Samira, Friedemann und das Narrativ vom Narrativ

Immer noch hierzu.

4. Technologie wird uns retten – vom Tellerwäscher zum Millionär

Okeee, die ersten drei können auch oder hauptsächlich von Gegnern des Klimaschutzes kommen; aber die Idde, Klimaschutz durch technologische Maßnahmen zu erreichen kommt logischerweise hauptsächlich von solchen Menschen, die Klimaschutz wollen. Eine allzu naive oder unrealistische Erwartungshaltung mal ausgenommen – warum sollte ein Klimaschützer allgemein gegen technologische Maßnahmen sein?

Wer nur fest genug an sich glaubt, der findet immer eine Lösung? So ganz kann sich niemand diesem Mantra entziehen, denn es ist im Kern sehr produktiv.

Nein, das ist Quatsch. Wer über ein Problem nachdenkt, findet meistens eine Lösung. Das hat weder mit den Glauben an sich selbst zu tun, noch damit, ob man produktiv ist.

So sagte Barack Obama während einer Präsidentschaftsdebatte 2008: „[Die Klimakrise] ist nicht nur eine Herausforderung; sie ist eine Chance.“

Der Mann ist Politiker. Phrasendreschen ist bei denen Grundlagenarbeit.

Damit bedient er das Narrativ, wonach sich der Mensch immer wieder neu erfindet und besonders im Angesicht von Bedrohungen und Krisen innovative Lösungen findet.

Der Mensch erfindet sich nicht selbst neu. Er erfindet neue Techniken oder optimiert vorhandene. Manchmal wird eine Erfindung aus einem Bereich sinnvoll für einen ganz anderen eingesetzt. Aber ja, Bedrohungen und Krisen erfordern mehr Hirnschmalz als Versprechungen und Phasen der Langeweile.

Kommunikationsexperte George Marshall erklärt, warum wir so gerne an so etwas glauben wollen:

Die meisten von „uns“ erfinden nichts, sondern nutzen die Erfindungen anderer. Einige von „uns“ denken dabei, schlauer zu sein als die Erfinder und stürzen dann beim Versuch, die Ägais zu überfliegen – die damals noch nicht so hieß, nebenbei – ab.

In kognitiver Hinsicht appelliert die bright side1) direkt an das emotionale Gehirn und durchläuft dessen Vorurteile mit Bravour. Sie ersetzt die Unsicherheit durch Zuversicht, kurzfristige Opfer durch das Angebot sofortiger Belohnungen in Form von Wohlstand und Status.

Und alle: „Always look at the bright side of live!“ Hat jetzt sehr wenig damit zu tun, ob man tatsächlich kreativ und erfinderisch ist oder ein konkretes Problem gelöst hat, und sehr viel damit, gerade gekreuzigt zu werden. Aber ja, Wohlstand und Status am Kreuz!

Und sie kompensiert den Beigeschmack des Scheiterns und der Selbstzweifel, der mit dem Klimawandel einhergeht, durch ein übersteigertes Vertrauen in Technologie und Wirtschaftswachstum.

Häh? Wenn man kein Vertrauen in Technologie hat, wird man gar nicht erst versuchen, etwas neues zu erfinden. Was die meisten Menschen sowieso nicht tun werden, egal wie sehr das „Narrativ“ bedient wird, aber einige schon. Soll man denen das ausreden, indem man ihnen den Beigeschmack des Scheiterns und Selbstzweifel einredet? Und wieso geht ein übersteigertes Vertrauen in Technologie mit einem solchen in Wirtschaftswachstum einher? Angenommen, wir lebten in einem bspw. mittelalterlichen Feudalsystem. Geld spielt eine Rolle, aber Kapitalanhäufung ist eher keine Motivation. Anachronistischerweise gäbe es aber eine erdölabhängige Technik, bei der fossiler Kohlenstoff zu CO2 verbrannt wird. Die Jahresmenge wächst nur wenig oder gar nicht, weil es der Bevölkerungszunahme proportional ist, aber sie erhöht den CO2-Anteil der Athmosphäre. Der Klimawandel käme trotzdem, nur später. Nullwachstum ist nicht die Lösung.

Hinzu kommt eine notorische Selbstüberschätzung der eigenen Problemlösungskompetenz.

Ja, aber da die meisten Menschen sich nicht so überschätzen, eine CO2-neutrale Technik aus Schrott zu entwickeln, schadet das nicht so viel.

Der optimistic bias, wie ihn Kahneman erforscht hat, beflügelt die Wunschvorstellung von flinken Erfindern, die den gesamten Planeten zu heilen vermögen.

Ok, das ist vllt. wirklich überzogener Optimismus. Trotzdem muss man nach innovativen Lösungen suchen.

Die Antagonisten sind in dieser Erzählung nicht die globalen Herausforderungen, sondern jene Menschen, die den Erfolg durch Innovation pragmatisch bis kritisch einschätzen; sie gelten als pessimistische Spielverderber, die nur nicht fest genug an den Einfallsreichtum der Menschheit glauben.

Wenn jemand ein Heilmittel gegen Krebs sucht, ist der Krebs der Antagonist. Wenn jemand ein Heilmittel gegen Corona sucht, ist Corona der Antagonist. Wenn jemand nach besseren Anbaumethoden sucht, ist der Hunger der Antagonist. Wenn jemand nach friedlichen Lösungen sucht, ist der Krieg der Antagonist. Aber ja, wer Solaranlagen, H2-Technik oder meinetwegen Meeresdüngung als Mittel im Kampf gegen die Erderwärmung erforscht – nicht als Wundermittel oder als einzige Möglichkeit anpreist, sondern erstmal nur erforscht – DER will gar nicht den Klimawandel aufhalten, sondern nur die Skeptiker widerlegen? Ok, das ist ein Narrativ, weil es vermutlich noch nicht einmal statistisch vorkommt.

Wenn man technische Forschungen, die noch nicht zu Ende sind und erst recht nicht serienreif, als Grund nennt, keinerlei anderen Maßnahmen ergreifen zu müssen oder zu wollen, ist das natürlich auch falsch, aber diese Absatz främt alle, die tatsächlich an Möglichkeiten arbeiten, den Klimawandel technisch zu begegnen, als Teile eines gefährlichen Narratives, das unterbunden werden muss, was es ironischerweise erst bestätigt.

5. Man kann ja eh nichts ausrichten: vom Millionär zum Tellerwäscher oder ein halber Mann‐im‐Loch‐Plot

Dieses Märchen ist eines der Resignation.

Achwas.

Was kann ein Einzelner schon ausrichten? Sind wir nicht alle nur Spielbälle von Schicksal oder Politik, von Großkonzernen oder anderen, dunkleren Mächten?

Gekauften Wissenschaftlerinnen. Die dritten im Bunde waren gekaufte Wissenschaftlerinnen.

Ist es nicht ohnehin viel zu spät und sollten wir nicht die Jahre, die uns bleiben, lieber genießen, als uns für eine unlösbare Krise zu kasteien?

Sagt das wer?

Hier wird vielleicht auch deutlich, warum Schuld-Narrative im Falle des Klimaschutzes nur sehr bedingt verfangen:

Neben der geringen Einflussmöglichkeit des Individums als solchem, UND der recht überschaubaren Einflussmöglichkeit Deutschlands, UND weil das mindestens eine EU-einheitliche Politik erfordern würde, und weil man die persönlichen Opfer nicht nur als überproportional hoch im Vergleich zum erwartbaren Ergebnis empfindet, sondern auch zu den Opfern der anderen. Aber ja.

Der amerikanische Ökologiephilosoph Timothy Morton meint, die Klimakrise übersteige unsere Vorstellungkraft von Zeit und Raum derart, dass wir sie geistig nicht mehr wirklich fassen, sondern nur noch in einem metaphysischen Sinne ergründen können.

Eigentlich ist das dasselbe wie mit dem Abnehmen. Übergewicht ist ungesund. Es gibt prinzipiell zwei Möglichkeiten, vorhandenes Übergewicht abzubauen: weniger essen oder mehr Energie zu verbrauchen. Bei der Klimakrise sind es: weniger CO2 freizusetzen oder mehr CO2 zu assimilieren, als freigesetzt werden.

In der journalistischen Darstellung wurde die Klimakrise deshalb lange Zeit vor allem als halber „Mann im Loch“-Plot erzählt. Es ging immer um den Ist-Zustand und darum, wie die Menschheit in das Loch gefallen ist, aber viel zu wenig darum, wie der Protagonist wieder aus dem Loch klettert.

Bitte? Möglichkeiten, aus dem Loch zu klettern, sind:

  1. bestimmte Bereiche der Ökonomie zugunsten der Ökologie opfern
  2. bestimmte Sachen verbieten bzw. einschränken
  3. auf bestimmte Konsumgüter freiwillig verzichten
  4. Technologien finden, die den CO2-Ausstoß massiv reduzieren oder CO2 sogar abbauen

Also das, was man genau nicht erzählen soll, weil das die falschen Narrative bedient. Der ganze Artikel liest sich wie ein einziges catch-22.

Ja, wir müssen Emissionen senken, ja, wir müssen aus der fossilen Wirtschaft heraus – riesige Schritte, so komplex wie eben ein Hyperobjekt.

Die Umsetzung ist das schwierige, nicht das Verständnis. Und das ist natürlich ein Grund zu Pessimismus, aber nach einem derartig pessimistischen Artikel ist das ein sonderbarer Vorwurf.

So ließ sich kein denkbares Happy End anbieten – und also auch keine Hoffnung

Ok, wenn man tatsächlich der Ansicht ist, dass eine Katastrophe unabwendbar ist, ist das kein Narrativ mehr. Wenn man bestimmte Gegenmaßnahmen aber für geeignet hält – welche das im Einzelnen sein mögen – die man daher auch per Gesetze und Vorschriften durchsetzen lassen will, welche die Katastrophe abwehren, ist das ein anderes Narrativ. Bzw. FCKWs: die wurden verboten, man fand ausreichend Ersatzstoffe, das Ozonloch ist noch NICHT geschlossen, aber es wird besser.

Unser durch die Erzählstruktur bedingter Tiefpunkt lähmt allerdings jede Mobilisierung, denn die fehlende Aussicht auf einen möglichen Erfolg führt im schlimmsten Fall zu Verdrängung und Tatenlosigkeit. Oder aber sie macht umso empfänglicher für all die einfacheren Klimamärchen.

Ein halbwegs kommunikativer Mensch wird doch einen gesunden Mittelweg zwischen: „Alles hoffnungslos“ und „alles kein Problem“ finden.

Der Kriegsberichterstatter Bill Blakemore, der in den US-Medien zu den entschlossensten Klimajournalisten zählt, hat es einmal so formuliert: „Der Klimawandel ist nicht der Elefant im Raum; er ist der Elefant, in dem wir alle stecken.“

Ja, DAS klingt doch anschaulich.

Journalistisch könnte dieses Hyperobjekt also möglicherweise durch eine affektgeladene Berichterstattung und insbesondere auch durch den Einsatz von Bildern erfasst werden

Ok, ich bin misstrauisch bei Affekten. Nebenbei, was Bilder betrifft, Fotos von Leuten, die einen Damm anfüllen, um den steigenden Meeresspiegel zu veranschaulichen, ok. Aber abgebrannte Stoppelfelder im Punjab? Würden die die nicht auch abbrennen, wenn kein Klimawandel ist? Und sind Stoppel etwa ein fossiler Brennstoff? Ich habe an der Stelle irgendwie keinen Plan.

Besonders die Individualisierung des Verzichtsnarrativs im Sinne von Märchen Nummer 2 geht auf das Konto der Industrie. So erfand der britische Ölkonzern BP den Ausdruck vom „CO2-Fußabdruck“, der jedem Menschen vor Augen führen soll, wie sehr man selbst schuld an der Misere sei. Das Perfide daran: Es stimmt

Dann ist es kein Märchen. Und dass man dergleichen für die eigenen Ziele und Zwecke instrumentalisiert, gerade wenn man ein riesiger Konzern ist, ist nichts neues; aber degegen kann man nicht argumentieren, dass das ja nur ein „Narrativ“ ist.

 Jeder von uns emittiert CO2. Und doch liegt die entscheidende Lösungsebene für das Problem nicht im individuellen, sondern im politischen.

Niemand, absolut niemand kann verhindern, dass man politische Lösungen vorschlägt, um den individuellen Fußabdruck zu reduzieren. Ich bringe meinen Gelben Sack ja auch nicht persönlich weg.

Bis heute, so Mann, wird hinter und vor den Kulissen gegen jeden Ansatz von Klimaschutz lobbyiert, zuletzt Anfang 2021 gegen Joe Bidens Green New Deal.

Das ist nicht ganz dasselbe wie „verhindern“. Lösungsvorschläge statt Narrative wären trotzdem schön.

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