit sagen. Oder, auf die Diskriminierungsfrage bezogen, nicht alles, was als „Diskriminierung“ betrachtet wird, sollte eine Diskriminierung sein.

und dass gutgemeintes Verhalten keine negativen Konsequenzen hat.

Gutgemeintes Verhalten ist eben kein gutes Verhalten. Dass irgendwer ernsthaft denkt, man könne nicht aus Versehen etwas falsch machen, möchte ich gerne belegt haben.

Aus 4.) folgt, dass es keine strukturellen Ursachen für gesellschaftliche Schäden geben kann.

Das wäre bei einer Demokratie zumindest tatsächlich die Konsequenz. Andererseits könnte es auch realistischerweise keine individuellen Ursachen für gesellschaftliche Schäden geben, weil ein Individuum nicht die Macht dazu hätte. Aber die Prämisse 4.) ist falsch. Gruppen können mehr Schaden anrichten als Individuen. Offensichtlicherweise.

Diese Alltagstheorien stören die Diskussion von Ungleichheit, Diskriminierung und sozial schädlichem Verhalten in zweifacher Weise.

Also abgesehen davon, dass die, die tatsächlich diese Alltagstheorien verinnerlicht hätten, sehr merkbefreit wären.

Erstens machen sie es denen, die sich dieser Alltagstheorien nicht ausreichend bewusst sind, schwer, Diskriminierung und schädliches Verhalten überhaupt als solches zu erkennen.

Was ist jetzt der Unterschied zwischen „Diskriminierung“ und „schädlichem Verhalten“? Aber dessenungeachtet – A.S. nimmt anscheinend an, dass diese Alltagstheorien so funktionieren, wie sie formuliert sind, und nicht etwa vier etwas andere Ansichten darstellen, die er falsch verstanden oder falsch wiedergegeben hat. Insofern helfen diese „Alltagstheorien“ nicht weiter.

Nur bewusst verletzendes Verhalten einzelner mit sofort sichtbaren negativen Konsequenzen wird dann als schädlich akzeptiert — also z.B. frauen- oder fremdenfeindliche oder homophobe Beleidigungen oder Gewalttaten.

Also ungefähr das, was strafbar ist. Ungeachtet dessen, was man alltagstheoretisch glaubt, wenn die Gruppe schuld an Diskriminierung ist, muss der Staat das Individuum schützen. Das kann er nur per Gesetze. Und Gesetze fragen danach, welcher Schaden angerichtet wurde, oder welches Rechtsgut verletzt.

Gut gemeintes Verhalten (Frauen die Tür aufhalten),

Ist dem Individuum zuzuordnen. Wie viele Türen müsste ich einer Frau aufhalten, bis ein messbarer Schaden entsteht? Aber ich halte vorsichtshalber in Zukunft nur noch Männern die Tür auf.

geschlechtsspezifische Normen (Make-Up, bestimmte Farben und Kleidungsstile)

Hachja. Zu dem Zeitpunkt gab es vermutlich noch keine Terfigkeit. Worauf Leute reagieren, „wie jede unterdrückte Minderheit reagieren würde: indem sie sich auf allen Kanälen zusammen­rotten und einen lauten Dauersturm an Hass, Drohungen und Lügen veranstalten.“ Entschuldigung, das war ein falsches Zitat, es muss heißen: „menschen­verachtende Propaganda­maschine“

„scherzhaft“ oder „neutral gemeinte“ Verwendungen rassistischer, sexistischer oder homophober Sprache,

Ein „fetter“ Mann und seine Tochter mit ADHS finden, dass das eine verdächtig spezifische Liste an „-ismen“ sei, die als schädlich genannt werden.

„geschlechtsspezifisches“ Spielzeug, unrealisische Körperbilder und stereotype Rollenverteilungen in Werbung und Medien usw. werden nicht als Problem erkannt

Weil die, die das problematisieren, selbst auch problematische Menschenbilder haben, weil sie einseitig oder selektiv gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit vorgehen (wollen), und weil das Problem tatsächlich deutlich keiner ist, als es gefrämt wird. Was jetzt nicht heißen soll, dass man solche Werbung gut finden muss.

da sie meist nicht in böser Absicht geschehen

Jein. Offenbar ist Werbung im Interesse der beworbenen Firma, nicht notwendigerweise im Interesse ihrer Kundschaft. Man sollte Werbung gegenüber eine gewisse Hornhaut entwickeln.

da sie sich in bestehende gesellschaftliche Strukturen einfügen und nicht einzelnen, gestörten Individuen zugeschrieben werden könne

Der Mann, der einer Frau die Tür aufhält, die Frau, die eine bestimmte Werbung dreht, und jemand, der in einem Buch bestimmte Klischees bedient, sind Individuen. Wie gestört die sind, sei mal dahingestellt.

da sie scheinbar keine unmittelbar sichtbaren Schäden anrichten.

Achja. Wissenschaftlich betrachtet – welcher Schaden wird denn angerichtet? Die verrostete Gartenschere, der Lungenkrebs, die abgefahrene Straße und das Ozonloch sind messbar.

Zweitens machen sie es denen, die sich dieser Alltagstheorien nicht ausreichend bewusst sind, schwer, angemessen mit ihrem eigenen Anteil an diskriminierendem Verhalten und diskriminierenden Strukturen umzugehen.

Oh. Was ist mit denen, die bewusst diskriminieren? Sind die nicht schlimmer?

Das eigene schädliche Verhalten wird nicht erkannt (ich kann nichts falsch gemacht haben, wenn ich keine böse Absicht hatte),

Bestritten. Das Wort heißt bestritten. Zu Recht oder Unrecht. Der Unterschied zwischen „ich habe nichts falsch gemacht“ und „ich habe einen Fehler gemacht, der aber nicht bestrafenswert ist“, ist natürlich fließend.

der Hinweise auf struktruelle Ungerechtigkeiten und vor allem auf strukturelle Privilegien wird als persönliche Schuldzuweisung verstanden (da Schaden ja immer Individuen zugeordnet wird).

War die folgende Aussage, dass man Rassismus verbreitet, wenn man iosen Kindern PL vorliest, ernstgemeint oder ironisch überspitzt? „Drittens besteht natürlich die logische Möglichkeit, die Diskriminierung im Text wohlwollend und unkommentiert hinzunehmen und den Text dazu zu verwenden, die diskriminierenden Ideen an die nächste Generation weiterzugeben.“ Insbesondere das Wort „wohlwollend“ impliziert hier nicht nur unbewusstes Handeln, sondern eine Absicht. Also – für alle, die nicht an „psychologische Gründe“ als einzige Erklärung für falsches Verhalten glauben – eine persönliche Schuldzuweisung. Was strukturelle Privilegien betrifft – ist dieser Hinweis als Aufforderung zu verstehen, entweder auf eigene Privilegien zu verzichten oder aber anderen aktiv denselben Vorteil zu verschaffen? Wenn ja, was soll das anderes sein als der persönliche Vorwurf, man habe dies bis dahin unterlassen? Wenn A.S. oder sonstwer Wert darauf legen, dass ihre Kritik nicht als persönliche Vorwürfe verstanden werden, geben sie sich wenig Mühe, diesen Eindruck zu vermeiden.

Bei unseren Diskussionen von Alltagsdiskriminierung sollten wir deshalb darauf achten, diese Alltagstheorien explizit einzubeziehen

Was extrem schwierig ist, wenn man die selbst nicht ganz verstanden hat. Wenn man Menschen generell ein derartig unrealistisches Menschenbild zutraut, müsste man das eigene Menschenbild selbst hinterfragen.

deutlich zu machen, dass eine rosa Barbie-Elfen in pornographischer Posen allein oder eine einzelne Anzeige, in der mit rosa Handtaschenklischees für Smartphonetarife geworben wird, kein Mädchen in die Magersucht treiben und keine Frau dazu bringen wird, sich selbst nur an ihrem Potenzial als Sexobjekt zu messen

Achwas? Ich bezweifle inzwischen, dass da jemand ein realistisches Verständnis von den Ursachen von Magersucht hat. Aber ja, die vielen, vielen Artikeln, in denen explizit immer gesagt wird: „Diese Nackte Frau an der Waschstraße wird keine Frau dazu bringen, sich als Sexobjekt zu sehen, aber…“

Dass ein einzelnes Kinderbuch in dem ein schwedischer Trunkenbold und seine narzisstische Tochter über ein dunkelhäutiges Südseevolk herrschen die jungen Leser/innen nicht zu Rassis/innen machen wird.

Liebe Rassisinnen und Rassisen, Sie lesen es selbst: Diese schwedischen Alkoholiker immer, das sind die schlimmsten. „Narzissmus“ hat übrigens eine umgangssprachliche und mehr als eine fachsprachliche Bedeutung. Welche von denen A.S. meint, ist im übrigen irrelevant, weil keine davon eine sprachwissenschaftliche Bedeutung ist.

Dass eine einzelne Radiosendung, in der Männer für Frauen sprechen, den Zuhörenden nicht den Eindruck vermitteln wird, dass Frauen nichts Relevantes zu sagen hätten.

Die Älteren erinnern sich, es gab einmal eine Radiosendung, bei der nur Männer über Frauenthemen redeten.

Dass diese Dinge aber im Zusammenspiel mit hunderten ähnlicher Erfahrungen daran mitwirken, dass sexistische, rassistische und andere diskriminierende Strukturen aufgebaut und fixiert werden.

Es gibt ebenso hunderte von gegenteiligen Erfahrungen. Mal abgesehen davon, dass ein halbwegs erwachsener Mensch lernen sollte, zwischen Fiktion und Realität zu differenzieren. Ja, mein Menschenbild ist optimistischer. Eine bestimmte Dosis Arsen ist tödlich, aber wenn man über einen längeren Zeitraum immer kleine, nicht-tödliche Mengen aufnimmt, immunisiert man sich. Und kriegt glänzende Haare.

Und zwar unabhängig davon, ob das beabsichtigt oder auch nur fahrlässig in Kauf genommen wird, und unabhängig davon, ob der Schaden, den diese Strukturen anrichten, in jedem Fall sofort erkennbar ist.

Diese Indifferenz macht es leicht für ihn – ein Mensch, der einen anderen aufgrund Hautfarbe, Geschlecht, sexueller Orientierung, Übergewicht oder Retalinbedarf nicht einstellt, ist dann auch nicht schlechter als ein anderer, der ein Buch geschrieben hat, in dem jemand aufgrund Hautfarbe etc. einen Job nicht bekam. Hurra.

Außerdem müssen wir darüber nachdenken, welche weiteren Alltagstheorien möglicherweise das Verständnis diskriminierender Strukturen behindern. Eine solche Theorie scheint mir z.B. zu sein, dass nur offensichtliche Vorteile als Privilegien betrachtet werden, nicht aber die Abwesenheit von Nachteilen

Das wäre tatsächlich eine bessere „Theorie“, aber scheitert für mich zumindest am Begriff „Privileg“. Entweder, man versteht das als „Sonderrecht“, dann sind nur Vorteile, die ein Gesetz gewährt, Privilegien. Oder, man versteht es als „Vorteil“ ohne Bezug auf Gesetze und Verordnungen. Dann ist natürlich der Nachteil von X der Vorteil von Y, wenn Y dieser Nachteil fehlt. Aber – und dann spielt das gesetzliche wieder rein – wenn der Vorteil von Y etwas ist, was X genauso beanspruchen könnte, wer genau verhindert, dass X das tut? Angenommen als Beispiel, Menschen mit einem „y“ im Namen werden auf dem Wohnungsmarkt bevorzugt. Dazu gibt es kein Gesetz und keine Vorschrift, aber faktisch ist das so. Wer müsste das ändern? Person Y, die eine Wohnung wegen ihres Namens bekommt, der Gesetzgeber/die Justiz, oder die Vermieter, die aus irgendwelchen Gründen Namen mit „y“ toll finden?

Dem obigen zufolge wären zusätzlich die Schriftsteller schuld, weil die nicht genug Bücher darüber schreiben, was für tolle Mieter Menschen ohne „y“ seien.

2 Gedanken zu “Diskriminierung und Denkfehler

  1. Wer alle Ungerechtigkeiten beseitigen will, kann das nur mit einem totalitären Staat. Und darauf zielen die Woken ab.

    Dieser A.S. sollte übrigens seine Privilegien – insbesondere mansplaining – aufgeben und jedes mal, wenn sich die Gelegenheit bietet, etwas zu äußern, diese Möglichkeit an einen Obdachlosen abtreten. Im übrigen genießt er auch das Privileg, nicht von Schwarzen als Lösegeldgeisel genommen und/oder ermordet zu werden, weshalb wir ihn in Somalia aussetzen sollten.

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  2. „Dass diese Dinge aber im Zusammenspiel mit hunderten ähnlicher Erfahrungen daran mitwirken …“

    Ein einzelnes Kinderbuch macht Kinder nicht zu Rassisten. Ebenso wenig, wie ein einzelner Schwarzfahrer den Untergang der Verkehrsbetriebe bedeutet.

    Aber hat nicht A. S. kürzlich sich die Beförderungserschleichung (vulgo „Schwarzfahren“) schöngeredet? Siehe hier: https://apokolokynthose.wordpress.com/2020/05/20/warum-es-auch-links-keine-gratiskultur-geben-sollte/

    Eine Handlung, eine Ansicht, ein Buch kann im Einzelfall harmlos erscheinen, aber „im Zusammenspiel mit hunderten ähnlicher Erfahrungen“ schädlich. Aber das gilt anscheinend nur in Kontexten, in denen es A. S. zufällig in den Kram passt.

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