Drei Dinge auf einmal!

Eine heimelige Dreifaltigkeit meiner Lieblingsthemen:

  1. irgendwas mit Dune
  2. yäy, Liste!
  3. irgendein Grund, über das Ende von GoT zu lästern

Außerdem Ausreden, andere Sachen zu verlinken – wahrlich, Gott liebt mich!!!

Gestern Abend habe ich endlich “Dune” gesehen. Der Roman von Frank Herbert erschien in meinem Geburtsjahr, also vor mehr als einem halben Jahrhundert, und gehört zu den wichtigsten Werken der Science Fiction.

Fun-Fact: Herbert selbst kam auf die Idee, als er mit Drogen Experimente machte, und in harten, langen Testreihen die Drogen-Kombi fand, mit der man in die Zukunft sehen kann. Leider wurde davon sein Zahlengedächtnis komplett lahmgelegt, so dass die naheliegende Anwendung – Lotto zocken – nicht in Frage kam. Also beschränkte er sich darauf, ein paar Ideen aus den zukünftigen Filmen der Star-Wars-Reihe zu nutzen, um daraus einen recht erfolgreichen Roman zu zimmern. Außerdem geht es im Roman darum, dass Präkognition nicht so toll ist wie gedacht, und dass man Drogen daher lieber sinnvoll einsetzen sollte, wie in der Raumfahrt, bei Verhören und als Gedächtnisverstärker. Alle Macht den Drogen! Wo war ich?

Der Roman setzte nämlich seinerzeit zwei große Maßstäbe, die heute noch gelten:

Canopus wird ungefähr seit der Erscheinungszeit in der Raumfahrt zu Navigationszwecken verwendet. Und zu sonstigen Navigationszwecken seit Jahrzehntausenden.

1) Ein Werk der Science Fiction muss nicht in erster Reihe von futuristischem Dingsbums handeln. Das technische Dingsbums (überlichtschnelle Raumschiffe usw.) kann auch das weniger Wichtige sein, die Nebensache.

Wie in Krieg der Welten, wo die Raumschiffe der Marsianer eigentlich nur Mittel zum Zweck sind? Aber ja, die eigentliche Technik ist bei Dune eher Nebensache, obwohl die Raumfahrt vom Spice abhängig ist, was in sehr vielerlei Hinsicht Grund und Ursache des Hauptkonfliktes von Dune ist.

In “Dune” etwa geht es im Kern um Fragen der Umwelt: die Ausbeutung von Ressourcen, um Grundwasser — der Roman handelt eigentlich von dem, was wir heute “Nachhaltigkeit” nennen.

Spice ist zum Glück ein nachwachsender Rohstoff. Aber gut, sollte man quadratkilometerweise Regenwald vernichten für Biodiesel? Ungefähr dasselbe Problem.

2) Science-Fiction-Romane können, ohne dass es besonders stört, ein Gesellschaftsmodell schildern, das auf geradem Wege aus dem Mittelalter oder einer anderen vergangenen Epoche importiert wurde.

Na, sowas. War das bei Barsoom groß anders?

So erinnert die galaktische Ordnung, die Herbert schildert, an das Heilige Römische Reich:

Mich nicht. Bzw., wer hält einen Padishah-Imperator namens Shaddam Corrino, den Vierten seines Namens, ernsthaft für römisch bzw. deutsch?

Es gibt einen schwachen galaktischen Kaiser, ihm untergeben sind verschiedene Adelsgeschlechter, die miteinander mehr oder weniger offen Krieg führen

So schwach ist der nicht. Bzw., im jetzigen Film kommt er nicht vor, aber in allen Adaptionen ist er nicht direkt schwach, sondern kann nicht einfach irgendwelche Adelige hinrichten lassen oder zu offensichtlich Partei ergreifen, weil er verschiedene politische Rücksichten nehmen muss.

es gibt einen “Landsraad”, der im Roman tatsächlich so heißt

Tja, es werden offenbar mehrere Kulturen verwurstet.

 es gibt einen geheimen Nonnenorden, die “Bene Gesserit” (Beweis, dass Herbert definitiv kein Hebräisch konnte)

Das sind keine Nonnen. Und das ist auch kein Hebräisch.

Ist das Ganze literarisch wertvoll? Na ja. Die Sprache ist ordentlich. Der Plot hat ein paar gute Verwicklungen.

Die aber leider größtenteils nicht im Film landen.

Das Wichtigste — Science Fiction ist Ideenliteratur — sind aber die Themen, die uns heute noch genauso beschäftigen wie damals den Autor.

Wie kann eine post-digitale Gesellschaft funktionieren, und was ist, wenn „Stagnation“ tatsächlich zum Problem wird?

An dieser Stelle wird eine kurze Abschweifung notwendig. Seit etwa den Siebzigerjahren, wahrscheinlich sogar noch länger, ist Hollywood in eine spezifische Erzählung verliebt: den Mythos vom weißen Heiland.

Nicht zu verwechseln mit der Legende vom heißen Vaillant. Ganz was anderes. Außerdem ist Hollywood keine Person und kann daher nicht verliebt sein. Allerdings übernimmt jemand aus Hollywood gerne etwas, was jemand anderes in Hollywood erfolgreich verwenden konnte.

Die Geschichte geht jedes Mal gleich: Es gibt eine Gruppe von dunkelhäutigen Eingeborenen

Fremenführer Stilgar wurde mal von Uwe Ochsenknecht dargestellt. Es gibt keinen Grund und keine Vorschrift, dass diese Eingeborenen dunkelhäutig sein müssen.

die ganz furchtbar unter Ausbeutung und Rassismus leiden.

Sollten sie etwa Ausbeutung und Rassismus toll finden? Wäre ein komischer Film, aber das ist mWn ein Kritikpunkt an „Vom Winde verweht“.

Aus eigener Kraft können sie sich nicht befreien.

Eigentlich schon. Sie terraformen Dune und zahlen der Gilde exorbitantes Bestechungsspice, damit der Orbit frei von Überwachungssatelliten bleibt. Sonst hieße es ja inorbitant.

Darum kommt dann ein hellhäutiger Messias, der unter ihnen lebt, die Tochter des Häuptlings vögelt (kein zwingendes Handlungselement, aber ziemlich häufig), anschließend zum Comandante el Jefe aufsteigt und die Eingeborenen am Ende siegreich in die Befreiungsschlacht führt.

Das „darum“ ist sehr irreführend. Bei den meisten dieser Geschichten braucht die „Massiasgestalt“ Verbündete für ganz was anderes. Bei dieser konkreten Geschichte geht es aber u.a. darum, dass die Erwartungshaltung „Ein Messias von außerplanets wird kommen, um uns am Ende siegreich in die Befreiungsschlacht führen!“ gezielt geweckt worden ist. Offenbar ist Hollywood bereits von den Bene Gesserit unterwandert.

Es ist beinahe peinlich, wie sehr “Dune” von Denis Villeneuve … alle Erwartungen des Klischees erfüllt.

Nicht nur DER. Aber das ist ja sozusagen das Beispiel, wie mit solchen Narrativen die Menschen manipuliert werden. Jedenfalls ist das Narrativ auch gerne dekonstruiert.

Held wird in die Wüste verschlagen?

Daeneris, die letzte der Targaryen. Und Jesus.

Held versteht auf Anhieb die Kultur der Eingeborenen?

Sie lebt sich ziemlich schnell ein. Wie Jesus.

Held besteht Zweikampf mit Eingeborenem?

Ohh, das feine Fräulein lässt natürlich zweikämpfen. Oder nutzt ihre Asbesthaut. Jesus hingegen besiegt eine ganze Legion.

Sogar die glutäugige Häuptlingstochter durften wir schon aus den Augenwinkeln erblicken.

Drogo ist keine Häuptlingstochter. Aber hey, Dany bekommt später tatsächlich den Sohn eines wichtigen Anführers, dunkelhaarig – da steht sie drauf – dunkeläugig – dito – nur ist es in Wahrheit der Neffe. Des Häuptlings. Des Häuptlings!!! Jesus ist demnach kein Messias. Jesus!

Dennoch fragte ich mich nachher, warum das moderne Kino einfach nicht vom weißen Heiland-Mythos loskommt.

Niemand zwingt Dich, Dir das anzusehen.

Natürlich ist dieser Mythos immer furchtbar gut gemeint: Die armen Eingeborenen! Die furchtbare Ausbeutung! Schluchz!

Vorbehaltlich dessen, dass das noch völlig anders aufgelöst werden kann – im Buch ist das nicht gut gemeint. Pauls „Messiaskomplex“ (eigentlich eher Mahdikomplex) ist etwas, was sich ihm und seinen prophetischen Fähigkeiten entzieht. Und Dany hat genau an die armen, ausgebeuteten Eingeborenen aus aller Welt gedacht, bis ihr einfiel, dass sie sie von ihnen selbst befreien musste. Jesus gilt hingegen als „eingeborener Sohn“.

Gleichzeitig ist er immer paternalistisch. Deutsche dürfen hier getrost und gerührt an Old Shatterhand zurückdenken

Jaaa, andererseits ist das immerhin besser als die allgemeine Verteufelung von Ureinwohnern. In anderen Versionen solcher Geschichten führt der weiße Held das weiße Fußvolk zum Sieg über die dunkelhäutigen Ureinwohner. Will das einer sehen?

Warum erzählt uns das Kino wieder und wieder diesen alten Käse?

Welcher anderer Film der letzten zehn Jahre bedient dieses Klischee? Man könnte die Fremen übrigens mit den Taliban vergleichen. Technologisch im Nachteil, finanzieren sich durch eine Droge, verwenden Begriffe, die aus dem Arabischen kommen, führen einen Guerillakrieg, sind religiöse Fanatiker, haben eine vormoderne Gesellschaftsordnung, die ziemlich brutal ist…

 In amerikanischen Serien wird der Mythos vom weißen Heiland unterdessen lustvoll auseinandergenommen. In der großartigen “Foundation”-Serie auf Apple TV etwa ist der weiße Prophet Hari Seldon (Jared Harris) überhaupt kein Held, sondern ein zutiefst zwielichtiger Mensch.

Zu meiner Schande kenne ich davon nur die Buchvorlage. Aber die Foundation ist Asimovs Bene-Gesserit-Organisation. Bloß mit Computern. (Und Robotern.) Und in den Büchern ist er eigentlich nicht zwielichtig, aber ja, das ganze „Ein Plan in einem Plan (in einem Plan)“-Schema hat er schon drauf. Er ist bloß kein Messias. Erstens, weil ein Messias mit Asimovs Atheismus nicht vereinbar wäre, zweitens, weil er ein Wissenschaftler ist, der die Welt mit Wissenschaft rettet – Ähnlichkeiten mit Asimov nicht ganz auszuschließen – und drittens: wenn man JEDE Heldenfigur als „Messias“ oder Artverwandtes främen will, wer wäre denn keiner?

Gerettet wird das Universum unterdessen von zwei schwarzen Frauen: von Gaal (Lou Llobell) und Salvor (Leah Harvey).

Ist das so? Nicht von Eto Demerzel? Ich frage, weil das in den Büchern tatsächlich so war… (Da sah Demerzel zwar nicht wie eine Finnin aus, aber das ist da tatsächlich wumpe.)

Warum, meinetwegen zum Teufel, kam Denis Villeneuve nicht auf die Idee, das Haus Atreides von schwarzen Schauspielern darstellen zu lassen? Im Roman von Frank Herbert steht nichts, was dem widersprechen würde.

Ähhh, doch? Erstmal zerzaustes Haar, was Paul im Gesicht hängt, und kein krauses, zwotens die Adlernase des einen Großvaters, drittens die Augenbrauen des anderen, und dreieinhalbtens: gewisse andere Merkmale. Ich sach ma: Finne. Aber mal zu Ende gedacht – wenn ausgerechnet der eine Hollywood-Erlöser, der eindeutig schwarz ist, keine wahre Erlösung bietet, sondern nur mit Hilfe von gezielt gestreuten messianischen Narrativen und tatsächlich vorhandenen präkognitiven Fähigkeiten zwar Erfolg hat, aber dieser Erfolg ist die „heilige“ Eroberung des bekannten Universums – yayqoq – wenn also ein schwarzer Messias ein falscher Messias ist, könnte man das nicht irgendwie, äh, schwarzenfeindlich verstehen?

Hauptproblem an fiktionalen Erlöserfiguren ist aber nicht, dass diese weiß sind, sondern dass sie äußerst unrealistische Erwartungen an reale Erlöserfiguren erwecken. Angefangen mit ihrer Häufigkeit.

Ein Gedanke zu “Drei Dinge auf einmal!

  1. Ich stell mir gerade vor, irgendjemand buddelt den alten Frank Herbert aus und wiedererweckt ihn. Ganz fiese Nummer .. der bekommt ja schon den Blues wenn ihm einer zu lesen gibt, was sein Sohn so verzapft hat. Aber diese Trivialinterpretationen („Denken in niedriger Auflösung“ hat JBP das mal genannt. Liest Leszek hier mit?) .. der steigt von alleine wieder in der Kiste. Also der wiedererweckte Herbert, nicht Leszek 🙂

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