Catch-22 gibt’s auch für Frauen

Achnee

Ist so ähnlich wie Beziehungen zu Menschen mit anderer Hautfarbe. Wenn man sie nicht hat, ist man rassistisch, wenn doch, exotisiert man sie:

WAS FRAUEN FALSCH MACHEN: 1. LACHEN, 2. NICHT LACHEN

Fürs Protokoll: eine bestimmte körperliche Reaktion vorzuschreiben oder zu verbieten wollen, ist natürlich dreist. Beim Bund soll das wohl schon vorgekommen sein. Aber bei Frauen ist das auch nicht besser.

“Hennen gackern. Hexen ebenso. Und das tut auch die Spitzenreiterin um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten.” So beginnt ein Artikel, der sich 2007 wie viele andere mit dem Lachen von Hillary Clinton beschäftigt

Wenn es um eine konkrete Frau geht und nicht um „Frauen“ allgemein, ist vermutlich genau dieses Lachen von genau dieser einen Frau gemeint. Das ist so, als würde man sagen: „Nur, weil Bill Cosby ein Vergewaltiger ist, darf man nicht annehmen, dass Micheal Jackson auch einer ist.“ Ja, klingt komisch, oder?

 Als “laut, unangemessen und freudlos” beschrieb es ein ehemaliger Berater ihres Mannes.

Wenn sogar Leute aus der eigenen Partei das sagen, ist das möglicherweise nicht rein politisch motivierte Kritik. Wobei das jetzt auch nicht das schlimmste Ausschlusskriterium ist. „Männer leiden am meisten, wenn ihre Mütter, Schwestern, Töchter und sogar EHEFrauen so laut lachen.“

Das Lachen von “Shrillary” galt Konservativen als “fake”, kühl und hyänenartig.

Der Vorwurf ist also nicht, dass sie lacht, sondern wie. Wobei man natürlich trotzdem nicht wissen kann, wie echt oder unecht ihr Lachen ist, wenn es immer gleich klingt.

 “Sie sind beide Superschurkinnen, die um jeden Preis gestoppt werden müssen.”

Seht Ihr, liebe Kinder, was Narrative bewirken? Narrative sind böse. Ihr kriegt jetzt alle Disney-Verbot!

Die Parteichefin der österreichischen Partei NEOS, Beate Meinl-Reisinger lacht auch falsch. Findet zumindest die Kronenzeitung.

Na, wenn die das findet, dann ist denen bei der Kronenzeitung nichts schlimmeres über sie eingefallen. Wohingegen Frau Clinton doch wegen ihrer Empathielosigkeit mehr auffiel.

Von einem “dämonischen Dauerlachen” ist da die Rede. Irgendwas scheint mit dem Lachen von Frauen nicht zu stimmen – und das nicht erst seit gestern:

Die Kritik an EINER konkreten oder einstelligen Anzahl von Frauen ist NICHT dasselbe wie an allen Frauen. Oder behauptet wer, dass alle Frauen dauernd dämonisch lachen, oder dass jede Frau eine potentielle Dämonenlacherin ist, oder dass alle anderen Frauen sich mitschuldig machen, wenn sie ihren dämonischen Geschlechtsgenossinen nicht sagen, dass das nicht lustig ist, Bro Sis?

Lachen ist männlich, Weinen dagegen weiblich“, schrieb Immanuel Kant in seinem Streit der Fakultäten und drückte damit das Unbehagen vieler seiner Zeitgenossen gegenüber weiblichem Gelächter aus.

Jaaa. Kant. Weisste Bescheid. Wer wird heute eher ausgegrenzt, ein weinender Mann oder eine lachende Frau?

Mittlerweile ist das Lachen von Frauen nicht nur erwünscht, sondern auch gefordert – aber eben an den “richtigen” Stellen.

Also ist das ganze Brimborium von 1800+ veraltet? Tja.

Doch irgendwie machen Frauen es oft nicht richtig: Entweder lachen sie nicht, obwohl Männer sie dazu bringen wollen, oder sie lachen, obwohl andere es für unschicklich und falsch befinden.

Wie bei Armine Laschet, der das zum Teil die Kanzlerinnenschaft gekostet hat? Also, warum sollte es Frauen besser gehen? Das ist eine rhetorische Frage.

Befreites, raumgreifendes Lachen von Frauen, so beschreibt es die Kommunikationswissenschaftlerin und Lachforscherin Laura Meritt, galt und gilt immer noch als vulgär, promiskuitiv und anmaßend.

Wohingegen das bei Männern „menlaughing“ heißt? Wenn nicht, keine Ahnung warum, aber bestimmt kommt das noch. Der Vorwurf bei Clinton war nicht, dass sie gelacht hat, sondern dass man ihr ihr Lachen nicht „abkauft“. Ein Vorwurf, den man natürlich auch zurückweisen mag, aber eben ein anderer als der, der hier zurückgewiesen wird.

Auf der einen Seite werden Frauen permanent zum Lachen oder Lächeln als Geste der Harmlosigkeit, der Zustimmung und der Unterwerfung aufgefordert und dafür angefeindet, wenn sie diese Geste denjenigen vorenthalten, die darauf Anspruch erheben.

Jein. Lächeln ist noch was anderes. Jemand, der lächelt, unterwirft sich nicht unbedingt, und jemand, der das nicht tut, ist nicht unbedingt überlegen. Der Vorwurf, wenn es einer sein soll, ist der, dass jemand (es muss keine Frau sein) nicht die Gefühle hat, die von ioi erwartet werden.

Auf der anderen Seite scheint insbesondere Männern ihr freies, nicht auf Zustimmung, Beschwichtigung oder Ermutigung abzielendes Lachen irgendwie unangenehm und unheimlich zu sein:

Weil Reptilioiden bekanntlich gar nicht wissen, was Lachen ist, und einfach die Geräusche aus dem Fernseher imitieren? Wie gesagt, mein Vorwurf gegen Frau Clinton ist eigentlich Empathielosigkeit, und den hört man von vielen anderen.

Lacht die etwa über Dinge, die mich nichts angehen oder meinen Horizont übersteigen?

??? Clinton? Republik heißt so, weil Regierungsangelegenheiten nicht privat sind. Also ginge es mich als US-Bürger tatsächlich an, worüber sie lacht. Wenn das dann meinen Horizont übersteigen sollte, ist das dann mein Problem.

Will die hier womöglich andeuten, dass sie mehr Humor als ich hat?

Ja, der Spruch mit den Frauen, die immer am meisten in Kriegen leiden, wäre total witzig, wenn sie damit Feministinnen parodieren wollte.

Lacht die etwa über MICH?!

Staatsoberhäupter lachen nicht über ihre Bürger. Nur über ihre Untertanen. Hallo Mitbürger Laschet!

Es ist genau dieser Aspekt einer möglichen männlichen Kränkung, den die Schriftstellerin Margaret Atwood Anfang der 80er in ihrem Essayband Second Words so formulierte:

Wenn Männer Frauen kritisieren, liegt das nie daran, dass diese Kritik berechtigt ist, sondern immer daran, dass Männer gekrängt sind.

“Männer haben Angst davor, dass Frauen sie auslachen. Frauen haben Angst davor, dass Männer sie töten.”

Ja, Männer laufen ständig mit Pfefferspray rum, um sich gegen Frauen zu schützen, die sie auslachen. Kennt man. Woher will eine Frau wissen, wovor Männer Angst haben? Ansonsten: „Frauen haben Angst, in einer Diktatur zu Gebärmaschine degradiert zu werden. Männer haben Angst, in einer Diktatur zu sterben.“

Frauen sollen also lachen, aber nur an den männlichen Witz gebunden. Deshalb bevorzugen Männer laut Studien mehrheitlich Frauen, die über ihre Witze lachen. Frauen, die davon unabhängig etwas zum Lachen finden, sind ihnen ebenso suspekt wie Frauen, die selber Witze reißen.

„Studien haben ergeben“ – Partnersuche hat allerdings nicht mit Frau Clinton zu tun, die bekanntermaßen vergeben ist. Aber ja, die mögen sie deshalb nicht.

Während einer Präsentation Witze zu reißen, wird Männern positiv und Frauen negativ ausgelegt:

Das mag so sein oder auch nicht, aber der Vorwürfe kommen nicht, wenn Clinton Witze macht, sondern, wenn sie es ernst meint. Und wenn sie lacht. Bei einer Präsentation zu lachen, am schlimmsten über die eigenen Witze, wird Männern auch eher übel genommen.

Letztendlich scheint es wieder einmal eine Machtfrage zu sein: Wer kann zum Lachen bringen, wer darf lachen, wer hat wann auf jeden oder auf gar keinen Fall zu lachen.

Die Gefahr, jemanden zum Lachen zu bringen, besteht bei Frau Clinton eigentlich nicht.

Eine befreit auflachende Frau signalisiert dementsprechend genau das: Eine zumindest in diesem Moment befreite Frau.

Die Frau eines früheren US-Präsidenten, die selbst eine Ministerin wurde, und die in einer sehr wohlhabenden Umgebung groß wurde, im reichsten und mächtigsten Land der Welt. Ja, sicher muss die erst befreit werden.

Frei, über das zu lachen, was sie für witzig hält.

Ja, einer ihrer besten Jokes hat einen eigenen Wikipedia-Artikel.

You know, to just be grossly generalistic, you could put half of Trump’s supporters into what I call the basket of deplorables(Laughter/applause) Right? (Laughter/applause)

„Wissen Sie, um grob zu generalisieren, man könnte die Hälfte der Trump-Unterstützer darein stecken, was ich den Korb der Bedauernswerten nenne.“ (Gelächter/Applaus) „Oder?“ (Gelächter/Applaus)

Diane Hessan, who had been hired by the Clinton campaign to track undecided voters, wrote in The Boston Globe that „all hell broke loose“ after the „basket of deplorables“ comment, which prompted what she saw as the largest shift of undecided voters towards Trump.

Gut, dass das eine Frau sagt – bei einem Mann läge es an seiner Humorlosigkeit. (Ja gut, dass es zu Oliver Pochers Witzen bspw. keine eigenen Wiki-Seiten gibt, liegt nicht daran, dass er ein Mann ist. Ta-tsching.)

5 Gedanken zu “Catch-22 gibt’s auch für Frauen

  1. Auf der einen Seite werden Frauen permanent zum Lachen oder Lächeln als Geste der Harmlosigkeit, der Zustimmung und der Unterwerfung aufgefordert und dafür angefeindet, wenn sie diese Geste denjenigen vorenthalten, die darauf Anspruch erheben.

    Wenn eine Frau in Lachen ausbricht, weil sie zu erstenmal seinen winzigen Penis erblickt, wird der Mann das vermutlich anders interpretieren.

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  2. Freut euch, ihr Frauen!
    Ihr könnt es beim Thema Lachen nicht richtig machen? Genau wie wir Männer beim Thema Anlächeln/Ansprechen/Flirten…
    Ihr Frauen werdet immer mehr gleichgestellt. Wolltet ihr doch, oder?

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  3. „Frauen haben Angst, in einer Diktatur zu Gebärmaschine degradiert zu werden….“

    Und vooolllllllll auf die feministische Propaganda reingefallen! Frauen lieben es, sich als Mutter selbst zu verwirklichen, sich den Kinderwunsch zu erfüllen. Die Mütter Nazideutschlands liebten Hitler, der sie als Mütter ehrte und sie schenkten ihm bereitwillig ihre Söhne für seinen Krieg.

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  4. „Während einer Präsentation Witze zu reißen, wird Männern positiv und Frauen negativ ausgelegt:“

    Vielleicht waren deren Witze auch einfach schlecht? Ein „hier Witz einfügen, um entspannt zu wirken“ kommt im Allgemeinen nicht gut rüber, und ganz besonders bei den Echsenmensch:Innen der amerikanischen Politik.

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