Konsenz

Eigentlich Konsens, aber ich greife Tippfehler-Googel ab.

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WAS IST SEXUELLER KONSENS?

Die Frage soll natürlich suggerieren, dass es eine relevant hohe Anzahl von Menschen (Männer jedenfalls) gäbe, die das nicht wüssten.

Ja? Nein? Vielleicht? Konsens beim Sex bedeutet Einvernehmlichkeit.

Eigentlich nicht. Das englische Wort „consent“ bedeutet Eivernehmen oder meinetwegen auch Einvernehmlichkeit, das deutsche Wort „Konsens“ bedeutet hingegen mehr „gemeinsame Meinung„. Das kommt davon, wenn man einfach englische Begriffe ins Deutsche überträgt, wie BIPOC, und dann Kartoffel-Karl und Spargel-Tina zur diskriminierten Minderheit der indigenen Deutschen gehören.

Also, dass alle Beteiligten jederzeit und gleichermaßen mit allem einverstanden sind, was zwischen ihnen passiert.

Wenn man statt „Konsens“ „Einvernehmen“ schreiben würde, wäre der Artikel viel kürzer, weil die Einleitung wegbleiben könnte. Aber die kann auch so wegbleiben, also…

Und zwar so, dass sie bewusst und aktiv zustimmen.

Wenn es keinen Konsens ist, ist das der sog. Dissens. Ich bin kein Jurist, also verlinke ich Tante Wiki. Tante Wiki ist zwar auch kein Jurist, aber hat eine schönere Mirandaerklärung.

Klingt ziemlich einleuchtend, oder? Leider ist es aber nicht immer so einfach mit dieser Einvernehmlichkeit.

Doch, ist es. Das ganze Narrativ soll sagen, dass Männer eigentlich zu doof für alles sind, und dass man sie daher wie Idioten behandeln muss, um Vergewaltigungen zu verhindern. Hat mal irgendwer so getan, als seien Ladendiebe einfach zu blöd zu verstehen, was ein Kaufvertrag ist? Nein. (Dass Ledendiebe eher selten behaupten, der Kioskverkäufer habe ihnen bspw. den Schokoriegel freiwillig gegeben, ohne eine finanzielle Gegenleistung zu verlangen, liegt einfach daran, dass es sehr unplausibel und daher unglaubwürdig ist, dass der Kioskbetrieber das tun würde. Im Unterschied dazu soll es schon mehrmals vorgekommen sein, dass Frauen freiwillig Sex mit Männern hatten.)

Das fängt zum Beispiel schon damit an, was als Sex gilt und was nicht.

Ja, wenn es keinen Konsens in der Frage gibt, was als „Sex“ gilt, ist der Dissens natürlich gleich mit eingebaut. Auf Angeberdeutsch:

  • Scheinkonsens: Beim Scheinkonsens haben sich beide Parteien nicht geeinigt, da sie einen Begriff verwendet haben, der eine mehrdeutige Bedeutung hat (Homonym) und beide Partner daher diesen Begriff unterschiedlich interpretiert haben.

Da aber die allermeisten Menschen recht einheitliche Vorstellungen haben, was als Sex gilt und was nicht, ist das Argument eher irrelevant.

Anfassen oder Küssen kann für eine Person schon eine sexuelle Handlung sein, für eine andere hingegen noch nicht.

Würde man nahe Angehörige nicht berühren, weil das dann Inzest wäre? Was für ein weltfremdes Beispiel. Nebenbei, wenn jemand zwar Sex will, aber nicht angefasst werden dabei, will der vermutlich auch gewaschen werden, ohne nass zu werden.

So eine Person könnte denken: „Ist ja gar kein richtiger Sex, alles halb so wild“ und dann einer anderen Person gegenüber übergriffig werden.

Es herrscht wohl auch ein weitgehender Konsens in der Frage, dass es nicht als Sex zählt, wenn man sich gegenseitig mit rohen Eiern bewirft. Gleichzeitig würde man aber wohl auch in der Frage übereinstimmen, dass man das Einvernehmen mit den jeweils anderen Beworfenen braucht, um hinterher nicht haftbar zu sein. (Irgendwer zaubert jetzt bestimmt einen Präzedenzfall hervor.)

Anders als es in Filmen oft gezeigt wird, mögen unterschiedliche Menschen auch unterschiedliche Dinge an unterschiedlichen Körperstellen.

Ja, Pornos vermitteln eine etwas irreführende Vorstellung. Es herrscht Konsens, dass Porno keine Lehrfilme für Liebe, Sex und Zärtlichkeit sind.

Nicht alle fahren auf Ohrläppchenknabberei oder Oralverkehr ab.

Oral schreibt sich übrigens deshalb nicht „ohral“, weil es nichts mit Ohren zu tun hat. Wenn wir schon andere wie Idioten behandeln.

Was also einer Person gefällt und was nicht, ob sie Lust empfindet oder nicht, ob Einvernehmlichkeit besteht oder nicht, das lässt sich nur auf eine Art herausfinden: reden.

Also dürfen Stumme und Taube keinen Sex haben? Doch. Konsens kann juristisch gesehen nicht nur mündlich erfolgen, sondern auch durch Gebärdensprache, oder jedenfalls einschlägige Handzeichen, schriftlich und – und das ist hier besonders relevant – konkludentes Verhalten.

Besonders dann, wenn sich die Beteiligten nicht so gut kennen. Aber auch in längeren Beziehungen.

Das ist sicher nicht verkehrt, aber natürlich soll hier gefrämt werden, dass man immer reden muss.

Einige argumentieren, dass dadurch das prickelnde Spiel der Verführung beeinträchtigt wird.

Jein. Das Argument ist, dass, wenn man reden muss, um Konsens herzustellen, also eine Einigung wie bei einem Vertrag, um juristische Konsequenzen zu vermeiden, dies schon nur semiromantisch ist.

Doch das ist Quatsch.

Ich bin kein Jurist. Vllt. fände ich es geiler, wenn ich einer wäre?

Miteinander zu reden kann sehr erotisch sein. Man kann seine Wünsche mitteilen, sagen, was einem gefällt und das Gegenüber fragen, was es besonders mag.

Klar kann man das machen. Und wenn es das nicht will, verabschiedet man sich und geht, woll?

Schon mal von Dirty Talk gehört?

Ich hatte mal eine Fernbeziehung. Also ja.

Es ist nicht nötig, bei jeder einzelnen Berührung immer wieder um Erlaubnis zu fragen.

Auf einmal?

Aber es ist sehr wichtig, aufmerksam zu sein. Das heißt, auf körperliche Signale zu achten und im Zweifel nachzuhaken.

Also nur mit Licht an?

Zum Beispiel, wenn jemand zurückzuckt oder plötzlich ganz still wird und sich nicht mehr rührt.

Wenn Fesselspiele zu weit gehen. Aber dafür gibt es doch Safe-Wörter, oder? „Aber Mycroft, ‚m-Mh-Mhhh!‘ ist kein gutes Safewort!“

ABER WAS SOLL MAN SAGEN? HIER EIN PAAR BEISPIEL-SÄTZE:

Für die richtig doofen. Aber hey, man könnte sich viel Arbeit ersparen, wenn das Gegenüber einfach Regieanweisungen geben würde.

WAS HABEN GESCHLECHTERROLLEN DAMIT ZU TUN?

Gar nichts. Einvernehmen ist entweder symmetrisch oder nicht vorhanden.

In unserer patriarchalen Gesellschaft gibt es die Annahme, dass „ein richtiger Mann“ nicht fragt oder redet, sondern sich einfach nimmt.

Schokoriegel? Schokoriegel. Ansonsten gibt es eine Menge Einschränkungen, was ein Mann machen darf, dass Fragen eigentlich die meiste Zeit beanspruchen.

Männer wollen erobern, Frauen erobert werden. Doch das ist gefährlicher Nonsens.

Das ist vor allem widersprüchlich – entweder, ich kann mir einfach nehmen, was ich will, oder ich muss es erobern.

Auch der haarsträubende Gedanke “Frauen sagen nein, meinen aber ja” ist so ein toxischer, also schädlicher, Mythos.

Warum lassen die „toxisch“ nicht einfach weg, wenn die ein besseres Wort haben? Aber ja, so plakativ ist das falsch. Frauen sagen aber auch selten sofort „ja“. Wenn der Typ einigermaßen Interesse hat, wird er schon nochmal fragen…

Damit werden weibliche Stimmen, Ansichten und Wünsche als irrational dargestellt und entwertet.

Nö. Bzw., den meisten Männern ist klar, dass das nicht „irrational“ von Frauen ist, weil die allermeisten Männer zweimal fragen würden…

Das wiederum führt dazu, dass man(n) sie nicht ernst nehmen muss.

Eigentlich dazu, dass Männer zweimal fragen…

Ein Nein von einer Frau zählt nicht; sie kann schließlich unmöglich selbst wissen, was sie will und was gut für sie ist

Ein (1) Nein vllt. nicht, ein „Verschwinde, Du widerliche Person, sonst rufe ich die Polizei!“ schon. Ansonsten gehen die meisten Männer – außer vllt., sie arbeiten bei pinkstinks – davon aus, dass auch die Nein-Sagerinnen wissen, was sie wollen.

Dazu kommt, dass Männer im Patriarchat grundsätzlich meinen, sie hätten ein Recht auf Sex und Frauen müssten ihnen gefügig sein.

Tja, schade, dass wir in keinem Patriarchat leben. Halt, doch nicht. Im Patriarchat wurden Männer, die mit Frauen schliefen, mit denen sie nich verheiratet waren, entweder hingerichtet, oder die Ehemänner bzw. Väter und Brüder der jeweiligen Frauen durften sie straflos direkt töten.

Abgeblitzt werden? Unvorstellbar fürs männliche Ego.

Ähh, doch? Wer kassiert mehr Körbe, Männer oder Frauen?

Aber auch Scham spielt eine Rolle: Frauen sollen im Patriarchat nie offen zeigen, dass sie selbst Lust auf Sex haben.

Ja, aber das ist heute anders. Wenn Männer heute sich nehmen dürfen, was sie wollen, wäre es völlig sinnlos, wenn Frauen so täten, als wollten sie nicht. Wenn meinetwegen nächste Woche Schokoriegel gratis wären, würden sie ja auch nicht im Kiosk mit einem Preisschild herum liegen.

Zusätzlich lernen sie im Laufe ihres Lebens, dass Sex etwas ist, das sie auch mal „über sich ergehen lassen“ müssen.

Wenn es Frauen gibt, die das so empfinden, sei es aus Erziehung oder aus Erfahrung, wollen die keinen Sex, werden nie „Ja“ sagen und es ist absolut sinnlos, mit ihnen über sexuelle Vorlieben zu reden. Ich mache mir nichts aus Fußball, da braucht man mich nicht nach meinem Lieblingsverein zu fragen.

Zum Beispiel, wenn sie sogenannte „eheliche Pflichten” erfüllen.

Ach, das ist so auch Quatsch. Ehelicher Sex ist vllt. etwas, was eine Frau „über sich“ ergehen lassen muss, aber die, die das so sehen, sehen nicht-ehelichen Sex als etwas, wogegen sich die Frau nicht nur wehren darf, sondern muss.

Sie sollen also einerseits jederzeit passiv verfügbar sein, andererseits aber auf keinen Fall aktiv ihre Sexualität ausdrücken.

Syllogismus nach „das Dilbert-Prinzip“:

  1. Manche Ebonier engagieren sich im Umweltschutz
  2. Manche Ebonier tragen Pelze
  3. Alle Ebonier sind Heuchler

Wegen dieses Zwiespalts kann es vorkommen, dass Frauen sich manchmal nicht richtig trauen, leidenschaftlich “ja” oder auch energisch “nein” zu sagen.

Hmm, wer vermittelt denn diese beiden, deutlich widersprüchlichen Narrative? Nebenbei, wenn Frauen die Initiative ergreifen würden, hätten die die Arbeit und das emotionale Risiko, einen Korb zu kassieren. Mein Mitleid hält sich in Grenzen.

Außerdem ist die Vorstellung verbreitet, dass es beim Sex darum geht, das Gegenüber zu befriedigen.

Gut, davon höre ich jetzt auch zum ersten Mal.

Und bestimmte Praktiken mitzumachen, um besonders begehrenswert zu sein.

Alles klar, lasse ich bleiben.

Auch, wenn man sie selbst eigentlich nicht gut findet oder keine Lust darauf hat und nur denkt, sie mitmachen zu müssen, weil man diese Praktiken zum Beispiel in einem Porno gesehen hat.

Eben. Ich habe auch mal ein Fußballspiel gesehen und bin nicht angefixt worden.

Beim Konsens geht es nicht um irgendwelche Deals oder Kompromisse wie: Ich mache das für dich (obwohl ich nicht wirklich will), dann machst du jenes für mich (obwohl dir das nicht gefällt).

Ach, dann ist das NICHT wie im Vertragrecht?

Es geht stattdessen darum, dass die Beteiligten etwas finden, worauf sie beide gleichermaßen Lust haben.

Und wenn sie lieber Fußball gucken will, er aber lieber Schokoriegel isst, kann es leider keinen Konsens geben. Ja, das Leben ist kein Ponyhof.

Ein Nein ist jederzeit möglich und jederzeit zu respektieren. Ja, auch mittendrin – Menschen können und dürfen ihre Meinung ändern.

Ich bleibe trotzdem im Kino sitzen.

Niemand hat das Recht, jemanden zum Sex zu zwingen, zu nötigen, zu überreden.

Überreden ist etwas grundsätzlich anderes als zwingen oder nötigen.

Klar ist außerdem immer und jederzeit: Wenn jemand betrunken oder benommen ist oder schläft, dann kann diese Person kein Einvernehmen signalisieren. Also: kein Sex. Nie. Auf keine Weise – nicht anfassen, nicht küssen, gar nichts.

Es kann sein, dass ich eine betrunkene, benommene und/oder bewusstlose Person aufheben muss, damit sie nicht an ihrer Kotze erstickt. Wenn ich auf ihre Zustimmung warte, bin ich dran wegen unterlassener Hilfeleistung.

3 Gedanken zu “Konsenz

  1. Was pinkstinks natürlich bei unseren Geschlechterrollenerwartungen vergisst, ist die falsche Annahme „Männer wollen oder immer!“…
    Aus dieser falschen Annahme wird gefolgert, dass die Zustimmung vom Mann grundsätzlich gegeben ist.

    Nein Mädels, über einen (betrunkenen) Kerl herfallen ist nach eurer Logik ganz klar Vergewaltigung.

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  2. „Was also einer Person gefällt und was nicht, ob sie Lust empfindet oder nicht, ob Einvernehmlichkeit besteht oder nicht, das lässt sich nur auf eine Art herausfinden: reden.“

    Nur auf eine Art? Nein.

    „Schon mal von Dirty Talk gehört?“

    Jede Wette, dass, wenn es sonst nichts zu kritisieren gäbe, der „Dirty Talk“ an der Reihe wäre.

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