Das kommt automatisch

Hierzu wegen automatisch. Haha.

WARUM SIND STÄDTE FÜR MÄNNER GEMACHT?

Städte sind nicht für Männer gemacht, aber wenn sie das wären, hätte das den Grund, dass Frauen so selten Städte bauen.

Schon mal versucht, in einer größeren Stadt mit Kinderwagen, Bus und Bahn zu fahren – was leider immer noch viel mehr Frauen als Männer betrifft?

Nein. Ich wohne in einer kleineren Stadt und gehe zu Fuß. Aber im Dorf ist es noch schlimmer, was das betrifft, also sind größere Städte die Umgebung mit der besten Flächendeckung an Bus, Bahn und Fußgängerzonen.

 Städteplanung ignoriert alle, die keine Männer ohne Behinderung im Auto sind.

So ein Quatsch. Man könnte den jetzigen Zustand ja mal mit dem vor 25 Jahren vergleichen.

Geschlechter bewegen sich unterschiedlich durch den öffentlichen Raum. Deshalb erleben sie Bewegungsfreiheit oder Einschränkungen auch anders. Das belegt unter anderem eine Studie des Bundesverkehrsministeriums.

Andi „B“ Scheuer, der Pattex-Stift der deutschen Politik. Und Belege.

Die Unterschiede sind demnach “auf die unterschiedlichen Lebenskontexte von Männern und Frauen zurückzuführen“.

Inwieweit zwingt die Städteplanung Männer und Frauen zu einer bestimmten Arbeitsteilung? Nicht, wer die überhaupt dazu zwingt, sondern: inwiefern wäre die Städteplanung dafür verantwortlich?

Anders ausgedrückt: Geschlechter-Ungerechtigkeit ist auch in unsere Städte fest eingebaut.

Die ganzen Parkplätze „nur für Männer“? Kennt man doch.

Keine Rolltreppen, keine Aufzüge, keine Rampen  – Personen mit Bewegungseinschränkungen oder mit Kinderwagen müssen oft Hindernisse überwinden, weil sie bei der Planung nicht mitgedacht wurden.

So pauschal stimmt das nicht, aber da es Orte gibt, wo das so ist (aka: bei mir um die Ecke), ist das dann kinder- und behindertenfeindlich. Es ist schon etwas ätzend, wie oft Frauen in den Mittelpunkt gestellt werden zu Lasten von kleinen Kindern und Rollstuhlfahrern.

Das hat die kanadische Geografin Leslie Kern auf die Idee zu einem Buch über feministische Städteplanung gebracht

Sie ist keine Städteplanerin oder Architektin? Ok.

„Als ich schwanger und dann eine neue Mutter war, wurde mir klar, dass auch die bauliche Umgebung eine Rolle beim Erleben von Sexismus und Patriarchat spielt … Wenn man versucht, einen Kinderwagen durch die Innenstadt zu schieben … kommt man nur langsam voran, muss anhalten und sich hinsetzen; die Umgebung arbeitet gegen einen.“

Ja? Das ist in Kanada vllt. anderes, aber in D. heißt „Innenstadt“ normalerweise „Fußgängerzone“. Wenn nicht gerade Corona ist – ok, auch dann – kann die so voll sein, dass man kaum durch kommt, aber das liegt ja dann an anderen Leuten. Die Innenstadt bei mir ist übrigens fahrradfahrerfeindlich.

 Es gibt in Städten oft nicht genug kostenlose, saubere und sichere öffentliche Toiletten. In Restaurants, Geschäften oder Cafés dürfen meist nur Kund*innen aufs WC.

„Kostenlos“, also gratis, ist nicht die Aufgabe der Stadtplanung. Und wenn man nicht die Absicht hat, Geschäfte oder WCs kundemäßig zu besuchen, besteht auch keine Notwendigkeit, in die Stadt zu gehen.

 Menschen mit Penis hingegen können zumindest theoretisch im Notfall jederzeit in eine Ecke oder hinter einen Baum verschwinden.

„Männa sint Schwainä!!!“ Ok, das ist jetzt ein Argument fürs Land – mehr Bäume.

Aber jeden Ort vorher auf Klo-Verfügbarkeit hin prüfen und deshalb gegebenenfalls meiden zu müssen – das schränkt nun mal ein.

Cafes, Restaurants und Artverwandtes haben Toiletten. Evt. keine Wickeltische oder keine Barrierefreiheit, aber für Frauen haben sie die immer. Die Beschwerde ist also, dass es keine Toiletten für Frauen gibt, deren gratis und nicht an eine Bedingung geknüpft sind.

Dazu kommt, dass Städte für Autos gebaut sind und Verkehrsnetzwerke für Berufspendler*innen.

Verkehrsnetze sind tatsächlich für Leute gedacht, die sich WEIT bewegen müssen. Es wäre tatsächlich mehr als bescheuert, sich auf die Logistik von Leuten zu konzentrieren, die alles fußläufig erreichen können. Die Stadt, in der ich wohne, ist etwas autofreundlicher als fahrradfreundlich.

Nicht für Personen, die verschiedene Orte wie Kita, Schulen, Geschäfte, Ärzt*innen an einem Tag ansteuern müssen – was mehr Frauen als Männer betrifft.

Hinzu kommt, dass es vllt. nicht wünschenswert ist, viele kleine Strecken mit dem Auto zurückzulegen. Gerade, wenn man schon bei Pendlern vom Auto weg will. Gesamtgesellschaftlich gesehen.

Verkehrsteilnehmende ohne Auto spielen also eine sehr viel unwichtigere Rolle.

Es wird nicht möglich sein, dass jede denkbare Route durch eine Buslinie bedient wird.

Laut Statistik des Kraftfahrt-Bundesamtes gingen im September 2021 nicht mal ein Drittel (30,9 Prozent) der Pkw-Neuzulassungen an „weibliche Halter“

Wenn mehr Frauen Autos kauften, wäre das also eine Verbesserung? So, wie es eine Verbesserung ist, wenn der Anteil männlicher Mordopfer steigt? Ich sehe das etwas anders.

Da Männer statistisch gesehen auch heute noch mehr Auto fahren als Frauen, gehören ihnen quasi die Städte.

Nein. Wenn man von Stadt A (Wohnort) nach Stadt B (Arbeitsplatz) und wieder zurück fährt, „gehört“ einem höchstens die Strecke dazwischen. Oder aber – denn Landbewohner legen insgesamt(m/w/d) mehr Strecken per Auto zurück als Stadtbewohner – es gehören Städte den Landbewohnern. Sucht es Euch aus.

Autolose Menschen müssen sich grundsätzlich dem Auto unterordnen und brauchen deshalb immer länger für ihre Wege.

Immer nicht – wenn ich mit dem Auto in die Nachbarstadt fahre, brauche ich mehr Zeit, als wenn ich zu Fuß in meine Stadt gehe.

Weibliche Personen ohne Auto – zu Fuß, auf dem Rad, in Bussen und Bahnen – werden im öffentlichen Raum eher belästigt.

Als Frauen mit Auto. Das ist aber städtbaulich kaum zu ändern. Es sei denn, man bezahlt Leute, die ausschließlich Personen in Autos belästigen. Nein, ich meine nicht die Polizei.

Laut Autorin Leslie Kern dient die Angst von Frauen im öffentlichen Raum übrigens als eine Art Kontrollmechanismus. Denn wer sich draußen fürchten muss, bleibt eher zu Hause.

Genau! Die reptilioiden Maskumonster haben irgendelche Leute als Subunternehmer, die die Innenstädte unsicher machen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Autos immer üblicher. Und große Teile des öffentlichen Raums wurden damals neu gestaltet – für Autos. Ein Beispiel sind die gigantischen Spaghetti-Kreuzungen in den USA. Hier ist das Kfz der Boss, kein Zweifel.

Wie viele Spaghetti-Kreuzungen gibt es in D.? Und ja, dass ist an Kfzs orientiert, aber der Grund ist, dass die Leute vom Wohnort zum Arbeitsplatz und zurückkommen, damit die die Steuereinnahmen generieren, die diese Spaghettikreuzungen finanzieren. Das kann man ja gerne vom Umweltgedanken her kritisieren, aber den Autos, den Kreuzungen und vor allem den Steuern ist es extrem wumpe, ob da Männer, Frauen, Zwitter, Intersexuelle, Neutren oder was-auch-immer drin sitzt.

Die Historikerin Judith Walkowitz hat zum Beispiel das viktorianische London unter die Lupe genommen. In Zeitschriften aus der Zeit hieß es, dass respektable Frauen zu Hause bleiben oder nur in Begleitung eines Mannes rausgehen sollten.

Das gab’s schon im alten Griechenland, Solon sagte (angeblich): „Wenn man von einer Frau nichts hört, sei es zum guten oder zum schlechten, so ist das ihr höchster Ruhm!“ Wenn berühmte antike Griechen für schwul gehalten wurden, hatte das möglicherweise den Grund, dass niemand wusste, dass der verheiratet war. Frauen in Begleitung eines Mannes waren typischerweise Prostituierte…

Städte waren „zu gefährlich“ für sie. Für Männer nicht.

Jack the Ripper halt. Aber natürlich ist es auch für Männer gefährlich gewesen, das war bloß allen egal.

 “Frauen und marginalisierte Gruppen mussten immer ihre eigenen Wege finden, um die Stadt für sich arbeiten zu lassen – so viele Gruppen sind vom städtischen Raum und den Vorteilen des städtischen Lebens ausgeschlossen“, sagt auch Leslie Kern.

Die Tatsache, dass man nicht unbedingt ein Auto braucht? Der Vorteil einer Stadt ist, dass da so viele wichtige Angebote an Dienstleistungen und Waren auf einem Haufen liegen – KiTa, Schule, Geschäfte, Arztpraxen und so weiter – dass man überhaupt eine Chance hat, sie alle ohne Auto zu erreichen.

Am Grundproblem – dass Städte für arbeitende Männer ohne Behinderung in Autos gemacht sind – hat sich auch im neuen Jahrtausend nicht viel geändert.

Die nicht arbeitende Frauen mit Behinderung, aber nicht im Auto, sind nicht nur eine viel kleinere Gruppe, sondern zahlen auch weniger Steuern…

Ein erster wichtiger Schritt zur Verbesserung könnte aber schon mal sein, die Verkehrspolitik von Grund auf zu verändern. Weg von Autos und Männern als Mittelpunkt der Welt. Stattdessen mehr Bewegungsfreiheit – und zwar für alle Menschen.

Verkehrspolitik ist etwas ganz anderes als Städtebau. Früher haben die Leute quasi neben ihrer Fabrik gewohnt. Oder jedenfalls neben der, in der sie arbeiten mussten. Und ja, ich brauche ein Auto, weil ich Baustellen habe, die ich nicht per Fuß oder Öffi erreiche, oder wenn, bin ich zu teuer, weil ich die Anfahrtszeit einpreisen müsste. Was mich nicht davon abhält, einen gewissen Verbesserungsbedarf zu sehen. Aber wenn man die ganzen Vorwürfe und Schuldzuweisungen weglässt, bleibt ja gar kein konkreter Vorschlag außer mehr Aufzüge und Rampen.

3 Gedanken zu “Das kommt automatisch

  1. Nun ja. Bis vor Hundert Jahren wurden Städte für eine bestimmte Sorte Männer gebaut: Soldaten. Große Straßen in alle Himmelsrichtungen heißen bis heute „Ausfallstraßen“.

    Ansonsten ist der Artikel mal wieder typisch für USA/Kanada ist nicht Deutschland.
    Fußgängerzonen waren bis vor kurzem in den USA vollkommen unbekannt. Kenne Amerikanerinnen, die die deutschen Städte lieben, weil man da so schön zu Fuß shoppen kann.
    Als ich 2014 in den USA war habe ich tatsächlich zwei Fußgängerzonen gesehen: eine in Charlottesville (VA) und eine in Manhatten (!). Der Times Square und einige benachbarte Kreuzungen mit dem Broadway waren inzwischen für KFZ gesperrt.

    Gefällt mir

  2. > Nein, ich meine nicht die Polizei.

    made my day.

    Zum Inhalt: Öffentliche Verkehrsmittel sind in Kanada weitestgehend nicht existent, und auch in den USA außerhalb von Städten, die man auch in Timbuktu schonmal gehört hat, auch nicht. Das ist genau 0 auf Deutschland übertragbar. Freilich, jeder deutschen Großstadt fehlt eine „circle line“, obwohl wir seit 1863 (!) von unseren britischen Freunden wissen, dass das eine geile Idee ist. Die interessantere Frage ist aber, wie die Jammerfrauen sich das vorstellen. U-Bahnen bauen ist arschteuer, vor allem, wenn man nicht erstmal das gesamte Stadtviertel abreißt und das im „Tagebau“ machen kann. Die Chinesen machen das, man schaue sich mal das Metro-Netz von Beijing (2 circle lines), Shanghai oder – das ist keine 20 Jahre alt – von Guangzhou an. Das kannst Du aber als Frau mit Kinderwagen mal komplett knicken; die Züge sind voll. Öfter als alle 2 Minuten kann man die nämlich nicht fahren lassen.

    Es ist eine unglaublich widerliche Anspruchshaltung privilegierter weißer Dummkühe, die hier nur so trieft. Und derweil wissen wir ja schon seit den Brüdern Grimm, dass sie enden wie Ilsebill.

    Ich wohne übrigens an einer Bahnstrecke von 1892, mit Ausnahme der S-Bahn um 07:32h ist die immer komplett leer. Benutzt auch keine Frau mit Kinderwagen; die fahren lieber mit dem Auto. Frauen, eben.

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