Narrativ Nachklapp

Hier gibt es eine Leseprobe von „Erzählende Affen„.

Das ist sicher ein lesenswertes Buch, wenn man sich fürs Thema „Geschichten und Tropen“ interessiert, und es ist sicher auch eine Inspirationsquelle, wie man die eigenen Argumente und Ideen strukturiert, um an die Assoziationen und Emotionen der Leute zu appellieren, die man überzeugen will, aber die andere Seite macht das ja genauso mit „narrativen Mustern“, die der eigenen „Erzählung“ nutzt. Wenn man zynisch ist, ist ein Narrativ eigentlich immer eine Geschichte, die sich jemand ausgedacht hat, und daher fast automatisch eine Lüge. Also geht es im Krieg der Narrative nicht darum, wer überzeugender erzählt, sondern wer besser lügt.

Wenn man nicht zynisch ist, will man vllt. trotzdem weniger mit Emotionen und Psychotricks überzeugt werden. Oder wenigstens gegen Emotionen und Psychotricks immuner.

Heldenreise ist offenbar mehr für fiktive Geschichten, Therapie und Pädagogik gedacht, nicht dafür, reale Biographien zu beschreiben. Aber in dem Buch werden die Kapitel nach den Schritten der Heldenreise nach Vogler benannt. Im folgenden tippe ich viel ab, deshalb bitte nicht wundern, wenn’s nicht verbatim ist und so.

Geschichten haben uns den Himmel erklärt, die Furcht vor der Dunkelheit genommen und unsere Schiffe zu fremden Küsten und ins All geführt.

Nein. Die Fähigkeit, Feuer zu machen und Waffen und alles zu bekämpfen, was bessere Nachtsicht hat als ein Mensch, hat uns die Furcht genommen. Die Geschichte bspw., warum die Pleiaden sechs helle und ein weniger heller Stern sind, ist sicher interessant, und überall auf der Welt gibt es Pleiadengeschichten, aber wie man die Pleiaden zu Kalenderzwecken verwenden kann, ist keine Geschichte, sondern empirische Beobachtung. Oder mathematisch nachweisbar, für Fortgeschrittene.

Geschichten lehren uns, wie man lebt und wie man liebt.

Ja, aber alle nehmen nur die Geschichten an, die ioi in den Kram passen. Also ich z.B. nicht Fifty Shades of Grey.

Und kaum etwas kann uns so sehr verändern wie eine gute Geschichte.

Das, was mich am meisten verändert hat, mein Leben, meinen Beruf und meine Einstellung zu anderen Menschen, war der Tod meines Vaters. Was weder eine Geschichte ist noch gut. Bin ich da so eine untypische Schneeflocke oder was faseln die da?

Doch haben sie auch Kriege ausgelöst und andere zum Feind erklärt.

Es offenbar unlogisch, sich selbst zum Feind zu erklären. Aber ja, Geschichten können Menschen gegeneinander aufhetzen, besonders, wenn sie gelogen sind. Andererseits gab es auch schon Kriege, bei denen eigentlich nicht gelogen werden musste.

Ein Narrativ, was besonders hervorgehoben ist, ist:

Jeder ist seines Glückes Schmied.

Ok, heißt im Umkehrschluss, dass alle Unglücklichen selbst Schuld sind. Ist also negativ. Das Gegennarrativ dazu ist aber auch negativ. Es lautet:

„Schicksal bestimmt Glück und Unglück.“

Das betrifft also das ganze Themenfeld von Willensfreiheit und Determinismus und dergleichen. Was einfach belegt, dass so ein Narrativ offenbar die Welt nicht hinreichend abbilden kann, und man Geschichten eben als Geschichten betrachten muss. Bei wie vielen Heldenreisen ist der Held durch irgendeine Prophezeihung oder Orakelspruch vorhergesagt worden? Oder besser, wo nicht? Bei Odysseus, genau! Bzw., seine unfreiwilligen Umwegen sind dem Zorn Poseidons zu verdanken, also eine Reaktion auf Odysseus‘ eigenes Verhalten. Also eher seines Unglückes Schmied. In moderneren Geschichten sind Prophezeihungen fast schon Standard, also nix mit Glückes Schmied oder Neo-Liberalismus.

„Seid fruchtbar und mehret Euch…“

Keine Ahnung, wieso DAS in der Bibel steht. Als ob die Menschen das nicht sonst auch machen würden, ungefähr seid der Altsteinzeit. Außer, sie gehen ins Kloster oder so. Was man jetzt auch an Bibelversen festmachen will…

Diese Narrative sind deshalb so mächtig, weil sie nicht unser Außen, sondern auch unser Innen bestimmen.

Ok, prinzipiell ja, aber unsere realen Erfahrungen und unsere Triebe und Instinkte werden trotzdem nicht von Geschichten überstimmt. Wenn ich noch so viele Geschichten von Menschen mit übermenschlichen Fähigkeiten lese, so werde ich dennoch keine entwickeln. Wenn irgendeine Kultur nach der Maxime lebte: „Seid unfruchtbar und mehret Euch nicht!“ wäre sie nach einer Generation ausgestorben. Wenn ich nicht weiß, ob ich meines Glückes Schmied bin oder nicht, werde ich so tun, als wäre ich es. Bin ich es wirklich, schmiede ich mein Glück. Bin ich es nicht, verliere ich nichts, weil mein Glück oder Unglück vorbestimmt sind. Bei irgendwelchen Mitteldingern bin ich auf der sicheren Seite.

Frodo, Alice im Wunderland, Jesus und Ripley – was haben die Gemeinsam?

Es gibt Kinofilme über sie.

Sie kämpfen für etwas.

Eigentlich nicht. Ripley kämpft gegen etwas. Alice kämpft genaugenommen gar nicht, sondern ist bloß neugierig. Frodos Kampf ist eher indirekt, aber Jesus besiegt im Handumdrehen eine Dämonenlegion. Unsere Mary Sue und Held!

Sie ziehen los in ungewisse Abenteuer.

Alice fällt in ein Loch. Ripley hätte in Teil I keine Probleme gehabt, wenn man auf sie gehört hätte, und ist hineingezogen worden. Frodo schwant spätestens in der Mitte, dass er gewiss auf einem Himmelsfahrtkommando ist, und Jesus ist halt Jesus.

Und sie alle erreichen ein Ziel.

Welches war das bei Alice? Ripley kommt irgendwann nach Hause, nachdem ihre Tochter an Altersschwäche gestorben ist, Frodo leidet hart unter den Langzeitfolgen und Jesus ist halt Jesus.

Doch was macht sie wirklich zu Helden und Heldinnen?

Wer immer aufsteht, wenn soe fällt. Oder getragen wird. Oder wem beim Tragen geholfen wird. Heldentum ist ein soziales Konstrukt und eher so ein Spektrum. Außerdem ist Jesus Jude, und ein Jude ist immer der Schurke in der Geschichte eines Nazis.

Ihr Glaube!

Keine Ahnung, was Alice glaubte, Ripley hatte keine Wahl, Frodo glaubte an die Notwendigkeit seiner Himmelsfahrtmission und Jesus glaubte so hart an die Wiederauferstehung des Fleisches, dass der reine Placeboeffekt in wieder auf die Beine brachte. Jesus halt!

Ripley wird von der gejagten Soldatin zur kosmischen Drachentöterin.

Sie war nie Soldatin. Sie ist zu Beginn 3. Offizier auf einem zivilen Frachter. Und ja, das macht sie cooler.

Indem wir mit Heldinnen Beziehungen eingehen, loten wir auch unsere eigenen Fragen, Hoffnungen und Werte aus.

Das ist im Original nicht so gemeint, wie es hier rüberkommt. Aber ja, das macht Geschichten attraktiv – man erkennt sich in Heldenfiguren oder auch Nebenfiguren wieder, weil die so sind, wie man ist, wie man sich selbst sieht, oder wie man gerne wäre. Allerdings, wenn die Geschichte die Fragen, die sie stellt, völlig anders beantwortet als man will – hallo Dany – dann kommt man weniger dazu, die eigenen Hoffnungen und Werte zu hinterfragen, sondern findet die Geschichte eben doov. Oder jedenfalls das Ende. Insofern ist der pädagogische Wert von Geschichten begrenzt.

Ob fiktive Person oder nicht, für den Verlauf seiner Reise ist Frodo unser Alter Ego

Na, mal wieder „wir“ gesagt? Kann ja sein, dass das Autorenpaar das so sieht, aber für mich ist das eindeutig Pippin.

Nebenbei, Frodos Heldenreise ist nicht ganz vollständig. Neben der Haarspalterei, dass er nichts „gewinnt“, sondern etwas los wird, kehrt Frodo nicht dauerhaft „nach Hause“ zurück. Seine Landsleute belohnen ihn auch nicht irgendwie. Und eigentlich konnte er sich auch vorher nicht so richtig mit denen identifizieren, weil es ihnen seiner Meinung nach zu gut ging. Das Narrativ ist, dass sich jemand auf eine Himmelsfahrtmission begibt, die er wie durch ein Wunder überlebt, keine weltliche Belohnung bekommt, sondern ins Elbenjenseits entrückt wird. Man könnte jetzt einwenden, dass Frodo auch gestorben wäre, wenn Sauron einfach die Welt erobert hätte, und er in einer Lose-Lose-Situation war, aber generell ist – ähnlich wie bei Jesus – die Belohnung nicht daheim, sondern im Jenseits erfolgt. (Und auch als Fan stelle ich fest, dass das das Männer-sind-das-verzichtbare-Geschlecht -Klischee verbreitet.) Was ein weiterer Hinweis ist, dass die beiden die Geschichten, auf die sie sich beziehen, nur oberflächlich kennen.

Außerdem, in der 2. Fußnote auf Seite 30:

Generell sind die Gemeinsamkeiten zwischen Jesus und Buddha oder allg. monotheistischen Messiasgestalten so groß, dass man meinen könnte, sie seien alle erfunden von einer einzigen Spezies, die ein Bedürfnis nach solchen Gestalten hat.

Buddha ist weder monotheistisch noch eine Messiasgestalt. Buddha unterscheidet sich von Jesus wie Batman von Superman. Unterschiedliche Angehörige einer Spezies können also unterscherschiedliche Bedürfnisse haben. Was jetzt nicht beweisen soll, dass Buddha doch fliegen kann, aber die Autoren machen es sich zu leicht.

Jesus (und Buddha) fehlen viele Schritte der Heldenreise.

Bei Jesus:

  1. gewohnte Welt: Kindheit und Jugend werden kurz angerissen, und sie sind nicht ganz das, was man von Kindern und Jugendlichen gewohnt ist. [ ]
  2. Ruf des Abenteuers: Naja, er weiß wohl, was von ihm erwartet wird, eine Extra-Aufforderung durch einen Engel wird nicht überliefert. [ ]
  3. Weigerung: Eigentlich hat er gar keine Lust, wie so eine Ein-Mann-Freak-Show Wasser in Wein zu verwandeln. Macht es aber trotzdem sofort. [ ]
  4. Begegnung mit dem Mentor: wer kennt ihn nicht? Jesus alter Mentor. [ ]
  5. Überschreiten der ersten Schwelle: Ok, Nunc dimittis. Wäre ja arschig, jetzt einfach doch nicht der Messias zu werden. (Wobei, wie würde eine Reise aussehen ohne den ersten Schritt?) [x]
  6. Bewährungsproben: er heilt Tote, weckt die Krüppel auf, oder wie das Musical geht. [x]
  7. Vordringen zum empfindlichsten Kern: Keine Ahnung, die Kreuzigung? [ ]
  8. Entscheidene Prüfung_ Dito? [x] Ich zähle das nur einmal.
  9. Belohnung: Nein. Jesus ist schon dem Kreislauf der Wiedergeburten entkommen und tut sich den Stress nur noch an, um anderen zu helfen. Wie Buddha halt. [ ]
  10. Auferstehung: Ja. [x]
  11. Individuation: Nein. [ ]
  12. Rückkehr: Wenn man es so betrachten will, wohnt Jesus im Himmel, also ist er nach Hause zurückgekehrt. Aber das ist dann keine Belohnung, sondern das, was er schon immer und ewig hatte. [ ]

Vier von zwölf Punkten. Und 5. war ein Gummipunkt. Offenbar hat Jesus keine klassische Heldenreise. Oder der Begriff ist so kaugummiartig, dass man daraus machen kann, was man will.

Soweit die Worte der heutigen Lesung.

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